Unerwünschte Reportagen

1969 nimmt Neven Du Mont mit 13 unerwünschte Reportagen das erste Buch von Günter Wallraff ins Programm. Es erscheint in der neu geschaffenen pocket-Reihe.

Kein anderer Autor kennzeichnet den Neubeginn des Verlages so deutlich wie Günter Wallraff. War in früheren Verlagsjahren die Kritik an den Verhältnissen in kommunistischen Ländern das vorherrschende Thema des politischen Buchprogramms gewesen, enthüllt jetzt ein Autor erstmals Missstände und Ungerechtigkeiten im eigenen Land. Wallraff mischt sich zwar auch im Ausland, in Griechenland und in Portugal, ein, prangert in zwei Bänden »unseren Faschismus nebenan« an. Aber sein Hauptinteresse gilt den Fehlentwicklungen in der hiesigen Gesellschaft. Wie kein anderer Schriftsteller der Bundesrepublik wird Wallraff in den Folgejahren durch seine »Reportagen, Untersuchungen und Lehrbeispiele« beweisen, dass Bücher politische Veränderungen bewirken können.

Wallraff deckt in seinen Enthüllungsreportagen die verborgene Wirklichkeit der Bundesrepublik auf und legt sich mit den Mächtigen an. Das Risiko, das er und sein Verlag Kiepenheuer & Witsch dabei eingehen, ist groß. Sein Buch Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war (1977) versucht der Springer-Konzern mit einer Lawine von einstweiligen Verfügungen zu unterdrücken – erfolglos. Auch als acht Jahre später Ganz unten erscheint, gelingt es Thyssen nicht, vor Gericht die von Wallraff erhobenen Vorwürfe zu entkräften und zu verhindern, dass das Buch mit über drei Millionen verkauften Exemplaren einer der größten Bucherfolge in der Geschichte des deutschen Buchhandels wird.

In der ersten Biographie über den bekanntesten deutschen Enthüllungsjournalisten (Der Mann, der Günter Wallraff ist, 2007) macht Jürgen Gottschlich deutlich, wie der Journalist und Schriftsteller Wallraff zu dem wurde, der er heute ist, und welchen Preis er für seine Aktionen und Rollenspiele bezahlte.

Mehr über Günter Wallraff

Jürgen Gottschlich: Der Mann, der Günter Wallraff ist

Für die Neuorientierung des Verlages nach der Zäsur von 1969 steht jedoch nicht nur Günter Wallraff. Kiepenheuer & Witsch beschäftigt sich jetzt in seinen Veröffentlichungen mit progressiven Themen wie antiautoritäre Erziehung in den »Kinderläden«, mit dem kollektiven Kommunenleben, oder mit den Problemen von sozialen Randgruppen (zum Beispiel von entflohenen Fürsorgezöglingen, Heimkindern oder Obdachlosen).

In den frühen siebziger Jahren profiliert sich Kiepenheuer & Witsch durch Aufsehen erregende Bücher wie Verbrechen ohne Richter. Mord an der Umwelt in der Bundesrepublik Deutschland, dem ersten kritischen Ökologie-Buch auf dem deutschen Markt, oder durch die Veröffentlichung der Werke des Psychoanalytikers Wilhelm Reich, die bis dahin nur illegal in Raubkopien verbreitet wurden.
Immer wieder macht der Verlag mit derart gesellschaftskritischen Sachbüchern von sich reden.

Und Kiepenheuer & Witsch nimmt politisch Stellung mit mehreren Schwarzbüchern (1972, 1973, 1976 und 1980), in denen vor allem jüngere Wähler auf die reaktionären Pläne von Franz Josef Strauß und seiner damaligen CSU hingewiesen werden.

In der Literatur kommen vor allem ausländische Autoren hinzu:
Rolf Dieter Brinkmann gibt Silver Screen, einen Band mit neuer amerikanischer Lyrik, heraus und übersetzt die Lunch Poems von Frank O’Hara. 1971 übernimmt der Verlag William Burroughs und übersetzt zwei Bücher von Andy Warhol.
Auch Charles Bukowski, dessen Romane und Gedichte der Underground-Literatur zugerechnet werden, wird damals Autor von Kiepenheuer & Witsch. Zuletzt erscheint 2006 Bukowskis Tagebuch unter dem Titel Den Göttern kommt das große Kotzen.

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Charles Bukowski: Den Göttern kommt das große Kotzen


Gabriel García Márquez

Eine »Entdeckung« von besonderer Tragweite ist Gabriel García Márquez mit seinem Roman Hundert Jahre Einsamkeit (1970). Es ist das erste Buch eines lateinamerikanischen Autors, das hierzulande zu einem Bestseller wird. Für viele Leser ist die Geschichte der Familie Buendía die Initial-Begegnung mit der vielfältigen Literatur eines ganzen Kontinents.

Kiepenheuer & Witsch gibt das gesamte erzählerische Werk von Gabriel García Márquez heraus, ebenso mehrere Bände mit journalistischen Arbeiten und 2002 den ersten Band der Autobiographie des Nobelpreisträgers von 1982 Leben, um davon zu erzählen.

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Nobelpreise

Zwischen 1972 und 1982 erhalten fünf Kiepenheuer & Witsch -Autoren den Nobelpreis für Literatur.

Den Anfang macht Heinrich Böll, der ihn allen anders lautenden Vermutungen zum Trotz im Frack aus der Hand des schwedischen Königs entgegennimmt.

Ihm folgt 1973 der Australier Patrick White, 1976 Saul Bellow, dessen Gesamtwerk Kiepenheuer & Witsch in deutscher Übersetzung vorgelegt hat, 1980 Czeslaw Milosz. Und 1982 Gabriel García Márquez, der mit einem vom kolumbianischen Präsidenten zur Verfügung gestellten Jumbo – vollbesetzt mit karibischen und lateinamerikanischen Freunden – zur Preisverleihung ins dezembergraue Stockholm fliegt.