»Wie schreiben Sie eigentlich … Volker Weidermann?«

»Eine beglückende Wiederentdeckung. (...) Der Riss in der Geschichte der Weltkriegsliteratur ist mit der Neuauflage dieses unendlich humanen Romans geschlossen.« Süddeutsche Zeitung
© Julia Zimmermann
© Julia Zimmermann

Volker Weidermann wurde 1969 in Darmstadt geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin. Von ihm sind bei Kiepenheuer & Witsch diese Bücher erschienen: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher (2010), Das Buch der verbrannten Bücher (2008), Lichtjahre (2006) und zuletzt Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft (2014), das seit Monaten auf der Spiegel-Bestsellerliste steht.

Mit der spanischen Zeitung ABC Cultural hat Volker Weidermann ein Gespräch geführt über verbotene und verbrannte Bücher, über eine wahr gewordene Utopie, über seine Art zu recherchieren und zu schreiben und über die Macht der Literatur. Wir veröffentlichen das Interview hier auf deutsch.

1. Was bringt Sie dazu, sich für die Suche nach von den Nazis verbotenen Büchern zu interessieren?

Neugier und Begeisterung. Auf der einen Seite ist diese Epoche eine der reichsten und großartigsten in der Geschichte der deutschen Literatur. Und auf der anderen Seite gibt es aus dieser Zeit immer noch sehr viel zu entdecken, viele Bücher und viele Lebensgeschichten. Es war ein Schock für mich, als ich zum ersten Mal die Liste sah, die der ersten Bücherverbrennung der Nazis im Mai 1933 zu Grunde lag. 133 Autoren und mehr als die Hälfte der Namen, die auf dieser Liste standen, hatte ich – obwohl ich mich mit der Epoche lange schon beschäftigte – nie zuvor gehört. Sie sind komplett vergessen, niemand kennt mehr ihre Namen, niemand ihre Bücher.

2. Wie sieht das Vorgehen oder das Rechercheprojekt aus, das Sie konkret zu diesem Buch von Hans Herbert Grimm führte?

»Eine beglückende Wiederentdeckung. (...) Der Riss in der Geschichte der Weltkriegsliteratur ist mit der Neuauflage dieses unendlich humanen Romans geschlossen.« Süddeutsche Zeitung
»Eine beglückende Wiederentdeckung. (…) Der Riss in der Geschichte der Weltkriegsliteratur ist mit der Neuauflage dieses unendlich humanen Romans geschlossen.« Süddeutsche Zeitung

In diesem Falle war es einfach nur: Glück. Ich hatte in meinem Buch der verbrannten Bücher, in dem ich die Lebens- und Werkgeschichten jener 133 Autoren erzähle, auch die Geschichte von Schlump erzählt, von dem Buch und davon, dass niemand weiß, wer es geschrieben hat. Einige Monate nach der Veröffentlichung meldete sich die Schwiegertochter des Autors. Sie schrieb: ich weiß, wer es war, er heißt Hans Herbert Grimm, er ist mein Schwiegervater, ich wohne in seinem Haus, in Altenburg, im Osten Deutschlands, kommen Sie mich besuchen, ich erzähle Ihnen alles. Ich fuhr hin und kam aus dem Staunen nicht heraus. Sie zeigte mir den Riss in der Wand, in der er sein Buch eingemauert hatte, aus Angst entdeckt zu werden, sie zeigte mir sein Arbeitszimmer, Manuskripte, Briefe, Tagebücher, Erzählungen, alles ungedruckt – Spuren eines geheimen, eines vergessenen Lebens und sie erzählte mir sein Leben, seinen Kampf, seine Verzweiflung und seinen Selbstmord.

 

3. Ähneln Ihre Methoden ein wenig denen eines Privatdetektivs?

Oh – was für eine schöne Frage! Ich beschließe einfach, sie mit „Ja” zu beantworten, obwohl sich natürlich der größte Teil meiner Arbeit zwischen Buchseiten abspielt. Aber manchmal gehört schon Kombinationskunst und Ausdauer und Freude am Suchen nach kleinen Details dazu. Spuren suchen, die nach dem Willen der Buchverbrenner verschwunden sein sollten.

4. Und was hat ein Journalist eigentlich in diesen Auseinandersetzungen zu suchen?

Ist doch der Kern unserer Aufgabe, oder? Verborgene Geschichten suchen, Entdeckungen machen, an Orten, von denen man glaubt, alles ist längst schon entdeckt. Und für mich als Literaturkritiker, der natürlich eigentlich vor allem  Neuerscheinungen liest, ist es auch immer wieder schön und erholsam in die Vergangenheit einzutauchen.

5. Glauben Sie, dass es noch viele Bücher zu entdecken gibt oder ist dies ein praktisch schon versiegtes Feld?

Das Gute ist: so lange diese Geschichten noch nicht erzählt sind, wissen wir nichts von ihnen. Ich glaube, es gibt noch viele Geschichten zu erzählen, von denen wir heute noch nichts ahnen.

6. Existiert so etwas wie ein Heiliger Gral in Buchform, das meist gesuchte verlorene Buch?

Wahrscheinlich ja. Aber ich kenne es nicht. Noch nicht.

7. Können Sie sich an die surrealistischste, komplexeste Anekdote, die Sie bei Ihren Recherchen erlebt haben, erinnern und sie mir erzählen?

Zum Beispiel standen auch Autoren auf der Liste, die waschechte Nazis waren. Arnold Ulitz zum Beispiel, der hat Blut-und-Boden-Bücher geschrieben, seine Bücher wurden später als offizielle Wehrmachtsliteratur den deutschen Soldaten ins Feld geschickt. Bis heute weiß ich nicht, wie er auf die erste Liste der zu verbrennenden Bücher kam. Vielleicht hat ihn der Bibliothekar, der die Liste erstellte, einfach nicht gemocht. Oder ein Förster aus dem Schwarzwald, der harmlose Baumbücher geschrieben hatte – kein Mensch kann mir sagen, was an seinen Büchern so gefährlich war. Oder der Dichter der „Biene Maja“, kennen Sie die? Waldemar Bonsels heißt der Autor, der dieses in Deutschland superpopuläre Kinderbuch schrieb – der war auch auf der Liste, die Nazis schränkten aber ein: alles von Bonsels außer der „Biene Maja“, das trauten sie sich nicht zu verbieten. Wollten wohl keinen Ärger mit den kleinsten Deutschen bekommen.

8. Und welcher ist der blutigste oder grausamste Fall, auf den Sie im Laufe der Jahre Ihrer Nachforschungen gestoßen sind oder ihn dokumentiert haben? 

»Das Buch der verbrannten Bücher von Volker Weidermann, diese intelligente, begeisterte Spurensuche erinnert, wertet und macht ganz schnell Lust auf viele dieser verbrannten Romane, Gedichte, Erzählungen.« NDR
»Das Buch der verbrannten Bücher von Volker Weidermann, diese intelligente, begeisterte Spurensuche erinnert, wertet und macht ganz schnell Lust auf viele dieser verbrannten Romane, Gedichte, Erzählungen.« NDR

Die grausamsten Fälle, auf die ich stieß, oder die mir am meisten zu Herzen gingen, waren die, deren Lebensgeschichte mit einem „Was dann geschah ist nicht bekannt“ endet. Menschen, wie die phantastische Welt-Reporterin Maria Leitner, die vermutlich in Südfrankreich auf der Flucht verhungert ist. Aber niemand weiß wo und wann und wie sie starb. Oder all die Verzweifelten, die Selbstmord begingen, wie Kurt Tucholsky, wie Ernst Toller, Stefan Zweig. Die einfach irgendwo, an einem Ende der Welt – in einem Dorf in Schweden, in einem winzigen Städtchen im brasilianischen Regenwald, in einem Hotel in New York beschlossen haben, dass es keinen Sinn mehr hat weiter zu leben. Oder, die die weiter lebten, die aber niemand mehr kannte, für die sich niemand mehr interessierte, die nicht mehr schreiben konnten, die in Deutschland oder Europa lebten wie Gespenster auch nach dem Krieg. Wie die phantastische, supermoderne Irmgard Keun, der Weltschriftsteller Armin T. Wegner, der den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich dokumentiert und in aller Welt bekannt gemacht hatte, der einen unglaublich mutigen, hellsichtigen Brief an Adolf Hitler schrieb, 1933, der ins KZ kam, überlebte, nach Italien floh und der später sagte: mir wurde in den Kellern der Gestapo für alle Zeiten der Mund geschlossen. Er lebte noch dreißig Jahre nach dem Krieg, einsam, verzweifelt, stumm. Er sagte: „Auswandern ist wie sterben.“ Ein toter Mann – noch viele Jahre auf der Erde. Als ihn kurz vor seinem Tode ein deutscher Journalist in Italien besuchte sagte er nur: „Ich habe noch so viel zu erzählen. Bleibt doch. Warum seid ihr nicht früher gekommen?“

9. Was wäre aus dem Gedächtnis Ihres Landes ohne die Arbeit und das Studium von Personen wie Ihnen geworden? Wäre die menschliche und kulturelle Barbarei, die man erlebte, in ihrer Gesamteit bekannt geworden?

Sie wäre vielleicht weniger gut vorstellbar. Es fehlt uns ja wahrlich nicht an Details über die Verbrechen der Nazis. Es fehlt uns aber manchmal die Vorstellungskraft dafür, was das eigentlich konkret und für das Leben des Einzelnen bedeutet hat. Und da hilft die Literatur, immer und da helfen auch kleine, einzelne, heldenhafte Lebensgeschichten von damals, glaube ich.

10. Gab es vonseiten des Nazismus mehr Ausschreitungen im Bereich der Kunst oder der Literatur? Oder sind beide Gebiete nicht vergleichbar?

Sie sind sehr gut vergleichbar. Die Angst war die gleiche, Angst vor dem „Modernen“, dem „Großstädtischen“, dem „Abstrakten“, dem irgendwie Unverständlichen, Neuen, Radikalen und Kritischen. Kunst und Literatur, die sich nicht beherrschen lassen, die radikal sind und tabulos – da waren sich Kunst und Literatur sehr ähnlich. Eine Ausstellung „Entartete Literatur“ ließ sich wohl nur nicht so dramatisch inszenieren – da hat man die Bücher lieber verbrannt.

11. Was fühlt ein Deutscher wie Sie, wenn er bis heute ständig die Geschichte seines Landes hinterfragt und erneut durchlebt?

Oh, es ist manchmal schon schrecklich – gerade hier in Berlin, wo ich lebe, gibt es natürlich im Zentrum kaum eine größere Fläche, auf der nicht an irgendeinen Schreckensort der Vergangenheit gemahnt wird, Holocaust-Mahnmal, Mauer-Gedenkstätten, 17. Juni, Kriegsdenkmäler – ja, manchmal fühlt sich diese Stadt wie eine gigantische Gedenkstadt an. Zum Glück sind die Menschen, die vielen jungen neuen Menschen aus aller Welt einfach eine so viel stärkere Kraft und Energie, dass all die Gedenkstätten zu einem Teil der Gegenwart, der lebendigen Gegenwart dieser Stadt geworden sind. Es ist unsere Geschichte, niemand ist hier in der Gefahr sie bald einfach so vergessen zu können.

12. Wir stecken mitten im Jahrestag des Ersten und des Zweiten Weltkriegs, mit einer Flut von Titeln (ich nehme an in Deutschland mehr als in Spanien), glauben Sie nicht, dass zu viele veröffentlicht werden? Oder war die durchgemachte Barbarei eines solchen Ausmaßes, dass es nie genug geben wird?

Ach – was heißt zu viele? Man muss sie ja nicht alle lesen. Und es interessiert offenbar viele Menschen. Einige lesen diese Geschichten vielleicht wie gruselige Kriminalgeschichten aus der Wirklichkeit, andere, um etwas aus der Geschichte für die Zukunft zu lernen. Für einige ist es sicher schwer, die besten Bücher aus diesen Bergen herauszufinden. Aber dafür sind ja zum Beispiel wir Kritiker da.

13. Welches Memoirenbuch porträtiert die Barbarei jener Jahre am besten?

Für mich ist es das Buch meines großen Lehrmeisters, dem jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der vor einem Jahr gestorben ist. Sein Buch „Mein Leben“ erzählt die unglaubliche Geschichte eines jüdischen Jungen, der die deutsche Kultur, die deutsche Literatur mit jeder Faser seines Herzens liebt, der von den Menschen, deren Kultur er liebt, ins Warschauer Ghetto gebracht wird, dort unter den unglaublichsten Umständen überlebt, um am Ende jenem Volk, das ihn vernichten wollte, die Liebe zu seiner Literatur zu vermitteln, mit einer Kraft und Überzeugungskraft und Leidenschaft wie kein zweiter. Weil ihm diese Literatur, die Büchners, Erich Kästners und Thomas Manns und Bertolt Brechts, das Überleben sicherten. So hat er das gesehen. Ein großartiger Mann. Ein großartiges Buch.

14. Welches Buch hätten Sie geschrieben, wenn Sie damals gelebt hätten?

»Weidermanns genauer Blick und sein großer Kenntnisreichtum machen den Band höchst lesenswert – ein bewegendes, durchaus melancholisches Sonderkapitel unserer Literaturgeschichte.« WDR
»Weidermanns genauer Blick und sein großer Kenntnisreichtum machen den Band höchst lesenswert – ein bewegendes, durchaus melancholisches Sonderkapitel unserer Literaturgeschichte.« WDR

Also die Kombination Strand, Sonne, Schriftsteller, wie ich sie in Ostende geschrieben habe, das ist eigentlich so meine Lebenskombination. Irgendwie hätte ich darüber auch damals schreiben wollen – vielleicht über Autoren in weniger dramatischen Lebensumständen.

15. In “Ostende” schildern Sie das Leben der Schriftstellergemeinschaft, die vor dem Krieg, in den ersten Jahren des Nazismus in dieser Stadt lebte und Sie konzentrieren sich auf die Freundschaft zwischen Zweig und Roth, was war das Besondere an beiden Schriftstellern?

Es waren Freunde, wie ich unter Schriftstellern kein zweites Paar kenne: radikal interessiert aneinander, am Werk des anderen, am Schreiben, am Leben, sie schrieben manche Bücher sogar gemeinsam. Sie waren brutal ehrlich miteinander, im Kritisieren, im Loben, sie hatten eine komplett unterschiedliche Sicht auf die Welt: Zweig blauäugig, optimistisch, kompromisslerisch. Roth: hellsichtig, kompromissfeindlich, maximal pessimistisch. Roth war arm wie eine Maus und heilloser Trinker, Zweig war reich wie ein König und vernünftig wie ein Beamter. Zweig war erfolgreich in aller Welt und bewunderte Roth als den besseren Schriftsteller, Roth war weniger erfolgreich und neidete Zweig nichts. Zweig war wie eine Mutter für Roth, finanzierte ihn, verbot ihm den Schnaps, zahlte sein Hotel, kümmerte sich um Verträge, Agenten, Übersetzer, Frauen. Ich lese die Bücher und die Leben dieser beiden schon viele Jahre, aber ich kann sie immer noch nicht glauben: so eine Freundschaft wäre schon unter Menschen mit normalem Sozialverhalten, normal ausgeprägtem Egoismus eine unglaubliche Geschichte. Aber unter Schriftstellern – wo der Egoismus, das radikale Interesse an sich selbst und dem eigenen Werk zum Berufsbild gehört – da ist eine solch Freundschaft eine wahr gewordene Utopie. Ein heller Traum aus dunkler Zeit. Ein Traum.

16. Dennoch haben Sie eher das Erinnern und das Werk der unbekannteren Autoren hervorgehoben. Warum? Was finden Sie Besonderes zwischen diesen in Vergessenheit geratenen Zeilen?

Zunächst einmal sind es Heldenbücher – Bücher, die es nach Willen der Nazis nicht mehr geben sollte – und die es doch noch gibt. Die sich in mitunter wenigen Exemplaren über die dunkle Zeit hinwegretten konnten. Na ja und dann erzähle ich einfach gerne natürlich neue Geschichten, Geschichten, die bislang noch keiner kannte. Schließlich will ich mich selbst beim Recherchieren und Schreiben nicht langweilen.

17. In den Listen der verbotenen Autoren gab es sowohl Schriftsteller deutscher Staatsangehörigkeit als auch Ausländer. Erhielten beide dieselbe erniedrigende Behandlung vonseiten der Machthaber des totalitären Nazi-Regimes?

Für Ausländer bedeutete es ja erstens keine Gefahr für ihr Leben und Überleben und in den meisten Fällen auch keinen großen finanziellen Schaden. Die meisten Ausländer, wie Upton Sinclair oder Ernest Hemingway betrachteten diese Liste als eine ehrenvolle Auszeichnung, sozusagen offiziell nazigeprüfte Anti-Faschisten, etwas, worauf man stolz sein konnte. Und es bedeutete für sie nicht: Verlust der Heimat, Angst ums Leben, Verlust der Sprache, Verlust des heimischen Buchmarktes, der Einnahmen, die man zum Überleben brauchte.

18. An welchem Intellektuellen-Typ ließ das Regime am stärksten seine Wut aus?

Reihenfolge der verwerflichsten Attribute: jüdisch, pazifistisch, kommunistisch, internationalistisch, großstädtisch, weiblich, angriffslustig, streitlustig, neusachlich. Der Typus Remarque, Tucholsky, Roth. Also ungefähr alles, was uns in der heutigen deutschen Gegenwartsliteratur oft fehlt.

19. Was denken Sie, wenn es noch im 21. Jahrhundert Länder gibt, in denen Listen mit verbotenen Büchern und Autoren kursieren?

Erst denke ich: wie furchtbar! Dann denke ich: wie großartig! Dass auch heute noch Schriftsteller und ihre Werke in totalitären Regimen für so gefährlich und bedeutend gehalten werden, dass man sie verbieten muss. Dass totalitäre Herrscher immer noch Angst vor Büchern, Angst vor Dichtern haben – ist das nicht ein phänomenaler Beweis für die Macht der Literatur. Literatur wirkt! Ein Roman kann so radikal und Bewußtsein verändernd und großartig sein, dass Diktatoren vor ihm zittern! (Neben dem schrecklichen Folgen, die es zumeist für die Autoren selbst hat, natürlich.)

20. Glauben Sie, dass die Kultur, die Schriftsteller, die Intellektuellen unserer Zeit darauf vorbereitet wären, eine solche Grenzsituation zu leben und zu überleben, wie man sie in den Jahren des Nazismus erlebte.

Nein. Niemand wäre darauf vorbereitet. Aber auch damals war niemand vorbereitet. Auch die nicht, die lange vor der Gefahr des Nationalsozialismus gewarnt hatten. Auch die, die alles prophetisch vorausgesagt hatten. Man kann sich auf eine solche existentielle Situation nicht vorbereiten. Es ist das Undenkbare: Dir wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Alles schwankt. Heimat, Sprache, Sicherheit, Geld – alles weg, von einem Tag auf den anderen.

Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933
Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933

21. Stellen Sie sich als Journalist und als Forscher ein Europa vor, in dem man eine Situation durchleben könnte, wie man sie in jener Zeit durchmachte?

Ja, das stelle ich mir manchmal vor und ich glaube nicht, dass es so komplett unwahrscheinlich ist, dass wir solche Zustände in Teilen Europas wieder erleben werden. Nicht so brutal und offen und direkt vielleicht, aber natürlich ist schon heute die Situation für antinationale, kritische und – mitunter – jüdische Autoren in Ländern wie Russland, in Ungarn und in der Türkei nicht einfach. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es jederzeit schlimmer kommen kann. Auch das lehrt die Geschichte: kaum jemand hätte sich 1932 in Deutschland vorstellen können, dass wenige Monate später die Deutschen freiwillig und begeistert jene Bücher öffentlich verbrennen würden, die sie doch soeben noch begeistert und freiwillig gekauft hatten. Die Bücherverbrennung in Deutschland, das darf man ja nicht vergessen, war keine von der Regierung befohlenen Aktion – das war von Studenten ausgedacht, von der Bevölkerung freudig mitgemacht – eine Art Volksfest, um endlich unter sich zu sein, homogen, unkritisch, national ohne diese ganzen lästigen Spötter und Oppositionellen.

Mit freundlicher Genehmigung der spanische Zeitung © ABC Cultural

1 Kommentar

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  1. Dorothea Girke

    An Herrn Weidermann,
    Lieber Herr Weidermann,
    im Rahmen eines kleinen Literaturkreises in Travemünde hat das Buch Montauk zu heftigen emotional aufgeladenen und divergenten Diskussionen geführt.
    Da Ihr Buch Ostende, das wir vor einiger Zeit gemeinsam gelesen und geliebt haben, Ihre lebendige Einfühlsamkeit deutlich gemacht hatte, habe ich mir im Nachgang zu Montauk Ihr Buch Max Frisch besorgt.
    Ich staune, wie distanziert Sie einerseits die ungeheuerlichen Verletzungen der Perönlichkeitsrechte gegenüber den bloßgestellten Frauen ansprechen, Montauk aber gleichzeitig als eines der schönsten Bücher Frischs bezeichnen.
    Bitte stellen Sie sich die Situation vor: Sie sitzen im Gerichtssaal mit verbundenem Kopf , eingegipstem Arm und Knöchel und einer gebrochenen Rippe.
    Der Angeklagte macht geltend : Herr Richter, natürlich habe ich Herrn
    Weidermann zusammengeschlagen, aber sehen Sie sich auf dem Video an mit welcher ungeheuren Eleganz.
    Wären Sie versöhnt ???
    Bitte schreiben Sie weite und weiter. Ihre Bücher machen Lust auf das Leben.
    Mit freundlichen Grüßen Dorothea Girke

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