Die Geburt Georg Denglers stand unter einem ungünstigen Stern. »Born Under a Bad Sign«, dieser Blues von Albert King, von Cream durch die ganze Welt getragen, könnte Pate bei seiner Erfindung gestanden haben. Denn alle meine schreibenden Freunde rieten mir ab, einen Privatdetektiv als Protagonisten zu wählen. Im obrigkeitshörigen Deutschland sei das Aufspüren der Wahrheit immer noch ein hoheitlicher Akt und somit eine Angelegenheit von Staatsbeamten, sprich Kommissaren.
Sieh dich doch nur um, sagten sie, auf dem Fernsehschirm wimmelt es von Kommissaren und Kommissarinnen. Der einzige Privatdetektiv, den es damals auf der Mattscheibe gab, war Matula vom Hessischen Rundfunk, und dieser Figur hatten ihre Schöpfer einen Rechtsanwalt, einen Ausbund an Seriosität, zur Seite gestellt.
Selbstverständlich nahm ich den Rat meiner Freunde ernst, und für einige Wochen schwebte die noch ungeborene Figur Denglers im Nirgendwo der Notizen und Überlegungen. Dort saß er einsam und zupfte gotteserbärmlich auf den Saiten einer Gitarre und spielte etwas, das nach Sonny Boy Williamson klang: »You got to help me, baby, I can’t do it all by myself«. Also folgte ich dem Rat meiner Freunde nicht. Mir schien die Vorliebe für pensionsberechtigte Aufklärer des Bösen eher eine Sache der Fernsehredakteure zu sein und nicht eine der Leser. Schließlich mochten die Deutschen schon immer private Ermittler, den opiumsüchtigen Sherlock Holmes, die schräge Miss Marple oder den einsamen Philip Marlowe.
Gleichwohl blieben die Ratschläge nicht ohne Wirkung. Sie sind der Grund, warum Georg Dengler zum ehemaligen Beamten, zum Ex-Zielfahnder des BKA wurde. Er überwirft sich mit seinem Dienstherrn, verzichtet auf die Pension und gründet als privater Ermittler eine Art Ich-AG in Stuttgart. Wenn das kein Blues ist!
Die ursprüngliche Konzeption von Die blaue Liste sah eine solche back story nicht vor. Nun aber musste ich das Buch umstellen, Denglers Arbeit als Zielfahnder erzählen und auch seine Kindheit, die in dem Entschluss mündet, Polizist zu werden. Diese ausführliche Exposition verschob jedoch den eigentlichen Fall Seite für Seite nach hinten, und bescherte mir damit ein handfestes dramaturgisches Problem. Ich konnte die Schilderung von Denglers Leben nur dann so detailliert erzählen, wenn ich seiner Geschichte einen Prolog voransetzte, der den tragenden Spannungsbogen setzte: die kühle, fast journalistische Schilderung des Mordes an Carsten Detlev Rohwedder.
Damit hatte ich aber, dank dieser Hindernisse, endlich eine mich befriedigende Form der Georg Dengler Geschichten gefunden: Prolog, drei Teile, Epilog. »Everything Gonna Be Alright« – auch ein schöner Blues und am besten gespielt von Junior Wells und Buddy Guy (begleitet von Bill Wyman) auf dem Bluesfestival in Montreaux.
Der Blues spielt aber noch auf eine andere, existenziellere Weise im Leben des Georg Denglers eine zentrale Rolle. Bei der Schaffung einer Figur nutze ich häufig die Unterscheidung von innerem Bedürfnis, über das sich die Figur häufig selbst nicht im Klaren ist (the need), von den Zielen, die die Figur bewusst anstrebt (the want). Je unterschiedlicher und gar widersprüchlicher beide Motive sind, desto interessanter kann der Autor seine Figur gestalten und desto tiefer wirkt sie auf den Leser. Diese Unterscheidung ist zugleich ein großes Thema im Blues. Ein Wandermusiker wie Robert Johnson ist froh, wenn er unterwegs bei einer Frau Unterschlupf findet (sein need). Wendet sie sich von ihm ab, muss er wieder raus auf die Straße. Seine Liebeslieder für sie (want) sind daher immer doppelbödig. Einer der meist gesungenen Songs handelt davon: »I got ramblin’, I’ve got ramblin’ all on my mind. Hate to leave my baby, but she treats me so unkind.«
Georg Denglers need ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Er sieht die anderen und glaubt, sie seien glücklicher als er. In Fremde Wasser, dem dritten und ganz neuen Dengler-Fall, betrachtet er seinen Freund Martin Klein, der, über seine tägliche Ration Horoskope gebeugt, konzentriert seiner Arbeit nachgeht, und beneidet ihn. Er glaubt, Klein lebe authentischer und selbstbestimmter als er. Klein möchte den Lesern seiner Horoskope den Tag für einen Augenblick leichter machen. Aber was kann Dengler schon? Manchmal glaubt er, seine einzige Fähigkeit sei es, Menschen zu jagen. Während seiner Zeit beim BKA hing er noch der Idee nach, diese Fähigkeit sei der Gesellschaft nützlich. Aber diese Illusion ist ihm durch seine Erfahrungen zerstört. Zurück bleibt allein das ihm sinnlos gewordene Handwerk. So sieht er manchmal sein Leben – dann ist er dem Blues ganz nah. Doch wenn sich eine Illusion erst einmal aufgelöst hat, ist sie unwiderruflich verschwunden; nicht einmal der »Hoodoo Man« kann sie wieder herbeizaubern. Vielleicht ist deshalb dieser Blues von Junior Wells sein Lieblingssong.
Nicht zuletzt spielen in Denglers Leben wie im Blues Lust und Leid der Liebe eine zentrale Rolle. Die schöne Olga, die ihm zu Beginn so abweisend, so unberührbar erschien, zeigt ihm die andere Seite dieser Musik.
The blues is god,
Not always sad;
It’s a feeling
singt im Dunklen Schweigen (der leider kürzlich gestorbene) Willi Kent.
So ist es.
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