Das Kölner Schauspielhaus, in diesem Jahr als »Theater des Jahres« gewählt, hat unter dem Titel »WOZUWOZUWOZU« eine bemerkenswerte Inszenierung im Programm, die auf Heinrich Bölls Roman Billard um halb zehn basiert.
Solang noch deutsche Wälder stehen / Solang noch deutsche Wimpel wehen / Solang noch lebt ein deutsches Wort / Lebt d e r Name unsterblich fort: Vorwärts mit Hurra und Heinrich Böll ——— aber so ist es nicht gekommen: Heinrich Böll wird heute geschmäht und zumeist mit Unbehagen gelesen: Trümmerliteratur und Moralapostelei lauten die Vorwürfe. Schon Joachim Kaiser sah zu Lebzeiten viele Feinde dieses „irgendwie schutzlosen, überwältigend aufrichtigen Autors“, zumeist „Autoren und Kollegen, die sich insgeheim für klüger halten als Böll, […] nur eben nicht klug genug […], mit ihrer Klugheit episch fertig zu werden und immer wieder Werke zu produzieren, die so selbstverständlich, märchenhaft, anarchistisch, unverkrampft und sanft-wild sind wie diejenigen Bölls.“ Auch in und mit Köln hatte es Böll immer schwer, obwohl doch einige seiner Werke zielgenau in das Herz der Bewohner stoßen: Im zersplittert komponierten Roman »Billard um halb zehn« wächst über die Kriegswunden der kernzerbombten Stadt ebenso langsam der Schorf wie über die Wunden einer Familie von Architekten. Der Großvater baut die Abtei, der Sohn sprengt sie und der Enkel soll sie wiederaufbauen; das bestgehütete Geheimnis der Familie Fähmel? Die Handlung spielt am 06.09.1958, das Jahr in dem die alte Kölner Oper am Habsburgerring abgerissen wurde und genau der Tag, an dem im Grevenverlag Chargesheimers Buch »Unter Krahnenbäumen« mit einem Vorwort von Heinrich Böll erscheint. Johanna Fähmel kommt aus dem Irrenhaus und Heinrich Fähmels Geburtstag soll gefeiert werden: „Schwer traf mich das Unvorhergesehene – das Unvorhergesehene, das ich begehrt hatte, es kam wie ein Fluch.“
Es spielen: Ilknur Bahadir, Yorck Dippe, Rosemary Hardy, Martin Reinke, Angelika Rien, Torsten Peter Schnick, Maik Solbach, Ernst Surberg, Norbert Thomé, Julia Wieninger, Tom Wirtz, Michael Wittenborn
Regie, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock
Mitarbeit Bühne und Video: Till Exit
Musik: Ernst Surberg
Dramaturgie: Götz Leinweber
»Heinrich Bölls Nachlass wurde unter den Trümmern des Archivs begraben. Auf der Kölner Bühne aber lebt er, scharf und böse funkelnd an diesem strengen, gewaltigen, großartigen Abend.« Christian Bos, Kölner Stadt-Anzeiger
»Anna Viebrock hat Heinrich Bölls Lehre aus der Nazizeit „Nie wieder Krieg!“ ins Heute übertragen, und mit der geschichtlichen Dimension diese Friedensbotschaft mit überzeugender Autorität ausgestattet. Das Kölner Schauspiel fragt mit einiger Dringlichkeit: wozuwozuwozu?! Kein Fortschritt. Nirgends!« Dr. Ulrich Fischer, dpa
Kölner Schauspielhaus, jeweils um 19.30 Uhr
05.12.2010
17.12.2010 zum vorläufig letzten Mal
Kartenservice:
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