Christian Kracht

New Wave

Ein Kompendium 1999 - 2006

New Wave

Über die Buchinger-Klinik, Tschernobyl und die ägyptische Buchmesse, über asiatische Suppen und Bienen auf dem Kuchen

Afghanistan, Ukraine, Paraguay, der Bodensee, die Mongolei, die Schweiz – Christian Krachts Erzählungen und Reportagen spielen überall auf der Welt und sind Glanzstücke zeitgenössischer Literatur.

»Christian Kracht ist der wohl komplizierteste Ironiker der deutschen Gegenwartsliteratur«, bemerkt Volker Weidermann in seiner Kurzen Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute. Der leichte Schwindel, der einen bei der Lektüre von Christian Krachts Romanen stets erfasst, hat sicher auch damit zu tun. Und wenn man die vielen großartigen kurzen Texte und die Reiseberichte liest, die Christian Kracht in den letzten Jahren, oft unterwegs irgendwo auf der Welt, geschrieben hat, hat man erst recht das Gefühl, auf schwankendem Boden zu stehen, weil hier auch die Gattungsschubladen souverän ignoriert werden.
Eine Reisereportage über die Mongolei ist ebensogut eine Erzählung, ein Gespräch über die Schweiz ein Hörspiel und eine Geschichte aus der Ukraine ein Selbstportrait.

Die hier versammelten Texte, zu denen auch Krachts erstes Theaterstück und das Drehbuch einer Science-Fiction-Filmversion des Romans Faserland gehören, ergeben ein Universum von großer sprachlicher Eleganz, das in der deutschen Gegenwartsliteratur einzigartig ist.

 

»Besuchsschriftsteller auf dem Kilimanjaro«
Christian Kracht in einem Gespräch mit amazon.de

Frage: Ein größerer Teil der Geschichten Ihres neuen Buchs sind Reiseerzählungen. Ist das ein Zufall?

Christian Kracht: Es sind doch wohl eher Texte über Besuche. Das klingt mehr nach Verabredung und sozialer Interaktion, viel netter als das Wort »Reise«, das ja etwas von einem ungefragtem Eindringen in die Fremde hat.

Frage: Sie hatten und haben als Reiseschriftsteller…

Christian Kracht: ...Besuchsschriftsteller…

Frage: In Ordnung – Besuchsschriftsteller – doch große Vorläufer: Graham Greene, W. Somerset Maugham, Pico Iyer, Evelyn Waugh, Robert Byron, Aleister Crowley. Bedeuten Ihnen diese Namen etwas?

Christian Kracht: Ich fahre diesen Menschen, ihren Aufträgen und absurden Abenteuern seit Jahren hinterher. Gerade neulich war ich mit dem befreundeten Komponisten David Woodard im sizilianischen Cefalu, um dort die Abtei von Thelema zu besuchen, ein einfaches Landhaus, in dem der Visionär und Magier Aleister Crowley in den zwanziger Jahren gelebt und Verwirrendes veranstaltet hat. Das Haus selbst liegt in einem Gestrüpp versteckt direkt neben einem Parkplatz, niemand im Dorf Cefalu wollte uns sagen, wo genau – da immer wieder langhaarige Norweger und Schweden kommen und dort satanische Messen abhalten wollen, so mußten wir die Abtei zwei Tage lang suchen. Woodard und ich haben dann einige wissenschaftliche Untersuchungen in den Räumen unternommen und auch dort übernachtet. Crowley selbst wurde dann ja leider von Mussolini des Landes verwiesen.

Frage: Bei der Kurzerzählung Retard in Ihrem neuen Buch denkt man unwillkürlich an Georg Büchners Lenz. Zu Recht?

Christian Kracht: Vor kurzem gab mir mein Verleger Helge Malchow genau dieses Buch in die Hand, es hat mich doch sehr erschreckt, zumal Büchner ein politischer Revolutionär war, der ja gewissermassen mit seinem Aufruf Der hessische Landbote vergeblich versucht hat, Deutschland zu revolutionieren. Büchner wollte Arzt werden und die Gesellschaft heilen, eigentlich ein Topos für Daniel Kehlmann, da Büchner ja auch ein schöner Gegenentwurf zu Carl Friedrich Gauß gewesen wäre. Dennoch: Es gibt ja keinen aktuelleren Satz als Büchners Aufruf »Friede den Hütten, Krieg den Palästen«, denken Sie nur an Hugo Chavez Bemühungen, sein Land aus den Fesseln des Imperialismus zu befreien. Chavez hat ja neulich gesagt, es werde bald einen Krieg geben zwischen dem Imperium und der lateinamerikanischen Welt und dieser würde »einhundert Jahre dauern«.

Frage: Das Buch enthält ein noch nicht aufgeführtes Theaterstück – Ihr erstes – in dem es um die Kunst geht. Kann man das so sagen?

Christian Kracht: Eigentlich geht es eher um den Kunstmarkt. Die Protagonisten – Ludvik und Sven aus Berlin-Mitte – erobern den internationalen Kunstmarkt mit einem absurden Verbrechen.

Frage: Was gibt die Kunst dem Menschen?

Christian Kracht: Erlösung.

Frage: Ihrer Besuchserzählung über Tschernobyl stellen sie ein Zitat aus der Offenbarung des heiligen Johannes voran. Gibt es Berührungen zwischen der christlichen Religion und der Literatur?

Christian Kracht: Beide Disziplinen befassen sich mit dem Unsagbaren, den Dingen ohne Namen. In der Offenbarung heißt es ja, daß ein Stern namens Wermut auf die Erde fallen und explodieren wird; Zweitausend Jahre später die Reaktorkatastrophe und das Wissen, dass die Pflanze Wermut auf ukrainisch »Tschernobylsk« heisst.

Frage: Einzelne Texte haben Sie mit Freunden, zum Beispiel mit Ingo Niermann verfaßt. Wie geht so etwas?

Christian Kracht: Das Zeitalter des bürgerlichen Individuums geht nun zu Ende, deshalb haben wir sehr gut zusammenarbeiten können.

Frage: Mit Ingo Niermann kehren Sie gerade von einer Besteigung des Kilimanjaro zurück. Wie sieht die Gegenwart von dort oben aus?

Christian Kracht: Der Horizont in seiner ganzen Breite war dort unten zu sehen; die großen staubigen Ebenen, die schattigen grünen Taeler, die Nebel in der Ferne, die Krümmung der Erde, die verzweigten, ruhig liegenden Biegungen der Flüsse, die langsam zu uns ansteigenden braunen Hügel und schließlich, von oben, als sei es ein Trick des Lichts, uns selbst.

Frage: Warum der Titel New Wave?

Christian Kracht: Ich wollte das Buch gerne Depeche Mode nennen, aber die Anwälte der zu recht sehr erfolgreichen Band hätten das nicht zugelassen. Der einleuchtende Grund dafür war, daß Großmütter, die für ihre Enkelkinder ein Produkt von_ Depeche Mode_ im Handel erwerben wollen, unbesehen dann mein neues Buch vom Novitätentisch mitnehmen und damit mir und dem Verlag Kiepenheuer & Witsch Geld schenken würden, das eigentlich der Band zukommen sollte.

Frage: Welche Bücher liegen gerade auf Ihrem Nachttisch?

Christian Kracht: Die See, von John Banville, Valis von Philip K. Dick und Was wollte Hitler in Afrika? NS-Planungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas, von Kum’a N’dume III.


Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-03723-4
Erschienen am: 18.09.2006
317 Seiten, gebunden mit SU
Lieferbar

Preis

Deutschland
19,90 €
Österreich
20,50 €

Rezensionen

Über den Autor

Christian Kracht
Christian Kracht, 1966 in der Schweiz geboren, zählt zu den modernen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Romane »Faserland«, »1979«, »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« und »Imperium« sind in 30 Sprachen übersetzt. 2012 erhielt Christian Kracht den Wilhelm-Raabe-Preis.

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