Uwe Timm: Lob der deutschen Sprache

© Gunter Glücklich - www.guntergluecklich.com
Uwe Timm © Gunter Glücklich
Uwe Timm © Gunter Glücklich

Seit über vierzig Jahren schreibt Uwe Timm hochgelobte Romane, Erzählungen und Novellen. Seither beschäftigt er sich auch essayistisch mit dem Schreiben und denen, die schreiben. Die Essays aus dem Band »Montaignes Turm« umreißen den Horizont seines literarischen Schaffens. Es geht um Montaigne, Kafka, Koeppen, Böll – und ganz zentral um Thomas Mann. Und es geht um eigene Erfahrungen und Schreibanlässe, um Lektüren und Begegnungen. Es sind Reflexionen über das Schreiben und das Leben, die Uwe Timm als großen Stilisten zeigen. Brillante Texte, ganz nah an ihren Gegenständen und dabei sehr persönlich.

Lob der deutschen Sprache*

Ich will ein Lob der deutschen Sprache wagen. Ein prekäres Unterfangen, da sich der Sprecher in der eigenen Sprache notwendig mitlobt, prekär vor allem, weil die deutsche Sprache durch die katastrophale deutsche Geschichte belastet ist. Bestimmte Wörter und Begriffe sind durch den Gebrauch der Lingua tertii imperii derart vergiftet worden, dass sie isoliert werden mussten, beispielsweise das in entsetzlicher Weise Wirklichkeit gewordene Wort Endlösung. Die deutsche Sprache, das muss ins Bewusstsein gerufen werden, war und ist nicht nur die des Dritten Reichs, sondern auch Österreichs, eine der vier Landessprachen der Schweiz und die Sprache der Exilanten, des Widerstands und selbstverständlich ist und bleibt sie die Sprache von Immanuel Kant, von Hegel, Goethe, Schiller bis hin zu Sigmund Freud, Thomas Mann, Alfred Döblin und Bertolt Brecht.

Die Sprache, keine Sprache der Welt, kann sich gegen ihren Missbrauch wehren, das können nur die Sprechenden tun – sie müssen das freie Wort und damit sich selbst schützen. Und noch eines: Es gibt keine genetische Disposition für eine bestimmte Sprache. All das muss bei diesem Sprachlob mit bedacht sein.
Die Meinungen, was die Eigenart, die Schönheit, die Kompliziertheit verschiedener Sprachen angeht, sind international recht festgefügt. Die englische Sprache gilt als lakonisch und leicht erlernbar, das Französische als elegant und besonders wohlklingend und die deutsche als kompliziert und hart. In jedem dieser Klischees steckt etwas Wahres, das sich jedoch bei einer genaueren kritischen Betrachtung sogleich ausdifferenziert. Das Wahre wird zum Halbwahren oder gar Falschen.

Zunächst einmal sind die meisten Sprecher mit ihrer Sprache selbst recht einig. Die Sprache ist für das Selbst verständlich, und zwar derart, dass sie im Gebrauch vergessen wird. Das zeichnet Sprache aus, in ihr zu denken und zu sprechen, ohne immer wieder daran denken zu müssen, dass wir in ihr denken und sprechen. Wir werden uns dessen erst bewusst, wenn uns ein bestimmtes Wort nicht einfällt, wenn wir jemanden treffen, der eine Sprache spricht, die wir nicht verstehen. Erst im Mangel merken wir, wie selbstverständlich und fraglos wir in der Muttersprache oder in der Erstsprache zu Hause sind. Wir sind in der Sprache und durch sie identisch mit uns und mit anderen, wobei immer wieder auch regionale Identitäten durch sprachliche Besonderheiten ausgebildet und betont werden, im Deutschen besonders ausgeprägt durch die verschiedenen Mundarten. Sie sind eine Bereicherung, gleichsam der Humus für das Hochdeutsche. In Bayern und Baden-Württemberg haben sich die Mundarten gegen die radikale Dialektbekämpfung der Sechzigerjahre behaupten können. Viele der alten merkwürdigen Worte sind ganz selbst-verständlich gebräuchlich wie Zamperl für Hund und Bleschl für Zunge oder schiech für häßlich. Wir hören die Regionen der Sprechenden an den Verschleifungen und Auslassungen und im Tonfall heraus. Wenn Beckenbauer bei problematischen Situationen im weichen Bairisch sagt: Schaun mer mal, klingt das so ganz anders als das norddeutsch drohende Stakkato: Das werden wir ja sehen.

Der Tonfall des Sprechenden verrät seine regionale und soziale Herkunft. Für das geübte Ohr sind zuweilen Unterschiede von Dorf zu Dorf oder von Stadtregion zu Stadtregion herauszuhören. In Hamburg kann man an dem Tonfall, wie Garten ausgesprochen wird, hören, ob der Sprecher aus dem gutbürgerlichen Westen der Stadt kommt, wo Gärten gepflegt werden, oder aus der Arbeitergegend Hammerbrock im Osten, wo es kaum Gärten gibt, sich dafür das Wort wie zum Wunsche im Vokal längt, zu Gaarden. Und fehlerhaftes Deutsch bei Migranten wirkt nicht so falsch und fremd, wenn ein schwäbischer oder hessischer Dialekt durchscheint.
Selbstverständlich haben auch soziale Schichten und Berufszweige ihre Sprachidentitäten, zum Beispiel Hafenarbeiter oder Computerfachleute. Nicht zufällig entwickeln zudem die Generationen ihre eigenen Codes. Und bezeichnenderweise geschieht das gerade in der Neufindung von Attributen – ein Versuch, die Welt neu zu sehen, neu zu deuten, neu zu werten, um sich von all den Standards der älteren Generation abzusetzen – wie cool, total geil, overätz oder echt super.
Das, was cool ausdrückt, gibt recht genau die momentane Mentalität wieder. Ebenjene Kühle, die sich von all dem angestrengt Verschwitzten abhebt, also eine Distanz voraussetzt, die ja Grundbedingung ästhetischen Wahrnehmens ist, im Optischen und Akustischen – und dieses cool hat nichts von dem miefig-piefigen Regionalismus des knorke, dufte meiner Generation an sich, sondern es ist – by the way – auch international.

Eine der identitätsbildenden Berufssprachen hat mich schon als Kind interessiert: das Ketelklopperplatt. Auf Hochdeutsch wird daraus ein Wortungetüm: Kesselnieterniederdeutsch. Dieses Ketelklopperplatt ist eine wunderschön klingende, aber unverständliche Sprache, in der man den ersten Vokal im Wort anlauten lässt, den davor stehenden Konsonanten nach hinten an das Wort zieht und daran ein i anhängt.
Es war Lichtenberg, der empfohlen hat, man möge dem Deutschen an alle Substantive einen Vokal anhängen, um sie klangvoller zu machen. Und es ist, als ob die Hamburger Werftarbeiter diesen Vorschlag im vorletzten Jahrhundert aufgegriffen und auch verwirklicht hätten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Du kannst mi mol an’n Moors klei’n. Was ins Hochdeutsch übersetzt heißt: Du kannst mich mal am Hintern kratzen. Daraus macht das Ketelklopperplatt: Udi annstki imi olmi anni orsmi einkli.

Warum? Ein kollektives Spiel. Und so habe ich mir das zu erklären versucht: Diese Arbeit, Schiffskessel zu nieten, war mit einem die Ohren betäubenden Lärm und einem Dröhnen verbunden, insbesondere für diejenigen, die im Kessel saßen und beim Nieten gegenhalten mussten. Das rief eine akustische Abwehrreaktion hervor, eine sprachliche Gegenwehr, die das Dröhnen mit den Vokalen, vor allem dem i, durchdrang. Und es war eine Geheimsprache, die von den Ingenieuren nicht verstanden wurde. Dieses Ketelklopperplatt ist so gut wie ausgestorben. Zum einen, weil sich die Arbeitsbedingungen geändert haben, zum anderen, weil man sich nach der Arbeit mit dem Fernsehen volldröhnen kann, das kaum noch kreative sprachliche Gegenwehr mobilisiert.

Das Ketelklopperplatt ist im Kleinen das, was uns im Großen als Fremdsprache begegnet. Wir hören sie zunächst nur als Klang, als Rhythmus, Lautfolgen, stärkere Vokalisierungen. Das Erlernen jeder Fremd-sprache ist, einmal abgesehen von dem Memorieren der Worte, dem Einprägen grammatikalischer Regeln, von einem Suchen, Zögern, Stocken, Nachdenken begleitet. Es ist geradezu die typische Grundsituation des Schriftstellers, den diese Haltung mit seiner Arbeit verbindet. Während Lehrer jedoch versuchen, die Schüler zu einer selbstverständlichen Geläufigkeit in der fremden Sprache zu bringen, muss der Schriftsteller, will er nicht aus dem Bauch schreiben, das gerade verhindern, er muss diese Differenz, das Nicht-Selbstverständliche, erhalten. Das bedeutet natürlich nicht, dass er handwerkliche Schwierigkeiten mit der Sprache haben sollte, davor haben ihn hoffentlich gute Lehrer bewahrt, aber dieses Staunen, Stutzen, Zögern muss seine Arbeit begleiten. Etwas, das der Sprache ihre Normalität nimmt, die der Lehrer dem Schüler doch gerade vermitteln soll. Aber beider Bemühen, Lehrer wie Schriftsteller, ist es, die Besonderheit der Sprache ins Bewusstsein zu heben.

Ihnen sind diese Besonderheiten aus Ihrer Praxis bekannt: beispielsweise der Bedeutungsumbau durch Präfixbildung. Was alles aus einem Verb durch Veränderung des Präfixes generiert waren kann, lässt mich jedes Mal, wenn man ein entsprechendes Wort im Englischen oder Französischen sucht, ganz naiv staunen: begehen, vergehen, ergehen, entgehen, zergehen, aufgehen, hochgehen, umgehen und so weiter.
Sodann die besondere Fähigkeit des Deutschen, im Gegensatz zum Englischen und Französischen, Komposita zu bilden. Ein Spiel in der Schule war die Montage von Substantiven, Verben und Adjektiven zu hypertrophen Wortgebilden, die zu surrealen Bedeutungsballungen führten. Es war die lustvolle Erfahrung, wie etwas neu bezeichnet und bedeutet werden kann, die Komposita waren, so die Vorstellung des Schülers, ein sprachlicher Baukasten der Wirklichkeit. In der Technik: Vierganggetriebe oder Kurzwellensender. Im Sport: Fallrückzieher oder Wiederanpfiff. Aus der Wirtschaft: Wertpapierbesitz, Geldvernichter. Und dann natürlich die wunderbaren Komposita aus der Poesie: Hölderlins Hesperidenwonne, Göttertriebe, Götterverächter, glänzende Götterlüfte und ein so wunderschönes Kompositum, das ein Substantiv mit einem Verb im Partizip Präsens verbindet zu: Lustatmend, immergrüner Haine / voll.

In der deutschen Sprache findet sich noch die Anschauung in den Wörtern, wie der Vergleich zeigt: Einbildungskraft / imagination, Langeweile / ennui, Herbstzeitlose / colchique. Hier soll, das muss betont werden, nicht abgewertet oder aufgewertet, nur gleich gewertet, der Unterschied deutlich gemacht werden – auch im Klang, dem Melos der Sprache. Wenn man Opernsänger fragt, in welcher Sprache sie es vorziehen zu singen, sagen sie nicht Französisch, sondern Italienisch oder Deutsch. An dem wegen seines Klangs gelobten, auch von den Franzosen selbst so hochgelobten Französisch stört im Gesang die Nasalierung. In der deutschen Sprache hingegen gibt es diese besondere Balance zwischen zwei antagonistischen Elementen, den atemtragenden Vokalen und den körpernahen Konsonanten.

Aber die Syntax – der Schrecken der Deutsch Lernenden. Sie kennen vielleicht die Anekdote von Mark Twain, der auf einer Deutschlandreise in Berlin war und im Reichstag eine Rede von Bismarck hörte, der übrigens ein vorzügliches Deutsch schrieb und sprach. Bismarck redet, und Mark Twain fragt seinen Übersetzer: Was sagt er denn? Moment, Moment, flüstert der Übersetzer. Wenig später fragt Mark Twain ungeduldig: Nun, was sagt er? Moment, sagt der Übersetzer, ich warte immer noch auf das Verb. Es ist diese Syntax, der nicht die Verkürzungen durch die Gerundiumform wie in den romanischen Sprachen geläufig ist, in der man sich auch nicht auf den Kontext verlassen darf; die komplizierten temporalen und kausalen Bezüge müssen durch Kausal-, Final-, Konzessiv-, Modal-, Konditionalsätze ausgedrückt werden, mit all den Über- und Unter- und Beiordnungen. Darin drückt sich diese Anstrengung aus, den höchst komplizierten Prozess des Denkens, Fühlens, Erinnerns von innen nach außen zu bringen – oder wie Heinrich von Kleist schreibt, etwas so Zartes, als ein Gedanke ist in der Sprache auszuprägen. Und um diese Zartheit auszuprägen, haben wir in der deutschen Sprache den Konjunktiv.

Ich möchte auf einen kurzen Prosatext von Heinrich von Kleist eingehen, der, obwohl sprachlich zart, eine recht kräftige Botschaft hat, Die Anekdote aus dem letzten preußischen Krieg. Das Prosastück wurde nach der Schlacht von Jena und Auerstedt geschrieben. Die preußische Armee war von Napoleon geschlagen worden, und zwar derart vernichtend, dass der preußische Staat danach nicht nur Land und Provinzen verlor, sondern beinahe von der politischen Landkarte verschwunden wäre.
Der Anfang dieses kurzen Prosatextes lautet: In einem bei Jena liegenden Dorf, erzählte mir, auf einer Reise nach Frankfurt, der Gastwirt, daß sich mehrere Stunden nach der Schlacht, um die Zeit, da das Dorf schon ganz von der Armee des Prinzen von Hohenlohe verlassen und von Franzosen, die es für besetzt gehalten, umringt gewesen wäre, ein einzelner preußischer Reiter darin gezeigt hätte; und versicherte mir, daß, wenn alle Soldaten, die an diesem Tage mitgefochten, so tapfer gewesen wären, wie dieser, die Franzosen hätten geschlagen werden müssen, wären sie auch noch dreimal stärker gewesen, als sie in der Tat waren.

Hier ist ein Satz, der viel bewegt, ein bewundernswerter Satz, in dem sich alles gebündelt findet, die Daten, der Schlachtverlauf, der Ort, ein Dorf bei Jena und ebendort der Moment eines Machtvakuums, die Preußen sind abgezogen, die Franzosen stehen vor dem Ort, haben ihn umringt, sind aber noch nicht eingerückt, eine perfekte Exposition. Sie werden vielleicht gestutzt haben, als Sie hörten: umringt gewesen wäre, und etwas später: als ein einzelner preußischer Reiter sich darin gezeigt hätte; müsste das nicht, da der Wirt berichtet, sei und habe heißen, also Konjunktiv Präsens? Kleist hat aber wäre und hätte geschrieben, den Konjunktiv Präteritum. Was sich zunächst falsch anhört, ist der Kunstgriff, denn durch diese Verschiebung vom Potentialis in den Irrealis deutet Kleist an, dass der Erzähler selbst Zweifel an der Geschichte des Wirtes hat, die so weitererzählt wird: Dieser Kerl, sprach der Wirt, sprengte, ganz von Staub bedeckt, vor meinen Gasthof, und rief: ›Herr Wirt!‹ und da ich frage: was gibt’s? ›ein Glas Branntewein!‹ antwortet er, indem er sein Schwert in die Scheide wirft: ›mich dürstet‹.

Und nun entwickelt sich ein Wortwechsel zwischen dem Gastwirt und dem Reiter, ein kleiner, höchst dramatischer Wortwechsel, mit Interjektionen und Ellipsen, mit um-gangssprachlichen Wendungen und einem die Klimax hinauszögernden Wünschen, nach einem zweiten Glas Danziger Goldwasser und einem dritten, bis der drängende Wirt den Reiter wegschicken, ihm die volle Flasche schenken will, wo soll ich mit dem Quark hin?, sagt der und verlangt nach Feuer und zündet sich, als die ersten französischen Reiter auftauchen, eine Pfeife an, während drei Chasseure in das Dorf reiten, und es heißt dann, wie in einem Western, um diesen Vergleich einmal zu wagen: Und damit, indem er sich den Hut in die Augen drückt, und zum Zügel greift, wendet er das Pferd und zieht vom Leder. Ein Mordskerl, lässt Kleist seinen Wirt sagen, ein verfluchter, verwetterter Galgenstrick. So sprengt dieser preußische Reiter allein auf die drei Chasseure zu, die er, wie es bei Kleist heißt, vom Sattel haut, sodann die drei herrenlos umherlaufenden Pferde einfängt und aus dem Dorf reitet: ›Sieht er wohl, Herr Wirt?‹ und ›Adies!‹ und ›auf Wiedersehen!‹ und: ›ho-ho! hoho! hoho!‹ – So einen Kerl, sprach der Wirt, habe ich Zeit meines Lebens nicht gesehen.

Da der Wirt als vorgeblicher Augenzeuge erzählt, gibt er dem Geschehen seine Beglaubigung, die noch dadurch verstärkt wird, dass er immer wieder sein eigenes Erstaunen, seine Ungläubigkeit über das Gesehene, hervorhebt. Andererseits hat Kleist durch die Verschiebung des Konjunktivs den sublimen Zweifel an der Geschichte in der Grammatik angelegt. Eine, will man alle Bedeutungsnuancen erhalten, sicherlich nicht einfache Arbeit für einen Übersetzer in jedwede andere Sprache. Kleist spielt in dieser Anekdote mit dem verzwickten Wahrheitsanspruch der literarischen Fiktion. Eine Geschichte, die ein exemplarisches Verhalten schildert, Mut und Entschlossenheit, so als wären mit diesen militärischen Tugenden die Niederlage, die Schmach, die Demütigung vermeidbar, sogar der Sieg über eine dreifache Übermacht möglich gewesen. Der Prosatext stellt heraus, und zwar gleich im ersten Satz, was die deutsche Sprache gegenüber der französischen Sprache hervorhebt, eine Suprematie der Syntax, die Kleist, der das Französische gut beherrschte, ausbreitet, die Hypotaxe, eine zeitliche Verschachtelung, die komplizierten Konjunktivkonstruktionen, die in sich dieses utopische Moment einer anderen Wirklichkeit tragen, mit jener Beweglichkeit und jenem Melos, die beim lauten Lesen hörbar werden.

Gesagt werden muss, dass Kleists Empörung sich gegen den Usurpator Napoleon und dessen Armee richtete, nicht etwa gegen das französische Volk. 1810 wurde dieses Prosastück veröffentlicht, als Preußen von Frankreich besetzt, unterdrückt und gedemütigt worden war. Eine Zeit, in der die französische Sprache noch dominant war und als beherrschend empfunden wurde, wenn auch nicht mehr in dem Maße wie vierzig Jahre zuvor, als ein preußischer König, Friedrich der Große, beschied, die deutsche Sprache in ihrer literarischen Fähigkeit sei der französischen hoffnungslos unterlegen. Deutsch – das war für ihn die Sprache der Kutscher.

Bei Kleist findet sich keineswegs ein selbstgewisses sprachliches Auftrumpfen, vielmehr ein tief gehender Zweifel an Sprache. Die quälende Frage, ob und inwieweit Sprache fähig ist, das Innere, die Gefühle, die Gedanken in ihrer Vielfalt und Zartheit auszudrücken. Ich weiß nicht, ob es in anderen Sprachen derartige Sprachzweifel gibt, wie sie in der deutschen und in der österreichischen oder schweizerischen Literatur sich häufig finden. Zweifel, die von dem komplexen Verhältnis zwischen Sprache und Wirklichkeit bestimmt werden. Das beginnt nicht erst mit Hofmannsthals Chandos-Brief, schon in einem Brief von Kleist an Karl vom Stein zu Altenstein finden sich Sätze, die, voller Zweifel, ganz fern von Gewalt und Patriotismus, von Mut und Heldentum sind, etwa dieser: Wie soll ich es möglich machen, in einem Brief etwas so Zartes, als ein Gedanke ist, auszuprägen? Ja wenn man Thränen schreiben könnte – doch so – – Und dann hat Kleist am Ende dieses Satzes zwei Gedankenstriche gesetzt, die ins Sprachlose führen.
Ein empfindsames, zögerlich fragendes Denken, das sich gerade nicht zu der die anderen abwertenden Behauptung versteigt, Deutsch sei die tiefere, seelenvollere Sprache. Kleists Schreiben ist von einem Sprachzweifel bestimmt, der sich an den komplizierten Satzkonstruktionen ablesen lässt, aber auch daran, dass er eigene Texte vernichtet hat.
Das nicht Selbstverständliche der Sprache, das also, womit Sie sich als Lehrer und ich mich als Schreibender beschäftigen, das Eigentümliche, Reiche, Überraschende, Staunenswerte, gilt es, ins Bewusstsein zu heben, aber auch Ungenügen und Mangel, die, wie jede Sprache, auch das Deutsche begleiten.

Lassen Sie mich mit einer persönlichen Erfahrung schließen. 1951 wurde Der Prinz von Homburg in Paris mit großem Erfolg aufgeführt, in der Hauptrolle der strahlende Gérard Philipp. Die starke Wirkung dieser Aufführung hielt in Erzählungen und Berichten bis in das Jahr 1966 an, als ich nach Paris kam, und gereichte dem Studierenden, mir, zum Vorteil. Man war, vor allem auch als Folge des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags zwischen de Gaulle und Adenauer, neugierig auf die Deutschen, auf deren Literatur und auch auf die problematische deutsche Geschichte. Und das Erlernen der deutschen Sprache wurde als ein intellektuelles Wagnis verstanden, vergleichbar dem Erlernen des Altgriechischen.

Der kompliziert zu lesende Kleist hatte daran seinen Anteil gehabt. Könnte man nicht heute den Versuch wagen, die Sprache nicht allein im Dienst von Fremdenverkehr und Wirtschaft zu verstehen, sondern das in der Sprache ausgedrückte Begehren, wie Roland Barthes es nennt, zu wecken, ein Begehren, das über jeden bloßen Zweck und Nutzen hinausführt, zum Komplizierten, Staunenswerten, Wunderbaren? Es ist diese Lust an der Sprache, die ein anderes Weltverständnis eröffnet, die Vielfalt erfahrbar macht. Eine gemeinsame Arbeit, die uns umfasst, die Lehrenden, die Lernenden und die Schreibenden, in der das Selbst sich im Verstehen des anderen lustvoll als ein anderes erfährt. Was wäre mehr zu loben? Und somit wird das Lob des Deutschen zum allgemeinen Sprachlob.

* Eröffnungsvortrag der XIV. Internationalen Deutschlehrertagung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena 2009

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