Waren die 68er romantische Helden eines gesellschaftlichen Aufbruchs oder Wiedergänger der Nazis?

Damit war dann doch nicht zu rechnen: Die zu erwartende Debatte im Jubiläumsjahr der 68er-Revolte wächst sich nach Ansicht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel zu einem neuen »Historikerstreit« aus.

Das freilich ist ein großes Wort, bezieht sich der Begriff doch auf eine legendäre öffentliche Kontroverse aus den Jahren 1986 und 1987: Im damaligen »Historikerstreit« ging es um die Frage der Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Vor allem der Philosoph Jürgen Habermas warf einer Gruppe von Historikern, allen voran Ernst Nolte, vor, sie wolle den Holocaust historisch einordnen und dadurch verharmlosen, um der Bundesrepublik eine rechtskonservative, nationale Identität zu geben.

Der sogenannte »neue Historikerstreit« ist eine Auseinandersetzung um die »richtige« Lesart der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse im Jahr 1968. Es geht um die Bilanz einer Generationenkohorte, darum, wie »die 68er« in den Geschichtsbüchern auftauchen.

Gerungen wird darum derzeit vor allem in und mit zwei Büchern: Neben zahlreichen anderen Neuerscheinungen zum Thema legen mit Götz Aly und Peter Schneider zwei Hauptakteure der Revolte ihre persönliche Rückschau vor, die unterschiedlicher kaum sein könnte.

Der Historiker und ehemalige Apo-Aktivist Götz Aly vertritt in seinem Buch »Unser Kampf«, das schon im Titel bewusst auf Hitler anspielt, die These, die 68er seien Wiedergänger der Nazis gewesen. Peter Schneiders Bilanz fällt anders aus. Der Spiegel sieht in Schneiders autobiographischer Erzählung »Rebellion und Wahn« eine kritische »Ehrenrettung« des 68er-Projekts, »das Lebensbuch Schneiders und das der Generation« sowie »eine Geschichte von Größe und Scheitern«.


Lesen Sie hier die Spiegel-Doppelbesprechung der Bücher von Götz Aly und Peter Schneider


Peter Schneider großes Erinnerungsbuch über die Zeit des Aufbruchs von ‘68 – nah und zum Erschrecken fremd

Peter Schneider

Peter Schneider war einer der Aktivisten von 68, mit Rudi Dutschke, Christian Semler, Ulrike Meinhof. Als einer von ganz wenigen unter ihnen hat er damals Tagebuch geführt – ein Schatz, den er erst jetzt hebt.

So entstand eine sehr persönliche Bilanz der Revolte von 67/68, die beides war: eine historisch überfällige Erneuerungsbewegung, die massenhaft mit der Kultur des Gehorsams gebrochen hat; aber auch eine kollektive Anmaßung, die sich am Ende in einen revolutionären Wahn verirrte. In Schneiders Darstellung verschränkt sich der weltweite Aufbruch von 67/68 mit einer Amour fou, die den Tagebuchschreiber womöglich mehr aufwühlte als seine revolutionären Leidenschaften.

»Der junge Mann, der aus den Tagebüchern jener Jahre zu mir spricht, ist mir nah und zum Erschrecken fremd«, schreibt Schneider, doch in einem Punkt ist sich der 68-Jährige mit dem 68er einig: Nicht diejenigen, die den Aufbruch wagten, haben sich zu rechtfertigen. Sondern die anderen, die nach dem Zivilisationsbruch des Dritten Reichs glaubten, in den Schuhen und Anzügen ihrer Väter ihrer Karriere nachgehen zu können, als wäre nichts geschehen.


Begeisterte Pressestimmen zu »Rebellion und Wahn«

»Das Spiel mit den Widersprüchen zwischen subjektivem Erleben und objektivem Geschehen macht Schneiders Buch zum vielleicht glaubwürdigsten unter all den Deutungsversuchen zu 68 … Das Schöne an diesem Buch ist, dass die Erzählung selbst der Geschichte Gerechtigkeit widerfahren lässt. Man lehnt sich entspannt zurück und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen über den Kampf um die Interpretationshoheit, den weniger souveräne Zeitzeugen (und gelegentlich man selbst) bis heute führen.« Frankfurter Rundschau

»Es gelingen Schneider literarische dichte Beschreibungen eines ’Rausches ohne Drogen’… Beschönigt und verschwieben wird nichts ….« Axel Schildt, Die Zeit

»Wer 68 verstehen will, sollte Peter Schneider lesen.« ZDF, Aspekte

»Peter Schneiders Mein 68 räumt freimütig mit manchen Mythen der Revolte auf, und allein schon deswegen ist seine ’autobiographische Erzählung’ lesenswert. … Die Irrwege, der Wahn der ideologischen Rebellen – über all das legt Schneider Zeugnis ab, so wahrhaftig es eben geht.« Thomas Andre, Welt kompakt

»Der Charme des Buches liegt darin, dass der 67-jährige und der 27-jährige Peter Schneider anhand der Tagebuchaufzeichnungen in einen Dialog treten.« Ariane Mohl, Märkische Allgemeine, Beilage Bücherschau



Rebellion und Wahn

Peter Schneider

Rebellion und Wahn

Broschur, Erscheinungsdatum: 18.11.2010

»›Rebellion und Wahn‹ – das ist das Lebensbuch Schneiders und das der Generation.« Der Spiegel

Peter Schneider war einer der Akteure von ‘68, mit Rudi Dutschke, Gaston Salvatore, Ulrike Meinhof. Als einer von ganz wenigen unter ihnen hat er damals Tagebuch geführt – ...