Die 90er Jahre

In den neunziger Jahren verändern sich die Strukturen des deutschen Buchhandels grundlegend (Monopolisierung) und stellen die Verleger vor besondere Herausforderungen. Einige Verlage glauben, ihre Marktstellung dadurch behaupten zu können, dass sie mehr und mehr Bücher produzieren, andere Verlage schaffen neue Imprints in der Hoffnung, Konkurrenten verdrängen zu können.

Kiepenheuer & Witsch beteiligt sich nicht an der massiven Steigerung der Bücherproduktion, die von Buchhandel und Zeitungsfeuilletons als »Über-Produktion« oder »Bücherflut« beklagt wird, und bei der oftmals die Entwicklung der Qualität nicht mit der Entwicklung der Quantität mithalten kann. Statt der Devise »mehr Titel« strafft und schärft der Verlag stetig sein Programmprofil, selektiert bei der Annahme neuer Titel kritischer und behutsamer, und gewinnt gleichzeitig neue, profilbildende Autoren hinzu. Auch Lizenzen der _Kiepenheuer & Witsch- -Bücher sind sehr gefragt, sie werden vorabgedruckt, verfilmt und weltweit in andere Sprachen übersetzt.

Eine Kooperation mit der Verlagsgruppe von Holtzbrinck, die eine Minderheitsbeteiligung erwirbt, stärkt die Stellung von Kiepenheuer & Witsch zusätzlich.

So gelingt es, dass auch die neunziger Jahre für den Verlag eine Phase stetigen Wachstums werden, obwohl bei Kiepenheuer & Witsch die Zahl der pro Jahr erscheinenden Titel in etwa gleich bleibt.


Ein Autorenverlag

Maßgeblichen Einfluss auf diesen Erfolg hat Helge Malchow, der Anfang der neunziger Jahre Cheflektor wird und heute Verleger von Kiepenheuer & Witsch ist. Ebenfalls großen Anteil am Erfolg haben die neuen Lektoren Kerstin Gleba (seit 1995) und Lutz Dursthoff (seit 1997), die beide seit Anfang 2001 als Programmleiter fungieren, Kerstin Gleba für Belletristik und Lutz Dursthoff für Sachbuch.

Seit seiner Gründung ist der Verlag immer darum bemüht, ein echtes Vertrauensverhältnis zu seinen Autoren aufzubauen – als Basis für eine enge, auf Dauer angelegte, kreative Zusammenarbeit. Offensichtlich überzeugend: Nicht nur, weil schon früh Schriftsteller wie Heinrich Böll, Saul Bellow, Nathalie Sarraute, Uwe Timm, Don DeLillo, Peter Härtling und Gabriel García Márquez ihr gesamtes Werk dem Verlag Kiepenheuer & Witsch anvertrauen. Auch weil selbst in den schwierigen neunziger Jahren zahlreiche bedeutende Schriftsteller – sowohl deutschsprachige als auch internationale – neu gewonnen werden können, die seitdem zum festen Autorenstamm von Kiepenheuer & Witsch gehören.

Neue Impulse erhält das Programm u.a. mit Autoren wie John Banville, Hansjörg Schertenleib, Emine Sevgi Özdamar, Alois Hotschnig und Lilian Faschinger, Daniel Pennac und Noëlle Châtelet, Erik Fosnes Hansen, Nick Hornby, Julian Barnes, Renate Feyl, E.L. Doctorow, Irvin Welsh und Elena Lappin, Jens Sparschuh, Anne Duden und Schriftstellern einer neuen Generation wie Christian Kracht, Bret Easton Ellis, Elke Naters, Kathrin Schmidt, Maxim Biller, Michael Kumpfmüller, Benjamin Lebert oder der chinesichen Autorin Mian Mian.

Auch Publikumslieblinge wie Mario Adorf, Renan Demirkan und Peter Ustinov schreiben für Kiepenheuer & Witsch. Für Biografien und politische Bücher stehen Ralph Giordano, Heiner Müllers Autobiografie Krieg ohne Schlacht (1992), Peter Zadeks Autobiografie My Way (1998), Franca Magnani, Alice Schwarzer, Joschka Fischer und Christoph Schlingensief.


Kabarett, Comedy und KiWi Köln

Sehr erfolgreich innerhalb der KiWi-Reihe sind Bücher von Kabarettisten wie Richard Rogler, Jürgen Becker, Herbert Knebel, Rüdiger Hoffmann und insbesondere Helge Schneider und Harald Schmidt. Auch sie gehören mittlerweile zum festen Autorenstamm von Kiepenheuer & Witsch.

Alle Bücher aus der Rubrik Kabarett & Comedy

Außerdem erweist sich eine Reihe von Titeln mit Bezug zur Stadt Köln oder der Region als so erfolgreich (Autoren sind unter anderem BAP-Sänger Wolfgang Niedecken oder der Kölner Autor Martin Stankowski), dass daraus das eigenständige Programmsegment KiWi-Köln hervorgeht.

Alle Bücher aus der Rubrik KiWi Köln


Start ins neue Jahrtausend

Neue Autoren und außergewöhnliche Bucherfolge lassen Kiepenheuer & Witsch seit der Jahrtausendwende in der öffentlichen Aufmerksamkeit nochmals deutlich an Gewicht gewinnen.

Im Jahr 2000, dem 49sten Jahr seines Bestehens, hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch einen Rekord vorzuweisen: Er verkauft so viele Bücher wie noch nie (mit Ausnahme des Jahres 1985 in dem Günter Wallraffs sensationeller Bestseller Ganz unten erschien). Michael Kumpfmüllers Debüt-Roman Hampels Fluchten erscheint und sorgt für Diskussionen. Auch Der römische Schneeball von Mario Adorf, Sabriye Tenberkens Mein Weg führt nach Tibet oder Der große Unterschied von Alice Schwarzer werden zu großen Bucherfolgen.

Nach einem derartig gelungenen Start ins neue Jahrtausend verlaufen auch die folgenden Jahre äußerst positiv.

Mit der Übernahme von 85% der Verlagsanteile durch die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck (15% verbleiben bei Reinhold Neven Du Mont) im Jahr 2002 wird die Verlagsführung neu geregelt.

Reinhold Neven Du Mont übergibt nach insgesamt 39 Jahren im Verlag Kiepenheuer & Witsch – 33 Jahre davon als Verleger an der Spitze – die verlegerische Geschäftsführung an den Cheflektor Helge Malchow, kaufmännischer Geschäftsführer wird Peter Roik.

Mitglieder der Geschäftsleitung werden neben den beiden Geschäftsführern Gaby Callenberg und 2004 Kerstin Gleba, seit 2007 auch Lutz Dursthoff sowie als assoziiertes Mitglied der Vertriebsleiter Reinhold Joppich.


Impulse für politische Debatten

Im Bereich des politischen Sachbuchs entfachen zwei zeitgeschichtliche Bücher heftige Diskussionen um die 68er-Bewegung: Die Tagebücher Rudi Dutschkes Jeder hat sein Leben ganz zu leben (2003) und Gerd Koenens Auseinandersetzung Das rote Jahrzehnt (2001) sowie seine Untersuchung der »Urszenen des deutschen Terrorismus« unter dem Titel Vesper, Ensslin, Baader (2003).

Starke Impulse für politische Debatten kommen auch von Necla Keleks Die fremde Braut (2005) und Die verlorenen Söhne (2006).

Die kritische Analyse neokonservativer Positionen in der US-amerikanischen Publizistik und politischen Theorie liefert 2005 der amtierende deutsche Außenminister Joschka Fischer, und schließt 2007 seine Erinnerungen an seine Regierungszeit und an Die rot-grünen Jahre an.

Dagegen wird Alice Schwarzer unter dem Titel Die Antwort eine feministische Bestandsaufnahme der Geschlechterverhältnisse in Deutschland 32 Jahre nach Der kleine Unterschied liefern.

Das Sachbuchprogramm wird außerdem bereichert durch Carola Stern, die nach vielen Jahren mit ihrer Autobiografie Doppelleben (2001) und ihren Künstlerbiografien Alles, was ich in der Welt verlange (2003), Auf den Wassern des Lebens (2005) und Kommen Sie, Cohn! (posthum 2006) als Autorin zum Verlag Kiepenheuer & Witsch zurückkehrt.