Die späte Enttarnung von Karl-Heinz Kurras als Stasi-Spion erregt die Gemüter und wirft Fragen auf. Bis hin zu derjenigen, ob die Geschichte der Radikalisierung der deutschen Gesellschaft nach 1967 nicht neu bewertet werden muss.

Der heute 81-jährige Pensionär Kurras, der als Westberliner Polizist am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg auf der Anti-Schah-Demonstration in Berlin aus nächster Nähe erschoss, hat inzwischen zugegeben, Mitglied der SED und Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gewesen zu sein.

Es war ein Schuss, der die Republik veränderte:

Der Tod des unschuldigen 26-jährigen Studenten Ohnesorg und die anschließenden Versuche der Polizei, die Tat zu vertuschen, trugen nicht unerheblich zur Radikalisierung der Studentenbewegung bei. Deren Militanz, die später in Gewalt und Terror umschlug, nahm an diesem 2. Juni 1967 ihren Ausgang.

 

»Es wäre trotzdem zur Protestbewegung gekommen.« Uwe Timm im FAZ-Interview

© Isolde Ohlbaum

Der Schriftsteller und K&W-Autor Uwe Timm gilt nicht nur aufgrund seiner frühen und intensiven Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung als einer der wichtigsten Erzähler seiner, der »68er«-Generation. Er war auch mit Benno Ohnesorg befreundet. Über diese Freundschaft hat Uwe Timm 2005 das Buch Der Freund und der Fremde geschrieben.

Mit der Frankfurt Allgemeinen Zeitung sprach Uwe Timm nun über die neuen Erkenntnisse im Fall Kurras, ihre Konsequenzen für die Bewertung der damaligen Ereignisse sowie für sein Buch Der Freund und der Fremde.

 

»Über Karl-Heinz Kurras würde ich gern eine Biographie lesen. Noch kann man ihn ja fragen, wenn er denn Antworten gibt.« Uwe Timm im FAZ-Interview

Während seines Studiums der Philosophie und Germanistik in München und Paris erlebte der 1940 in Hamburg geborene Uwe Timm den Aufbruch Ende der 1960er Jahre als Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) aktiv mit. 1971 promovierte er über Albert Camus und ließ sich kurz darauf als freier Schriftsteller nieder. Timm veröffentlichte in der Folge ein vielseitiges Werk mit Romanen, Erzählungen, Essays, preisgekrönten Kinder- und Jugendbüchern und Lyrik, das mit den Erfahrungen aus der 68er-Bewegung und dem Verlust einer gesellschaftlichen Utopie verbunden blieb. Timm hat drei Romane zur Studentenbewegung geschrieben (Heißer Sommer, Kerbels Flucht, Rot) sowie das Buch über seine Freundschaft mit Benno Ohnesorg Der Freund und der Fremde.

Benno Ohnesorg, ebenfalls 1940 geboren, war Freund und Gefährte Uwe Timms, als beide Anfang der sechziger Jahre am Braunschweig-Kolleg das Abitur nachholten. Ein eigenwilliger, zurückhaltender, auf eine stille Art entschlossener junger Mann, der malt und die Werke der französischen Moderne liest, selbst Gedichte schreibt und zum ersten Leser Uwe Timms wird.

Timm erzählt in Der Freund und der Fremde mit poetischer Intensität nicht nur die Geschichte einer großen, gewaltsam beendeten Freundschaft. Sein Buch vermittelt auch, wie eine Generation aus dem Existentialismus zur politischen Rebellion kommt und wie auf geheimnisvolle Weise jenseits der Generationserfahrung Freundschaften und Liebesbeziehungen ein Netz der Korrespondenzen schaffen, das man erst spät als sein eigenes Lebensmuster erkennt.

 

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