Feridun Zaimoglu »Siebentürmeviertel«

Siebentürmeviertel

Feridun Zaimoglu

SiebentürmeviertelRoman

gebunden mit SU, Erscheinungsdatum: 17.08.2015

Eine Familiensaga zwischen Orient und Okzident

Das hat man so noch nicht gelesen: Feridun Zaimoglu führt seine Leser ins Istanbul der 30er-Jahre und mitten hinein in eine fremde und faszinierende Welt, in der sich ein deutscher Junge behaupten muss. Eine Familiensaga der besonderen ...


Prolog

Prolog

Sie nennen mich Hitlers Sohn. Flüchtiger Arier. Kind mit Kraft. Sie nennen mich Windhundwelpe des Führers. Sie rufen mich den Gelben, die kleine Sonne, Zauberperle, lachendes glückliches Äffchen. Sie sagen: Verwandle dich nicht, und wir werden dich bewundern. Sie wollen mir schmeicheln, also lächele ich sie an.
Sie knurren die Laute, die Türken, sie pressen sie heraus, die Koseworte, sie dichten mir eine feurige Herkunft an. Sie sagen: Wir haben nur diese kleine Welt, und wir haben aber so viele Wünsche – erfülle sie uns. Sie nennen mich: Das deutsche Kind, das die Düsternis vertreibt.
Der Teufel schreibt Zeichen und zeichnet Male. Das Land ist mit kleinen Teufeln bevölkert. Ich bin ein kämpfender Geist, ein Modellmensch.
Sie sagen: Schau uns an. Schau uns ins Gesicht. Der Blick aus braunen Augen sticht und brennt. Der Blick blauer Augen kann uns nicht verwüsten.
Mein Vater sagt: Tausend Hunde bellen, weil sie einen Hund bellen hören.
Ich gelte als geschrumpfter Mann, dessen Finger und Zehen zucken, weil er beglänzt ist. Weil er brennt. Die Mütter anderer Kinder kämmen mich. Die Väter nicken ernst, wenn sie mich sehen, sie nicken oder hacken mit dem Kinn in die Luft.
Sie nennen mich: Maschine der Geschichte. Gerät der Gottesmacht.
In ihrer Liebe gedeihe ich. Im fremden Land sprieße ich. Sie sprechen mir eine vererbte Mordlust zu, ich verstehe sie nicht.
Die Türken glauben: Das Schicksal ist ein ernstes Spiel. Die meisten Männer werden fallen durch das Schwert. Viele Männer trägt der Wind fort, sie werden verweht wie zerkörnte Erde. Die Stirn ist die schwarze Tafel Gottes. Auf der Stirn eines jeden Mannes, und einer jeden Frau, steht geschrieben der Anfang, die Mitte, das Ende.
Sie sagen: Du darfst nicht zögern, noch innehalten. Du bist ein Deutschblütiger. Du entstammst dem erblühenden Volkstum. Dort, in deinem Land, sind alle im Freudentaumel. Harre aus bei uns, in der Wildnis, und kehre zurück.
Ich sage: Rückkehr ist ausgeschlossen, solange der Hund die Hunde bellen macht. Das sind meines Vaters Worte.
Ihm gehen sie aus dem Weg. Sie schauen ihn an, als wäre er poliertes Metall, in dem sie sich spiegeln. Sein Gesicht ist kein Gesicht. Er kann den Schatten nicht wegwaschen. Die Worte der neuen Sprache spricht er zungenlahm, sie verübeln es ihm, weil sie eine böse Absicht vermuten.
Ein Mann sagt: Er wird fallen. Ich hinterbringe es meinem Vater. Er spricht den Mann an, der ihn als Memme im Geschirr beschimpft. Kein Widerwort, kein Gegenschlag, kein Hieb: Mein Vater schweigt, lächelt, schweigt, dreht dem Mann nur den Rücken zu.
Sie sagen: Ehre ihn, weil er dich gezeugt hat. Er steckt dich an mit der Krankheit, die alle Glieder lähmt. Sein verschwärztes Antlitz ist manchmal ein blinder Spiegel – dann wenden wir uns ab. Sei uns nicht böse, kleine Arierseele, wir wollen uns nur schützen. Du kommst nach deiner Mutter. Wir wollen dich nicht aufhetzen gegen ihn; ehre ihn und deine Ahnen.
Mein Vater sagt: Ich und dies Land – das passt wie der Geier ins Taubenhaus.
Verdoppeltes Elend am Ende der Welt. Wir flohen. Wir haben unser Ränzel geschnürt. Wir flohen den Rauch und fielen nicht ins Feuer. Affenschande nennt es Vater. Nach deutscher Luft in den Lungen sehnt er sich.
Sie nennen mich: Stahlleib. Blut spritzt auf Eisen, es rostet. Blut schwemmt das Leid fort, ich verstehe nicht. Sie tänzeln im Kreis, in dessen Mitte ich stehe. Sie gurren mich an. Sie bitten mich, die Schwelle oder das Fenster ihres. Dauses zu berühren: Schutz vor dem Dieb. Sie heben den Fuß, ich berühre die Schuhkappe, die Schnürsenkel: Die Schuhe werden länger halten.
Ich berührte die Wunde am Arm des Mädchens, dass sie sich schnell verschließt. Mein Vater verbietet es mir. Man hat ihn um seine Seelenruhe gebracht. Es wird ihn nicht umbringen.
Er nennt mich: Vagabund, Streuner, Buschmann. Er tadelt gern, er lobt nicht. Daheim, im geraubten Reich, ist der Himmel blauer, und die Wiesen sind grüner. Das Reich des bellenden Hundes, alle jubeln, sagt er, und sprechen ein bellendes Deutsch.
Sie, die sie mich bitten, die Hand aufzulegen, auf Stein, Holz und Haut, bitten mich auch, deutsche Worte zu sprechen.
Ich sage: Honig.
Ich sage: Wetter.
Ich sage: Magen und Mädchen.
Sie schauen mir auf den Mund, auf die Zähne. Sie frohlocken, wem sie meine Zungenspitze sehen. Ein ernstes Spiel mit dem deutschen Kind.
Ich kratze mich am Handknöchel an der Wurzel des mittleren Fingers – sie reißen mir die Hände auseinander. Ich darf es nie wieder tun, weil mein Vater sonst verarmt.
Ein Mann verwarnt die Kinder, sie lehren mich den Aberglauben einer anderen Zeit.
Diese Zeit ist zerschmolzen wie Glas. Biegsam wie Gerte soll ich sein, unbeeindruckt soll ich sein von Gerede und Gerücht. Die Ahnen liegen in den Gräbern, in meinem Kopf sind sie nicht begraben.
Ich sage: Zimmermann.
Ich sage: Handwerk.
Ich sage: Brot und Bruder.
Ich sage: Stolz und Glanz.
Alte Männer drehen ihre Zigaretten, sie sitzen auf Schemeln, und wenn ich an ihnen vorbei laufe, winken sie mich zurück. Sie fragen, ob ihre Sitten mich bedrücken. Ich verstehe nicht. Sie fragen, ob ich mir nachts die Stirn wund schlage vor Pein. Jede Antwort gefällt ihnen. Sie reichen mir den Teller Rosinen, ich darf eine Handvoll auflesen.
Sie sagen: Hitlersohn, werde groß und tüchtig.
Meinen Vater schweigen sie an.
Mein Vater warnt: Hüte dich vor diesen finsteren Knechten, sie spitzen das Maul.
Das Viertel ist mein Land.


Teil 1

ISTANBUL 1939

1. Der Erbarmer

Die Krähe stirbt im blassen Licht. Er spannt das Gummiband der Zwille, zielt, und trifft sie an der Brust. Eine Schwinge fächert sie auf, fällt zur Seite, der Schnabel wetzt über die Erde. Batur senkt den Kopf, er zittert.
Ich spähe: In der Ferne Feuerschein, die Zypressen, die sich im Winde wiegen, sind erhellt. Wir haben uns versteckt am Feldrain, hinter den Büschen am Acker, den man mit Abwässern düngt. Ödland außerhalb der Mauern. Sie stehen im Schatten der Hütten aus morschem Holz. Ich zähle drei Kinder und den großen Bruder, der den Vogel getötet hat. Wir sind in der Überzahl.
Dschenk stemmt die Fußballen in die Erde, er will angreifen, ich zerre ihn zurück. Burak und Nuyan lauern, sie summen leise ein Kampflied. Die Feinde sind bewaffnet. Sie haben Astgabeln vom Haselstrauch gespalten, sie haben sie glatt geschmirgelt, Sie schießen nicht mit Papierkrampen. Wenn sie uns früh entdecken, bluten wir aus Löchern im Kopf.
Die Krähe bewegt sich. Der Große lacht verrückt, Flammenrot leckt seine Wangen und seine Haare. Die Zwille steckt er in die Hosentasche, tritt aus den hellen Schatten, er übergibt seine Zwille einem Kind.
Wir sind auf der Hut: Sie könnten uns täuschen. Sie könnten uns im großen Bogen umgehen und in den Rücken fallen. Der Große führt die Kleinen an. Wir können sie besiegen. Mein Plan: Burak und Nuyan klammern sich an seinen Beinen, bringen ihn zu Fall. Dschenk, Batur und ich peitschen die Brut mit sausenden Zweigen in die Flucht. Der Feind ahnt nichts von unserem Hinterhalt.

Jetzt blickt der Große herab auf die Beute. Er umgreift die Flügel, reißt die Krähe hoch, Licht blitzt auf an den Krallen, Licht blitzt auf am aufgesperrten Schnabel, die Kinder schreien, als hätten sie gesiegt. Vogel in der Faust, Geschrei der Getreuen, glücklich ist der Große, weil man ihn verehrt. Sein Gesicht wie geteert. Riecht er am Gefieder?
Er beißt der Krähe in den Kopf. Die Kinder sind still.
Mächtige Welt, sagt Batur.
Er frisst sie roh auf, sagt Nuyan.
Tut er nicht, sage ich und spähe.
Hast du Angst, Deutscher?, sagt Dschenk.
Er muss zuerst fallen.
Hier, sagt er und zeigt mir den faustdicken Stein mit den scharfen Kanten, ich klopfe ihm damit die Stirn auf.
Du übernimmst ihn?
Du musst ihn unten hart rammen, sagt Dschenk.
Und wir?, sagt Burak.
Ihr schlagt den Rest der Brut, sage ich.
Er wird die Krähe rupfen, stückeln, braten und essen, sagt Batur.
Heute wildern sie hier, morgen in unseren Straßen. Willst du das?
Nein.

Nuyan sagt fromm ein kurzes Gebet auf. Dschenk spuckt auf den Stein in seiner Faust, ich schlucke nicht trocken, er würde mich später verspotten. Ich spähe: Der Große umringt von den Kleinen, wir werden sie überraschen. Ich zwänge mich durch die Büsche, Dschenk schließt auf, wir laufen los. Auf halbem Wege schreie ich: Ergebt euch! Ihr seid umstellt von Banditen!
Der Krähenbeißer dreht sich um, er lächelt. Wir stürmen auf ihn zu, Batur beschimpft ihn und die Kinder als Aasfresser. Mein Zweig wischt dem Großen über den Unterleib, er zuckt nicht, Dschenk fällt ihn an und stößt ins Leere, weil der Beißer einen Schritt zur Seite macht. Burak, Nuyan und Batur ringen mit den Kindern. Der Beißer zerrt Dschenk an den Haaren hoch, entwindet ihm den Stein aus der Hand, er schlitzt ihm die Wange auf. Ich peitsche ihm ins Gesicht, auf den Hals, ich brülle: Rückzug!
Wir laufen weg, wir müssen fliehen, wir stolpern über Stauden und Stöcke. Dort, wo der Blitz einschlug, an der rotschwarz gescheckten Erde, dort werden wir uns nach der Flucht versammeln. Dort wächst Gras und Pflanze geknickt und mit grindigen Wunden. Dort findet man verbackene Glasscherben, Fantasiesteine, bunten Abfall, all das, was man zum Schaben und Ritzen braucht. Ich denke: Wenn man mit blitzverbrannter Scherbe übers Pflaster kratzt, klingt es, als knirsche ein kleines Tier mit den Zähnen im Schlaf.
Ich laufe und denke. Ein Feind springt mir auf den Rücken, ich falle hart, der Feind zieht mir den Kopf in den Nacken, steckt mir von hinten Vogelfedern in den Mund, ich spucke sie aus.

Ihr habt Knicker und Knöpfe in den Taschen, sagt der Krähenbeißer, ihr seid keine Banditen.
Lass mich los, sage ich.
Deine Freunde, sie haben dich mir überlassen. Du bist meine Geisel. Schau hin!
Er legt den toten Vogel neben mein Gesicht. Geborstener Kopf. Schwarzes Lumpenbündel. Der Große sitzt auf meinen Schultern, er hat auch mich erbeutet, guter Fang an diesem Tag. Die Kinder stehen nah bei ihm.
Kubilay, sagt der Beißer.
Ja?
Kennen wir ihn?
Das arische Kind, sagt Kubilay.
Arier, ruft der Große aus und lacht, du bist es wirklich. Näschen wie bei einem Mädchen. Mädchenhelle Haut. Mädchenklang deiner Stimme. Willst du mich betören?
Nein, sage ich.
Schlitzt du ihn auf?, sagt ein Kind.
Mund halten! … Schänden werde ich dich nicht, Arier. Wieso greift ihr uns an?
Das ist unser Acker, sage ich.
Unfruchtbares Land voller Ratten und Krähen, ich schenke es euch. Wenn du tief genug gräbst, findest du angenagte Männerknochen.
Stimmt nicht.
Hier starben viele, die sich verirrten, sagt der Beißer, man erstach und verscharrte sie. Nachts heulen ihre Seelen. Am Tag liegen sie bloß in der Erde.
Lass mich, sage ich und versuche, hoch zu kommen. Er. drückt mir den Daunen in den Nacken, ich halte still. Die Kinder sind seine Soldaten, sie warten auf ein Wort, das sie erlöst aus der Starre. Ich schaue auf die tote Krähe, auf die gebrochenen Flügel, auf die gespreizten Federn an der Brust. Der Stein hat ihn aufgerissen, Blut sickert aus dem Wundschlitz.
Soll ich dich aufbrechen wie den Vogel?, sagt der Große.
Nein, sage ich.
Er soll gehen, Bruder, sagt Kubilay, der Kampf ist entschieden.
Hörst du, Arier? Dein Fürsprecher bittet um Milde.
Er greift zur Krähe, beißt ihr den Kopf ab, steckt mir den Kopf in die Hosentasche, steht auf.
Ich warte auf den Schlag, auf die Tritte der Kinder. Ich warte, bis mir vom Liegen auf der harten Erde die Knöchel schmerzen. Das ist der Acker unserer ersten Schande. Schnabelklappen der Vögel, die auf Zypressenästen nisten. Asche am Himmel, es brennt die windschiefe Scheune auf der Brache.


Teil 2

Ich wende mich ab, gehe zwischen staubigen Feldern zurück zum Viertel, trete durch das Belgradtor der verfallenen Stadtmauer. Der Grieche Wassil wässert sein Gemüsefeld, ich winke ihm zu, er starrt mich an: Ein vorbeilaufendes Kind grüßt kein Mann. Am Laden des Krämers Fewsi biege ich ab.
Dort stehen sie, auf dem Stück verdorrtes Land, drei flackernde Geister im Dunkeln. Sie sind müde, sie sind entseelt durch die Hand des Kopfabreißers. Seine zermalmende Kraft hat uns nieder gerissen. Nuyan schneidet die Kerben aus dem Griff seiner Zweigpeitsche, er will von vergangenen Siegen nichts mehr wissen. Burak ist verschwunden. Dschenk verflucht den Großen, er nennt ihn den Cousin einer Kröte. Schwarz beschmierte Menschenhaut.
Er lacht nur, um seine Zähne zu zeigen, sagt Batur.
Ihr seid weg gerannt, sage ich, ich blieb.
Der Arier gibt an, sagt Dschenk, schau, das ist meine Wunde.
Du erzählst deiner Mutter folgende Geschichte: Ich wollte eine Katze küssen, da hat sie mich zerkratzt.
Sie glaubt mir nie.
Was hat er mir dir gemacht?, sagt Nuyan.
Ich musste Federn fressen, sage ich, und er gab mir ein Geschenk.
Ich werfe den Kopf der Krähe vor ihre Füße. Batur weicht einen Schritt zurück. Nuyan schaut über die Schulter in die Richtung der Stadtmauer. Es könnte sein, dass der Große mir gefolgt ist. Dass er mit einem letzten Schlag uns vernichtet.
Wenn Kopf und Körper getrennt bestattet werden, wachsen sie am Tag der Auferstehung nicht zusammen, sagt Nuyan.
Du kernst die Gnade Gottes nicht, sagt Batur.
Er verhöhnt uns, sagt Dschenk, ich sollte das Messer meines Vaters schnappen, und ihn anspringen.
Damit er dir auch die andere Wange zerschlitzt?, sage ich.
Wir sind dumm, sagt Nuyan, wir haben uns mit einem großen Bruder angelegt. Das wird sich herumsprechen.
Er schlägt Kinder. Wenn die anderen Großen davon hören, sind sie aufgebracht.
Kennt ihn jemand?, sagt Batur.
Tschetschenen, sagt Dschenk, vertrieben und seltsam.
Wieso?
Es heißt, sein Vater gürtet sich mit Schlangen.
Märchen, zischt Nuyan.
Die Mutter flucht dir Todesblässe an.
Glaubst du das?, sage ich.
Wer beißt einem Vogel in den Kopf?, sagt Dschenk, doch nur einer, den man zum Wilden erzogen hat. Wir müssen gehen, sagt Batur.
Und die halbe Leiche?, sagt Nuyan.
Lockt Hunde und Käfer an.
Muss unter die Erde, sage ich.

Mit bloßen Händen schaufeln wir ein kleines Loch, legen das Stück Krähe hinein, schütten es zu, treten den Boden fest. Soll man ein Gebet sprechen? Haben Tiere eine Seele, und wenn ja, ist sie dem Tier aus dem Schnabel oder aus der Brustwunde heraus gefahren?
Wir sind ratlos. Die Seele ist der Krähe entrissen, sie ist vielleicht entzweigerissen und fügt sich zusammen wie der Kragen, den man an das Hemd näht. Batur drängt, wir zerstreuen uns.
Spiel der kleinen Mädchen auf der Straße: Sie werfen Kieselsteine hoch und fangen sie mit dem Handrücken auf. Sie kichern, als wir vorbei laufen, Batur wird rot. Das Mädchen mit der zerfransten Schleife im Haar nennt ihn Zuckerprinzchen. Ich habe ihm heimlich zugesehen, wie er den Narren des Mädchens mit dem Finger in nasse Erde schrieb. Jetzt fragt er mich nach unserer Ausrede, er kann nicht lügen, und mir merkt man die Lüge an. Wir einigen uns auf die halbe Wahrheit.

Im Haus von Tete, der Frau, die wir Großmutter nennen, brennt Licht. Sie steht nicht, wie sonst oft bei Anbruch der Abenddämmerung, am Fenster. Also wird sie wohl ungesüßten Tee trinken und alte Lieder singen. Das Gebet wird ausgerufen – gutes oder schlechtes Zeichen? Am Gartentor unseres Hauses bleiben wir kurz stehen, klopfen den Staub von den Kleidern. Diesmal hüpfen wir nicht von einer Gehwegplatte zur nächsten. Mutlos bin ich, und Batur ahmt mich nach. Ich steige die fünf Treppen hoch, drehe an der Klingel. Die Tochter des Hauses schließt uns auf. Derya ist streng, sie schüttelt bei unserem Anblick den Kopf. Wir schnüren unsere Straßenschuhe auf, ich schlage die Zierdecke zurück, wir stellen unsere Schuhe auf das Regal.
Hierher, ruft mein Vater.
Hitlersohn, sagt Abdullah Bey.
Sie sitzen am gedeckten Tisch, Batur und ich stellen uns nebeneinander auf. Bayka Hanim zankt ihren Mann aus, er soll den Namen des finsteren Gauners nicht in den Mund nehmen. Er lächelt erst sie, und dann mich an.
Deine Stirn blutet, sagt sie.
Ich habe sie mir wund geschlagen, sage ich, an einem Stein, der am Boden lag. Den ich nicht aufhob.
Du bist gestürzt?
Ja. Ich bin über eine Knolle gestolpert, und fiel auf den Stein.
Und mein Sohn Batur fiel mit, sagt Abdullah Bey.
Ich wollte mich an ihm fest halten.
Steckenpferdreiter, sagt mein Vater auf Deutsch.
Abdullah Bey runzelt die Stirn, er kennt das Wort nicht, er hält es für eine knappe Ermahnung.
Hast du Hölzchen im Mund, sagt er zu seinem Sohn Batur.
Wolf hat recht.
Womit?
Er riss mich zu Boden.
Es gibt süße Teigbällchen als Nachspeise, sagt Bayka Hanim.
Wir haben uns geprügelt, sagt Batur.
Am liebsten würde ich ihm einen blauen Fleck in den Arm zwicken. Jetzt starrt mich mein Vater böse an. Ich muss die ganze Geschichte erzählen. Derya hält sich im Hintergrund, und nur einmal schnalzt sie missbilligend mit der Zunge.
Als ich fortfahren will, um zu schildern, was mit dem toten Vogel geschah, unterbricht mich die Dame des Hauses. Ich werde für die Lüge büßen müssen, mein Vater ist unerbittlich. Er sagt: Ich schüttele dich aus den Lumpen, wenn du dich im fremden Haus nicht benimmst. Hände waschen, Hose wechseln. Fingerkuppen in Wasser tunken, Finger spreizen, mit den Fingerzinken durch das Haar fahren.


Teil 3

Derya wartet im Flur, schenkt mir einen Pferdewagen. Der Karren besteht aus einem Schafskieferknochen, im den sie Garn gebunden hat. Das Gespann: Gelenkknochen, die an Holzstäben festgemacht sind. Mädchenspielzeug, ich bedanke mich trotzdem. Sie nimmt es mir ab, legt es auf die erste Treppenstufe, schickt mich ins Wohnzimmer.
Ich setze mich auf den freien Stuhl neben Batur, stecke den Serviettenzipfel in den Ausschnitt, schaue nicht auf meines Nebenmannes Brotscheibe, schaue nicht auf meines Gegenübers Teller.
Auf meinem Teller: mit Reis gefüllte Paprikaschoten. Der Herr des Hauses dankt Gott für die Gaben und wünscht uns allen eine gesegnete Mahlzeit. Wir dürfen beginnen. Batur ist Linkshänder, ich presse den Ellbogen an die Flanke.
Du warst befremdet über unsere Speisen, sagt Abdullah Bey, damals, als du herkamst. Immer noch hast du dich nicht daran gewöhnt, dass uns knusprig gebratenes Gekröse schmeckt.
Ich kann mich nicht beklagen, sagt Vater, ich werde immer satt.
Wir essen Innereien.
Mein Ehemann beachte bitte die Tischsitten, sagt Bayka Hanim.
Natürlich, sagt Abdullah Bey, der einäugige Krämer verkauft Schweinefleisch … wie heißt Laden auf neumodisch?
Charcuterie, sagt Bayka Hanim.
Ja. Der Krämer jedenfalls wird deshalb von manchen Männern im Viertel verfemt. Sie nennen ihn den Wurstchristen. Gestern passte mich ein Kerl ab. Einer, von dem ich erst dachte, er hat sich die Oberlippe mit Kohlengrus bestäubt. Ihm sprießt aber nur der Flaumbart. Mausgesichtig. Wenig Hals. Der Junge stellt sich mir in den Weg und sagt: Kauf nicht ein bei ihm. Er verkauft totes Schwein. Er ist ein Wurstchrist. Ich sage ihm: Was sind wir? Bratdarmmoslems.
Derya kichert, läuft rot an, flieht ins Bad. Bayka Hanim klopft mit dem Nachtischlöffel ihrem Mann auf den Handrücken. Eine Frau des sanften Tadels. Abdullah Bey spricht über Bratkartoffeln mit Speckwürfeln, eine Versuchung für einen rechtschaffenen Muselmanen wie ihn, der in den zwei Jahren seines Aufenthalts im Deutschen Reich genau wissen wollte, was für Fleisch ihm die Servierfräuleins auf den Teller legten. In den besseren Restaurants wurde nämlich die heiße Pfanne auf dem Wägelchen an den Tisch gebracht.
Er fragt Vater, ob ihn das Heimweh plagt.
Was soll er antworten? Ich sehe ihm sein Unbehagen an, auch wenn er stumpf geradeaus blickt. Er scheint das Ahnenschwert an der Wand zu mustern. Dann räuspert er sich die Kehle frei, betupft die Mundwinkel mit der gestauchten Serviette und sagt, dass Männer seines Schlages eigentlich Schlechteres verdienten. Natürlich würde ihm die Hausmacher-Rostwurst mit Sauerkraut fehlen. Natürlich sehnte er sich danach, nur an manchen Abenden, mit Menschen seines Volkes in der Sprache seines Volkes zu sprechen. Aber er, Franz, und sein Sohn Wolf wären aufgenommen worden von einer Dane und einem Herrn, die ihm nichts schuldeten.
An dieser Stelle winkt Abdullah Bey ab, schaut in die Runde, und bittet alle Anwesenden bis auf Vater den Raum zu verlassen.
Ich danke Bayka Hanim für das Essen.
Sie sagt: Gott füllt unsere Mägen, ich bin nur Seine Handlangerin. Ich wasche mir die Hände, laufe die Treppen hoch, lege mich auf den Holzfußboden an der Fensterseite, starre durch das kleine Astloch: Ich sehe die Hände meines Vaters auf dem Tisch, Abdullah Bey faltet die Serviette, bis sie so klein ist, dass sie in die Brusttasche passt. Sie schweigen, ich lausche ihrem Schweigen.
Franz, ich habe mit dir eine ernste Sache zu besprechen.
Das ist offensichtlich, sagt Vater.
Du hast deine Frau selig lange genug geehrt.
Willst du mich verkuppeln?
Ich könnte darüber lachen, aber das wäre nicht angemessen, sagt Abdullah Bey, meine Frau hat sich umgesehen. Zugegeben, ohne deine Erlaubnis. Sie hat viele beste Freundinnen. Und sie wiederum haben viele Töchter.
Zu jung, sagt Vater.
Bist du zu alt? Nein. Willst du bis ans Lebensende weiblos bleiben? Das wäre nicht gottgefällig. Ich weiß schon, den Himmel bemühst du selten um Beistand.
Die Engelscharen schauen zu beim Weltenbrand, sagt Vater.
Was bedeutet das letzte Wort?, sagt Abdullah Bey.
Krieg.
Lass uns zu dieser ernsten Sache zurückkehren. Ein kerniger deutscher Mann genießt hohes Ansehen. Du musst dich entscheiden … Gibt es eine Dame deines Herzens?
Nicht dass ich wüsste.
Was ist das für eine Antwort?!
Abdullah, ich will nichts an meinem Ehestand ändern.
Du gibst höheren Töchtern Privatunterricht. Ihre Väter sind reiche Türken. Oder Griechen. Oder Armenier. Sie schätzen dich. Wenn du um die Hand der Tochter eines dieser Männer anhalten würdest, was würde er dir wohl sagen?
Geh heim ins Reich, sagt Vater.


Teil 4

Jetzt faltet Abdullah Bey die Serviette auseinander. Plötzlich springt er auf, ich sehe ihn nicht mehr. Da, er setzt sich wieder hin. Was wird er getan haben? Er wird, wie es manchmal seine Art ist, einige Schritte auf- und abgegangen sein, um seine Gedanken zu ordnen.
Alles auf den Tisch?, sagt er.
Alles auf den Tisch, sagt Vater.
Es gibt böse Gerüchte. Ich habe eine erwachsene Tochter. Sie sträubt sich noch. Aber bald wird sie heiraten müssen. Das ist der Gang der Dinge. In den letzten Wochen warfen mir manche Frauen seltsame Blicke zu. Sie pressten die Lippen aneinander. Als müssten sie die Worte zwischen Gebiss und Gaumen gefangen halten. Als wäre ich ein verrufener Kerl. Habe ich Unrechtes getan? Habe ich jemanden in Verruf gebracht? Ich spürte die bösen Blicke. Ich sprach meine Frau darauf an. Ihr ist zu Ohren gekommen, dass man dieses Hauses entheiligt. …
Was heißt das?
Man beschmutzt die Ehre meiner Tochter.
Sie glauben doch nicht etwa …
Doch, genau das tun sie, ruft Abdullah Bey, sie tuscheln hinter unserem Rücken. Sie flüstern: Sie ist das Arierliebchen. Sie flüstern: Der Herr des Hauses lässt es geschehen, er ist schließlich sein Freund. Wahrscheinlich hat er selbst ein schmutziges Geheimnis, das der Deutsche nur unter einer Bedingung hütet. Die beiden haben einen Handel geschlossen: Du erlaubst das sittenwidrige Verhältnis, ich halte den Mund.
Erpressen sie dich?
Gerüchte sind Erpressung, sagt Abdullah Bey, hör zu, Franz! Du hast ein deutsches Herz. Aber du hast es begriffen. Eine junge Grazie wird bespien. Und es liegt an dir, ob es dich etwas angeht.
Ich verstehe, sagt Vater, darf ich aufstehen?
Keinen Schnaps?
Vater lehnt diesmal ab. Eine baldige Entscheidung verspricht er seinem Freund.

Bayka Hanim ruft mich nach unten, fast stolpere ich über den Kieferknochen. Sie erklärt, dass es für mich zu früh wäre, ins Nachthemd zu schlüpfen. Sie wird ihre Freundin Nuriye Hanim besuchen, ich solle mitkommen und das Schafsfell nicht vergessen.
Draußen, im Geisterlicht, schaurige Männer. Sie wenden sich ab.
Bayka Hanim sagt: Menschen, die sich ihrer Unreinheit wegen schämen, sind Heilige. Ich nicke, ohne zu verstehen. Ein Mann reibt die Schuhspitzen am Hosenbein an der Wade blank. Beim Anblick einer Dame mit Kind wechselt er die Straßenseite. Er achtet die Sitte.
Mein Vater nennt höfliche Halunken Sauglöckner. Mich warnt er vor Entratung.
Wir verharren vor dem Haus der Freundin, Bayka Hanim lächelt und lobt mich. Ihr Sohn hat sich von ihr bestechen lassen, deshalb bleibt er zur Strafe zu Hause. Sie lüpft das durchsichtige rotbestickte Tuch auf ihrem Haar, strafft es, legt es auf, streicht die Zipfel hinter die Ohren. Sie ist bereit, ich klopfe an die Tür.
Nuriye Hanim, schöne Witwe, ihr rechtes Auge tränt, deshalb sieht man sie immer mit dem Tränentuch in der Hand. Sie bittet uns herein. Bayka Hanim holt ihre Hausschuhe aus dem Stoffbeutel, ich schlüpfe in die großen Lederpantoffeln des verstorbenen Mannes. Die Wände sind behängt mit dünnen Zierteppichen. An der Kommode lehnt eine Knickhalslaute. Ich bekomme ein Glas heiße Schokolade, Bayka Hanim trinkt Tee und saugt zwischendurch an Zitronenschnitzen.


Teil 5

Die Frauen sprechen über Derya, die blühende blasse Schönheit. Die Jünglinge des Viertels glichen Katzen, die Grashalme zerbeißen, sie werden von Fliegen benascht. Vielleicht würde bald der richtige Mann vorsprechen – was hieße richtig?
Richtig ist Geld, sagt Nuriye Hanim, richtig sind hohe Jochbogen, richtig ist gute Gesittung, richtig sind Augen ohne böse Splitter im Braun. Sie fragt mich, ob mir ein Mädchen gefalle. Bayka Hanim klopft ihr mit dem Teelöffel auf den Handrücken. Sie bittet um eine Schüssel mit Wasser, ich rücke näher an den Beistelltisch. Sie lässt Tinte in das Wasser tropfen, es bilden sich Schlieren wie Fangarme. Das in der Tiefe lauernde Tier treibt hoch. Zu Fäden zerlaufende Tropfen, ein Gesicht, viele Gesichter, das Wasser färbt sich blau, Bayka Hanim schaut auf.
Nicht gut, und nicht schlecht, sagt sie.
Erzähl’, sagt Nuriye Hanim.
Viele Spiele verderben.
Ja?
Ich sah eine schiefe Fratze. Die Fratze eines Menschen von außerhalb. Verhexte Seele. Alles Krumme an ihm. Böse ist er nicht, Schaden anrichten will er nicht. Er flüstert ein Wort, immer wieder: Weiß.
Weiß wie die Farbe?, sagt Nuriye Hanim.
Er verspricht eine weiße Welt, sagt Bayka Hanim.
Schneefall?
Nein. Licht, in dem das Schwarze verglüht. Licht, in dem alles seine Farbe verliert.
Droht Gefahr?
Ich kann sie nicht erkennen …
Mein Mund ist trocken, ich bitte um ein weiteres Glas Tee.
Nuriye Hanim will wissen, ob die Engel nicht mehr Einkehr halten in unseren Häusern, weil wir nach der Gosse riechen. Ich höre die Worte, ich verstehe nicht: Verse, die sich wie Schmutz festsetzen. Liedgut der Fremden. Böse Augen, die sich öffnen. Es droht Erstickung. Doch Gott ist unser Halt.

Ihre Tochter Ayfer erscheint plötzlich in der Tür, die Mutter erschrickt, schilt mit ihr, sie soll aufhören, sich anzuschleichen. Das Mädchen will mit mir spielen. Es muss versprechen, danach ins Bett zu gehen. Es umgreift meinen Zeigefinger und zieht mich in den Vorratskeller. Fünf Jahre alt, denke ich, nur ein Jahr jünger als ich, und trotzdem mehr Kind. Es zeigt auf eine Dose auf dem zweithöchsten Regal, auf Zehenspitzen kam ich sie nur berühren, die Dose rutscht an die Wand. Ich stelle mich auf eine Obstkiste, schraube den Deckel auf.
Bald sitzen wir auf dem Steinboden und essen getrocknete Maulbeeren. Ihr Rock ist hochgerutscht, es ist mir nicht recht, ich senke den Blick. Ayfer spricht in Halbsätzen, sie spuckt mir plötzlich ins Gesicht und verteilt den Speichel über die Stirn. Die Wunde brennt. Ich stehe auf, gehe zurück zu den Frauen. Ayfer rennt mir hinterher, sie redet, unterbrochen von Kinderlauten, von meinem wehen Fleisch, von ihrer Spucke, von Maulbeeren, dann verschwindet sie. Das Mädchen mit den aufgeschürften Knien. Bis vor kurzem hieß es, ein niederer Dämon bewohnte es, doch seine Wildheit ist gebändigt, man sagt, Ayfer sei nur gärend jung.

Ich rolle mein Schafsfell aus, lege mich hin, stelle mich schlafend.
Schläft der Junge schnell ein?, sagt Nuriye Hanim.
Fast immer, sagt Bayka Hanim, was bedrückt dich?
Die Tintenfratze …
Ich las etwas hinein, was nicht stimmen muss.
Früher haben die Frauen ihre Ketten vorgezeigt.
Die Männer versetzen das Geschmeide, sagt Nuriye Hanim, es wird strenger.
Tote ohne Trost, das sind wir.
Denk nicht daran. Du musst eine Tochter großziehen.
Ich begehe den Tag wie immer, sagt Nuriye Hanim, die Arbeit nimmt mich in Anspruch. Ich halte das Haus rein. Mein sonderbares Mädchen ist gottlob gesundet. Ich fege den Straßenschmutz, den der Wind über meine Schwelle weht, wieder hinaus.
Dann bist du glücklich.
Von welchem Feldpächter kaufst du deine Tomaten?
Bayka Hanim lacht, dem sie hat verstanden. Haydars Tomaten sind die besten im ganzen Viertel. Doch Nuriye Hanim schickt ihre Tochter nicht mehr zum Feldpächter. Obwohl sie in der Sonne öfter blinzeln muss und ihre Augen tränen, macht sie sich selbst auf den Weg. Sie schmachtet ihn an. Sie lässt jede einzelne Tomate von ihm polieren, damit sie länger verweilen kam. Sie entschuldigt sich mit ihrem Sauberkeitseifer. Der Anblick von blank geriebenem Obst und Gemüse würde ihre Stimmung heben. Haydar, der emsige Feldbauer, wird von den Großen Brüdern beneidet: Sein Fausthieb kann einen Ochsen niederstrecken. Man vermutet, dass er mit bloßen Händen zwei Männer gleichzeitig erwürgen kann. Er wohnt in einer Baracke auf seinem Feld, seine Tür verschließt er nie, er scheint keine Angst zu haben, dass man ihn nachts überfällt. Keine Frau und keine Kinder. Zum Ergötzen aller Witwen wäscht er sich den Oberkörper am Brunnen neben der Holzbaracke. Jeden Freitag, vor dem Gebet.
Ich bin das arische Kind, man beachtet und lobt mich und glaubt aber, dass ich die Worte nicht verstehe, die Frauen und Männer mit heiserer Stimme flüstern. Die Frau des Schreiners sagte leise: Er muss es tun, bevor mein Wunsch verwelkt. Die Frau des Barbiers sagte einer Griechin: Kannst du dem Wind ein Zeichen aufdrücken? Dieser Mann ist der Wind, er weht in unsere Herzen. Tomatenputzer Haydar, ihr Liebling, ihr Feind. Sein Bruder Hamit, ein strenger Mann. Er fährt jede an, die ihn im Scherz den halben Haydar nennt. Sie sind keine Zwillingsbrüder, sie sehen einander nicht ähnlich …


Teil 6

Nuriye Hanim schüttelt mich sanft, ich rolle mein Fell zusammen, sie sagt, ich müsse ihr abgelauschtes Geheimnis für mich behalten. Ich verspreche es ihr. Auf dem kurzen Heimweg schweigt Bayka Hanim, wir starren kurz auf Scherben und Splitter auf dem Pflaster: in der Wut zerschlagene Ziegel und Gläser. Vielleicht sind zwei große Brüder aneinander geraten. Der Bürgersteig vor unserem Haus ist saubergefegt. Bestimmt hat Abdullah Bey die Männer besänftigt und sie gebeten, die Scherben am Gartentor einzusammeln.
Bayka Hanim schickt mich ins Bad, ich soll nicht vergessen, die Füße, vor allem die Falten zwischen den Zehen, zu waschen. Ich hebe vorsichtig die schwere Holzklappe auf dem Loch des Plumpsklos: Biss- und Nagespuren an der Unterseite. Ratten schleichen sich in den Keller. Sie kriechen durch das Abflussrohr, kriechen heraus aus dem Loch. Derya ist in Ohnmacht gefallen, als eine Ratte an ihren Füßen vorbei ins Haus huschte. Der Schreiner hatte gerade die frisch gezimmerte Kommode geliefert. Er scheuchte die Ratte in den Hintergarten und tötete sie mit zwei Hieben mit dem Kehrblech.

Ich steige die Treppen hoch, die Tür des Zimmers meines Vaters ist angelehnt, flackerndes Licht dringt durch den Spalt, leckt über den Flurboden. Ich wünsche ihm leise gute Nacht, er ruft mich herein. Auf dem Tisch die brennende Petroleumlampe, ein halbvolles Glas auf dem Unterteller, meines Vaters Rechte am Glas, sein Finger fährt am Trinkrand entlang, immer wieder. Er hat sich für die Nacht schon umgezogen.
Hat dich das Gerede der Frauen zermürbt?, sagt er auf Deutsch.
Was heißt … zermürbt?
Wenn die Dummheit weh täte, hörte man dich von Berlin bis nach Potsdam schreien.
Ja, sage ich.
Hat man über mich gesprochen?
Nein.
Die werden sich hüten, sagt Vater, sie kriegen alle ein breites Maul vom Lästern. Aber: Der wirft mit Dreck, der bleibt auf Dauer nicht unbe … schmutzt. Du kannst nach rechts oder links ausschlagen, du kannst auf deinem Fleck festwachsen – alles einerlei. Sie finden an dir immer einen Makel. Am besten, man sagt weder Gicks noch Gacks. Dann heißt es: Der Mann ist hochmütig, er will mit uns nicht verkehren … Hell strahlten die Lampen meines Landes.
Ja.
Jetzt folgt die Herde dem elenden Bock. Sie nennen dich Hitlersohn – wieso?
Weil sie mich mögen, sage ich.
Was?
Sie meinen es nicht böse.
Da sei dir mal nicht so sicher, sagt Vater, für sie bist du ein Affenjunges mit Rüsche und Lätzchen. Ich seh doch, wie du dich anbiederst.
Tu ich nicht.
Widersprich mir nicht! Junge, sieh dich vor. Wir sind umgeben vom fremden Volk. Es teilt mit uns Brot und Salz, und die Armut. Wir haben einen Schlafplatz. Man trachtet nicht nach unserem Leben …
Mein Vater: Er ist ein Fels, keine Brandung kann ihn zerspalten. Mich schützt er, mich nährt er, mich lobt er nicht, mich liebt er. Sein Gesicht im Schein der Lampe: Holz, in das man Furchen geschnitten hat. Nichts wird ihn erschüttern, er fällt nur, wenn er fallen will.
Schlaf mir nicht ein, ruft er aus.
Wirst du Derya heiraten?, sage ich.
Nein.
Der Tau schmilzt bei ihrem Blick.
Von wem hast du das?
Von Dschenk, meinem Spielfreund, sage ich.
Deine verlausten Kameraden, reden sie auch über mich?
Nur Gutes. Sie sagen: Derya kann es schaffen, dass dein Vater sein Doppelleben aufgibt.
Ein vergiftetes Lob, ruft er.
Sie sagen: Wenn Derya ihm Söhne schenkt. werden sie zu harten Kämpfern auswachsen.
Und was antwortest du?
Nichts, sage ich, sie stellen mir ja keine Fragen.
Klugschwätzer. Geh ins Bett.


Teil 7

Ich liege unter der Decke und denke: Morgen will Derya mit mir Aprikosenkerne spalten. Die bitteren Mandeln werden wir brechen und den Bruch den Vögeln vor den Schnabel streuen. Sie hat mir ein Geheimnis verraten: Sie hat schöne glatte Haut, weil Bayka Hanim während der Schwangerschaft Pfirsiche mit gezuckerter Milchhaut gegessen hat. Sie wirft meinem Vater nicht heimliche Blicke zu, sie errötet nicht, wenn er das Wort an sie richtet. Derya würde sich in ihr Schicksal fügen. Wäre ich dann ihr Kind? Und ihre eigenen Kinder, wären sie meine Geschwister?
Ich liege und denke: Vater ehrt meine Mutter. Er erinnert sich an sie, wenn er den Handschmeichler auf dem Tisch betrachtet. Ihr Geschenk für ihn zum Geburtstag. Schöne Mutter hatte ich, ich hatte eine schöne Mutter. Zehn Mal wiederhole ich den Satz, bis die Worte zerfallen.
Ich weiß: Es schlafen die Gottesdiener. Es schlafen die Heiden. Mond tropft die Nacht bleich. Junge hungrige Hunde beißen draußen ins Holz der Stufen. Spitze Zähne. Schaben und Schleifen. Der Nachtwächter bläst in die Trillerpfeife, die Hunde spritzen wimmernd auseinander. Aus dem Lendenstück Fell eines Tiers hat er seinen Tabakbeutel genäht. Er hat ihn mir gezeigt, er ist so groß wie die geballte Faust eines Mannes. Es schlafen die großen Brüder, die tagsüber toben. Beim kleinsten Geräusch werden sie sich aufrichten und zum Messer greifen. Der Kopfabreißer, hat er schon die Augen geschlossen? Lauert er dem Rattenkönig auf, der größten Ratte im Viertel, um sie aufzureißen, dass sie in der Hitze verfaule und verdorre? Die Männer würden ihn bewundern, die Frauen sich in ihn verlieben. Der Krähenbeißer wäre der Herr der Gassen.
Ich liege und sehe: Fünf Steine, von fünf Zwillen geschleudert, treffen zwei Krähen, ein Vogel wird an der Brust getroffen, ein anderer am Flügel. Drei Vögel fliegen davon, unverletzt, sie fliegen im Abenddämmer über die zerfallene Mauer, über die Kurden, die darin hausen, über Felder, Maulbeerbäume, zersprungene Ziegel, über glühende Schlote, über das Minarett, über die Kuppel der Kirche, über Kürbisse, Tomaten und Auberginen, über die Schwärme von Fliegen, die das Gemüse umschwirren. Sie fliegen über die gemästeten Opfertiere, über die Männer, die hinauf starren. Sie fliegen über Frauen, die Hemden und Hosen in Hintergärten aufhängen. Sie fliegen zum Grab ihrer geköpften Schwester, stürzen herab. Hacken und scharren den kleinen Schädel frei. Alles dunkel, alles still.
Ich tauche ein in den Traum.