Die Geschichte des Verlages, genauer seine Vorgeschichte, beginnt im Jahr 1947 in Jena, in der damaligen sowjetischen Besatzungszone, als der 41-jährige Bibliotheksdirektor Dr. Joseph Caspar Witsch mit dem 26 Jahre älteren Gustav Kiepenheuer zusammentrifft. Kiepenheuer, ein erfahrener und geachteter Verleger, hatte sein 1910 in Weimar gegründetes Unternehmen in den zwanziger Jahren zu einem der angesehensten deutschen Verlage entwickelt. Weil die Nazis ihn mit einem Veröffentlichungsverbot belegt hatten, erhält Kiepenheuer nach dem Krieg als einer der ersten eine sowjetische Verlagslizenz.
Olzogs Dokumentation deutschsprachiger Verlage erwähnt einen Vertrag, den Gustav Kiepenheuer und Joseph Caspar Witsch in Jena schließen, »mit der Absicht, die Zone zu verlassen und mit der Tätigkeit des Verlages in Köln zu beginnen«.
Aber es kommt anders. Im April 1949 stirbt Gustav Kiepenheuer, noch bevor auch nur ein Buch unter dem Imprint Kiepenheuer & Witsch erscheinen kann.
Joseph Caspar Witsch geht das Wagnis alleine ein, nach der Währungsreform einen Verlag aufzubauen, obwohl er nur über geringes Startkapital verfügt. Auch kann er auf keine übertragenen Verlagsrechte setzen – die Autoren von Gustav Kiepenheuer hatten im Exil ihre neuen Werke zur Veröffentlichung an ausländische Verlage gegeben, die nun über die Rechte verfügen.
Aber Witsch hat Selbstvertrauen und die Fähigkeit zu überzeugen. Auch die Zeitumstände sind günstig für einen ehrgeizigen Verleger: Nach Krieg und NS-Zensur ist der Hunger nach Büchern groß. Kaum jemand kann sich in der Nachkriegszeit vorstellen, dass sich Buchhändler und Literaturkritiker einnmal angewöhnen werden, über die jährliche »Bücherflut« zu stöhnen …
Eine frühe verlegerische Leistung von Witsch ist die Wiederentdeckung Joseph Roths. Hermann Kesten berichtete, dass er die Werke seines 1939 verstorbenen Freundes einer ganzen Reihe von Verlagen vergeblich angeboten hatte. Der neben Musil und Hofmannsthal wohl größte österreichische Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wäre vermutlich in Vergessenheit geraten, wenn nicht Witsch ab 1949, beginnend mit Roths letztem Roman Die Legende vom heiligen Trinker, sein erzählerisches Werk veröffentlicht hätte. Vorläufig abgeschlossen wird die »Wiederentdeckung« Joseph Roths 1956 mit der von Hermann Kesten herausgegebenen Werkausgabe.
1989/90, fünfzig Jahre nach Joseph Roths Tod, wird Kiepenheuer & Witsch eine sechsbändige Gesamtausgabe herausbringen, die zusätzlich zu den bereits veröffentlichten Romanen und Erzählungen Roths nicht nur weitere Texte aus dem Nachlass enthält, sondern auch zum ersten Mal sein journalistisches Œuvre gleichrangig neben das Werk des Romanciers stellt.
Heute sind die Bücher von Joseph Roth in zahlreiche Sprachen übersetzt, seine Romane wurden verfilmt, seine Erzählungen und Novellen sind Schullektüre. Joseph Roth ist der einzige Gustav-Kiepenheuer-Autor im Katalog von Kiepenheuer & Witsch – er ist das Bindeglied zwischen dem heutigen Verlag und seinem Vorläufer.
Annemarie Selinkos Roman Désirée wird 1951 der erste »Verkaufsschlager« des Verlages. (Der Begriff »Bestseller« ist noch nicht gebräuchlich).
Seither ist Désirée in unzähligen Auflagen und Ausgaben erschienen und erfreut sich immer noch großer Beliebtheit.
Das Buch wird in mehr als 25 Sprachen übersetzt, und ist einer der größten Unterhaltungsromane der deutschen Literatur mit einer Gesamtauflage von über 2,8 Millionen Exemplaren.
Der Hollywood-Film mit Jean Simmons als Désirée und und Marlon Brando als Napoleon wird ebenfalls ein Welterfolg, und noch heute hat dieser historische Liebesroman nichts von seinem Zauber verloren.
Trotz dieses Erfolges ist der Verlag in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre permanent in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Unschätzbare Hilfe kommt in dieser Situation von einem Mann, der sich während der Nazizeit große Verdienste um die deutsche Exil-Literatur erworben hatte: Fritz Landshoff. Er vermittelt dem Verlag eine Reihe wichtiger und einträglicher Autoren, darunter Vicki Baum und Erich Maria Remarque, deren Werke Kiepenheuer & Witsch bis heute in immer neuen Ausgaben im Programm führt.
Vicki Baums Roman Marion ist das erste Buch, das unter dem Verlagsnamen Kiepenheuer & Witsch erscheint. Zuvor waren alle Bücher unter der Regie von Witsch noch unter dem Imprint Gustav Kiepenheuer herausgegeben worden.
Der Roman Marion markiert damit endgültig die Geburtsstunde des neuen Verlages.
1953 erwirbt Kiepenheuer & Witsch ein eigenes Haus in Köln-Marienburg, Rondorfer Straße 5, welches bis Juni 2008 Verlagssitz bleibt.
Ebenfalls 1953 erscheint zum ersten Mal Die Kiepe als Hauszeitschrift des Verlages.
An ihre Stelle wird nach 35 Jahren 1968 das Literatur-Magazin LIT treten (bis 1972).
1953 wechselt Heinrich Böll vom Middelhauve Verlag zu Kiepenheuer & Witsch. Er hat den Preis der Gruppe 47 erhalten, ist kein unbekannter Autor mehr, aber seine Bücher sind nur in kleinen Auflagen verbreitet.
3000 Exemplare lässt Witsch zunächst von Und sagte kein einziges Wort drucken. Dieser Roman wird für Heinrich Böll den Durchbruch bedeuten.
Karl Korn nennt Heinrich Böll »ein Ereignis« und fährt fort: »Wenn mich künftig einer fragt, was denn die Deutschen heute an Büchern von wirklicher Kraft und Wahrhaftigkeit vorzuweisen hätten, werde ich den Böll nennen.«
Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht das gesamte Hauptwerk von Heinrich Böll.
Kein anderer Autor wird in den folgenden Jahrzehnten den Verlag stärker prägen als er, mit keinem anderen Autor wird der Verlag stärker identifiziert werden.
Noch bevor das erste Verlagsjahrzehnt zu Ende gegangen ist, kann Joseph C. Witsch zahlreiche ausländische Autoren seinem Verlagsdach beherbergen:
es erscheinen Übersetzungen von Henry James, Georges Simenon, Jean Giono, Henry de Montherlant, Ignazio Silone, Marek Hlasko und Nathalie Sarraute, ebenso wie von den späteren Nobelpreisträgern Saul Bellow, Patrick White und Czeslaw Milosz.
Aber Witsch reicht es nicht, Kiepenheuer & Witsch zu einem der führenden literarischen Verlage gemacht zu haben. Er will mit Buchveröffentlichungen auch in die aktuelle politische Diskussion eingreifen. Die Kommunismus-Kritik wird dabei das dominierende Thema der Auseinandersetzung werden.
Besonders erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang der berühmte autobiographische Bericht von Wolfgang Leonhard Die Revolution entläßt ihre Kinder von 1955, der bis heute ohne Unterbrechung in immer neuen Ausgaben lieferbar gehalten werden konnte.
1959 wird Dieter Wellershoff Lektor bei Kiepenheuer & Witsch. Er proklamiert einen »neuen Realismus«, stellt mit Erstveröffentlichungen u.a. Nicolas Born, Günter Seuren, Günter Herburger, Renate Rasp, Günter Steffens und Rolf Dieter Brinkmann vor. Und macht damit in den sechziger Jahren den Verlag Kiepenheuer & Witsch zu dem, was er heute noch ist – eines der führenden Häuser für deutsche Gegenwartsliteratur.
Auch für den Vorstoß auf wissenschaftliches Terrain hat Wellershoff das richtige Konzept: Für die Neue Wissenschaftliche Bibliothek (eine Reihe mit Sammelbänden zur Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Literaturwissenschaft und Geschichte), verpflichtet er Herausgeber wie Jürgen Habermas, Carl Friedrich Graumann und Hans-Ulrich Wehler. Der rasche Erfolg der Gelben Reihe, verstärkt noch durch die später begonnene Studien-Bibliothek, verschafft dem Außenseiter Kiepenheuer & Witsch einen festen Platz im wissenschaftlichen Buchhandel.
Mit Ein schöner Tag wird Wellershoff 1966 selbst als Autor hervortreten, und der Verlag veröffentlicht in den Folgejahren zahlreiche Bücher von ihm. In den neunziger Jahren legt Kiepenheuer & Witsch eine sechbändige Werkausgabe von Dieter Wellershoff vor. Im Herbst 2001 erscheint sein großartiger Roman Der Liebeswunsch, zuletzt erscheint 2007 der Essayband Der lange Weg zum Anfang.
Auch im zweiten Verlagsjahrzehnt leistet Witsch als Verleger in vielerlei Hinsicht Pionierarbeit:
Anfang der sechziger Jahre stellt er der deutschen Öffentlichkeit die amerikanischen Autoren Bernard Malamud _ und Jerome D. Salinger _(Der Fänger im Roggen, 1962) vor.
1961 nimmt in München der von Witsch initiierte Taschenbuchverlag dtv seine Arbeit auf. Kiepenheuer & Witsch bleibt bis Ende 1998 einer von zehn Gesellschaftern. Der erste Band im dtv-Programm ist Heinrich Bölls Irisches Tagebuch.
Witsch wird Verleger von Erika von Hornstein, veröffentlicht die Trilogie Wie eine Träne im Ozean seines Freundes Manès Sperber, die Walter-Ulbricht-Biographie (1964) seiner damaligen Lektorin Carola Stern, den heute als Klassiker der brasilianischen Literatur geltenden Roman Grande Sertão (1964) von João Guimarães Rosa, und er hat den Mut, eine Ausgabe der Werke von René Schickele und eine auf elf Bände angelegte Ricarda-Huch-Gesamtausgabe zu veröffentlichen.
Aber Witsch er hat noch größere Pläne: In einem Brief an einen Freund entwickelt er die Vision von einem Universalverlag, in dem Bücher jeder Art ihren Platz finden sollen.
Kurz darauf unternimmt er eine Reise, von der er nicht mehr an seinen Schreibtisch zurückkehren wird. Im Alter von nur 60 Jahren stirbt Joseph Caspar Witsch am 28. April 1967.
Carola Stern, die von 1960 bis 1970 das politische Lektorat leitete, hat in ihrer Autobiografie Doppelleben (2001) ihre Erinnerungen an Joseph Caspar Witsch und ihre Zeit im Verlag aufgeschrieben. In dem Kapitel »Ein Herzensbruder der Autoren« schildert sie die Arbeitsabläufe unter seiner Regie und würdigt ihn als Verlegerpersönlichkeit, der es in kürzester Zeit gelungen war, Kiepenheuer & Witsch zu einem der renommiertesten Verlage Deutschlands zu entwickeln.
Nach dem Tod von Joseph C. Witsch ist das Schicksal des Verlages zwei Jahre lang ungewiss. Dann übernimmt 1969 Reinhold Neven Du Mont, der seit 1963 im Verlag ist, Kiepenheuer & Witsch und wird Verleger.
Das Unternehmen kann so seine Unabhängigkeit bewahren. Auch gelingt es Neven Du Mont, fast alle Autoren, die durch ihren Namen und ihre Werke das Profil des Verlages prägten, zu halten. Gleichzeitig macht eine Öffnung des Programms für sozialkritische Themen den Verlag Kiepenheuer & Witsch für neue Autoren attraktiv.
1969 nimmt Neven Du Mont mit 13 unerwünschte Reportagen das erste Buch von Günter Wallraff ins Programm. Es erscheint in der neu geschaffenen pocket-Reihe.
Kein anderer Autor kennzeichnet den Neubeginn des Verlages so deutlich wie Günter Wallraff. War in früheren Verlagsjahren die Kritik an den Verhältnissen in kommunistischen Ländern das vorherrschende Thema des politischen Buchprogramms gewesen, enthüllt jetzt ein Autor erstmals Missstände und Ungerechtigkeiten im eigenen Land. Wallraff mischt sich zwar auch im Ausland, in Griechenland und in Portugal, ein, prangert in zwei Bänden »unseren Faschismus nebenan« an. Aber sein Hauptinteresse gilt den Fehlentwicklungen in der hiesigen Gesellschaft. Wie kein anderer Schriftsteller der Bundesrepublik wird Wallraff in den Folgejahren durch seine »Reportagen, Untersuchungen und Lehrbeispiele« beweisen, dass Bücher politische Veränderungen bewirken können.
Wallraff deckt in seinen Enthüllungsreportagen die verborgene Wirklichkeit der Bundesrepublik auf und legt sich mit den Mächtigen an. Das Risiko, das er und sein Verlag Kiepenheuer & Witsch dabei eingehen, ist groß. Sein Buch Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war (1977) versucht der Springer-Konzern mit einer Lawine von einstweiligen Verfügungen zu unterdrücken – erfolglos. Auch als acht Jahre später Ganz unten erscheint, gelingt es Thyssen nicht, vor Gericht die von Wallraff erhobenen Vorwürfe zu entkräften und zu verhindern, dass das Buch mit über drei Millionen verkauften Exemplaren einer der größten Bucherfolge in der Geschichte des deutschen Buchhandels wird.
In der ersten Biographie über den bekanntesten deutschen Enthüllungsjournalisten (Der Mann, der Günter Wallraff ist, 2007) macht Jürgen Gottschlich deutlich, wie der Journalist und Schriftsteller Wallraff zu dem wurde, der er heute ist, und welchen Preis er für seine Aktionen und Rollenspiele bezahlte.
Für die Neuorientierung des Verlages nach der Zäsur von 1969 steht jedoch nicht nur Günter Wallraff. Kiepenheuer & Witsch beschäftigt sich jetzt in seinen Veröffentlichungen mit progressiven Themen wie antiautoritäre Erziehung in den »Kinderläden«, mit dem kollektiven Kommunenleben, oder mit den Problemen von sozialen Randgruppen (zum Beispiel von entflohenen Fürsorgezöglingen, Heimkindern oder Obdachlosen).
In den frühen siebziger Jahren profiliert sich Kiepenheuer & Witsch durch Aufsehen erregende Bücher wie Verbrechen ohne Richter. Mord an der Umwelt in der Bundesrepublik Deutschland, dem ersten kritischen Ökologie-Buch auf dem deutschen Markt, oder durch die Veröffentlichung der Werke des Psychoanalytikers Wilhelm Reich, die bis dahin nur illegal in Raubkopien verbreitet wurden.
Immer wieder macht der Verlag mit derart gesellschaftskritischen Sachbüchern von sich reden.
Und Kiepenheuer & Witsch nimmt politisch Stellung mit mehreren Schwarzbüchern (1972, 1973, 1976 und 1980), in denen vor allem jüngere Wähler auf die reaktionären Pläne von Franz Josef Strauß und seiner damaligen CSU hingewiesen werden.
In der Literatur kommen vor allem ausländische Autoren hinzu:
Rolf Dieter Brinkmann gibt Silver Screen, einen Band mit neuer amerikanischer Lyrik, heraus und übersetzt die Lunch Poems von Frank O’Hara. 1971 übernimmt der Verlag William Burroughs und übersetzt zwei Bücher von Andy Warhol.
Auch Charles Bukowski, dessen Romane und Gedichte der Underground-Literatur zugerechnet werden, wird damals Autor von Kiepenheuer & Witsch. Zuletzt erscheint 2006 Bukowskis Tagebuch unter dem Titel Den Göttern kommt das große Kotzen.
Eine »Entdeckung« von besonderer Tragweite ist Gabriel García Márquez mit seinem Roman Hundert Jahre Einsamkeit (1970). Es ist das erste Buch eines lateinamerikanischen Autors, das hierzulande zu einem Bestseller wird. Für viele Leser ist die Geschichte der Familie Buendía die Initial-Begegnung mit der vielfältigen Literatur eines ganzen Kontinents.
Kiepenheuer & Witsch gibt das gesamte erzählerische Werk von Gabriel García Márquez heraus, ebenso mehrere Bände mit journalistischen Arbeiten und 2002 den ersten Band der Autobiographie des Nobelpreisträgers von 1982 Leben, um davon zu erzählen.
Zwischen 1972 und 1982 erhalten fünf Kiepenheuer & Witsch-Autoren den Nobelpreis für Literatur.
Den Anfang macht Heinrich Böll, der ihn allen anders lautenden Vermutungen zum Trotz im Frack aus der Hand des schwedischen Königs entgegennimmt.
Ihm folgt 1973 der Australier Patrick White, 1976 Saul Bellow, dessen Gesamtwerk Kiepenheuer & Witsch in deutscher Übersetzung vorgelegt hat, 1980 Czeslaw Milosz. Und 1982 Gabriel García Márquez, der mit einem vom kolumbianischen Präsidenten zur Verfügung gestellten Jumbo – vollbesetzt mit karibischen und lateinamerikanischen Freunden – zur Preisverleihung ins dezembergraue Stockholm fliegt.
Während die Taschenbuch-Verlage kräftig expandieren, beginnen die achtziger Jahre für viele Hardcover-Verlage aufgrund stagnierender Umsätze mit einer Krise. Einschneidende Veränderungen werden aber nicht nur den Hardcover-Verlagen, sondern der gesamten Verlagslandschaft prophezeit: Nur die großen Verlagskonzerne oder die ganz kleinen Zwei-Personen-Betriebe ohne aufwendigen Apparat würden überleben, heißt es, während sich Verlage mittlerer Größe, zu denen auch Kiepenheuer & Witsch gehört, nicht in einem harten Verdrängungswettbewerb amerikanischen Stils behaupten könnten.
Diese Prognosen bestätigten sich vorerst nicht. Zwar nimmt der Konkurrenzkampf an Härte zu, aber mittelgroße konzernunabhängige Verlage wie eben auch Kiepenheuer & Witsch bleiben für Schriftsteller attraktiv. Zwischen 1980 und 1990 kann der Verlag sein literarisches Programm noch einmal deutlich ausweiten und eine Vielzahl namhafter Autoren dazu gewinnen: In rascher Folge bereichern die Romane und Erzählungen von Keto von Waberer (ab 1983), John le Carré (ab 1983), Uwe Timm (ab 1984), Michael Schneider (ab 1984), Don DeLillo (ab 1987), J.M.G. Le Clézio (ab 1987), Katja Lange-Müller (ab 1988), Joachim Sartorius (ab 1988), Michael Chabon (ab 1988), Herbert Rosendorfer (ab 1989) und Renate Feyl (ab 1989) das Programm.
Vielfalt bestimmt die literarische Dimension von Kiepenheuer & Witsch.
Im Jahr 1983 erscheinen die Bitteren Pillen, ein unabhängiger, kritischer Medikamentenratgeber, der nicht nur für Aufruhr in der Pharmaindustrie sorgt, sondern auch jahrelang auf den Bestsellerlisten steht. Die Gesamtauflage der Bittteren Pillen liegt mittlerweile bei über 2,5 Millionen Exemplaren.
Der Erfolg eines so kritischen Ratgebers wie die Bitteren Pillen wird durch andere Veröffentlichungen vorbereitet. So erscheint 1981 der von derselben Autorengruppe verfasste Band Gesunde Geschäfte – Die Praktiken der Pharmaindustrie. Die mächtigen Medikamenten-Hersteller zu attackieren ist riskant. Aber es bleibt bei Drohgebärden der Konzern-Juristen; die Darstellungen und Bewertungen der Autoren sind nicht zu widerlegen.
Der Erfolg der Bitteren Pillen ermutigt den Verlag, das Kursbuch Gesundheit zu entwickeln, ein alle medizinischen Bereiche umfassendes Standardwerk, das als bester Ratgeber seiner Art ausgezeichnet wird.
Aus der Erkenntnis, dass der Verlag eine Veröffentlichungsform braucht, die in Ausstattung und Ladenpreis den Wünschen jüngerer Leser entspricht, wird 1982 die Paperback-Reihe KiWi gestartet. Ein Vogel, fast ausgestorben und flügellahm, wird zunächst ihr Wappentier.
Klein, aber fein, hebt sie sich von den massenhaft produzierenden Taschenbuchverlagen ab und …hat Erfolg!
Lang ist die Liste der Autoren, die das Profil der Reihe prägen. In ihr stehen Werke von Joseph Roth und Erich Maria Remarque neben Lesestoff für jüngere Leser, darunter so große Erfolge wie die Bücher von Benjamin Lebert _, Benjamin von Stuckrad-Barre _(Soloalbum), Nick McDonell (Zwölf), Helge Schneider, Irvine Welsh, Nick Hornby, Harald Schmidt oder Mian Mian.
2001 wird die Reihe typographisch neu gestaltet und die Zahl der Neuerscheinungen pro Jahr auf ca. 50 erhöht.
Die durchnummerierte KiWi-Taschenbuchreihe hat bereits 2007 ein Jubiläum zu feiern: Mit der Anthologie Pop – Seit 1964 erscheint das KiWi Nr. 1000.
Die kulturelle Aufbruchstimmung, die Anfang der 80er Jahre in der bildenden Kunst ebenso wie in der populären Musik (Punk, Neue Deutsche Welle) herrscht, bringt eine neue Art von Underground- bzw. Pop-Literatur hervor, die wiederum an die Gegenkultur der 60er Jahre (Andy Warhol/ Rolf Dieter Brinkmann) anknüpft.
Mit den Büchern von Peter Glaser _, Diedrich Diederichsen, Julie Burchill, Tama Janowitz, Joachim Lottmann, aber auch Bret Easton Ellis _(American Psycho) ist Kiepenheuer & Witsch hier stilbildend.
Das schon erwähnte KiWi Nr. 1000 Pop – Seit 1964 (2007) ist die erste Anthologie zum Thema Pop und Literatur, und schlägt einen Bogen von den 60er Jahren über die 80er Jahre bis in die Gegenwart.
Neben den Themen der Pop-Literatur findet das Thema Widerstand und Reform kurz vor dem Zusammenbruch des »Ostblocks« seinen Niederschlag im Programm der 80er Jahre von Kiepenheuer & Witsch. Es erscheinen zahlreiche Bücher aus der zerfallenden DDR und der Perestroika-Sowjetunion von Autoren wie Landolf Scherzer, Gabriele Eckart, Elke Erb, Anatolij Rybakov und Michail Schatrow.
Der Verlag ergänzt sein Programm 1987 und 1989 durch zwei Reihen zur Kunst der Gegenwart. Kunst in Köln ist der erste Band des auf etwa zehn Städteführer zur zeitgenössischen Kunst angelegten Projekts.
Die andere Reihe mit dem Titel Kunst heute bringt Bände, in denen zeitgenössische Künstler, wie Joseph Beuys und Georg Baselitz, Robert Rauschenberg und Markus Lüpertz, sich in intensiven Gesprächen über ihre Arbeit, ihre Ideen und Entwicklungen äußern.
In den neunziger Jahren verändern sich die Strukturen des deutschen Buchhandels grundlegend (Monopolisierung) und stellen die Verleger vor besondere Herausforderungen. Einige Verlage glauben, ihre Marktstellung dadurch behaupten zu können, dass sie mehr und mehr Bücher produzieren, andere Verlage schaffen neue Imprints in der Hoffnung, Konkurrenten verdrängen zu können.
Kiepenheuer & Witsch beteiligt sich nicht an der massiven Steigerung der Bücherproduktion, die von Buchhandel und Zeitungsfeuilletons als »Über-Produktion« oder »Bücherflut« beklagt wird, und bei der oftmals die Entwicklung der Qualität nicht mit der Entwicklung der Quantität mithalten kann. Statt der Devise »mehr Titel« strafft und schärft der Verlag stetig sein Programmprofil, selektiert bei der Annahme neuer Titel kritischer und behutsamer, und gewinnt gleichzeitig neue, profilbildende Autoren hinzu. Auch Lizenzen der Kiepenheuer & Witsch-Bücher sind sehr gefragt, sie werden vorabgedruckt, verfilmt und weltweit in andere Sprachen übersetzt.
Eine Kooperation mit der Verlagsgruppe von Holtzbrinck, die eine Minderheitsbeteiligung erwirbt, stärkt die Stellung von Kiepenheuer & Witsch zusätzlich.
So gelingt es, dass auch die neuziger Jahre für den Verlag eine Phase stetigen Wachstums werden, obwohl bei Kiepenheuer & Witsch die Zahl der pro Jahr erscheinenden Titel in etwa gleich bleibt.
Maßgeblichen Einfluss auf diesen Erfolg hat Helge Malchow, der Anfang der neunziger Jahre Cheflektor wird und heute Verleger von Kiepenheuer & Witsch ist. Ebenfalls großen Anteil am Erfolg haben die neuen Lektoren Kerstin Gleba (seit 1995) und Lutz Dursthoff (seit 1997), die beide seit Anfang 2001 als Programmleiter fungieren, Kerstin Gleba für Belletristik und Lutz Dursthoff für Sachbuch.
Seit seiner Gründung ist der Verlag immer darum bemüht, ein echtes Vertrauensverhältnis zu seinen Autoren aufzubauen – als Basis für eine enge, auf Dauer angelegte, kreative Zusammenarbeit. Offensichtlich überzeugend: Nicht nur, weil schon früh Schriftsteller wie Heinrich Böll, Saul Bellow, Nathalie Sarraute, Uwe Timm, Don DeLillo, Peter Härtling und Gabriel García Márquez ihr gesamtes Werk dem Verlag Kiepenheuer & Witsch anvertrauen. Auch weil selbst in den schwierigen neunziger Jahren zahlreiche bedeutende Schriftsteller – sowohl deutschsprachige als auch internationale – neu gewonnen werden können, die seitdem zum festen Autorenstamm von Kiepenheuer & Witsch gehören.
Neue Impulse erhält das Programm u.a. mit Autoren wie John Banville, Hansjörg Schertenleib, Emine Sevgi Özdamar, Alois Hotschnig und Lilian Faschinger, Daniel Pennac und Noëlle Châtelet, Erik Fosnes Hansen, Nick Hornby, Julian Barnes, Renate Feyl, E.L. Doctorow, Irvin Welsh und Elena Lappin, Jens Sparschuh, Anne Duden und Schriftstellern einer neuen Generation wie Christian Kracht, Bret Easton Ellis, Elke Naters, Kathrin Schmidt, Maxim Biller, Michael Kumpfmüller, Benjamin Lebert oder der chinesichen Autorin Mian Mian.
Auch Publikumslieblinge wie Mario Adorf, Renan Demirkan und Peter Ustinov schreiben für Kiepenheuer & Witsch. Für Biografien und politische Bücher stehen Ralph Giordano, Heiner Müllers Autobiografie Krieg ohne Schlacht (1992), Peter Zadeks Autobiografie My Way (1998), Franca Magnani, Alice Schwarzer, Joschka Fischer und Christoph Schlingensief.
Sehr erfolgreich innerhalb der KiWi-Reihe sind Bücher von Kabarettisten wie Richard Rogler, Jürgen Becker, Herbert Knebel, Rüdiger Hoffmann und insbesondere Helge Schneider und Harald Schmidt. Auch sie gehören mittlerweile zum festen Autorenstamm von Kiepenheuer & Witsch.
Außerdem erweist sich eine Reihe von Titeln mit Bezug zur Stadt Köln oder der Region als so erfolgreich (Autoren sind unter anderem BAP-Sänger Wolfgang Niedecken oder der Kölner Autor Martin Stankowski), dass daraus das eigenständige Programmsegment KiWi-Köln hervorgeht.
Neue Autoren und außergewöhnliche Bucherfolge lassen Kiepenheuer & Witsch seit der Jahrtausendwende in der öffentlichen Aufmerksamkeit nochmals deutlich an Gewicht gewinnen.
Im Jahr 2000, dem 49sten Jahr seines Bestehens, hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch einen Rekord vorzuweisen: Er verkauft so viele Bücher wie noch nie (mit Ausnahme des Jahres 1985 in dem Günter Wallraffs sensationeller Bestseller Ganz unten erschien). Michael Kumpfmüllers Debüt-Roman Hampels Fluchten erscheint und sorgt für Diskussionen. Auch Der römische Schneeball von Mario Adorf, Sabriye Tenberkens Mein Weg führt nach Tibet oder Der große Unterschied von Alice Schwarzer werden zu großen Bucherfolgen.
Nach einem derartig gelungenen Start ins neue Jahrtausend verlaufen auch die folgenden Jahre äußerst positiv.
Mit der Übernahme von 85% der Verlagsanteile durch die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck (15% verbleiben bei Reinhold Neven Du Mont) im Jahr 2002 wird die Verlagsführung neu geregelt.
Reinhold Neven Du Mont übergibt nach insgesamt 39 Jahren im Verlag Kiepenheuer & Witsch – 33 Jahre davon als Verleger an der Spitze – die verlegerische Geschäftsführung an den Cheflektor Helge Malchow, kaufmännischer Geschäftsführer wird Peter Roik.
Mitglieder der Geschäftsleitung werden neben den beiden Geschäftsführern Gaby Callenberg und 2004 Kerstin Gleba, seit 2007 auch Lutz Dursthoff sowie als assoziiertes Mitglied der Vertriebsleiter Reinhold Joppich.
Die KiWi-Paperbackreihe wird ab 2001 mit großem Erfolg von Birgit Schmitz betreut, die bis 2009 bei Kiepenheuer & Witsch tätig ist. Anschließend, seit 2007, mit ebenso großem Erfolg von Martin Breitfeld, wobei beide Lektoren auch in den anderen Formaten (Hardcover und Flexcover) viele Erfolgstitel einbrachten.
Im Bereich des politischen Sachbuchs entfachen zwei zeitgeschichtliche Bücher heftige Diskussionen um die 68er-Bewegung: Die Tagebücher Rudi Dutschkes Jeder hat sein Leben ganz zu leben (2003) und Gerd Koenens Auseinandersetzung Das rote Jahrzehnt (2001) sowie seine Untersuchung der »Urszenen des deutschen Terrorismus« unter dem Titel Vesper, Ensslin, Baader (2003).
Starke Impulse für politische Debatten kommen auch von Necla Keleks Die fremde Braut (2005) und Die verlorenen Söhne (2006).
Die kritische Analyse neokonservativer Positionen in der US-amerikanischen Publizistik und politischen Theorie liefert 2005 der amtierende deutsche Außenminister Joschka Fischer _, und schließt 2007 seine Erinnerungen an seine Regierungszeit und an _Die rot-grünen Jahre an.
Dagegen wird Alice Schwarzer unter dem Titel Die Antwort eine feministische Bestandsaufnahme der Geschlechterverhältnisse in Deutschland 32 Jahre nach Der kleine Unterschied liefern.
Das Sachbuchprogramm wird außerdem bereichert durch Carola Stern, die nach vielen Jahren mit ihrer Autobiografie Doppelleben (2001) und ihren Künstlerbiografien Alles, was ich in der Welt verlange (2003), Auf den Wassern des Lebens (2005) und Kommen Sie, Cohn! (posthum 2006) als Autorin zum Verlag Kiepenheuer & Witsch zurückkehrt.
Im Bereich deutsche Literatur werden in den Jahren nach 2001 unter anderem Malin Schwerdtfeger, Feridun Zaimoglu, Eva Menasse, Thomas Hettche, Thomas Pletzinger, Moritz Rinke und Moritz von Uslar Kiepenheuer & Witsch-Autoren. Große öffentliche Beachtung finden auch Uwe Timms Buch Am Beispiel meines Bruders (2003), Peter Härtlings Erinnerungen Leben lernen (2003) und Michael Kumpfmüllers zweiter Roman Durst (2003).
In der deutschen Literatur herausragend ist auch Katja Lange-Müllers Roman Böse Schafe (2007), mit dem sich die Autorin endgültig in die Riege der besten deutschsprachigen Gegenwartsautoren schreibt.
Eine heftige literaturtheoretische Debatte löst 2006 Volker Weidermann mit seiner kurzen Geschichte der deutschen Literatur nach 1945 (Lichtjahre) aus. Ein seltener Fall: ein Buch über Literatur, das ein Bestseller wird!
Im Frühjahr 2003 erscheint der Roman Esra von Maxim Biller, gegen dessen Verbreitung durch den Verlag kurz nach der Veröffentlichung eine einstweilige Verfügung aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen ergeht. In zahlreichen, langwierigen Prozessen versucht der Verlag Kiepenheuer & Witsch, die Freiheit der Kunst gegen die persönlichkeitsrechtlichen Ansprüche zu verteidigen. Aber das Bundesverfassungsgericht bestätigt am 12. Oktober 2007 bedauerlicherweise das letztinstanzliche Verbreitungsverbot des Romans.
In den Jahren zuvor hatte Kiepenheuer & Witsch dreimal (erfolgreich) große Prozesse zur Verteidigung der künstlerischen Freiheit führen müssen: 1. für Günter Wallraff und sein Undercover-Projekt Der Aufmacher. Der Mann, der bei BILD Hans Esser war gegen den Springer-Konzern (1981, BGH), 2. gegen die Indizierung des Romans American Psycho von Bret Easton Ellis im Jahr 1995 durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (OVG Münster) und 3. für Heiner Müller und sein letztes Theaterstück Germania 3 gegen die Erben von Bertolt Brecht (BuVerG, 2000).
Auch aus der ausländischen Literatur kommen im neuen Jahrtausend große Erzähler zum Verlag Kiepenheuer & Witsch: David Foster Wallace, Dave Eggers, Zadie Smith und Jonathan Safran Foer, der mit seinem Debütroman Alles ist erleuchtet (2003) und seinem zweiten Roman Extrem laut und unglaublich nah (2005) international Furore macht. Ebenso herausragend sind die junge Autorin Dorota Maslowska mit ihrem Debüt Schneeweiß und Russenrot (2004) und ihrem beeindruckenden Rap-Roman Die Reiherkönigin (2007), die mittlerweile die bekannteste Autorin Polens ist, sowie die amerikanische Schriftstellerin A.M. Homes mit Dieses Buch wird Ihr Leben retten (2007).
Ein internationales publizistisches Ereignis ist das Erscheinen des lange erwarteten Romans Erinnerungen an meine traurigen Huren (2004) des Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez.
Bemerkenswerte Erfolge unter den fremdsprachigen Autoren von Kiepenheuer & Witsch erzielen außerdem Nick Hornby mit A long way down (2005), Bret Easton Ellis’ Roman Lunar Park (2006) und Julian Barnes’ Arthur & George (2007). 2007 erscheint von Don DeLillo, der als der literarische Chronist der amerikanischen Geschichte gilt, der lang erwartete Roman über den 11. September Falling Man (2007). Die Kritik wertet ihn als Buch, »in dem die Erschütterung, die damals die Welt aus den Angeln hob, in jeder Zeile nachbebt«. (Neue Zürcher Zeitung).
Im Bereich der populären Kultur unterstreicht Kiepenheuer & Witsch seine Ausnahmestellung als Buchverlag mit den Tagebüchern von Kurt Cobain, den Memoiren von Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers (2005), mit Greil Marcus’ Studie über Bob Dylans Jahrhundertsong Like a Rolling Stone und Eric Claptons US-Autobiografie Mein Leben (2007). Große Erfolge folgten mit dem Roman Der Tod des Bunny Munroe (2009) von Nick Cave und mit Patti Smiths Erinnerungen Just Kids (2010).
Auch eine ganze Reihe ambitionierter Bücher über Fußball in der Nachfolge von Nick Hornbys berühmten Fever Pitch kommen ins Programm, von so fußball-versierten Autoren wie Christoph Biermann (Fast alles über Fußball, 2005), Klaus Theweleit, Marcel Reif, Ronald Reng, Sönke Wortmann und anderen.
Einer der größten Verkaufserfolge der letzten Jahre wird 2004 Frank Schätzings Öko-Thriller Der Schwarm. Frank Schätzing ist der deutsche Erfolgsautor. Die Gesamtauflage seiner Bücher beträgt 6,5 Millionen; sie werden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Ein Jahr lang steht auch das den Schwarm ergänzende Sachbuch Nachrichten aus einem unbekannten Universum ganz oben auf allen Bestsellerlisten. Von der Zeitschrift bild der wissenschaft wird es als Wissenschaftsbuch des Jahres 2006 in der Kategorie »Unterhaltung« ausgezeichnet. Im Jahr 2009 erscheint dann der zweite große Roman Limit von Deutschlands erfolgreichstem Thrillerautor bei Kiepenheuer & Witsch, der wie Der Schwarm weltweite Erfolge feiert.
Sensationell erfolgreich wird auch Bastian Sicks Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod in der Kiwi-Reihe, ein heiterer Führer durch den Irrgarten der deutschen Sprache. Inklusive der drei Folgebände werden sich bis zum Ende des Jahres 2010 seine Bücher ca. 4 Millionen Mal verkaufen.
Ähnliche Dimensionen erreichen die Bücher über naturwissenschaftliche Alltagsfragen von Ranga Yogeshwar Sonst noch Fragen? und Ach so!.
In derselben Zeit erscheint bei Kiepenheuer & Witsch immer wieder sehr erfolgreiche Spannungsliteratur – vor allem die Krimiserien von Volker Kutscher, Wolfgang Schorlau und Christian von Ditfurth. Damit entsteht ein neues Segment innerhalb des Verlagsprogramms.

Zu den Aufgaben eines Verlages, der auf Zukunft setzt, gehört es, junge Autoren zu fördern und ihnen eine Chance zu geben. Neue Tendenzen – ob literarische, politische oder gesellschaftliche – zu einem frühen Zeitpunkt zu dokumentieren, ist schon immer der Anspruch von Kiepenheuer & Witsch gewesen.
Gleichzeitig will der Verlag die Werke bedeutender Autoren sammeln, in gut edierten Ausgaben zusammenstellen und der Öffentlichkeit in schöner Ausstattung zugänglich machen:
In den neunziger Jahren legt Kiepenheuer & Witsch eine sechsbändige Ausgabe der Werke von Joseph Roth vor und startet eine sechsbändige Ausgabe der Werke von Dieter Wellershoff, die Ende 2011 mit drei weiteren Bänden abgeschlossen wird.
Die Werkausgabe von Peter Härtling wird abgeschlossen.
Seit Oktober 2002 erscheinen in jedem Jahr drei Bände der Werkausgabe Heinrich Bölls. Das auf neun Jahre angelegte Editionsvorhaben präsentiert Heinrich Bölls Werk in einer 27 Bände umfassenden textkritisch durchgesehenen und kommentierten Ausgabe. Diese sogenannte Kölner Ausgabe ist das bislang größte editorische Unternehmen in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch. Der Abschluss der Ausgabe 2010 wird in den Räumen der Heinrich Böll Stiftung in Berlin mit einer großen Veranstaltung gefeiert, an der auch der Kulturstaatsminister Bernd Neumann teilnimmt.
Im Juni 2008 schlägt der Verlag Kiepenheuer & Witsch ein neues Kapitel seiner Geschichte auf. Nach über 50 Jahren verlässt er sein angestammtes Domizil im Kölner Süden. Die Villa in der Rondorfer Straße im Stadtteil Marienburg bietet für die mittlerweile mehr als 40 Mitarbeiter nicht mehr genügend Platz.
Dem Standort Köln bleibt der Verlag jedoch treu. Die neue Verlagsadresse – »ein Glücksfall«, so Verleger Helge Malchow – befindet sich mitten in der Kölner Innenstadt. Direkt gegenüber von Hauptbahnhof und Dom – in der zweiten Etage des denkmalgeschützten Deichmannhauses – steht dort mit ca. 1200 qm fast doppelt so viel Platz wie in der Marienburger Villa zur Verfügung.
Kiepenheuer & Witsch verlegt die Werke von über 200 Autoren. In ihren Werken spiegelt sich einerseits eine lange, über 50 Jahre andauernde Verlagstradition, andererseits der moderne, innovative Charakter des Verlages zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Ansprüche der Autoren an ihren Verlag sind gewachsen. Diesen Ansprüchen zu genügen, den Autoren ein Gefühl von Verlässlichkeit und Kontinuität zu geben und ihre Bücher professionell zu betreuen – dafür wird der Verlag Kiepenheuer & Witsch weiterhin stehen, um auch in den kommenden Jahrzehnten für seine Autoren – und natürlich für deren Leser – attraktiv zu sein und zu bleiben.
Dies gilt auch für das digitale Zeitalter, dessen Herausforderungen in Form ganz neuer Trägermedien, Vertriebsmöglichkeiten und Geschäftsmodelle sich der Verlag aktiv stellt. Insbesondere im von Marco Verhülsdonk koordinierten ebook- und Online-Bereich sowie beim Vertrieb von elektronischen und physischen Büchern im Internet hat die Digitalisierung begonnen. Das digitale Zeitalter führt zu neuen hybriden Buchformen (enhanced ebooks) und zu einer Revolution der Verlags-Leser-Bindung durch die sozialen Netzwerke.
Auf die Entwicklung Berlins als neuem kulturellem und literarischen Zentrum in Deutschland hat der Verlag auf unterschiedliche Weise reagiert – durch zahlreiche Veranstaltungen, Buchvorstellungen, Verlagsfeste, Pressekonferenzen in Berlin und durch die Neugründung des Verlagsimprints Galiani Berlin, das von Wolfgang Hörner und Esther Kormann in Berlin geführt wird und sofort nach seiner Gründung 2009 große Erfolge hatte.
In das Jahr 2009 fiel auch ein tragisches Ereignis für den Verlag: Durch den Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3.3.2009 wurde auch ein großer Teil des Verlagsarchivs (Korrespondenzen, Dokumente, Akten etc.) zerstört. Über den Grad der Verluste und der Zerstörung lassen sich auch Ende 2010 noch keine verlässlichen Angaben machen. Betroffen sind auch der Nachlass Heinrich Bölls sowie die sogen. Vorlässe von Dieter Wellershoff und Günter Wallraff.
Das Jahr 2011 steht im Zeichen des 60. Geburtstags des Verlags Kiepenheuer & Witsch. Im Herbst des Jahres 1951 waren die ersten Bücher unter dem heutigen Verlagsnamen erschienen. Das Jubiläum begeht der Verlag mit einem großen Fest im September in Berlin.
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