Joseph Roth (1894-1939)

»Das bin ich wirklich; böse, besoffen, aber gescheit.« Joseph Roth

Joseph Roth – aus seiner Feder stammen einige der besten Romane und Geschichten der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Joseph Roth war Starjournalist der Weimarer Republik, Romancier von Weltruhm, er war ewiger Passagier und Nomade, ein Sehnsuchtsexperte und unbändiger Trinker.

Joseph Roth war bekennender Ostjude mit Neigung zum Katholizismus, Pazifist und Einjährig-Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, zeitweise engagierter Sozialist und bald Propagandist einer erneuerten Habsburgmonarchie, analytischer Journalist und Legendenerzähler des eigenen Lebens, ein weitherziger Moralist und begnadeter Polemiker.

Joseph Roths kurzes, nur 45 Jahre währendes Leben war wild, leidenschaftlich und so widersprüchlich wie das Jahrhundert, in dem er Triumphe feierte und elend zugrunde ging. Am 27. Mai 2009 jährte sich sein Todestag zum 70. Mal.



»Einer der besten deutschen Erzähler. Andere hatten im Leben größeren Ruhm. Sein Ruhm wird länger dauern.« Hermann Kesten

Im Verlag Kiepenheuer & Witsch, in dem das gesamte Werk Joseph Roths in Einzelausgaben und als 6-bändige Werkausgabe lieferbar ist, sind zu diesem Jubiläum zwei neue Bücher über Joseph Roth erschienen, die sein zerrissenes und erschütterndes Leben ins Bild setzen:

Eine große Joseph Roth-Biographie sowie die Neuausgabe des prächtigen Bildbandes zu Joseph Roths Leben und Werk.



Joseph Roth

Wilhelm von Sternburg

Joseph RothEine Biographie

Broschur, Erscheinungsdatum: 19.08.2010

»Wilhelm von Sternburgs Roth-Biographie ist etwas für Leute, die mit Vergnügen schlauer werden wollen.« Frankfurter Rundschau

Endlich als KiWi: Wilhelm von Sternburgs große Joseph-Roth-Biographie, eine packend und kenntnisreich erzählte Lebensbeschreibung, zugleich ein ...




»Joseph Roth war ein sterblicher Mensch mit vielen großen und kleinen Fehlern, in einem war er unfehlbar: Er schuf ein makelloses Deutsch; Spiegel einer großen Sehnsucht nach dem Makellosen.« Ludwig Marcuse

Joseph Roth - Sucher, Denker, Trinker. Ein Porträt von Wilhelm von Sternburg

Als Joseph Roth am 2. September 1894 im ostgalizischen Brody geboren wird, herrschen in dieser Grenzregion noch die Habsburger. Brody ist eine überwiegend von Juden bewohnte Kleinstadt, und nur wenige Kilometer entfernt verläuft die Grenze, die Österreich-Ungarn vom zaristischen Russland trennt.

Fernab von Habsburgs Sonne

In einem Armenhaus Europas wächst Roth auf. Eine geheimnisvolle Welt ist es, in der Schmuggler und Wunderrabbis, jüdische Händler und ruthenische (ukrainische) Bauern, Angehörige der k. und k. Armeen und polnische Handwerker und Adlige leben. »Die Strahlen der habsburgischen Sonne reichten nach dem Osten bis zur Grenze des russischen Zaren«, wird er in seinem Roman Radetzkymarsch schreiben, »es war eine kalte Sonne, aber es war eine Sonne.«

Ein Ostjude in Wien

Der Vater wird vor seiner Geburt wahnsinnig, und die Mutter bleibt materiell bis zu ihrem Tod vom Wohlwollen ihres Vaters und ihrer Brüder abhängig. Der Großvater, in dessen Haus der kleine Moses Joseph in den ersten Jahren wohnt, lebt noch nach den Vorschriften des orthodoxen Judentums. Roth lernt hebräisch, man feiert den Sabbat und besucht an den jüdischen Feiertagen die Synagoge. 1901 tritt er in die jüdische Gemeinschaftsschule von Brody ein und wird 1905 Schüler des k. k. Kronprinz Rudolf -Gymnasiums. Sein Jahrgang wird der letzte sein, für den der Unterricht hier noch in deutscher Sprache abgehalten wird.



Roth ist ein begabter Schüler. Früh entdeckt er die Literatur, liest Shakespeare und Schiller, schreibt als Jüngling seine ersten – unbedeutenden – Gedichte und Märchen. Der im habsburgischen Vielvölkerstaat erwachende Nationalismus führt um die Jahrhundertwende auch in Ostgalizien zu einem heftigen Sprachenstreit. Roth bekennt sich zur österreichisch-deutschen Kultur. Er bleibt ein Einzelgänger. Der fehlende Vater, die kleinbürgerliche Welt der Mutter, die jüdische Familie – er will sich lösen, die Herkunft und die Kindheit verdrängen. Später wird er zahllose Legenden über sich und seine Familien verbreiten. »Hoffentlich komme ich bald aus Galizien heraus«, heißt es in einem Brief des Gymnasiasten.

Er geht nach Lemberg, dann bald nach Wien: Hauptstadt des Reiches, deutschsprachige Kulturmetropole und ein Zentrum des wieder anwachsenden Antisemitismus. Er wird einmal schreiben: »Es gibt keine schwereres Los als das eines fremden Ostjuden in Wien.« Roth studiert Literaturwissenschaften, schlägt sich mit Nachhilfestunden und ersten kleinen Veröffentlichungen durch. 1916 wird er Soldat, kommt an die Ostfront, arbeitet an einer Heereszeitung mit, die einige seiner Gedichte veröffentlicht, und wird Mitarbeiter im Pressehauptquartier des österreichischen Heeres. »Wir haben Massengräber gesehen, verschimmelte Hände, ragend aus zugeschütteten Gruben, Oberschenkel an Drahtverhauen und abgebrannte Schädeldecken neben Latrinen.«



Wende zum konservativen Monarchisten

Nach dem Krieg bricht Roth das Studium ab. Er wird Journalist. Zunächst schreibt er für einige österreichische Zeitungen, dann geht er im Juni 1920 nach Berlin. Er arbeitet für den Berliner Börsen Courier, für den sozialdemokratischen Vorwärts und andere Blätter der Weimarer Republik. Auch das Prager Tagblatt druckt seine Artikel. Ein glänzender Feuilletonist ist er, der in seinen journalistischen Frühjahren dem Sozialismus mit Sympathien gegenübersteht. Er ist kein politischer Analytiker wie Theodor Wolff, kein Polemiker wie Kurt Tucholsky. Roths Artikel sind funkelnde Sprachglossen und eindringliche Berichte, die vom Elend des »kleinen Mannes«, vom Leben der Kriegsversehrten und Kriegswitwen, der seelisch zerstörten Heimkehrer, den Arbeitslosen und Kriegsgewinnlern erzählen. 1925 wird er Mitglied der Berliner Redaktion der Frankfurter Zeitung. Er ist einer der Starjournalisten der Weimarer Republik geworden.

1923 erscheint sein erster Roman: Das Spinnennetz. Bald folgen in rascher Folge Hotel Savoy, Die Rebellion, Flucht ohne Ende und Rechts und Links. Zeitromane sind es, Geschichten von Männern, die der Krieg aus der Welt ihrer Jugend gerissen hat. Roth erzählt von Menschen ohne Heimat, von Menschen auf der Flucht. »Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus. So überflüssig wie er war niemand in der Welt« (Flucht ohne Ende).



Schon 1925 verlässt Roth Deutschland und geht für die Frankfurter Zeitung nach Paris. Er wird Reisereporter, berichtet aus Südfrankreich und Russland, aus Albanien und Polen, aus Italien und dem Saarland oder dem Ruhrgebiet. Aber im Mittelpunkt seiner Arbeit steht nicht mehr der Journalismus, sondern das schriftstellerische Werk. Mit den beiden Romanen Hiob (1930) und Radetzkymarsch (1932) erreicht Roth den künstlerischen Höhepunkt seines Schaffens. In beiden Romanen spiegeln sich die zwei großen Themen seines Schriftstellerlebens wider: Das osteuropäische Judentum und die untergegangene österreichisch-ungarische Monarchie. Roth erlebt in diesen Jahren nicht nur eine künstlerische, sondern auch eine politische Wende. Der »rote Joseph« wird zum konservativen Monarchisten.

Roths sich schon früh abzeichnender Kulturpessimismus wird mit dem Beginn des Dritten Reiches zur verzweifelten Hoffnungslosigkeit. Er lebt im französischen Exil, seine Verlage sind jetzt in Amsterdam. In seinem großen Essay Der Antichrist verdammt er mit biblischer Wortgewalt die fortschrittsgläubige Moderne und den Antisemitismus, die barbarischen Diktaturen in Deutschland und in der Sowjetunion. Und er schreibt weiterhin Roman für Roman – Tarabas, Beichte eines Mörders, Das falsche Gewicht, Die Kapuzinergruft, Die Geschichte der 1002. Nacht. Aber seine deutschen Leser werden diese Bücher erst nach 1945 lesen können.



Bis zuletzt auf der Suche

Das Ende ist schrecklich. Als Roth in Paris vom Selbstmord Ernst Tollers hört, bricht er zusammen. In einem Armenhospital, ans Bett gefesselt, nach Alkohol schreiend, stirbt er am 27. Mai 1939.
Ein dramatisches, widersprüchliches Leben. Joseph Roth, selbst assimilierter Jude, kritisiert das Westjudentum, weil es die vor Armut und Verfolgung aus Polen, Russland und dem Baltikum nach Westeuropa fliehenden Ostjuden mit Verachtung behandelt. Er verdammt die kommunistische, dann auch die sozialistische Ideologie und wird doch selbst zum antidemokratischen Ideologen eines utopischen Monarchismus. Sein Habsburg-Mythos, der sich in vielen seiner Romane widerspiegelt, verliert sich am Ende seines Lebens in unpolitischen Träumereien. Seine katholischen Bekenntnisse bleiben – wie so vieles in diesem Leben – augenzwinkernde Koketterien. Seinen Gott aber hat er nie vergessen, und dass die Menschen nicht mehr gläubig sind, ist für ihn das bedrohlichste Zeichen an der Wand der Moderne.



Roth, der Sucher und Deuter, ist über Jahrzehnte hinweg schwerer Alkoholiker. Die unbesiegbare Trinksucht zerstört seinen Körper. Er lebt in Hotels, Bars und Cafés, ein Bohemien, der praktisch nie eine eigene Wohnung besessen hat. Seine Artikel und Romane schreibt er am Kaffeehaustisch oder im Hotelzimmer. Er ist ein hoch bezahlter Journalist und Schriftsteller, und doch begleiten ihn ständige Geldsorgen. Legendär sind seine Bettelbriefe an Freunde (allen voran Stefan Zweig), Verleger oder Zeitungsredaktionen.



Die größte Tragödie seines Lebens beginnt mit der Krankheit seiner geliebten Frau. Friederike Roth leidet an Schizophrenie. Ab 1929 lebt sie ausschließlich in psychiatrischen Pflegeanstalten. Roth fühlt sich schuldig, klagt sich an, verwindet diesen Verlust nie. 1940 wird Friederike Roth im Zuge des Euthanasieprogramms von den Nationalsozialisten ermordet.

Ein großer Romancier, ein wunderbarer Feuilletonist, ein trinkender Filou, ein Lügenbaron à la Münchhausen, ein Humanist und politischer Träumer – Joseph Roth bleibt bis zu seinem Tod ein Heimatloser. Immer hat er sich selbst gesucht, nie hat er sich gefunden. Aber er hat uns Geschichten, Legenden und Märchen erzählt, die zum Besten zählen, was die deutschsprachige Literatur im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

© Wilhelm von Sternburg