Alice Schwarzer - Lebenslauf

»Was hat mich geprägt?« Und: »Was habe ich daraus gemacht?«

Alice Schwarzer

Alice Scharzer ist umstritten wie eh und je. Am 3. Dezember 2012 wurde die Frontfrau des Feminismus 70 Jahre alt. Wir gratulieren!

Aber: Wie ist Alice Schwarzer die geworden, die sie ist? Und vor allem: Wer ist sie überhaupt? Diesen Fragen geht die Autorin und Frauenrechtlerin in ihrem autobiograpischen Buch »Lebenslauf« auf den Grund.
»Ich bin in der etwas speziellen Lage, dass es ein öffentliches Bild von Alice Schwarzer gibt. Man glaubt zu wissen, wer ich bin, obwohl ich nur sehr selten öffentlich über mich selber geredet und kaum je über mich geschrieben habe. Manches von diesem Schwarzer-Bild basiert auf meinen Texten, meinem politischen Engagement und meinen öffentlichen Auftritten. Doch viel ist geprägt von Klischees. Dass meine Realität in weiten Strecken so ganz anders aussieht als diese Projektionen, auch das gilt es zu sagen.
Ich bin gespannt auf diesen Streifzug durch mein eigenes Leben.«
Alice Schwarzer im Vorwort zu »Lebenslauf«



Mit großer Offenheit schreibt Schwarzer über das, was prägend für sie war:
Die politisierte Großmutter und der fürsorgliche Großvater.
Das schwierige Verhältnis zur Mutter.
Ihre Kindheit auf dem Dorf und die Jugend in Wuppertal. Ihre besten Freundinnen und der erste Kuss. Ausgrenzung und Gewalt, Freundschaft und Liebe.
Schwarzer erzählt vom Swinging Schwabing in den 60ern und von den 68er-Jahren als Reporterin bei pardon.
Von ihrem Leben als Korrespondentin und dem euphorischen Aufbruch der Pariser Frauenbewegung.
Und sie schildert die frühen feministischen Aktionen gegen den § 218 und den Skandal vom »Kleinen Unterschied« – bis hin zur EMMA-Gründung.


Auszüge aus dem Buch

[…] Die Geburt eines unehelichen Kindes ist in dieser Zeit noch eine große Schande – wenn es nicht gerade ein Kind ist, das die Mutter »dem Führer schenkt«. Doch das kann bei meiner Mutter nicht unterstellt werden. Die war schon als 17-jährige Dienstverpflichtete nach der »Kristallnacht« mit dem Satz aufgefallen: »Man sollte in alle braunen Buxen schießen!« Womit sie die Nazi-Hosen meinte und prompt bei der Gestapo vorgeladen wurde. Vorlaut wie sie war, hätte sie sich wohl um Kopf und Kragen geredet, wäre sie nicht jung und hübsch gewesen. Auf die Frage, warum sie nicht beim Bund Deutscher Mädel (BDM) sei, antwortete Erika schnippisch: »Ich sticke an meiner Aussteuer.« Und der genervte Gestapo-Mann entgegnete: »Solche wie Sie wollen wir auch gar nicht haben im BDM



_[…] Mit zwölf lasse ich mich zu aller Überraschung taufen. Kommentar Mama: »Bitte, wenn das Kind das will.« Und zwei Jahre später lasse ich mich auch noch konfirmieren. Was mit unserem engagierten Pastor Hanusch zu tun hat, ein Aktivist der Bekennenden Kirche und Legende in der Wuppertaler Protestanten-Szene (und übrigens der Ziehvater von Johannes Rau). Und auch damit, dass ich es ein bisschen leid bin, immer anders zu sein als die anderen. Zur Taufe in der Christuskirche kommt Mama selbstverständlich nicht mit. Aber Papa. Und Mutti leider auch. Denn die kriegt einen Hustenanfall, als mir der junge Vikar mit seinen großen Händen mit Schwung Wasser über den Kopf gießt und ich wegen der in meinen Kragen rinnenden Tropfen leicht zusammenzucke.
Der Hustenanfall ist in der leeren, hallenden Kirche unschwer als Lachanfall zu identifizieren. Einen Vorteil allerdings haben diese Art von Erfahrungen für mich: Wer so was überlebt, dem ist für den Rest des Lebens nichts mehr peinlich._



_[…] Diese Tage in Sainte Maxime sollten Schicksalstage für mich werden. Ich begegne meiner ersten »großen Liebe«: Bruno. Er sitzt am Strand, allein, und liest: eine Studie über Marx, wie ich erspähe. Aber er hätte meinetwegen auch Mickey Mouse lesen können (was ebenfalls nicht ausgeschlossen gewesen wäre, wie sich später herausstellen wird). Egal. Er ist es einfach! […]
Die Beziehung zwischen uns wird sehr bald sehr innig. In den kommenden zehn Jahren werde ich mein Leben mit Bruno teilen: mal einen Kilometer entfernt von ihm, mal 500 oder 800 Kilometer, aber immer im täglichen Austausch. Später werden wir etliche Jahre lang eine gemeinsame Wohnung haben._



_[…] Also fange ich wieder an, mich zu bewerben. Und ich schreibe ein zweites Mal an pardon, das Monatsmagazin, das journalistische Berichterstattung mit provokanten Polit-Aktionen und Satire mischt und neben konkret jetzt als eines der beiden Sprachrohre der 68er-Bewegung gilt. Hans Nikel schreibt zurück. Der Gründer, Verleger und Chefredakteur von pardon will mich kennenlernen. Ich sause nach Frankfurt – und kriege die Stelle! Ab Januar 1969 werde ich als Reporterin bei pardon arbeiten, als Nachfolgerin von Günter Wallraff, der vor mir dort die Rollenreportage erprobt hatte.

[…] In einem Brief vom 1. Mai entdecke ich ein für mich historisches Datum. Ich schreibe: »Bruno, du musst unbedingt ›Das andere Geschlecht‹ von Simone de Beauvoir lesen! Ich habe gestern damit angefangen und schon viele Entdeckungen gemacht. Ich bin ganz und gar ihrer Meinung!« Ich lese dieses bedeutendste feministische Werk des 20. Jahrhunderts auf Deutsch in einer, wie ich später realisiere, sehr schlechten Übersetzung (die Jahrzehnte später auf meine Anregung hin überarbeitet werden wird)._



[…] In meinem Fall heißt das auf solchen Veranstaltungen, vernehmlich und mit strahlendem Lächeln ins Mikrofon zu sagen: »Habe ich den Herrn da hinten in der letzten Reihe – ja, Sie! – richtig verstanden? Sie meinen also, so wie ich aussehe, habe ich eh keinen mitgekriegt. Und außerdem sei ich sowieso keine normale Frau. Mich müsste man nur mal so richtig …« Spätestens an der Stelle pflegt der Rest meiner Worte im Gelächter des ganzen Saals unterzugehen. […]. Und der Humor. Der ist eine ultimative Waffe. Und er macht außerdem noch Spaß! Auf meinen Veranstaltungen wurde immer schon und wird bis heute sehr viel gelacht. Es ist, ehrlich gesagt, ein regelrechter Sport von mir, in den ersten fünf Minuten den ersten Lacher zu erzielen (und zwar auch im verschlossensten Gesicht). Erst dann kann ich entspannt weitermachen.


Pressestimmen

»Unbedingt lesenswert.« Petra Gehring, FAZ

»Alice Schwarzer kannte man so bislang noch nicht… Ihre Autobiographie lässt sie uns neu erkennen.« Chris Köver, Die Zeit

»Die Autobiografie von Alice Schwarzer ist eine Sensation. Sie zeigt die junge Feministin zwischen Sexappeal und Intellekt. Es geht in dieser Geschichte nicht einfach darum, wie sie zur Feministin wurde, sondern wie sie zur Frau wird. Das Porträt, das sich nach und nach vor einem aufpixelt, ist spektakulär, nicht nur, weil es eine bis jetzt unbekannte Alice Schwarzer zeigt, sondern auch, weil es ein anderes Frauenbild entwirft – eines nämlich, das kaum schillernder, attraktiver, intelligenter, kurz: das wohl nicht zeitgemäßer sein könnte.« Mara Delius, Welt am Sonntag

»Alice Schwarzer erzählt von Alice Schwarzer und von einem Teil deutscher Nachkriegsgeschichte – spannend, authentisch, berückend. Im Lauf der Jahre war sie den erstaunlichsten Anfeindungen und Verunglimpfungen ausgesetzt, die man hier nachlesen kann. Meines Erachtens nach (…) schöpft die Ausdrucksweise aus dem Erbe des alten Antisemitismus, der sich auf den Antifeminismus verlagert hatte und setzt ihn mit denselben höhnischen, menschenverachtenden Gesten fort. (Schwarzers) Maßstab ist immer die Gleichberechtigung und die Menschenwürde.« Ruth Klüger, Literarische Welt

»Ihre Lebensgeschichte ist die Geschichte eines grandiosen Aufstiegs und eines noch grandioseren Bestehens über Jahrzehnte. Kaum eine Frau in Deutschland ist aus eigener Kraft und ohne jede Hilfe von Männern je höher aufgestiegen. Noch nicht einmal die Bundeskanzlerin. Keine ist übler (‚Schwanz-ab-Schwarzer’), verletzender (‚Die Hexe mit dem stechenden Blick’) und vernichtender kritisiert worden, als sie. Alice Schwarzer hat sieben Leben. Und seit Kinderzeit eine Katze.« Ulrike Posche, Stern



zu Blog und Website von Alice Schwarzer


Lebenslauf

Alice Schwarzer

Lebenslauf

Broschur, Erscheinungsdatum: 08.11.2012

»Was hat mich geprägt?« Und: »Was habe ich daraus gemacht?«

Als im Herbst des letzten Jahres Alice Schwarzers Autobiographie »Lebenslauf« erschien, waren die Medien voll des Lobes über die zeitgeschichtliche und literarische Qualität dieses Memoirenbandes.

In großer ...