15.10.2012

Don DeLillo Übersetzer Frank Heibert erhält Ledig-Rowohlt-Preis/ Laudatio: Michael Kumpfmüller

Unterwelt

Don DeLillos deutsche Stimme

Der Übersetzer Frank Heibert erhält in diesem Jahr den mit 15 000 Euro dotierten Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis.

Die Jury der in Hamburg ansässigen Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung würdigte vor allem seine Übertragung des Romans Unterwelt. Frank Heibert habe eine Sprache gefunden, die dem Meisterwerk des amerikanischen Autors Don DeLillo auch in Deutschland zum Erfolg verholfen habe. Auch andere bedeutende Autoren wie Mark Twain, Tobias Wolff und Richard Ford habe der 51-Jährige Heibert „exzellent“ ins Deutsche übertragen.

Der Preis wurde während der Frankfurter Buchmesse am 13. Oktober 2012 verliehen, die Laudatio (im Wortlaut siehe unten) hielt der Schriftsteller und Kiepenheuer & Witsch-Autor Michael Kumpfmüller. Frank Heibert hat zuletzt Don DeLillos Erzählungsband Der Engel Esmeralda übersetzt.

Homepage Frank Heibert

Michael Kumpfmüller: Laudatio auf Frank Heibert zum Ledig-Rowohlt-Preis 2012

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Frank Heibert,

I
Preise sind eine feine Sache. Sie sind materialisiertes Lob, der redliche Lohn für getane Arbeit, könnte man sagen, also beinahe so etwas wie ein Recht. Und wer wollte bezweifeln, dass Frank Heibert, die „deutsche Stimme Don DeLillos“ (Buchreport) zu Recht mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt Preis ausgezeichnet wird.

Aber die Sache ist doch etwas komplizierter, als es scheint, um nicht zu sagen: tückisch.

Das Bedürfnis nach Anerkennung ist menschlich. Wir alle wollen für unsere Taten gelobt werden, die großen wie die kleinen, denn nichts ist so beflügelnd wie ein Lob, das für vergangene Mühen entschädigt und zu noch kommenden ermutigt.

Für niemanden gilt dies mehr als für den Künstler, den Übersetzer inbegriffen. Hat er nicht alles gegeben, als er – sagen wir – diese Musik schrieb oder dieses Buch? Schuldet ihm die Gesellschaft dafür nicht Dank? Ich würde glatt sagen: Nein. Denn es hat den Künstler ja niemand gebeten, ein Buch oder eine Musik zu schreiben, und zwar unabhängig von der Frage des eintretenden oder ausbleibenden Erfolgs.

Wir alle wünschen uns Erfolg. Aber entscheidet Erfolg darüber, was wir tun und ob und wie wir es tun? Das hieße doch, sich auf Gedeih und Verderb denjenigen auszuliefern, die sich aus irgendwelchen Gründen ermächtigt sehen, andere zu loben (oder aber zu tadeln), den Kritikern, also eigentlich den Eltern.

Lernt – so kann man ja fragen – ein Kind laufen, weil die Eltern es dafür loben, oder lernt es laufen, weil es das Laufen in sich trägt, also gar nicht anders kann, Lob hin oder her?

Mein These ist: Gelobt zu werden ist schön, es hebt die Stimmung, die innere Temperatur, aber es kann nicht Bedingung für unser Tun sein. Es gibt kein Recht auf Lob, und es ist – als nachträgliche Gabe – eigentlich auch überflüssig. Denn: Wer bei beim Schreiben, Übersetzen (bei was auch immer) nicht zufrieden ist, seinen Lohn nicht empfängt, wird ihn später nicht bekommen. Der Lohn steckt im Tun. Und genau darin besteht am Ende unsere Freiheit: Wir tun und lassen, was wir wollen (na ja), und übernehmen dafür die volle Verantwortung.

II
Ich habe Frank Heibert im März 2001 – zusammen mit seinem Mann, den Ihnen allen bekannten Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel – auf der Buchmesse in Paris kennengelernt. Über diese – sehr französische – Erfahrung, ich meine die Buchmesse, möchte ich lieber schweigen, sie war auch nicht die Hauptsache. Die Hauptsache war, dass wir uns trafen. Frank Heibert war von Anfang an freundlich zugewandt – ein gutaussehender, neugieriger, schneller, etwas hibbeliger Mann.

Wir kamen beim Kennenlernen gut voran, wie das unter glücklichen Umständen manchmal möglich ist, und redeten über die Liebe und die Arbeit, also über alles. Und Frank Heiberts letzte Arbeit, das war die Übersetzung von Don DeLillos Jahrhundert-Roman „Underworld“ , für die allein er diesen Preis verdient hätte und tatsächlich ja auch ausdrücklich bekommt.

Ich habe wenige Bücher so oft gelesen wie dieses, kürzlich zum vierten Mal. Immer in Übersetzung, so dass ich für meinen Fall sagen kann, ohne Frank Heibert hätte ich dieses Buch nicht, er hat es mir geschenkt, und dabei möchte ich mich ohne dieses Buch inzwischen nicht mehr denken.

Meine Bewunderung für diese Übersetzung ist grenzenlos, denn um diese reiche Sinfonie über den Krieg und die Kunst des 20. Jahrhunderts übersetzen zu können, muss einer den ganzen Reichtum der deutschen Sprache mobilisieren, vielleicht aller Sprachen, die je gesprochen wurden.

Die Lektüre von Underworld ist – zumal für einen Schriftsteller – auch beim vierten Mal eine fast demütigende Erfahrung. Man fühlt sich sehr klein und schrumpelig, alles steht im Schatten dieser fast 1000 Seiten, deren Stoff und Sprache so überbordend total sind, dass man meint, nie wieder eine eigene Zeile schreiben zu dürfen. Doch dann, im nächsten Moment, ist da der allergrößte Trost, die Freude, dass es Bücher wie dieses gibt, so unerschöpflich in seinen Farben Tönen Stimmen, dass man – ich übertreibe nicht – weinen möchte vor Glück.

Genau das lernen wir ja aus Büchern, die wir lieben: die Summe der Möglichkeiten, die da immer waren und sein werden, die des Lebens und die des Redens und Schweigens.

III
Ich habe mich oft gefragt, wie Frank Heibert das gemacht hat und bis heute bei allen seinen Übersetzungen macht. Sie alle kennen diese Fragen. Was eigentlich ist Übersetzen? Wie wird aus dem einen ein anderes, das ohne ersteres nichts wäre und dennoch ein eigenes ist? Stehen Schriftsteller und Übersetzer da womöglich vor ähnlichen Fragen, machen sie ähnliche Erfahrungen?

Ich denke, ja, und fange mit den Schriftstellern an. Keiner ist wie der andere, ich weiß, dennoch wird man mit aller Vorsicht sagen können, dass die wenigsten einfach so los schreiben, sondern eine Phase, sagen wir, der Sammlung durchlaufen. Noch bevor der erste Satz geschrieben ist, formiert sich der Text im Kopf, oder wo immer sich Texte im Körper eines Schriftstellers formieren. Irgendein vages Ganzes ist da am Entstehen, schwer zu fassen, aber eindeutig zu vernehmen, wie ein entfernter Gesang, der beim Schreiben später in aller Mühsal rekonstruiert und entfaltet werden muss, Zeile für Zeile.

Diesen Traum eines Textes – denn so möchte ich die Sache nennen – muss einer haben, bevor er sich an die Arbeit machen kann.

Ich denke, auch der Übersetzer hat so einen Traum, einen Abdruck, wie meine Frau, Eva Menasse, das einmal genannt hat, ein Mal, an dem es sich immer wieder zu orientieren gilt, mit allen menschlichen Fehlern und Unzulänglichkeiten, von den Gesetzen und Grenzen der beteiligten Sprachen abgesehen. Aber da ist etwas, im Kopf, in der Seele, wo auch immer. Etwas, das beide – den Schriftsteller wie den Übersetzer – nötigt (man ist nicht frei, man muss sich etwas Höherem fügen) und zugleich alle Optionen von Freiheit in ihnen aufruft.

Nicht alles ist übertragbar, gut, das versteht sich. Manchmal muss man springen, manchmal muss man (ver)dichten, träumen, weggehen, seine eigenen Wege gehen, immer in der Spannung von Mut und Demut.

Das ist für mich der wunderbare Beruf des Übersetzers.
Lieber Frank Heibert, ich hoffe, Sie wissen sich in diesem Sinne zu schätzen.

IV
Sie und ich sind jetzt in einem komischen Alter, knapp jenseits der fünfzig, so dass man noch jede Menge Pläne hat und zugleich hie und da Bilanz zieht. Auch dieser Preis ist ja eine Art Bilanz. Nach all den Jahren des Werkens blickt man auf einmal auf ein Werk, das wie nebenbei entstanden ist, fast, als hätte es sich selbst gemacht. Aber das ist nicht wahr. Man muss als Autor und Übersetzer durch jede Zeile durch, bei Frank Heibert sind es Tausende von Tausenden, denn er hat bis heute an die 100 Stücke und fast 80 Romane und Erzählbände übersetzt, unglaublich.

Berühmte Namen stehen auf seiner Werk-Liste, die Amerikaner (ich folge dem Alphabet) Don DeLillo, Tristan Egolf, Richard Ford, Lorrie Moore und Tobias Wolff. Aber auch aus dem Französischen hat er übersetzt, in sehr jungen Jahren Boris Vian und (um eine berühmte Theaterautorin zu nennen) Yasmina Reza, hin und wieder auch etwas Italienisches oder Portugiesisches.

Doch sein Markenzeichen sind die Amerikaner. Dabei ist Frank Heibert kein Anglist, er hat Romanistik und Germanistik studiert, er wollte schon in sehr jungen Jahren übersetzen, hatte jahrelang einen eigenen Verlag – kurz: er wusste immer, was er wollte, war aber jederzeit bereit, sich von sich selber überraschen zu lassen.

Auch das, was wir getan haben, wird uns womöglich noch überraschen, denn wir wissen nicht, was bleibt. Keiner weiß es. Romane, Erzählungen, Gedichte, Stücke haben ihre Zeit, Übersetzungen auch. Die Dinge verwittern, unterschiedlich schnell, manches erweist sich als haltbar, anderes nicht.

Aber es bleibt die Freude am Text, dass da etwas ist, was vorher nicht war, an dem man mit Hammer und Meißel gearbeitet hat, im Schweiße seines Angesichtes, unter Einsatz seines Körpers.

Schreiben ist auch etwas Körperliches, ein physischer Akt, der Spuren hinterlässt, nicht nur als Erschöpfung am Ende des Tages, sondern als Gravur, als eine Tätowierung des Geistes. Das alles sind sehr intime, schwer fassbare Vorgänge. Als Autor kann ich nur sagen, dass es kaum etwas Intimeres gibt, als übersetzt zu werden. Übersetzer wie Frank Heibert kriechen ihren Autoren unter die Haut. Der Übersetzer sieht alles, kleine Hautunreinheiten, Falten, die Schuppen im Haar, wenn er den Text wie eine Affenmutter nach Läusen absucht, er riecht ungewaschene Füße, faule Kompromisse und falsche Kombinationen.

Deshalb kommt es zwischen Autor und Übersetzer manchmal zu inniger Nähe (selbst wenn man sich nur schreibt), meistens auf Zeit, manchmal auch auf Dauer, dann hat die gemeinsame Arbeit eine Pointe der Freundschaft gefunden, wie es bei Frank Heibert und einigen seiner Autoren mehrfach geschehen ist. Was kann einem Größeres geschehen als das, denke ich. Aus einem Haufen Worte wird ein belastbares Gewebe aus Nähe und Zärtlichkeit.

Ich gratuliere Frank Heibert zum Heinrich Maria Ledig-Rowohlt Preis und beglückwünsche die Jury zu Ihrer vortrefflichen Wahl.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

© Michael Kumpfmüller