Uwe Timm: Schreiben lernen

© Gunter Glücklich - www.guntergluecklich.com
Uwe Timm © Gunter Glücklich
Uwe Timm © Gunter Glücklich

Seit über vierzig Jahren schreibt Uwe Timm hochgelobte Romane, Erzählungen und Novellen. Seither beschäftigt er sich auch essayistisch mit dem Schreiben und denen, die schreiben. Die Essays aus dem Band »Montaignes Turm« umreißen den Horizont seines literarischen Schaffens. Es geht um Montaigne, Kafka, Koeppen, Böll – und ganz zentral um Thomas Mann. Und es geht um eigene Erfahrungen und Schreibanlässe, um Lektüren und Begegnungen. Es sind Reflexionen über das Schreiben und das Leben, die Uwe Timm als großen Stilisten zeigen. Brillante Texte, ganz nah an ihren Gegenständen und dabei sehr persönlich.

Schreiben lernen

Kann man Schreiben lernen? Ja, durch Übung. Kann man das literarische Schreiben lernen? Literaturkritiker, zumindest hier in Deutschland, sagen meist Nein. Das liegt an der deutschen romantischen Tradition, diese Vorstellung vom Dichter, der eine Begabung in sich trägt, die auch unter widrigsten Umständen, wie im Fall Hebbel, ihren Weg zum Ausdruck findet. Ich höre noch Professor Kunisch in der Aula der Universität München unter dem Goldmosaik von Helios rufen, der Dichter ist geschlagen, das heilige Feuer muss auf ihn kommen. Hölderlin war geschlagen. Benn auch. Brecht weniger. Döblin gar nicht. Nüchterner gesagt, ist es die Frage nach der Begabung. Die lässt sich allein vom literarischen Text beantworten. Wie ist er gestaltet, wie ist die Sprache organisiert, wurde eine besondere, eigene Sprache gefunden? Auch die Wahl des Themas – Formalisten wollen das nicht wahrhaben – hat ihre ästhetische Bedeutung. Und dann: Ist es richtig und gut? Nicht alles, was in der Sprache richtig ist, muss auch literarisch gut sein. Camus erzählt in dem Roman Die Pest von einem Mann, der einen Roman schreiben will, aber über den ersten Satz nicht hinauskommt, da er ihn immer wieder um- und umschreibt. An einem schönen Morgen im Mai ritt eine elegante Amazone auf einer herrlichen Fuchsstute durch die blühenden Alleen des Bois de Boulogne. An dem Satz ist alles richtig, auch im Französischen, und doch alles falsch. Er ist vollgestopft mit Klischees. Von diesem ersten Satz weiß man, das Buch muss man nicht lesen. Er ist eine Parodie auf einen Romananfang und eine raffiniert von Camus eingeschleuste Anspielung – denn schon Valéry hatte auf ähnliche Weise einen Romananfang parodiert.

Dagegen dieser erste Satz der Erzählung Nachtmantel aus dem Band Einer bleibt übrig, damit er berichte von dem großen, stillen Christoph Meckel: Als er anfing zu sterben, verließ er die Wohnung, dritter Hinterhof, zweiter Stock, verschloss die Tür mit dem einzigen Schlüssel und warf ihn durch die Briefklappe in den Flur.

In einer drängenden Knappheit, eingeleitet durch den temporalen Nebensatz, unterbrochen durch zwei Appositionen über den sozialen Hintergrund des Wohnens, wird in drei gereihten Hauptsätzen die Abgeschlossenheit einer Existenz beschrieben und zugleich infrage gestellt. Wieso dieses anfing zu sterben? Eine Krankheit? Der Entschluss zur Selbsttötung? Flucht? Dieses anfing zu sterben ist sprachlich überraschend, weil unüblich. Gedrängt steht dem finiten Verb anfangen das infinite sterben gegenüber. Eine Lakonie als Ausdruck für das Unfassliche, für das Sterben. Warum ist dieser Satz gut? Nach einem naturwissenschaftlichen Wahrheitsmodell kann man seine Qualität nicht beweisen. Falsifikation und Verifikation erfassen das Phänomen der literarischen Wahrheit nicht. Es ist nur selbst wieder in Sprache zu beschreiben, was sprachlich gelungen oder nicht gelungen ist. So ist denn auch das, was die Normsprache vorschreibt, in der Literatur oft geradezu ein Verstoß. Gemessen daran wäre ihre Qualität ablesbar an dem Falschen. Das meint nicht falsche Orthografie, Syntax, Interpunktion, sondern diese winzige Verschiebung von dem Erwartbaren. Eine Verstörung in der Sprache. Und der Nachtmantel erzählt von der Verstörung eines Mannes.

Ich habe das Schreiben 1946, es gab kein Papier und keine Schiefertafeln, mittels kleiner Buchstabenplättchen gelernt. Dieses Zusammen- und wieder Auseinanderschieben hatte etwas Spielerisches, Konstruktives und zugleich Dinghaftes. Nicht zu vergleichen mit Schreibübungen, die mittels eines Griffels oder Bleistifts wie durch die Verlängerung der Hand gemacht werden. Vielleicht ist diese aus der Not geborene Methode schuld daran, dass ich immer wieder beim Konstruieren stutzte. Warum zum Beispiel schreibt sich der Schwan mit einem a und nicht mit zwei, da er doch zwei Flügel hat.

Selbstverständlich ist es töricht, so zu fragen. Die Zeichen sind arbiträr. In der kindlichen Wahrnehmung zeigte sich jedoch jener Taumel vor dem Abgrund, den der Widerstreit zwischen der Sprache und der Dingwelt auslöst. Das Gedachte und Gefühlte, das Erlebte und Erinnerte sollen in abstrakte Zeichen überführt werden. Das Erlernen des Sprechens geschieht durch die langsame, spielerisch korrigierte Übung. Alphabetisierung hingegen ist Arbeit. Etwas, was einem nicht zufällt, und etwas, was, jedenfalls für mich, sich immer wieder infrage stellt, durch ebendiese Distanz, das Nichtselbstverständliche von Sprache und Schreiben. Das Erlernen des Alphabets, der Grammatik, der Regel, die auch Ausnahmen kennt, ist einfach Teil des Handwerks des Schreibens. Auch Goethe war einmal Lehrling. Zu jedem Handwerk gehört dieser lange Prozess des Übens. Nicht zufällig wird, wer das Schreiben mühevoll gelernt hat, möglicherweise später nicht mehr schreiben, oder aber er wird es, wie zum Trotz, zu seinem Beruf machen, also Schriftsteller, Journalist oder Literaturwissenschaftler werden. Deren Arbeit kennt dann wiederum die Qual der Suche nach dem richtigen Wort, dem Satz, Absatz, damit gesagt werden kann, es ist gut.

Wie Sprache aufgeraut oder geschmeidig wird, das lernt sich nicht von allein, sondern, wie im Handwerk, durch Anleitung des Lehrers oder des Meisters.

Ich habe ein altes Handwerk gelernt, das heute fast ausgestorben ist: die Kürschnerei. Wie die Felle sortiert wurden, nach Farbe, nach Rauche, wie sie kompliziert zusammengeschnitten, ausgelassen, genäht wurden, wie schadhafte Stücke ersetzt wurden, all das war zu lernen, es ging um Erfahrungen und Kenntnisse, die von Meistern an Gesellen und Lehrlinge weitergegeben wurden, die man aber auch anhand alter Mäntel und Stolen studieren konnte. Und zu der Arbeit gehörte ganz wesentlich, dem Material zu gehorchen, bestimmte Formen waren nicht zu erzwingen, sondern nur durch die Schnitttechnik zu entwickeln. Der Soziologe Richard Sennett hat in seinem Buch Handwerk darüber geschrieben, wie das Handwerk in die Künste hineinreicht, in die Musik und in die Malerei. Auch sie haben ein handwerkliches Fundament, aber darüber hinaus, und das unterscheidet sie von dem auf bloßen Nutzen und Gebrauch ausgerichteten Handwerk, die Freiheit der unbegrenzten Variation, des Spiels und sie stellen die Frage nach existentiellem Sinn.

Ich sagte, es ist dieses Warten, die Geduld, das Aufschieben, die Organisation von Sprache und Text. Die Wiederholung, die Verbesserung durch ändern. Ich schreibe einen Satz, auch diesen, und höre meine Stimme, die spricht. Das Schreiben der Sätze ist begleitet von einem: nein, nein, nein, viele Nein, ein Ja. Und dann ist der Satz, der Absatz, gut für mich, das heißt, er steht fest. Der Satz soll nicht nur richtig sein, richtig im Sinne, dass er wiedergibt, was in der Vorstellung, in der Anmutung noch recht dunkel war, sondern er muss durch Arbeit, durch das Um- und Umschreiben gut klingen. Erst wenn beides erreicht ist, die Musikalität und diese Klarheit, kann ich sagen, er ist gut und das heißt auch wahr. Das ist die lustvolle Überwindung der Stummheit. In George Steiners Gedanken dichten steht der schöne Satz: Die Stummheit der Tiere hat als Spur in uns überdauert.

Eigentümlich genug, sind die Dialoge in der zeitgenössischen deutschen Prosa meist stumpf, oft geradezu hilflos ausführlich. Die gesprochene Sprache ist aber wie ein Humus für die Hochsprache, die ohne die Brechung ins Alltägliche leicht steif und gipsern wirkt. Um noch ein Beispiel aus der Erzählung Nachtmantel von Christoph Meckel zu nehmen: Vor einem Gasthof machte das Taxi halt, der Chauffeur wollte eine Pause von zehn Minuten – in dem Lokal dort, Privatsache, bald zurück. Regen schlug schwer auf das Blech, der Taxifunk rauschte, eine halbe, dann ganze Stunde verging ohne Zeit, der Chauffeur kam nicht zurück, und der Taxifunk rauschte.

Zwei Sätze, in denen die Sprache auf sich selbst zu hören scheint. Diese an Jazz erinnernden syntaktischen Stopps, das Motiv des Rauschens, die elliptische Form der gesprochenen Sprache und darin eingelagert das Gestische. Meckel arbeitet mit Verknappungen, mit Auslassungen und einem gestischen Sprechen. Begleitet von diesem Motiv rauschen.
Wie erreichen, was als Vorstellung vorangeht? Die Beschreibung des Gedachten, der Stimmung, des Gefühlten kann, anders als Philosophie und Soziologie, die literarische Sprache in ihrer Körperlichkeit leisten. Die Mimik des Lesenden verrät es. Das Lächeln, das langsam hervorbricht. Worüber man lacht, lässt sich schnell sagen, das Lächeln hingegen kommt aus dem Vorsprachlichen, etwas, dessen Anlass zum Verstehen auch für sich selbst beschrieben, also sprachlich gefasst werden muss.
Es gibt momentan ein reges Interesse an der deutschen Sprache und Literatur. Bastian Sicks Bücher mit Sprachkommentaren erreichen, mögen sie zuweilen auch vereinfachend sein, Millionenauflagen. Wer will, kann seine Kenntnisse bei Harald Weinrich, Jürgen Trabant, Peter Eisenberg wissenschaftlich vertiefen. Auch die Zahl der jährlich erscheinenden Romane und Erzählungen, die Zahl der jungen Autorinnen und Autoren ist erstaunlich groß. Zu der Verbreitung der Literatur beim jungen Publikum hat sicherlich die Popliteratur der Neunzigerjahre beigetragen. Poetry-Slams sind nach wie vor überfüllt. Hinzu kommen, üppiger als in den literarisch so mageren Siebziger- und Achtzigerjahren, viele Stipendien und Preise, der staatlich geförderte Literaturfonds, zahlreiche literarische Schreibwerkstätten und Studiengänge an den Universitäten, neue Zeitschriften und Literaturagenturen tragen zur Verbreitung bei, vor allem die Verlage, bekannte wie neu gegründete, die auf der Suche nach jungen Talenten die Nachfrage gleichermaßen bedienen und stimulieren.

Nochmals gefragt: Kann man das literarische Schreiben lernen?

Nicht erlernbar ist die sprachliche Potenz, die jemand mitbringen muss, nicht die Radikalität und nicht die Verstörung, die Anlass für das Schreiben sind und nicht das, was man Phantasie nennt.
Ein Lob aber der Werkstattarbeit, den Verbesserungen und Änderungen. Zu dieser Arbeit gehört auch das Gespräch mit Kollegen, Kritikern, Lektoren und Lesern. Man sehe sich die Umarbeitungen von Anna Karenina an, die Tolstoi unter dem Einfluss seiner Frau vorgenommen hat. Tolstoi ist, sagt Nabokov, ein Gebirge. Und die Ebene? Das, was jetzt alles auf dem Markt kommt? Was wird bleiben?
Schaun mer mal.

3 Kommentare

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  1. LiFe

    Ich denke wer gute Ideen und Erzählstoff hat, der braucht so oder so einen guten Lektoren an seiner Seite. Großartige Schriftsteller hatten gestanden, dass sie sich vor ihrem Lektor wie i-dötzchen vorgekommen waren. Quelle: Die Zeit (1987 ?)

  2. Alexandra

    Ob man das literarische Schreiben lernen kann, bleibt eine Frage.

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