Zu zweit übersetzen. Geht das überhaupt? von Isabel Bogdan und Ingo Herzke

Isabel Bogdan und Ingo Herzke sind langjährige literarische Übersetzer, die für ihre Arbeiten bereits ausgezeichnet wurden und die einander gut kennen. Nun haben sie  – nicht ohne Zeitdruck – gemeinsam ein Buch übersetzt: Nick Hornbys neuen Roman Miss Blackpool. Uns gewähren sie hier einen Einblick in die Übersetzer-Werkstatt. Und für Hornby-Leser ist dieser Werkstatteinblick auch noch mit einer Verlosung verbunden (siehe unten)!

U1_978-3-462-04690-8Zu zweit übersetzen. Geht das überhaupt?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, klar geht das. Beziehungsweise nein, das geht natürlich nicht.

Wirklich „zu zweit übersetzen“ geht natürlich. So, dass man jeden Satz bespricht, dass jedes Wort ausdiskutiert wird, dass man alles gemeinsam durchkaut. Das geht super, wenn man Zeit hat. Unendlich viel Zeit. Die hatten wir bei Nick Hornby aber nicht; wenn genug Zeit gewesen wäre, hätte Ingo ihn allein übersetzt. Nun war aber klar, dass er es allein nicht schaffen konnte, deswegen kam Isa dazu. Nicht, damit wir jeden Satz besprechen konnten und dadurch doppelt so viel Arbeit gehabt hätten, sondern um Ingo einen Teil der Arbeit abzunehmen. Was aber nicht heißt, dass wir nur nebeneinanderher gearbeitet hätten.

Wir kennen uns schon lange. Wir haben in Hamburg eine sogenannte „Englischgruppe“, in der sich die Englischübersetzer einmal im Monat treffen und am Text arbeiten – wir bringen unsere aktuellen Problemstellen mit, sammeln Ideen für Wortspiele, lassen einander einfach mal ein paar Seiten lesen und fragen, ob der Ton stimmig ist und dergleichen mehr. Da bekommt man auf die Dauer einen ganz guten Eindruck, mit wem man auf einer Wellenlänge übersetzt.
Es war Ingos Idee, Isa mit reinzunehmen – und unsere Lektorin Helga Frese-Resch, die uns beide auch schon lange kennt, fand die Idee gut. Und Isa fand es sowieso gut, denn zu Nick Hornby lässt man sich ja nicht lange bitten.

Nun gibt es natürlich tausend verschiedene Möglichkeiten, wie man einen Text aufteilen kann. Man kann ihn einfach in der Mitte teilen, jeder macht eine Hälfte. Man kann ihn häppchenweise abwechselnd übersetzen, ich die ersten 10 oder 20 oder 50 Seiten, Du die zweiten, ich die dritten etc. Oder einer macht die Rohübersetzung, der andere überarbeitet alles. Oder, oder, oder.

Was man in allen Fällen braucht, ist Vertrauen. Vertrauen, dass der andere das schon richtig macht. So, dass es einem selbst auch gefällt. Dass man einverstanden ist, wenn am Ende der eigene Name mit druntersteht.
Trotzdem: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist auch nicht schlecht. Darum haben wir erst mal das Manuskript aufgeteilt (nachdem Mr Hornby es endlich aus der Hand gegeben hatte), unsere jeweiligen Parts übersetzt und uns dann gegenseitig zugeschickt. Und auch zwischendurch immer wieder Details abgeglichen: „Ich finde, der Kerl sollte ein bisschen flapsiger reden!“ – „Sollen sie miteinander schlafen oder miteinander ins Bett gehen?“ – „Was machen wir mit den Serientiteln? Deutsch oder Englisch? Und heißt der ‚kleine Scheißer’ bei Dir auch ‚kleiner Scheißer’?“ – „Wie hast Du Johnny Foreigner genannt?“ –„Hat man in den 1960ern schon ‚Sex haben’ gesagt? Oder eher nicht?“

Dieses Abgleichen wird natürlich leichter, wenn man einander gut kennt, wenn man weiß, dass der oder die andere ein ähnliches Sprachempfinden, ähnliche Vorlieben, einen ähnlichen Humor hat – vor allem überhaupt Humor und ein einigermaßen dickes Fell, damit solche gegenseitigen Kritteleien ohne Schmollen und Schimpfen abgehen. Aber jemand ohne Humor würde ja auch nicht drauf kommen, Hornby zu übersetzen. Und über konstruktive Kritik freut man sich natürlich. Womit wir wieder beim Vertrauen wären: Man geht davon aus, dass die Änderungsvorschläge und Kritikpunkte des Anderen vermutlich gut, wahr und schön sind. Und das sind sie dann meistens auch.

Im Rückblick müssen wir sagen: Es nervt zwar gelegentlich, seine Entscheidungen noch einer weiteren Kontrollinstanz zu unterwerfen (unsere Lektorin ist ja schließlich am Ende auch noch da), aber es tut auch gut: Denn die Anmerkungen und Anregungen vom Anfang helfen einem beim Weiterarbeiten, weil man sie dann schon im Kopf hat; und am Ende fühlt man sich auch sicherer, weil man die sprachliche Form eben nicht ganz allein verantwortet. Und problematische Stellen schon einmal besprochen hat. Und weil das gegenseitige Vertrauen auch das Selbstvertrauen stärkt – das man als Übersetzer aber sowieso schon haben sollte, jedenfalls was die eigene Ausdrucksfähigkeit angeht.

Wir hatten beide genügend Selbstvertrauen und Vertrauen in einander, um Änderungsvorschläge anzunehmen oder eben nicht, und das auch alles in Ordnung zu finden. Weil wir wussten: selbst wenn ich es anders machen würde – so, wie es der andere jetzt gemacht hat, wird es ebenfalls okay sein. Und was der andere mir vorschlägt, wird entweder Hand und Fuß haben und wirklich besser sein, oder es ist ein Vorschlag, und wenn ich ihn nicht annehme, ist es auch gut.
Und weil das alles für die Zusammenarbeit mit Helga ebenso gilt, war das der entspannteste und lustigste Eilauftrag aller Zeiten.
Das Einzige, womit wir nicht gerechnet hatten, war unsere verblüffende Kreativität in der Erfindung neuer Kosenamen in unseren zahllosen E-Mails.

– Ingo, mein Hase: Gerne wieder.
– Aber immer doch, Spatzl.

Verlosung:

Wer den Roman gelesen hat und zu wissen meint, wie Isabel Bogdan und Ingo Herzke ihn aufgeteilt haben, kann seine Thesen und Erkenntnisse dazu gern hier in die Kommentare schreiben. (Gern auch dazu, wer welchen Teil dieses Textes geschrieben hat.) Mit Begründung natürlich. Unter allen Teilnehmern werden drei ausgelost, die sich einen Titel aus der Backlist von Nick Hornby aussuchen dürfen. Denn Miss Blackpool wurde dann ja schon gelesen…!

Einsendeschluss: 18. Dezember 2014. Viel Glück!

8 Kommentare

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  1. Jennifer

    Die Übersetzung ist meiner Meinung nach sehr gelungen und so homogen, dass es nicht einfach ist zu unterscheiden, welcher Part von wem übernommen worden ist. Meine Vermutung ist nun, dass es bei den großen Kapiteleinschnitten geteilt wurde (Vorsprechen, 1. Staffel, …) Das Vorsprechen würde ich Isabel zuordnen, die erste Staffel Ingo… Und von da an vermutlich abwechselnd? So weit bin ich allerdings noch nicht in der Lektüre. Lese den Roman übrigens im Rahmen einer Leserunde bei lovelybooks.

    Warum ich das Vorsprechen Isabel zuordnen würde und die erste Staffel Ingo? Weil der Ton flapsiger zu werden scheint ab dem 2. Kapitel und man das eher Männern zuordnen würde. Alles sehr spekulativ… 😉

    In der besagten Leserunde ist übrigens die Frage aufgekommen, warum der Titel ‘übersetzt’ wurde? Bzw. warum aus dem englischen Originaltitel ‘Funny Girl’ in der deutschen Ausgabe der Titel ‘Miss Blackpool’ wurde?
    http://www.lovelybooks.de/autor/Nick-Hornby/Miss-Blackpool-1110250717-w/leserunde/1121928161/1125610415/
    http://www.lovelybooks.de/autor/Nick-Hornby/Funny-Girl-1117283168-w/leserunde/1121385304/1125632603/ (Leserunde zur englischen Ausgabe)

    • Ingo Herzke

      Im Februar ist bei Diogenes der Roman »Funny Girl« von Anthony McCarten erschienen, auch ein ziemlich gut verkaufender Autor. Ich weiß, das Titelschutzrecht ist in Deutschland viel strenger als anderswo, also war das wohl der Grund. Nick Hornby war übrigens einverstanden.

  2. Stefan Möller

    Isabel hat gesagt: Ingo, du nimmst die langweiligen Stellen und die ganz schweren, die von den Kritikern dann als “holprig übersetzt” bezeichnet werden. Ich kriege die lustigen und tollen Stellen, die von den Kritikern dann als “elegante, funkelnde Übersetzung” gefeiert werden. Oder so ähnlich. Ich habe den Roman noch nicht gelesen (jetzt ist es raus, sorry Isabel)

    • Ingo Herzke

      Genau so war’s!

  3. michaela

    Ich könnte mir vorstellen, dass sie die “großen” Kapitel (also “Vorsprechen”, “Comedy Playhouse”, “Erste Staffel” usw.) immer abwechselnd aufgeteilt haben, damit man als Leser nicht zu sehr merkt, wenn sich der Ton evtl. ändert (was er natürlich auch nicht tut). Da Ingo Herzke wohl als erster an dem Projekt gearbeitet hat, wird er meiner These zufolge mit dem “Vorsprechen”-Kapitel begonnen haben, dann hat Isabel Bogdan das Kapitel “Comedy Playhouse” übernommen etc. pp.
    Aber alles in allem ist es ja auch Wurscht, wer was übersetzt hat. Hauptsache, es ist super geworden!

  4. Susanne

    habe das Buch verschlungen, ohne – zugegeben – mir Gedanken darüber gemacht zu haben, dass es von zwei Personen übersetzt wurde; rückblickend kann ich das gar nicht abschätzen, finde es sehr homogen und hab wirklich keine Ahnung… spannende Frage, wie teilt man so ein Buch auf? möglicherweise in der Mitte, also Seitenanzahl dividiert durch zwei, und dann wird ausgelost? (wobei: vermutlich doch ganz anders…)

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