Der tschechisch-deutsche Schriftsteller und Kiepenheuer & Witsch-Autor Jan Faktor wurde mit dem Candide-Preis des Jahres 2010 ausgezeichnet. Der Autor lebt seit 1978 in Berlin.
Der Preis wurde am Sonntag, dem 31. Oktober, um 11 Uhr, im Preussen-Museum Minden überreicht, Felicitas von Lovenberg, verantwortliche Redakteurin für Literatur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung , hielt die Laudatio.
Jan Faktor bekam den Candide-Preis 2010 für sein Gesamtwerk, insbesondere für seinen 2009 erschienenen udn für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag.
»Jan Faktor bekommt den Candide-Preis 2010 für sein Gesamtwerk, insbesondere für seinen 2009 erschienenen Roman Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag, weil er es, wie alle wahren Schelme, ernst meint. Darum ist ihm das Komische weit mehr als Mittel zur Leserverführung. Georgs Sorgen ist ein opulenter, vielschichtiger wirklich großer Roman, der Faktors alter Ego Georg durch die Zeit des Heranwachsens und erste prägende Erlebnisse mit der Erotik sowie den dazugehörigen Bangigkeiten und Liebeskümmernissen ausbreitet. Faktor erhält den Candide-Preis 2010 für seine Gabe, autobiografisch gesättigte Realität mit komödiantischer Übertreibungslust und feiner Selbstironie in eine fabelhafte literarische Groteske zu verwandeln. Er erhält ihn dafür, dass sein Protagonist Georg den Eros als Waffe des Widerstands entdeckt. Es gelingt ihm, Neurose, Ödipuskomplex und voyeuristische Obsession, empirisches Interesse am Ekligen, Scham vor dem Intimen mit gleichzeitiger Neugier darauf als originär literarische Spielarten zu erfinden. Nicht zuletzt erhält er den Candide-Preis dafür, dass die Gefühlsachterbahn seines Helden Georg lediglich ein Teil des Lebensrummels ist, auf dem dieser gewiefte Chronist und geübte Beobachter auch seiner selbst unbeirrbar das Glück sucht, die beste aller Welten, die er, nach seiner innigsten Überzeugung, einzig und allein ‘an der Seite einer reizenden Frau’ finden kann. Doch sein unerschütterlicher Optimismus, seine Leidens- und Liebesfähigkeit werden in der politisch bestimmten Wirklichkeit ganz wie Candides Optimismus und dessen Liebe zu Kunigunde in der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit des 18. Jahrhunderts auf harte Proben gestellt. Faktor erweist sich als ein Meister der höheren Fabulierkunst und setzt damit vortrefflichste tschechische Erzähltradition fort, von Karel Capek über Bohumil Hrabal bis Milan Kundera.
Mitglieder der Jury: Dr. Franziska Augstein, Gisela Hirschberg-Köhler, Richard Kämmerlings, Katja Lange-Müller, Dr. Gerd Voswinkel (Vorsitzender)
Jan Faktor, 1951 in Prag geboren, arbeitete zunächst als Programmierer an einem Prager Rechenzentrum, bevor er 1978 in die DDR übersiedelte und sich bald neben Tätigkeiten als Schlosser und Kindergärtner in der Untergrund-Literaturszene engagierte. Er war unter anderem Mitarbeiter der Zeitung Die Andere. 1988 erschien sein bereits 1982 entstandener Roman Georgs Sorgen um die Zukunft, es folgten Körpertexte (1991) und der Roman Schornstein (2006), für den er mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde. Mit Georgs Sorgen um die Vergangenheit war er in diesem Jahr auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Der Candide-Preis wird seit 2003 vom Literarischen Verein Minden vergeben. Er steht für eine Literatur im Sinne der Aufklärung und besteht aus einer von Peter Medzech geschaffenen Bronzefigur sowie einem Preisgeld von 15 000 Euro. Die bisherigen Preisträger sind Andreas Maier (2004), Daniel Kehlmann (2005), Karl-Heinz Ott (2006), André Kubiczek (2007), Martin Kluger (2008) und Volker Braun (2009).
Jan Faktor
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