Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium 2014

für Stefanie de Velasco

Stefanie de Velasco

Stefanie de Velasco erhält, neben der österreichischen Autorin Sarah Michaela Orlovský, das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium 2014

Eine unabhängige Jury wählte die beiden Stipendiatinnen anhand der Einreichungen zum Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 aus. Am 13. März wurde der Preis auf der Leipziger Buchmesse verliehen.

Wir gratulieren unserer Autorin herzlich zu dieser Auszeichnung!

Aus der Jurybegründung:

»›Wenn man anfängt, über die eigene Kindheit nachzudenken, dann ist sie vorbei‹– davon erzählt Stefanie de Velasco in ihrem Debütroman Tigermilch. Im Mittelpunkt: zwei 14-jährige Mädchen zwischen kindlicher Regression, pubertären Allmachtsphantasien und Selbstzerstörung. Eine Pikareske, kein sozialrealistischer Problemroman. Der Duktus der Ich-Erzählerin ist nicht bildungsbürgerlich gepflegt. Dafür sind beide Heldinnen mit einem guten Gespür für die sprachlichen Posen der Erwachsenen ausgestattet und gewappnet mit einem ganzen Arsenal sprachlicher Überlebensstrategien zwischen Nonsens und Provokation. Stefanie de Velasco lässt wenig von dem aus, was uns derzeit ständig als Schlagzeilen über schwierige Milieus erreicht, aber sie prangert nichts an, sondern benutzt diese bekannten Versatzstücke als Requisiten für ein gekonntes Spiel mit den Erwartungshaltungen des Lesers.«

Der Preis wird seit 2010 jährlich vom Deutschen Literaturfonds und dem Arbeitskreis für Jugendliteratur vergeben.

Pressemitteilung des Deutschen Literaturfonds


Über die Autorin

Stefanie de Velasco, geboren 1978 in Oberhausen, studierte Europäische Ethnologie und Politikwissenschaft in Bonn, Berlin und Warschau. 2011 erhielt sie für den Anfang ihres Debütromans den Literaturpreis Prenzlauer Berg, 2012 war sie Stipendiatin der Schreib­werkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung. 2013 erhielt sie das Schreibstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen. Derzeit ist sie Stipendiatin der Dreh­buchwerkstatt München. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Stefanie de Velasco liest »Tigermilch«


Tigermilch

Über das Buch

Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren vierzehn Jahren eigentlich erwachsen, finden sie. Deswegen kaufen sie sich Ringelstrümpfe, die sie bis zu den Oberschenkeln hochziehen, wenn sie ganz cool und pomade auf die Kurfürsten gehen, um für das Projekt Entjungferung zu üben.

Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft auf der Schultoilette.
Sie nennen das Tigermilch und streifen durch den Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte. Die beiden Freundinnen lassen sich durch die Hitze treiben, sie treffen nicht Tom Sawyer oder Huck Finn, aber hängen mit Nico ab. Nico, der in der ganzen Stadt »Sad« an die Wände malt und Nini ein Gefühl von Zuhause gibt. Sie machen Bahnpartys, rauchen Ott in Telefonzellen und gehen mit Amir ins Schwimmbad. Amir, den sie beschützen wie einen kleinen Bruder. Und dessen großer Bruder Tarik im Dauerstreit mit seiner Schwester liegt, weil diese sich in einen Serben verliebt hat.

Zum Buch


Die Laudatio von Michael Schmitt

Leipzig, 13. März 2014

In Stefanie des Velascos Roman Tigermilch geht es rasant zur Sache. Ein halbes Dutzend Seiten, schon ist schon das Elend von sozialschwachen Familien in Berlin und das Drama von Exilanten, die von der Abschiebung bedroht sind, umrissen. Zwei befreundete junge Mädchen, die zu viel billigen Cognac in selbstgebrauten Mischgetränken runterkippen, haben sich vorgestellt, haben ein paar knappe Überlegungen angestellt, wann man erwachsen ist, haben jedoch auch erkennen lassen, dass die eine Freundin über die prekäre Lage der anderen, die vielleicht nur noch drei Monate lang in Deutschland wird leben dürfen, ein bisschen wenig weiß.

Assoziativ verkettete Erinnerungen und schnelle Dialoge wechseln sich ab. In wenigen Zeilen geht es von einem hin gespuckten Kaugummi, den die Erzählerin als kleines Kind mit der Hand ihrer Barbie-Puppe vom Bürgersteig aufgepickt und in den Mund steckt, zur ersten Zigarette im Alter von elf und zu ein paar anderen Dingen, die man auch in den Mund nehmen kann, wenn man erstmal vierzehn ist.

Erinnert sich ein Leser nach so einer Höllenfahrt, nach fünf, sechs Seiten, noch daran, dass diesem Roman ein Gedicht des Romantikers Joseph von Eichendorff vorangestellt ist?

»In einem kühlen Grunde
da geht ein Mühlenrad;
Mein’ Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.
(…)
Hör ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will,
Ich möchte am liebsten sterben,
Dann wär’s auf einmal still.«

Das ist der Grundton, auf den der Roman gestimmt ist – und Tigermilch bedient daher auch nicht das verbreitete Interesse an, sagen wir mal: Schmuddel-Themen sondern hat einen Platz in einem Netz literarischer Referenzen.

Beispielsweise unter diesen:
Wenn die beiden »erwahrlosten« Mädchen, Nini und Jameelah, ab und an auf der Berliner Kurfürstenstraße in Ringelstrümpfen herumstehen und gemeinsam mit Freiern nach Hause oder ins Hotelzimmer gehen, erinnern sie an Die Kinder vom Bahnhof Zoo.

Die Tigermilch, die dem Roman den Namen gibt, eine Mischung aus etwas Milch, viel Maracujasaft und billigem Cognac, ist hingegen der legitime Nachfolger jener »Moloko plus«, jener Milch mit Mehrwert, die in der Korona-Milchbar in Anthony Burgess Romanklassiker Clockwork Orange von 1961 ausgeschenkt wird und den bösen Alex bei seinen Exzessen befeuert.

Auch dieser Alex in Burgess’ Roman ist gerade mal fünfzehn – denken Sie bitte nicht Malcolm Mc Dowell in Kubricks Verfilmung, der war viel zu alt für die Rolle, – und auch Alex erfüllt, wie Nini und Jameelah, eine gesellschaftliche Rolle als Abschaum, als Opfer und Täter, als jemand, der in einem Kollektiv gebraucht wird, damit dieses Kollektiv sich im Kontrast als moralisch höherwertig definieren kann.

Doch anders als der destruktive Alex sind Nini und Jameelah in Stefanie de Velascos Roman keine aggressiven Protagonistinnen. Eher sind sie anarchisch, eher mit einem fast alles zersetzenden Witz begabt. Der Roman lässt nichts von dem aus, was als Schlagzeilen die bundesdeutsche Gegenwart plakatiert, wenn es um soziales Elend, verwahrloste Kindheiten und Migrantenschicksale geht, Ehrenmord eingeschlossen – aber was im sogenannten Problemroman und für Sozialpädagogen der Gegenstand von Aufklärung und Appellen sein könnte, wird für die beiden Mädchen zum reinen Sprachspiel: Die beiden wissen alles – soweit es um die Sprachformeln geht, mit denen sich die Gesellschaft über sich selbst verständigt.

Sie zitieren diese Floskeln geläufig herbei, verschrotten sie aber zugleich durch Übersteigerung, durch Naseweisheit und durch ihr Verhalten, denn sie wollen gewappnet sein, für später, wenn sie erwachsen sein werden und das Leben wirklich anfängt. Sie üben noch, sie rüsten sich nur. Sie rüsten sich vor allem für sprachliche Gegenwehr.

Tigermilch spielt mit den Versatzstücken unserer Vorstellungen von sozialen Missständen, und das ist oft sehr komisch, sehr witzig – aber auch der beste Witz hat einen schmerzenden Kern, und damit sind wir wieder bei Joseph von Eichendorff:

»Hör ich das Mühlrad gehen,
Ich weiß nicht, was ich will,
Ich möcht am liebsten sterben,
Dann wär’s auf einmal still.«

»Wenn man Erinnerungen an die eigenen Kindheit hat, dann ist diese Kindheit vorbei«, heißt es sinngemäß in Tigermilch. Aber wo steht man dann? Ist man erwachsen, nur weil man sich Kleider mit vierzehn selbst kauft und das Geld dafür unter dubiosen Umständen auch selbst verdient hat? Nini und Jameelah haben keinen Ort, wo sie jetzt, in der Erzählgegenwart, in Frieden bleiben könnten; sie haben aber, schlimmer noch, auch keine Vorstellung von einem Ort, der anders wäre als ihre Gegenwart, an dem sie später vielleicht einmal leben möchten. Wie Stefanie de Velasco das inszeniert, nicht als Frage nach Schuld oder nach Moral, sondern als ein Feuerwerk, das abbrennt und die Heldinnen dabei auch verbrennt, das ist das erzählerische Bravourstück, das diesem Buch gelingt.