»Schlump ist immer.« – Die Geschichte eines vergessenen Buchs

»Es ist der 10. Mai 1933, kurz nach Mitternacht. Auf dem Berliner Opernplatz tobt ein Spektakel. Man sieht den Feuerschein schon von weitem. Zehn, zwölf Meter hoch schlagen die Flammen, die Organisatoren haben eine pyrotechnische Firma mit den Vorbereitungen beauftragt. Acht große Stapel wurden aus meterlangen Holzscheiten errichtet, vorher hat man Sand ausgestreut, damit das Pflaster keinen Schaden nimmt.«

aus: Das Buch der verbrannten Bücher von Volker Weidermann

Eines der brennenden Bücher war Schlump. Ein Antikriegsroman: »antinationalistisch, unheroisch, menschenfreundlich, pazifistisch, franzosenfreundlich, humanistisch, europäisch, ziemlich gut gelaunt und ziemlich gut geschrieben«, schreibt Volker Weidermann in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den 1928, zeitgleich mit Remarques Im Westen nichts Neues erschienenen Roman. Der Autor, schon damals unbekannt, weil er die Autorschaft aus Angst vor dem Nazi-Regime verleugnete, geriet endgültig in Vergessenheit. Und das wäre auch so geblieben, hätte der Journalist Volker Weidermann nicht 2008 in seinem Buch der verbrannten Bücher die Lebensgeschichten jener vergessenen Autoren nachgezeichnet. Nur ein kurzer Abschnitt war dabei Schlump gewidmet, denn trotz sorgfältiger Recherche war es Weidermann nicht gelungen, die Identität des Autors zu lüften, zu erfahren »wie es wirklich weiterging«. Wer war der Autor von Schlump?

Das blieb bis zum Frühjahr 2012 im Dunkeln. Am 28. April 2012 erscheint in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Artikel,  in dem Volker Weidermann endlich erzählen kann, wer der Autor von Schlump war. Nach der Veröffentlichung von Das Buch der verbrannten Bücher hatte sich die Schwiegertochter von Hans Herbert Grimm bei Weidermann gemeldet. Sie lebe noch immer im Haus des Autors in Altenburg und habe viel zu erzählen.

Weidermann erfährt, dass Grimm Lehrer in Altenburg gewesen ist und nach dem Erscheinen von Schlump stets in großer Angst lebte, entdeckt zu werden. Exil kam für ihn trotzdem nicht in Frage, auch nicht nach 1933, nachdem sein Antikriegsroman am 10. Mai bei der Bücherverbrennung in Flammen aufgegangen war. Grimm habe, so Weidermann, an seinem Beruf und seinem Leben in Altenburg gehangen. So sehr, dass er sogar in die NSDAP eingetreten sei – um bloß nicht aufzufallen und nichts zu riskieren. Nach dem Krieg durfte er deswegen nicht unterrichten. Stattdessen arbeitete er kurz als Dramaturg an der städtischen Bühne. Zu seinem alten Leben, das er im Nationalsozialismus um jeden Preis zu bewahren versuchte, durfte er nie wieder zurückkehren.

»Im Sommer 1950 wurde Hans Herbert Grimm von Regierungsbeamten der neugegründeten DDR nach Weimar bestellt. Was dort besprochen wurde, weiß niemand. Im Familienkreis, sagt Christa Grimm heute, wurde vermutet, man habe von ihm die Mitwirkung an der Gründung einer neuen Blockpartei verlangt.« (aus »Der Riss« von Volker Weidermann in der FAS v. 28.04.2013)

Zwei Tage später nimmt sich Hans Herbert Grimm das Leben.

Sein Selbstmord ist jedoch nicht das Ende von Schlump. Nach dem Erscheinen des FAS-Artikels ist die Resonanz der deutschen Verlagswelt auf diese Wiederentdeckung enorm. Bei Christa Grimm stand das Telefon nicht still, zahlreiche Verlage bewarben sich darum, diesen außergewöhnlichen Roman neu zu veröffentlichen. Kiepenheuer & Witsch bekommt schließlich den Zuschlag.

Und was hat Remarque damit zu tun? In der Buchmarkt-Ausgabe vom Januar 2014 erklärt der KiWi-Lektor Olaf Petersenn, dass der Verlag unter anderem auch deshalb den Zuschlag bekommen habe, weil Hans Herbert Grimm „zeitlebens mit Remarque publiziert werden«[1] wollte. Am 10. April 2014 erscheint nun Schlump in seinem »alten« Gewand – der Schutzumschlag ist wie bei der ersten Auflage eine Originalillustration von Emil Preetorius – im selben Programm, wie die Neuausgabe der großen Kriegsromane von Remarque!

Und Volker Weidermann stellt in seinem Nachwort das Schicksal des Romans und seines Autors dar und würdigt Schlump als »ein Märchen mit Wahrheitsemphase«.


[1] „Schlump – ein Märchen aus der Wirklichkeit“, in: Buchmarkt Januar 2014, S.

3 Kommentare

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  1. Janke

    Es freut mich ausserordentlich, dass dieses Buch wieder verlegt worden ist. Mir scheint, dass sich die Bücherverbrennung durch die Nazis bis auf die heutige Zeit auswirkt. So ist auch der Antikriegsroman von E. Köppen “Heeresbericht” nach 1945 fast in Vergessenheit geraten und deutlich hinter seinen Möglichkeiten in der Publizität geblieben. Er ist nicht minder lesenswert.

    Selber veröffentliche ich derzeit ein Manuskript eines Mannschaftsdienstgrades des Reserveinfanterieregiments 27, der im Oktober 1916 beim Ft. Douaumont in Gefangenschaft geriet und erst 1920 freigelassen wird.

    Nachdem das Thema Kriegsgefangenschaft in der Nachkriegszeit des 1.WK entsprechend revanchistisch betrachtet worden ist, wird es heute in der Öffentlichkeit fast gar nicht zur Kenntnis genommen. Ich war erst über Ostern in Verdun, auch dort lässt sich kaum etwas über dieses Thema erfahren.

    Damit dieses Manuskript die Öffentlichkeit erfährt, die es meiner Meinung nach verdient hat, veröffentliche ich es nun in Auszügen im Internet.

  2. Julia

    Wie schön, dass der “Schlump” wieder aufgelegt wird und so dem Vergessen entgeht. Denn abgesehen von seiner immer noch aktuellen Thematik ist dieser moderne Simplicissimus einfach auch ein verdammt gutes Buch!

  3. SigiLovesBooks

    Ich finde diesen Artikel absolut interessant und wusste nicht, woher mir der “Schlump” bekannt vorkam. …
    Mehr als traurig (und gerade deshalb in die NS-Zeit passend) ist die Biografie des Autors, finde ich…. die Tatsache, dass dieses Buch wieder verlegt wird, jedoch absolut großartig!

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