Aus 760 eingereichten Büchern wählte die siebenköpfige Jury die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2010 aus. Kiepenheuer & Witsch war mit zwei Nominierungen vertreten, Jan Faktor gewann mit Georgs Sorgen um die Vergangenheit in der Kategorie Belletristik leider nicht, wir freuen uns aber über die Auszeichnung für das am besten übersetzte Buch!
Es muss eine unendliche Mühe gewesen sein, aus dem Jahrhundertroman Infinite Jest von David Foster Wallace einen angemessenen deutschsprachigen Roman namens Unendlicher Spaß zu machen. 1996 erschien Infinite Jest in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch. Im August 2009 erschien dann die deutsche Übersetzung Unendlicher Spaß, bis heute sind von dem 1552 Seiten starken Kultroman 70.000 Exemplare verkauft worden.
Die Mühe hat sich also gelohnt: Nachdem Ulrich Blumenbach 2009 für seine kongeniale Übertragung bereits den renommierten Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis erhielt, gewinnt er nun den mit 15.000 Euro dotierten Preis der Leipziger Buchmesse 2010 in der Kategorie Übersetzung.
Die Jury des Leipziger Buchpreises befindet: »Nicht allein der Umfang, sondern vor allem die sprachliche Kreativität, die Themenvielfalt, die treffsichere Gesellschaftskritik sowie der Humor machen den Roman zum Meilenstein der amerikanischen Literatur. Ulrich Blumenbach ist in jahrelanger Arbeit in den Kosmos des Romans eingetaucht und hat sich der titanischen Aufgabe einer sprachlichen Übertragung ins Deutsche gestellt. Ob seitenlange verschachtelte Sätze, die wissenschaftliche Fachsprache eines Professors, der schnodderige Slang eines Kleinkriminellen, Neologismen, Wortspiele oder falscher Sprachgebrauch, den Foster Wallace seinen Figuren in den Mund gelegt hat, Blumenbach hat alle Herausforderungen, die das opus magnum an den Übersetzer stellt, mit einem untrüglichen Sinn für die Ebenen der Sprache, mutig und eigenwillig, dabei werktreu gemeistert.«
Ulrich Blumenbach ist 1964 in Hannover geboren, studierte Anglistik, Germanistik und Geschichte in Münster, Sheffield und Berlin. Er hat u.a. James Joyce, Stephen Fry, Arthur Miller, Will Self und Agatha Christie ins Deutsche übertragen. Zusammen mit Fritz Senn leitet er das Zürcher Übersetzertreffen, lehrt Literarisches Übersetzen an der Universität Düsseldorf und sitzt im Vorstand des Deutschen Übersetzerfonds. Blumenbach erhielt für die Übertragung von Infinite Jest 2009 auch den Hieronymusring für besondere Leistungen in der literarischen Übersetzung, der ebenfalls von der Heinrich-Maria-Rowohlt-Ledig-Stiftung gestiftet wird.
Den Preis in der Kategorie Belletristik gewann Georg Klein. Auch Jan Faktor war für seinen zweiten Roman Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag nominiert.
Die Jury des Leipziger Buchpreises begründet: »Georg wächst in der schönsten Wohngegend Prags in einem Frauenhaushalt auf. Doch das sozialistische Prag hat in den Jahren von Georgs Jugend seinen Glanz verloren. Er erlebt die Zeit des politischen Terrors, der Atomversuche und später auch den Prager Frühling. Zwischen Tanten mit Kriegstraumata und dem tyrannischen Onkel bleibt ihm nur die Flucht nach vorn. In einer Gesellschaft, die sich von innen auflöst, nutzt Georg alle sich bietenden Freiräume, um auszubrechen: Er experimentiert mit explosiven Substanzen, verbringt die Nachmittage mit wilden Jugendcliquen und findet im Kreis der Familie eine Geliebte. Als er nach der Okkupation des Landes den kulturellen Niedergang miterlebt und sich der Prager Dissidentenszene annähert, wird ein geschasster Intellektueller, der sich trotz seiner Blindheit wie ein Sehender in der Stadt bewegt, zu seinem Wunschvater. Jan Faktor führt mit Georgs Sorgen um die Vergangenheit auf grotesk-komische Weise den Entwicklungs- und den Gesellschaftsroman zusammen. So entstehen in bester tschechischer Erzähltradition das vor Witz strotzende Psychogramm einer Familie und das hellsichtige Porträt einer Stadt.«
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