Von Manuel Andrack

Schladming, Steiermark. Ich bin während der letzten Tage bei der Weltmeisterschaft 2006 in Österreich gewesen. So etwas gibt es tatsächlich! Ich wollte unbedingt Wanderweltmeister werden und am ersten Tag sah alles noch sehr gut aus. Ich war 54 Kilometer in acht Stunden gelaufen, denn wer die meisten Kilometer innerhalb von drei Tagen erwandert, holt den Titel, so sind die Regeln. Damit belegte ich den zweiten Rang von ungefähr fünfhundert Teilnehmern aus 13 Nationen. Die Vorrunde hatte ich also sauber überstanden.

Aber am zweiten Tag, dem Tag des Viertelfinals gegen Argentinien, bezahlte ich die Rechnung für die Anstrengungen des Vortags. Mühsam schleppte ich mich bei der ersten Wanderung 20 Kilometer vom Gipfel des Hochwurzen herunter. Dann war Schluss für mich. Und das, obwohl ich für eine reelle Titelchance ungefähr 60 Kilometer hätte gehen müssen. Das war das Aus im Achtelfinale, ich war gewandert, wie Spanien gespielt hatte, brillant am Anfang, enttäuschend (wie immer), wenn es drauf ankommt.

Oder war ich eher wie Ghana gewandert? Zu ungestüm an die Sache heran gegangen, ohne die taktischen und körperlichen Voraussetzungen, um im Turnier weit zu kommen.
Dieser Freitag hätte einer der schwärzesten Tage in der deutschen Sportgeschichte werden können: Jan Ullrich war von der Tour ausgeschlossen worden, ich hatte bei der Wander-WM versagt und Deutschland lag 0:1 hinten. Doch dann kam bekanntlich Klose, der Spickzettel von Lehmann und bei jedem Elfmeter der deutschen Schützen hielt ich mein olivgrünes Sweatshirt wie eine Kuscheldecke vor das Gesicht. Es hat geholfen.

Am dritten und letzten Tag der Wander-WM lief es dann wieder besser für mich – ich bezwang die Wandermarathonstrecke von 42 Kilometern. Am Abend schaute ich das Viertelfinale England gegen Portugal zusammen mit fünf Engländern. Ich lernte, dass die Fans von der Insel ihre Kicker mit deren Vornamen anfeuern. Es hieß nicht wie bei uns “Schieß doch, Ballack, Klose und Podolski”, sondern sie schrieen “Come on Steve”, “Come on Ashley”, “Come on Pete”. Ihren Lieblingsspieler Peter (Crouch) nannten sie auch “Espargus”, Spargel. Nach dem Englandtypischen Elfmeter-Aus verließen meine britischen Freunde schnell das Lokal.

Da sich in der Kneipe ein Wettbüro befand, schloss ich das erste Mal in meinem Leben eine Fußballwette ab. Ich setzte auf einen Sieg der Franzosen (Quote 10:50) und wettete, dass Henry ein Tor schießt (Quote 10:45). Dann ging ich zur Siegerehrung der Wander-WM (musikalisch begleitet von den Jaga-Buam) und erfuhr, dass ich Gesamt-Siebzehnter geworden war. Ich konnte also halbwegs erhobenen Hauptes nach Hause fahren, mit einem schönen Wettgewinn nach der Niederlage der Brasilianer in der Tasche und dem sicheren Gefühl, dass Klinsis Buben im Unterschied zu mir die Weltmeisterschaft holen werden.

© Manuel Andrack. Alle Rechte vorbehalten.

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