Die Jahre 2011 bis 2014

Die digitale Revolution des Verlagswesens vollzog sich in diesen Jahren in immer größerer Geschwindigkeit. Dazu gehörten nicht nur die Implantierung digitaler Produktionsabläufe und digitaler »workflows«, sondern der endgültige Durchbruch des ebooks und der dazu notwendigen Vertriebskanäle und Verkaufsplattformen.

In den drei Jahren von 2011 bis 2014 stieg auch bei Kiepenheuer & Witsch der Umsatzanteil von ca. 2% auf ca. 15% trotz der in Deutschland geltenden Bedingungen der gesetzlichen Preisbindung auch für ebooks. Zugleich trat auch für gedruckte Bücher neben das traditionelle Marketing (Werbung, Medien, Veranstaltungen) das online-Marketing via digitalen Buchhandel, soziale Netzwerke und Internetportale, die auch dem Verlag Kiepenheuer & Witsch völlig neue Möglichkeiten der interaktiven Leserbindung und von Präsentationsformen für das eigene Buchprogramm boten. Über eine eigene Online-Abteilung wurden die Onlineaktivitäten mit den klassischen Marketingaktivitäten verzahnt.
Allerdings entsprach branchenspezifisch auch bei KiWi die Umsatzzunahme bei den ebook-Verkäufen einem in etwa gleichstarken Rückgang bei den Taschenbuch-Verkäufen.

Wichtige Personalien

Die wichtigsten personellen Veränderungen waren der Austritt des kaufmännischen Geschäftsführers Peter Roik in den Ruhestand und die Neubesetzung dieser Position durch Claudia Häußermann seit dem 1.1.2013.

Kerstin Gleba, die langjährige Cheflektorin für Belletristik und Mitglied der Geschäftsleitung, ist seit 2013 auch Stellvertreterin des Verlegers Helge Malchow.

Autoren-Neuzugänge und Abschiede

In den Jahren zwischen 2011 und 2014 gewann der Verlag eine Vielzahl neuer Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland hinzu, die zuvor bei anderen Verlagen veröffentlicht hatten (z.B. Frank Goosen, Angelika Klüssendorf, Arnon Grünberg, Klaus Modick) oder die bei Kiepenheuer & Witsch erfolgreich debütierten (z.B. Adriana Altaras, Anne Gesthuysen, Joachim Meyerhoff, Tino Hanekamp, Jean-Luc Bannalec, Vea Kaiser, Shilpi Somaya Gowda, Leander Haußmann, Kurt Krömer, Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson, Verena Güntner, Robert Gwisdek).

Aber der Verlag musste auch schmerzhafte Verluste erleiden: es verstarben international bedeutende Autoren, die jahrzehntelang mit dem Verlag verbunden waren: Gabriel García Márquez (17.4.14), J.D. Salinger (27.01.10), Wolfgang Leonhard (17.8.14), Ralph Giordano (10.12.14).


Zuwachs an literarischer Bedeutung

Der Zuwachs an literarischer Bedeutung, den der Verlag in den Jahren seit der Jahrtausendwende erfahren hatte, setzte sich auch in den Jahren nach 2010 fort.

Ein beachtlicher Teil der bedeutenden deutschsprachigen und ausländischen Schriftsteller dieser Jahre veröffentlichte bei Kiepenheuer & Witsch. In der deutschsprachigen Literatur waren dies Uwe Timm (Freitisch 2011, Vogelweide 2013), Peter Härtling (Liebste Fenchel 2011), Michael Kumpfmüller (Die Herrlichkeit des Lebens 2011), Angelika Klüssendorf (Das Mädchen 2011, April 2014), Dieter Wellershoff (Abschluss der Werkausgabe und Was die Bilder erzählen 2013), Christian Kracht (Imperium 2012), Vea Kaiser (Blasmusikpop 2012), Eva Menasse (Quasikristalle 2013), Peter Schneider (Die Lieben meiner Mutter 2013), Feridun Zaimoglu (Isabel 2014), Thomas Hettche (Totenberg 2012 und Pfaueninsel 2014), Maxim Biller (Im Kopf von Bruno Schulz 2014), Katharina Hagena (Vom Schlafen und Verschwinden 2012), Thomas Pletzinger, Frank Schätzing, Adriana Altaras, Joachim Meyerhoff, Tino Hanekamp, Moritz von Uslar, Jean-Luc Bannalec, Frank Goosen, Anne Gesthuysen, Cordula Stratmann, Till Lindemann, Robert Gwisdek, Joachim Lottmann, Monika Peetz.

Einen ebensolchen Bedeutungszuwachs erlebte auch noch einmal die fremdsprachige Literatur bei Kiepenheuer & Witsch.
Die großen Namen waren hier Julian Barnes (Vom Ende einer Geschichte 2011 und Unbefugtes Betreten 2012), Herman Koch (Sommerhaus mit Swimmingpool 2011), E.L.Doctorow, Vladimir Sorokin (Schneesturm 2012), D.F. Wallace (Der bleiche König 2013), Dave Eggers (Zeitoun 2011, Hologramm für den König 2013 und Der Circle 2014), Zadie Smith (London NW 2013 und Die Botschaft von Kambodscha 2014), Michael Chabon (Telegraph Avenue 2014), Arnon Grünberg (Der Mann, der nie krank war 2014) sowie Sofi Oksanen (Stalins Kühe 2012 und Als die Tauben verschwanden 2014) und Nick Hornby (Miss Blackpool 2014).


Ein wahrer Preisregen

Eine große Zahl der literarischen Autoren des Verlags wurde für ihr Werk in diesen drei Jahren mit bedeutenden Preisen geehrt, u.a. erhielten

Uwe Timm die Carl Zuckmayer-Medaille (2012) und den kulturellen Ehrenpreis der Landeshauptstadt München (2013). Sein Roman Vogelweide stand 2013 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis,
Peter Härtling u.a. 2012 den Jakob Grimm-Kulturpreis Deutsche Sprache und 2014 den Hessischen Kulturpreis,
Christian Kracht 2012 den Wilhelm-Raabe-Preis (Stadt Braunschweig und Deutschlandfunk) und 2012 den großen Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern. Zudem wurde er 2014 Mitglied des PEN International.
Angelika Klüssendorf stand 2011 und 2014 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises (Das Mädchen und April), war Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim und erhielt u.a. den Preis der SWR Bestenliste (2014) und den Herrmann-Hesse-Preis (2014).
Eva Menasse erhielt 2013 den Gerty-Spies-Literaturpreis und den Heinrich Böll-Preis der Stadt Köln sowie 2014 den Alpha-Literaturpreis,
Verena Güntner den Kellog-Preis des Klagenfurter Literaturwettbewerbs.
Katja Lange-Müller erhielt 2012 das Villa Massimo-Stipendium sowie 2013 den Kleist-Preis.
Michael Kumpfmüller nahm 2012 den Weishanhu-Preis in China entgegen sowie 2013 den Prix Jean Monnet in Frankreich.
Joachim Lottmann erhielt 2010 den Wolfgang-Koeppen-Preis.
Maxim Biller erhielt 2012 den Würth-Literaturpreis.
An Thomas Hettche ging 2013 der Düsseldorfer Literaturpreis und 2014 der Wilhelm-Raabe-Preis sowie der Bayerische Literaturpreis. 2014 stand er mit Pfaueninsel auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Joachim Meyerhoff stand 2013 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis (für Alle Toten fliegen hoch/Amerika).
An Anne Gesthuysen ging 2013 der Preis für Annual Best Foreign Novels of the 21st Century in der VR China.
Feridun Zaimoglu Isabel stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2013.
An Moritz von Uslar ging der Fontane-Preis für Literatur,
an Wolfgang Schorlau der Stuttgarter Krimi-Preis.

Bei den ausländischen Autoren sind zu nennen:
Sofi Oksanen, die 2013 den Nordic Price der Schwedischen Akademie erhielt und 2014 die »Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse« (Gastland Finnland) hielt.
Julian Barnes erhielt 2011 für Das Ende der Geschichte den Booker-Prize und wurde 2013 zum auswärtigen Ehrenmitglied der American Academy of Arts und Science ernannt.
An E.L. Doctorow ging der PEN – Saul Bellow Award (2012) sowie der Academy Award der Academy of Arts and Letters (2013).
John Banville erhielt 2013 den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur.
Eine besondere Ehrung erhielt die langjährige Lektorin für ausländische Literatur Bärbel Flad (bei Kiepenheuer & Witsch bis 2001) durch die Verleihung der sogen. Übersetzerbarke im Jahr 2013.


Spannungsliteratur

In den Jahren nach 2010 spiegelte sich auch im Programm des Verlags Kiepenheuer & Witsch der dramatische Zuwachs an Spannungs- und Kriminalliteratur im deutschsprachigen Buchmarkt. Dominiert wurde dieses Feld bei Kiepenheuer & Witsch schon seit 2004 von Frank Schätzing, der in diesem Jahr mit seinem Millionen-Bestseller Der Schwarm für die deutschsprachige Spannungsliteratur neue Maßstäbe setzte. Auch 2014 war der neue Roman Breaking News wieder über Wochen der Nr. 1 Bestseller in Deutschland und besetzte monatelang die oberen Ränge in den Bestsellerlisten. In den Nullerjahren hatte Kiepenheuer & Witsch systematisch begonnen, Krimi-Reihen in das Programm zu integrieren (z.B. von Christian von Ditfurth, Werner Köhler und anderen). Vor allem die Romane von Volker Kutscher (seit 2007), von Wolfgang Schorlau (seit 2005) und Viveca Sten (seit 2010) wurden Langzeit-Bestseller. Zu diesem überaus erfolgreiche Serien, die alle zwischen 2011 und 2014 fortgesetzt wurden, kamen neue Serien hinzu, u.a. von Tom Hillenbrand (Teufelsfrucht. Xavier Kieffers erster Fall 2011), von Roman Voosen und Kerstin Signe Danielson (Rotwild 2013), Maxim Leo (2014), Christine Cazon, Jesper Stein, Kirsten Wulf, Annelie Wendeberg, Klara Nordin.
Die mit Abstand erfolgreichste Serie wurde dabei seit 2012 Jean-Luc Bannalecs Bretagne-Krimis, die seit 2012 im Jahresrhythmus erschienen und überwältigende Verkaufszahlen erreichten (Bretonische Verhältnisse 2012, Bretonische Brandung 2013, Bretonisches Gold 2014).

Sachbuch

Im politischen Sachbuch wurden von KiWi-Autoren im Zeitraum 2011 – 2014 nachdrückliche Akzente gesetzt, u.a. durch das singuläre Buch Patentöchter von Corinna Ponto und Julia Albrecht. Hier fand zum ersten Mal in Buchform ein persönlicher Dialog zwischen Angehörigen der Opfer und Täter des RAF-Terrors der 70er Jahre statt. Das Buch stand so in der Kontinuität selbstkritischer Reflexion der 68er Bewegung und ihre gesellschaftlichen Folgen (u.a. Gerd Koenen Das rote Jahrzehnt, 2001, Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus, 2003; Traumpfade der Weltrevolution. Das Guevara-Projekt 2008).
Joschka Fischer führte seine zeitgeschichtliche und politische Publizistik fort mit einem kritischen Blick auf die EU (Scheitert Europa?, 2014) und Günter Wallraff erweiterte seine Aktivitäten durch Gründung von kritischen Reporternetzwerken, deren Arbeit er als Herausgeber in Die Lastenträger, 2014) veröffentlichte.
Große Aufmerksamkeit erhielt 2011 auch das Sachbuch Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist von Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn, womit der Verlag an die Tradition einer kritischen Auseinandersetzung mit Fragen der Ernährung und Lebensmittelproduktion anknüpfte (u.a. die Bücher von Udo Pollmer oder Tiere essen 2010 von Jonathan Safran Foer).

Ansonsten lag wie schon in den Jahren zuvor der Akzent auf autobiografischen Veröffentlichungen (z.B. Alice Schwarzer Lebenslauf, 2011). Dies galt auch für das Feld der Kultur und Popkultur: Es erschienen Autobiografien und autobiografische Bücher von Christoph Schlingensief (2012, posthum), Leander Haußmann (2014), Hannelore Elsner (2011), Harry Belafonte (2012), Pete Townsend (2012), Neil Young (2012).
Vor allem aber erschien nach langjähriger Arbeit Anfang 2014 der erste Band der Biografie über J.C. Witsch, den Gründer und ersten Verleger des Verlags (Frank Möller Das Buch Witsch).
Die erzählerischen literaturgeschichtlichen Buchveröffentlichungen von Volker Weidermann seit 2006 (Lichtjahre/Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute) erreichten 2014 einen Höhepunkt mit Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft, einer Darstellung der literarischen Exilantenszene im Sommer 1936 mit den Protagonisten Joseph Roth und Stefan Zweig. Das Buch besetzte fast das ganze Jahr 2014 Bestsellerränge und setzte bei Kiepenheuer & Witsch die biografische Literatur Peter Härtlings, Carola Sterns oder Renate Feyls fort.

Singulär in den Jahren seit 2009 sind die Gesprächsbücher des Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo mit Helmut Schmidt (2009, 2012), mit Axel Hacke (2010), Frank Schirrmacher (als ebook 2012). Auch der Band mit Gesprächen aus dreißig Jahren (Vom Aufstieg und anderen Niederlagen) besetzte im Herbst 2014 lange die Bestsellerplätze.
Eine ähnliche Erfolgsgeschichte stellen die Bücher der WDR-Journalistin, Moderatorin und Buchkritikerin Christine Westermann dar. Ihr Buch Da geht noch was/Mit 65 in die Kurve aus dem Jahr 2013 besetzte Anfang 2014 Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und hielt sich monatelang in den oberen Rängen der Liste.

Pop / Unterhaltung

In diesem Feld hat sich Kiepenheuer & Witsch seit den 80er Jahren als Plattform für herausragende Buchveröffentlichungen einen Namen gemacht, der auch nach 2010 weiter ausgebaut wurde, u.a. erschien 2014 nach zahlreichen Buchveröffentlichungen seit den 80er Jahren das umfangreiche Standardwerk Über Pop-Musik von Diedrich Diederichsen, das auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse stand und überwältigenden Zuspruch bei Rezensenten und in der zeitgenössischen Kulturtheorie fand.

Andere Veröffentlichungen waren hier Helge Schneider mit seinem 11. Buch bei KiWi (Satan Loco, 2011), Jürgen Becker (Dalí, DalÍ 2013) und Kurt Krömer (Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will 2013).

Ein besonderes Genre Unterhaltungsliteratur für vor allem weibliche Leser entwickelte sich auch erfolgreich bei Kiepenheuer & Witsch. Herausragend waren hier die drei KiWi-Taschenbuch-Titel von Monika Peetz (Die Dienstagsfrauen 2011, Die Dienstagsfrauen gehen fasten 2012, Die Dienstagsfrauen zwischen Kraut und Rüben 2013) oder etwa Shilpi Somaya Gowdas Geheime Tochter 2012, ebenfalls in der KiWi-Reihe.