In einem Monat erscheint sein kühnes Meisterwerk über den Terror des 11. September auf Deutsch: Don DeLillos Roman “Falling Man” vom Fall der Türme und von seinen Schockwellen im Privaten wird Ende Oktober in der Übersetzung von Frank Heibert bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht.
Die deutsche Presse war schon bei der Publikation der Originalausgabe im Sommer voll des Lobes:
Don DeLillo – immer noch der aufregendste Schriftsteller seiner Generation – gelingt es in seinem großartigen Roman, auf den Schock des 11. September eine Antwort zu finden. Georg Diez, Die Zeit
Ein Buch, in dem die Erschütterung, die damals die Welt aus den Angeln hob, in jeder Zeile nachbebt. Neue Zürcher Zeitung

Zum Jahrestag der Terroranschläge auf das World Trade Centre gab Don DeLillo der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eines seiner seltenen Interviews. Darin äußert er sich zum Lärm und der Leere an Ground Zero, zur Logik des Terrors und einer möglichen Wiederkehr des Kalten Krieges.

Zum FAS-Interview: Was erzählt uns der Terror, Don DeLillo?
und das Interview im Wortlaut:

Verschwörung, Terror, die Bombe, die Macht der Medien – und wie sie seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unsere Wahrnehmung der Welt beherrschen, das sind die großen Themen von Don DeLillo. Im Interview spricht der 70-Jährige von Lärm und Leere an Ground Zero, von der Logik des Terrors und von einer möglichen Wiederkehr des Kalten Krieges.

Der sechste Jahrestag der Anschläge steht bevor – wie nah, wie fern ist Ihnen der Fall der Türme?

Don Delillo: Er ist noch immer sehr nah, und natürlich habe ich ständig daran gedacht, weil ich darüber geschrieben habe. Ich habe noch nie einen Roman geschrieben, dem ich mich so wenig entziehen konnte, weil das Ereignis, das diesen Roman erzeugt hat, noch immer seine Schatten wirft.

Versetzt es Ihnen immer noch einen Stich, wenn Sie nach Manhattan kommen und die Lücke in der Skyline sehen?

Don Delillo: Ja, die Leere ist auf eine unheimliche Weise präsent. Wenn man direkt in Ground Zero ist, hört man nur den Lärm, auf dem Gelände selbst und in den angrenzenden Straßen. Ich war gestern Abend noch dort, und der Lärm ist wirklich unerträglich. Es wirkt wie eine ganz normale Baustelle. Die Narbe ist sichtbar und zugleich unsichtbar geworden. Man liest dann höchstens, dass auch die Deutsche Bank dort baut und es bei den Arbeiten zu einem Unfall gekommen ist, was dann wieder wie eine periphere Erinnerung wirkt. Ich glaube, einige Leute sind auch der jährlichen Erinnerungsfeiern müde, sie wollen nichts mehr davon hören; andere wiederum brauchen es sehr, vor allem die Überlebenden und diejenigen, die Freunde und Angehörige verloren haben. Ich kümmere mich nicht um die offiziellen Gedenkfeiern, es ist einfach in meinem Kopf. Ich finde allerdings die ganze Neugestaltung gespenstisch, so vieles ist unentschieden, obwohl so viel Zeit vergangen ist. Heute scheint keiner zu wissen, was gebaut wird. Von Daniel Libeskinds Entwurf habe ich gar nichts mehr gehört. Da sind der Staat, eine enorme städtische Bürokratie und ein paar sehr, sehr reiche Individuen. Aber es soll demnächst ja wieder eine Präsentation geben.

Die Türme haben eine deutliche Spur in Ihren Büchern hinterlassen, von „Spieler“, wo es heißt, „Pammy erschienen die Türme als etwas Vorübergehendes“, über das Bild auf dem Buchumschlag von „Unterwelt“ bis zu Martin, dem Kunsthändler mit der obskuren Vergangenheit in „Falling Man“, der sagt, man baue so etwas nur, um es fallen zu sehen.

Don Delillo: Die Türme schienen damals übergroß, man konnte sie gar nicht übersehen. Sie verzerrten die Skyline von Lower Manhattan. Sie waren keine attraktiven Gebäude, ich glaube, in einem meiner Bücher sagt jemand, der einzige Trost sei, dass es zwei von ihnen gibt, so dass eine Balance entstünde. Erst als sie weg waren, fing man an, sie zu vermissen.

Haben Sie jemals daran gedacht, dass die Türme zum Ziel eines terroristischen Angriffs werden könnten?

Don Delillo: Ich habe gelegentlich an Unfälle gedacht, dass ein Flugzeug mit ihnen kollidiert, wie es vor vielen Jahren am Empire State Building passiert ist, aber ich habe mir nie vorgestellt, dass sie tatsächlich einstürzen könnten.

Man hat Sie ja auf Grund Ihrer Bücher zum Propheten ernannt. Ich weiß, dass Sie das nicht kümmert, aber ist es nicht dennoch gespenstisch, wie nah die Fiktion der Realität gekommen ist?

Don Delillo: Eigentlich nicht. Drei Tage nach den Anschlägen rief mich ein Bekannter an und fragte: „Hast du dir kürzlich noch mal das Cover von ,Unterwelt’ angesehen?“ Bis zu dem Moment hatte ich nie bewusst wahrgenommen, dass die Twin Towers auf dem Umschlag abgebildet sind. Es gibt keine Propheten! Es ist doch eher so, dass Menschen an etwas Transzendentes, eine höhere Macht, glauben wollen, insbesondere im Angesicht einer Katastrophe.

Der Terrorismus spielt in Ihren Büchern eine wichtige Rolle. Als „Mao II“ 1991 herauskam, haben Sie in einem Interview gesagt, Terror sei eine Sprache und eine Vision, in seinen Aktionen liege so etwas wie eine narrative Struktur. Worin liegt denn für Sie die große Erzählung des Terrorismus?

Don Delillo: Ich glaube, dass sich die Attentäter nicht mal in ihren wildesten Phantasien vorstellen konnten, was ihnen mit den Anschlägen gelingen würde. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Türme oder das Pentagon zweckmäßige Ziele für einen Angriff auf das Herz Amerikas waren. Die Türme waren für Männer in entführten Flugzeugen unwiderstehlich. Einer aus der Führung von Al Qaida hat gesagt: Wir lieben den Tod mehr, als der Westen das Leben liebt, und das war Teil ihrer Philosophie.

Gibt es deshalb auch in „Falling Man“ die drei kurzen Einschübe, in denen Sie versuchen, sich in den Kopf eines der Terroristen zu versetzen?

Don Delillo: Ich hatte das Gefühl, ein Individuum verstehen zu müssen, nicht die Gruppe oder einen ihrer Anführer. Ich hatte eine Bemerkung von Joseph Conrad im Hinterkopf, dass aus persönlichen Impulsen oft ein Glaubensbekenntnis wird oder dass sie als ein solches missverstanden werden. Mir ging es um Hammads Gefühle gegenüber der Gruppe, der er sich anschließt. Was er in seinem Leben brauchte, war eine Struktur, jenseits von Politik, Geschichte und Religion, und er fand sie in der geschlossenen Bruderschaft, die sich dem Kampf gegen den Westen gewidmet hatte. Er fing an, den Gedanken an den Tod mehr zu lieben als das Leben, das wird zu seinem Glaubensbekenntnis. Und das ist ansteckend, wir können diesen Prozess in einer viel harmloseren Form auch bei anderen Gruppen beobachten.

Und die seltsame Verbindung zwischen dem Schriftsteller und dem Terroristen, von der in „Mao II“ die Rede ist?

Don Delillo: Es ist wichtig zu betonen, dass dort ein Schriftsteller spricht, der sich deutlich von mir unterscheidet. Hätte ich einen Essay geschrieben, hätte ich das nie so formuliert. Richtig daran ist aber, dass früher Romanautoren oder Dichter einen größeren Einfluss darauf hatten, wie Menschen die Welt wahrnehmen. In dieser sehr begrenzten Hinsicht haben Terroristen die Rolle des Schriftstellers eingenommen.

Sie haben ja einen Essay geschrieben, im Dezember 2001, der „In den Ruinen der Zukunft“ heißt.

Don Delillo: Ich fühlte mich zum Schreiben geradezu genötigt, ich bin, sobald es möglich war, nach Lower Manhattan gefahren, so nah wie möglich an den Ort des Geschehens. Ich musste es einfach, doch selbst als ich dort war, war da nicht die leiseste Ahnung, dass ich einen Roman über 9/11 schreiben würde.

Wie beurteilen Sie denn diesen Essay heute?

Don Delillo: Ich weiß nicht recht, ich war gezwungen, ihn noch einmal zu lesen, als ich mit dem Roman begann, ich wollte meine Eindrücke von damals überprüfen. Sollte ich mal eine Sammlung von Essays veröffentlichen, würde ich den Text sehr, sehr gründlich lesen und möglicherweise Dinge verändern.

Aber es gibt in dem Essay eine Art Programm. Der Schriftsteller, heißt es, müsse in den Türmen beginnen und sich diesen Moment vorzustellen versuchen, er müsse eine Gegen-Erzählung zum Terror entwerfen.

Don Delillo: Ich hatte keinerlei Absicht, ein Programm auszuführen. Ich habe den Roman geschrieben, wie ich jeden Roman schreibe, auch wenn es diesmal sehr schwer war. Ich interessiere mich für die Charaktere, die Ereignisse, die Struktur, den Rhythmus. Erst in einer Rezension habe ich dann gelesen, dass ich damals etwas über die Aufgabe des Schriftstellers gesagt hätte. Ich wusste nur von Anfang an, dass es ein sehr viel intimeres Buch sein müsste als „Sieben Sekunden“, warum, weiß ich auch nicht. Das ist nichts, was ich mir eingeflüstert hätte, dass die Macht der Geschichte sich in diesem intimen Rahmen, im Innenleben der Charaktere viel deutlicher bemerkbar machen würde. Heute scheint mir der Roman vor allem von Erinnerung und Identität zu handeln, aber das ist ungeplant.

Hat denn der Ausdruck „Gegen-Erzählung“ trotzdem für Sie einen Sinn?

Don Delillo: Der Roman entwickelt einen Gegendruck in einem eher technischen Sinn. Er bewegt sich fort von 9/11, wohingegen ein Buch wie „Sieben Sekunden“ sich auf das Kennedy-Attentat zubewegt. Doch innerhalb dieser Struktur gibt es eine Gegenbewegung, die in Richtung 9/11 läuft, das sind die Terroristen. Das ist die einzige „Gegen-Erzählung“, die mir durch den Kopf ging. Für mich ist schon die Institution des Romans eine Herausforderung, weil man Jahre damit verbringt. Es ist etwas, das einen tief hineinzieht, und ich hatte das Gefühl, es sei eine gute amerikanische Tradition, dass ein Autor sich selbst herausfordert, wie Norman Mailer oder William Gaddis.

Haben Sie nie Hilflosigkeit oder Verzweiflung gespürt, mit Worten und Sätzen noch einmal zu beschreiben, was in den Bildmedien so umfassend dokumentiert und durchleuchtet worden ist?

Don Delillo: Wenn man in der Bronx aufgewachsen ist, ist es nicht so schwer, einen Roman zu schreiben (lacht). Vielleicht ist es gerade deswegen ein so intimer Roman geworden. Ich konnte mir immer nur zwei Menschen in einem Raum vorstellen, die zu überleben versuchen. An das gewaltige Ausmaß des Ereignisses habe ich weniger gedacht. Natürlich weiß ich, dass viele Leute sich gegen Literatur über den 11. September sträuben. Das halte ich für normal. Aber wenn man das Gefühl hat, etwas schreiben zu müssen, muss man es tun und kann sich keine Gedanken darüber machen, wie darauf reagiert wird. Und womöglich ist ja der Roman ein Ort, der jene Leerstelle füllt, welche das offizielle Gedenken hinterlässt.

Am Anfang, haben Sie gesagt, habe das Bild eines Mannes mit einer Aktentasche gestanden, der sich durch den Sturm aus Staub und Asche kämpft. Wann ist denn der „Falling Man“, der Performancekünstler, aufgetaucht?

Don Delillo: Relativ früh. Einige Monate später dann war ich in Manhattan unterwegs, und ein Bild auf der Titelseite der „New York Post“ erregte mein Interesse. Es zeigte einen Mann, der in Chicago etwas Ähnliches gemacht hatte, und die Zeitung war voller Empörung darüber. Der Mann verschwand dann meines Wissens aus den Schlagzeilen. Das hat mich ein wenig verstört, weil ich den Eindruck hatte, die Realität würde mir einen fiktionalen Charakter stehlen.

Ich habe noch kein Buch von Ihnen gelesen, das so nah daran ist auseinanderzufallen.

Don Delillo: Das stimmt. Ich habe dafür keine rationale Erklärung, aber ich hatte beim Schreiben lange Zeit ein Gefühl des Fragmentarischen.

In „Falling Man“ bleibt nichts verschont von der Wirkung der Anschläge. Die Welt hat nur noch einen Fluchtpunkt. Das kann man auch als Triumph der Logik des Terrors sehen. Es ist zugleich eine Situation, die simple Antworten herauszufordern scheint.

Don Delillo: Die Politiker brennen darauf, simple Lösungen umzusetzen, aber die Welt will nicht recht mitspielen. Sie können nicht zugeben, dass wir uns in einer verzweifelten Situation befinden. Wenn es so weitergeht, könnte das zu so etwas wie einer Rückkehr des Kalten Krieges in neuem Gewand führen. Es gibt ja noch immer jede Menge Atomwaffen, und mein Instinkt sagt mir, dass die atomare Bedrohung künftig wieder zu einem ständigen Element in unserer Wahrnehmung der Welt werden könnte.

Ihr Essay hieß ja „In den Ruinen der Zukunft“…

Don Delillo: …wir waren vertraut mit der Zukunft. Wir haben sie erfunden! Momentan herrscht eine große Verwirrung. Deshalb wurde auch Bush wiedergewählt, weil er einer war, den die Leute kannten. Auch im nächsten Jahr wird jemand gewählt werden, von dem wir das Gefühl haben, ihn zu kennen.

Was bleibt da noch für einen Schriftsteller?

Don Delillo: Wie Hemingway gesagt hat: „Get black on white.“ Schreib Sätze aufs Papier, das ist dein Job. Mag sein, dass sich 9/11 wie ein Schatten über die Arbeit legt, wie die Möglichkeit eines atomaren Schlages im Kalten Krieg. Der Terrorismus hat die Menschen in einer Weise verstört, die tief in ihr Innerstes hineinreicht. Es kann überall und jedem passieren, im Bus, in der U-Bahn, auf der Straße.

Das Gespräch führte Peter Körte.

(Copyright: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 2007)

Cover: Falling Man

Falling Man

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