SWR-Bestenliste Oktober: Christian Kracht, Katja Lange-Müller und Matthias Brandt

mit »Die Toten«, »Drehtür« und »Raumpatrouille«

Seit 1975 stellen bekannte Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker Deutschlands die SWR-Bestenliste zusammen und informieren über Neuerscheinungen, die es sich zu lesen lohnt.

Im Oktober sind gleich drei unserer Autoren vertreten! Christian Kracht schafft es erneut wie bereits im September auf Platz 5. Sein Roman Die Toten erschien am 8. September und führt uns mitten hinein in die gleißenden, fiebrigen Jahre der Weimarer Republik, als die Kultur der Moderne, besonders die Filmkultur, eine frühe Blüte erlebte.

Auch ein zweites Mal auf der Bestenliste, diesmal auf Platz 6, ist Katja Lange-Müller mit ihrem im August erschienenen Roman Drehtür.

Die persönliche Empfehlung kommt diesmal von Elmar Krekeler. Er legt den Lesern das literarische Debüt Raumpatrouille von Matthias Brandt ans Herz:

„Ein Junge in einer weißen Villa in Bonn. Er ist zehn. Seine Mutter ist melancholisch. Sein Vater macht in Staatsgeschäften und fährt mit Herrn Wehner Rad. Vor dem Haus hört der Wachschutz Ricky Shayne. Hin und wieder geht der Junge Kakaotrinken zum Nachbarn, dem Herrn Lübke, der auf den Rasen starrt, weil er den Verstand verliert, von dem viele im Land sagen, er habe ihn gar nicht. Matthias Brandt erzählt Geschichten. Er ist Schauspieler, ein großer dazu, und jüngster Sohn von Willy Brandt. „Raumpatrouille“ ist sein schriftstellerisches Debüt. Und was Brandt im „Polizeiruf“ macht und überhaupt in allen seinen Fernsehrollen, macht er in seinen Geschichten auch. Er vergrößert Momente. Lässt sie ins Allgemeingültige für eine ganze bundesrepublikanische Kindheit kippen. „Raumpatrouille“ ist eine Sammlung feiner zeitgeschichtlicher Raumkapseln. Ein Buch der Einsamkeit, der frühen Erwachsenwerdens und der Liebe zu einem schwierigen Vater.“



Christian Kracht
Die Toten

Platz 5 Christian Kracht mit »Die Toten«

Der Roman führt uns mitten hinein in die gleißenden, fiebrigen frühen dreißiger Jahre, als die Moderne, besonders die Filmkultur, ihre vorerst letzte Blüte erlebte. In Berlin, »dem Spleen einer unsicheren, verkrampften, labilen Nation«, versucht ein Schweizer Filmregisseur, euphorisiert durch einen gewissen Siegfried Kracauer und eine gewisse Lotte Eisner, den ufa-Tycoon Alfred Hugenberg zur Finanzierung eines Films zu überreden, genauer gesagt: eines Gruselfilms, genauer gesagt: in Japan. Dort, auf der anderen Seite des Globus, bereitet zur selben Zeit der geheimnisvolle Japaner Masahiko Amakasu ein Komplott gegen die internationale Allmacht des Hollywoodfilms vor.


Katja Lange-Müller
Drehtür

Platz 6 Katja Lange-Müller mit »Drehtür«

Was vom Helfen übrig bleibt: Wie geht es jetzt weiter, fragt sich die ausgemusterte Krankenschwester Asta, nachdem sie von ihrem letzten Einsatz in Nicaragua zurückgekehrt ist. Über 20 Jahre war sie im Dienst internationaler Hilfsorganisationen tätig, was also braucht sie mehr, als gebraucht zu werden? Nun steht sie ratlos neben einer Drehtür am Münchener Flughafen, beobachtet Menschen, die sie an andere Menschen erinnern, lässt ihr abenteuerliches Leben Revue passieren und kann sich selbst weder helfen noch helfen lassen.

Katja Lange-Müller zeigt mit Sinn für Komik und Abgründiges, wie Erinnerung und Phantasie ineinanderfließen, wenn jemand um sein Leben erzählt.


Matthias Brandt
Raumpatrouille

Elmar Krekelers persönliche Empfehlung: »Raumpatrouille« von Matthias Brandt

Die Geschichten in Matthias Brandts erstem Buch sind literarische Reisen in einen Kosmos, den jeder kennt, der aber hier mit einem ganz besonderen Blick untersucht wird: der Kosmos der eigenen Kindheit. In diesem Fall einer Kindheit in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts in einer kleinen Stadt am Rhein, die damals Bundeshauptstadt war. Einer Kindheit, die bevölkert ist von einem manchmal bissigen Hund namens Gabor, von Herrn Vianden, mysteriösen Postboten, verschreckten Nonnen, kriegsbeschädigten Religionslehrern, einem netten Herrn Lübke von nebenan, bei dem es Kakao gibt und dem langsam die Worte ausgehen. Es gibt einen kauzigen Arbeitskollegen des Vaters, Herrn Wehner, einen Hausmeister und sogar einen Chauffeur, da der Vater gerade Bundeskanzler ist.