»Nicht einknicken«: Helge Malchow über die Fatwa gegen Salman Rushdie und warum die Angst nicht siegen darf

»Die Satanische Versen« von Salman Rushdie: Erschienen auf Deustch m 17. Oktober 1989 im eigens dafür gegründeten »Artikel 19 Verlag«.
Verleger Helge Malchow
Verleger Helge Malchow

Der Roman »Unterwerfung« von Michel Houellebecq besteht aus fünf Kapiteln. Nur dem letzten Kapitel ist ein Motto vorangestellt, es lautet: »Wenn der Islam nicht politisch ist, ist er nichts« und stammt von dem iranischen Religionsführer Ayatollah Khomeini. Wie diese Politik aussieht, erfuhr die Welt vor 26 Jahren, im Februar 1989, als besagter Ayatollah Khomeini die berüchtigte Fatwa, d.h. einen Mordaufruf gegen den Schriftsteller Salman Rushdie wegen seines Romans »Die satanischen Verse« ausrief.

Das war eine Art Startschuss für zahlreiche islamistisch inspirierte Gräueltaten bis zu den Anschlägen vom 7. Januar in Frankreich. Diese Ursprungstat richtete sich nicht zufällig gegen ein Kunstwerk, denn die Freiheit der Kunst ist eine grundlegende Schranke, die Diktaturen von freien Gesellschaften unterscheiden: Kunst bedeutet autonome Phantasie, bedeutet, mit der »Realität« zu spielen, zu übertreiben, zu erfinden, zu provozieren, zuzuspitzen. Kunst bedeutet Ironie, Satire, Zumutung, Witz, auch Boshaftigkeit. Kunst erfüllt keinen »Auftrag«, weder der Macht noch der Moral noch der Religion.

»Die Satanische Versen« von Salman Rushdie: Erschienen auf Deustch m 17. Oktober 1989 im eigens dafür gegründeten »Artikel 19 Verlag«.
»Die Satanische Versen« von Salman Rushdie: Erschienen auf Deutsch am 17. Oktober 1989 im eigens dafür gegründeten »Artikel 19 Verlag«.

Ich erwähne diese Selbstverständlichkeiten, um den damaligen Schock unter den Mitarbeitern des Verlags Kiepenheuer & Witsch, bei dem die deutsche Übersetzung des Romans erscheinen sollte, spürbar zu machen. Der Mordauftrag richtete sich ja neben dem Autor ausdrücklich gegen alle Beteiligten: die Übersetzer, die Verlagsmitarbeiter, die Verleger, die Buchhändler.

Die Reaktionen schwankten von Anfang an zwischen der berechtigten Angst vor Anschlägen und der notwendigen Solidarität mit dem Autor und seinem Buch. Das Ereignis war für uns zu damaliger Zeit dermaßen unwirklich, dass wir erst schrittweise die Tragweite dieses Vorgangs erfassten.

Die internen Debatten über den Preis, den wir bereit waren, für die Freiheit der Literatur zu zahlen, waren heftig – die Verantwortung für die Mitarbeiter in einer lebensbedrohlichen Situation hier, die Verteidigung der Grundlagen jeder kulturellen Aktivität dort. Auf einen Schlag ging uns ein Licht auf, das lange nur schwach geleuchtet hatte: die Grundlagen unserer zivilen, demokratischen Lebenswelt sind nicht selbstverständlich, es sind – oft blutig – erkämpfte Errungenschaften, die nun wieder mörderische Gegner hatten.

Als aufgrund dieser heftigen Diskussionen der Verlag erst einmal nicht sofort und ohne Einschränkung erklärte, die deutsche Übersetzung zu veröffentlichen, gab es heftige Medienschelte und auch verständliche öffentliche Fragen. Nur: als der Verlag dann großen Zeitungen und Magazinen einen Teil-Abdruck des Textes anbot, um eine geschlossene Veröffentlichungsfront herzustellen, blieb nur die tapfere taz übrig. Alle anderen winkten nach Intervention der jeweiligen Betriebsräte ab… Zugleich wurde das Verlagsgebäude unter Polizeischutz gestellt, die Straße jahrelang für den Verkehr gesperrt, Bäume, von denen aus man ins Gebäude hätte schießen können, wurden mit Metallvorrichtungen unzugänglich gemacht, die Geschäftspost wurde vorgeprüft, die Aufenthaltsorte des damaligen Verlegers Reinhold Neven Du Mont wurden überwacht und geschützt.

Aus dem Ausland trafen bedrückende Informationen ein: der amerikanische Verleger Peter Mayer und sein Verlag Viking/Penguin standen unter Polizeischutz und wurden Zielscheibe vielfacher Drohungen. In England fanden öffentliche Bücherverbrennungen statt, in Pakistan und Indien gab es bei Protesten gegen das Buch zahlreiche Tote.

Die Übersetzerin, die dabei war, den Text ins Deutsche zu übertragen, trat daraufhin von ihrem Auftrag zurück, glücklicherweise fanden sich zwei anonym bleibende Übersetzer, die es dann schafften, den deutschen Text in guter Qualität rechtzeitig zum Herbst 1989 fertig zu stellen.

In dieser Drucksituation entstand die Idee, den Roman unter dem Label »Artikel 19 Verlag« (nach dem Passus in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) zu veröffentlichen, eine Konstruktion, die offiziell von fast allen deutschsprachigen Buchverlagen und vielen Autoren getragen wurde und einen positiven Doppeleffekt hatte: 1. Das Risiko, Opfer von Anschlägen zu werden, wurde durch die Vervielfachung potentieller Ziele reduziert. 2. Es entstand eine breite öffentliche Unterstützerkampagne für den Autor.

Das bei KiWi erschienene Buch des iranischen Rappers und Lyrikers Shahin Najafi, gegen den seit Sommer 2012 eine Todes-Fatwa erlassen wurde.
Das 2013 bei KiWi erschienene Buch des iranischen Rappers und Lyrikers Shahin Najafi, gegen den im Sommer 2012 eine Todes-Fatwa erlassen wurde.

Der damalige Rowohlt Verleger Michael Naumann hatte neben anderen einen großen Anteil am Zustandekommen dieser Strategie, die gleichwohl nicht konfliktfrei ablief, da Salman Rushdie selbst und seine Agentur dies nicht für den besten Weg hielten.

Ein gespenstischer Nebeneffekt der Ereignisse war, dass Salman Rushdies großer literarischer Text von Beginn an seiner ästhetischen Einzigartigkeit beraubt und einer rigorosen politischen Rezeption unterworfen wurde. Die blutigen Ereignisse der folgenden Jahre, die Ermordung des japanischen Übersetzers Hitoshi Igarashi sowie die Anschläge gegen den italienischen Übersetzer Ettore Capriolo und den so mutigen norwegischen Verleger William Nygaard haben diesen Effekt noch verstärkt und damit indirekt die Kunstfeindlichkeit der Religionsfanatiker noch einmal bestätigt und dem Roman Schaden zugefügt.

Die Situation vor 26 Jahren war eine andere als heute. Es warteten noch keine ausländerfeindlichen Populisten, um die Ereignisse für ihre Ziele auszubeuten. Wir hatten nicht die spätere weltweite Serie von Attentaten und den global organisierten Islamismus v.a. nach dem 11. September 2001 vor Augen. Die damaligen Maßnahmen waren nicht falsch, bieten aber kein allgemeines Modell. Wir können nicht mehr als hoffen, dass die Erfahrungen von 1989 und danach uns klar gemacht haben, welche Verpflichtungen wir jedem Autor gegenüber eingehen, dessen Buch wir verlegen. Wir haben uns bemüht, schneller zu reagieren, z.B. 2013, als wir als Antwort auf eine Fatwa gegen den iranischen Rapper und Lyriker Shahin Najafi seine Texte als Buch veröffentlichten (»Wenn Gott schläft«). Wir haben auch Günter Wallraff und andere unterstützt, als diese 1995 die skandalöse Entscheidung der Lufthansa kritisierten, Salman Rushdie aus Sicherheitsgründen nicht zu transportieren.

»Ich denke nur an das Eine«: Buch des am 7. Januar 2015 getöten Charlie Hebdo Redakteurs Georges Wolinksi, erschienen 1971 bei Kiepenheuer & Witsch.
Das Buch des am 7. Januar 2015 getöten Charlie Hebdo Redakteurs Georges Wolinksi, erschienen 1971 bei Kiepenheuer & Witsch.

Eine Erfahrung ist: Jedes Einknicken vor Drohungen wirkt als zusätzliche Ermutigung für diejenigen, für die »der Westen« eine dekadente, gottlose und daher schwache Zivilisation ist. Die nötigen polizeilichen oder geheimdienstlichen Maßnahmen gegen Terror haben aber nur dann einen Sinn, wenn wir als Künstler oder Verleger jeder inneren Zensur widerstehen. Daher unterschreibe ich nicht Dirk Schümers düsteren Satz, den er gerade in einem denkwürdigen Artikel in der Welt formuliert hat: »Kein Verlag dürfte heute mehr einen Roman wie Rushdies Die Satanischen Verse herausbringen«. Doch. Dürfen wir. Müssen wir. Auch in Gedenken an den Charlie Hebdo Redakteur Georges Wolinski, eines der Opfer der Pariser Anschläge, dessen herrlich erotomanische Cartoons unter dem passendem Titel »Ich denke nur an das Eine« 1971 in Deutschland erschienen sind. Bei Kiepenheuer & Witsch.

5 Kommentare

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  1. veit

    super ! grosses kompliment!

  2. Anderswo

    […] – Super Überleitung zum Literaturteil: Helge Malchow berichtet von den Ereignissen um das Erscheinen von Rushdies „Satanischen Versen“ 1989. […]

  3. Pociao

    Ich gehörte damals zu den Mitherausgebern. Es war und ist mir bis heute eine Ehre.

  4. Lisa Fellerhoff

    Charles Chaplin hätte Fanatiker anders als Charlie überzeugt…..je suis Charles 🙂

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