Namhafte ausländische Autoren

Noch bevor das erste Verlagsjahrzehnt zu Ende gegangen ist, kann Joseph C. Witsch zahlreiche ausländische Autoren seinem Verlagsdach beherbergen: es erscheinen Übersetzungen von Henry James, Georges Simenon, Jean Giono, Henry de Montherlant, Ignazio Silone, Marek Hlasko und Nathalie Sarraute, ebenso wie von den späteren Nobelpreisträgern Saul Bellow, Patrick White und Czeslaw Milosz.

Aber Witsch reicht es nicht, Kiepenheuer & Witsch zu einem der führenden literarischen Verlage gemacht zu haben. Er will mit Buchveröffentlichungen auch in die aktuelle politische Diskussion eingreifen. Die Kommunismus-Kritik wird dabei das dominierende Thema der Auseinandersetzung werden.

Besonders erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang der berühmte autobiographische Bericht von Wolfgang Leonhard Die Revolution entläßt ihre Kinder von 1955, der bis heute ohne Unterbrechung in immer neuen Ausgaben lieferbar gehalten werden konnte.

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Deutsche Gegenwartsliteratur

1959 wird Dieter Wellershoff Lektor bei Kiepenheuer & Witsch. Er proklamiert einen »neuen Realismus«, stellt mit Erstveröffentlichungen u.a. Nicolas Born, Günter Seuren, Günter Herburger, Renate Rasp, Günter Steffens und Rolf Dieter Brinkmann vor. Und macht damit in den sechziger Jahren den Verlag Kiepenheuer & Witsch zu dem, was er heute noch ist – eines der führenden Häuser für deutsche Gegenwartsliteratur.

Auch für den Vorstoß auf wissenschaftliches Terrain hat Wellershoff das richtige Konzept: Für die Neue Wissenschaftliche Bibliothek (eine Reihe mit Sammelbänden zur Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Literaturwissenschaft und Geschichte), verpflichtet er Herausgeber wie Jürgen Habermas, Carl Friedrich Graumann und Hans-Ulrich Wehler. Der rasche Erfolg der Gelben Reihe, verstärkt noch durch die später begonnene Studien-Bibliothek, verschafft dem Außenseiter Kiepenheuer & Witsch einen festen Platz im wissenschaftlichen Buchhandel.

Mit Ein schöner Tag wird Wellershoff 1966 selbst als Autor hervortreten, und der Verlag veröffentlicht in den Folgejahren zahlreiche Bücher von ihm. In den neunziger Jahren legt Kiepenheuer & Witsch eine sechbändige Werkausgabe von Dieter Wellershoff vor. Im Herbst 2001 erscheint sein großartiger Roman Der Liebeswunsch, zuletzt erscheint 2007 der Essayband Der lange Weg zum Anfang.

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Pionierarbeit und viele Pläne

Auch im zweiten Verlagsjahrzehnt leistet Witsch als Verleger in vielerlei Hinsicht Pionierarbeit: Anfang der sechziger Jahre stellt er der deutschen Öffentlichkeit die amerikanischen Autoren Bernard Malamud und Jerome D. Salinger ( Der Fänger im Roggen, 1962) vor.

1961 nimmt in München der von Witsch initiierte Taschenbuchverlag dtv seine Arbeit auf. Kiepenheuer & Witsch bleibt bis Ende 1998 einer von zehn Gesellschaftern. Der erste Band im dtv -Programm ist Heinrich Bölls Irisches Tagebuch.
Witsch wird Verleger von Erika von Hornstein, veröffentlicht die Trilogie Wie eine Träne im Ozean seines Freundes Manès Sperber, die Walter-Ulbricht-Biographie (1964) seiner damaligen Lektorin Carola Stern, den heute als Klassiker der brasilianischen Literatur geltenden Roman Grande Sertão (1964) von João Guimarães Rosa, und er hat den Mut, eine Ausgabe der Werke von René Schickele und eine auf elf Bände angelegte Ricarda-Huch-Gesamtausgabe zu veröffentlichen.

Aber Witsch er hat noch größere Pläne: In einem Brief an einen Freund entwickelt er die Vision von einem Universalverlag, in dem Bücher jeder Art ihren Platz finden sollen.

Kurz darauf unternimmt er eine Reise, von der er nicht mehr an seinen Schreibtisch zurückkehren wird. Im Alter von nur 60 Jahren stirbt Joseph Caspar Witsch am 28. April 1967.

Carola Stern, die von 1960 bis 1970 das politische Lektorat leitete, hat in ihrer Autobiografie Doppelleben (2001) ihre Erinnerungen an Joseph Caspar Witsch und ihre Zeit im Verlag aufgeschrieben. In dem Kapitel »Ein Herzensbruder der Autoren« schildert sie die Arbeitsabläufe unter seiner Regie und würdigt ihn als Verlegerpersönlichkeit, der es in kürzester Zeit gelungen war, Kiepenheuer & Witsch zu einem der renommiertesten Verlage Deutschlands zu entwickeln.

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Eine neue Ära beginnt

Nach dem Tod von Joseph C. Witsch ist das Schicksal des Verlages zwei Jahre lang ungewiss. Dann übernimmt 1969 Reinhold Neven Du Mont, der seit 1963 im Verlag ist, Kiepenheuer & Witsch und wird Verleger.

Das Unternehmen kann so seine Unabhängigkeit bewahren. Auch gelingt es Neven Du Mont, fast alle Autoren, die durch ihren Namen und ihre Werke das Profil des Verlages prägten, zu halten. Gleichzeitig macht eine Öffnung des Programms für sozialkritische Themen den Verlag Kiepenheuer & Witsch für neue Autoren attraktiv.