Begrüßungsrede von Helge Malchow zur Buchvorstellung „Biografie“ von Maxim Biller

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© Christian Werner
write@christianwerner.org

 

Berlin, Deutsches Theater, 12. April 2016. Helge Malchow begrüßt zur Buchvorstellung des Romans »Biografie« von Maxim Biller, danach im Gespräch mit Adam Soboczynski (Die Zeit)

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zu einem ganz besonderen Abend – der Premierenlesung von Maxim Billers Roman »Biografie«, einem Riesenwerk, erst einmal quantitativ, von 900 Seiten, an dem der Autor 10 Jahre mit höchster Anspannung und Anstrengung gearbeitet hat.
Aus verschiedenen Gründen liegt der Erscheinungstag schon ca. 2 Wochen zurück, so dass in der Zwischenzeit alle großen Zeitungen mit großen Rezensionen auf das Buch reagiert haben – und man kann nur sagen: es ging (und geht) hoch her.
Bevor ich auf einige dieser Stimmen zurückkomme, will ich Ihnen geradeaus und ohne Umwege ein paar Notizen vortragen, die ich mir in mein Notizbuch eingetragen hatte, nachdem ich das Manuskript zum 2. Mal gelesen hatte. Artikel lesen ›

Samba-Rhythmen in Stockholm: Nobelpreis für Gabo – Aus dem Verlegerleben#3

Stockholm ähnelt einer entfernten Verwandten von Hamburg. Vom Krieg verschonte Bürgerhäuser mit zurückhaltenden, aber edlen Fassaden liegen an malerischen Binnengewässern. Feudale Stadtpalais öffnen ihre gepflegten Parks dem Publikum. Keine Bettler, keine in Gruppen herumstehenden arbeitslosen Jugendlichen. Von Ende Mai bis Mitte September regnet es kaum, im Sommer muss es herrlich sein in Stockholm.
Aber ich kenne die Stadt nur im Winter, in der Adventszeit. Es ist die Zeit des Schneematsches. Ein trüber Himmel lässt gegen elf Uhr etwas Licht durch, um halb drei wird es wieder dämmrig. Da helfen auch die tausend Elektrokerzen der Weihnachtsbeleuchtung nicht, da hilft nur der Wodka, dessen Konsum um diese Jahreszeit sprunghaft ansteigt.
In dieser grauen Tristesse landete am 8. Dezember 1982 ein Jumbojet mit kolumbianischem Hoheitszeichen. Aus ihm quoll bunt, laut und lebenslustig ein Stück Karibik. Der verhasste Präsident, der ein Land regierte, das García Márquez nicht mehr betreten wollte, solange der an der Macht war, dieser Präsident hatte in dem Freudentaumel, den die Nachricht vom Nobelpreis auslöste, den Jumbo zur Verfügung gestellt. Gabo konnte einladen, wen er wollte, um den Flieger zu füllen: seine Familie, große und kleine Freunde, Journalisten, Sänger, Tänzerinnen und eine ganze Musikband. Gefeiert wurde schon an Bord, die Stewardessen servierten Köstlichkeiten, die sonst nur die Entourage des Präsidenten zu essen bekam. Artikel lesen ›

Aus dem Notizbuch des Verlegers #20 (Zu Jan Böhmermanns Gedicht)

malchow 350pxMit einem Moleskine, das ihm der Rowohlt-Kollege Alexander Fest geschenkt hat, fing es an. Aus so einem ersten kleinen schwarzen Notizbuch wird im Laufe der Jahre schnell mal ein Berg. Das (im Bild unten) sind die vergangenen neun Jahre unseres Verlegers Helge Malchow in Stichworten. Was steht da drin? Was macht dieser Mann den ganzen Tag? Und was hat es mit dem einzigen roten Buch auf sich? Wir zeigen es Ihnen in unserer Kolumne »Aus dem Notizbuch des Verlegers«. Alle Einträge wurden von uns mit Fußnoten versehen, in diesen befinden sich Erklärungen, Enträtselnden zu den Notizen und – sehr niedrig dosiert – Werbung. Für das ZEITmagazin füllte Helge Malchow den Proust-Fragebogen für Blogger aus. Artikel lesen ›

Nachtmahl der Bettler: Günter Wallraff im Hessischen Hof – Aus dem Verlegerleben#2

Wer sich einige Tage und Nächte auf einer Messe aufhalten muss, sei es als Aussteller, Berichterstatter oder in anderer Funktion, braucht eigentlich abends nur ein Kopfkissen, auf das er sein müdes Haupt legen kann, und morgens eine Dusche, um sich zu erfrischen. Außerdem vielleicht ein Frühstücksbuffet, von dem er irgendetwas hastig isst, ohne darauf zu achten, was er sich da auf den Teller lädt.
Anders auf der Frankfurter Buchmesse. Da werden Hotels nicht nach den Zimmerpreisen, dem Komfort oder danach ausgesucht, ob ein Internetanschluss im Zimmer ist. Hier ist entscheidend, wer in dem Etablissement sonst noch absteigt, wer in der Lobby sitzt und mit kollegialer Herzlichkeit begrüßt werden muss und wem man im Speisesaal »Bon appétit!« zurufen kann.
Das adeligste unter den Frankfurter Hotels ist der Hessische Hof. Hier kann man für die Messezeit nicht einfach ein Zimmer, pardon Appartement, buchen, man muss es »erben«. Das heißt, man wird auf einer Warteliste geführt und muss sich gedulden, bis einer der Stammgäste verstirbt, um einen Platz aufzurücken. Artikel lesen ›

Post vom Kaffeedieb

KiWi-Autor Tom Hillenbrand, Verfasser erfolgreicher Kriminalromane, hat unlängst einen fabelhaften historischen Roman veröffentlicht. »Der Kaffedieb« ist ein 480 Seiten starker Abenteuerroman, »knallprall« wie der Stern schreibt, »blendend recherchiert«. Eine Recherche, die den Autor tief in die Welt seiner Protoganisten führte, so tief, dass es ihm heute noch manchmal schwerfällt, diese Welt zu verlassen. Ein besonderes Päckchen, das seinen Lektor kürzlich erreichte, zeugt davon. Danke, Tom! Wir zeigen Euch den beigelegten Brief von Obediah Chalon. Artikel lesen ›

Vorabdruck: Maxim Billers Roman »Biografie«

Die Braut, ihr Vater und Rabbi Balaban

Als Wowa und Balaban aus dem Riegerpark zurückkamen, sahen sie wie zwei Männer aus, die sich geprügelt hatten, obwohl beide keine Schrammen, keine blutunterlaufenen Augen oder angerissenen Hemdkragen hatten. Sie hatten noch in der Blanická angefangen zu streiten, dort, wo es an der Südseite das Parks so steil hinaufgeht, dass Balaban kurz Wowa am Ellbogen stützen musste, um ihn sofort wieder mit angeekeltem Gesicht loszulassen, und sie hörten erst auf, als sie eine Stunde später im ewig dunklen Vierzigerjahre-Hausflur in der Italská auf den Fahrstuhl warteten.

Der Spaziergang war Wowas Idee gewesen. Der alte Fuchs wartete seit Wochen auf den richtigen Moment, um mit Serafinas abscheulichem Lover abzurechnen. Dann hatte er vor zwei Tagen Balaban dabei beobachtet, wie er sich im matten Schimmer seines aufgeklappten Laptops einen runterholte, während Serafina gerade bei ihrer Therapie war. Auf dem Bildschirm sah Wowa eine thailändische oder japanische Lolita, halb nackt, mit zwei dicken Kleinmädchenzöpfen, die mit einem Teddybären spielte, und er selbst bekam davon ebenfalls einen relativ anständigen Steifen. Artikel lesen ›

12 Fragen an Shida Bazyar #20

In den Salons des 19. Jahrhunderts waren Fragebögen ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Marcel Proust beantwortete auf einer Geburtstagsparty einen Fragebogen, der ob des berühmten Antwortgebers vielerorts gerne veröffentlicht wird und 38 Fragen umfasst. Wir möchten uns im Vergleich dazu aufs Wesentliche beschränken, und bitten an dieser Stelle unsere Autoren um Antworten auf 12 Fragen. Fragen, die um das Schreiben kreisen, die uns auf der Zunge brennen und am Herzen liegen.

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Mit den Waffen der Frauen – Cora Stephan im Interview

Cora Stephan. Foto © Isolde Ohlbaum

Cora Stephan. Foto © Isolde Ohlbaum

OB KATZEN ODER DIE KANZLERIN, ob Kulturgeschichte des Krieges oder aktuelle Kommentare mit analytischer Tiefenschärfe: Als Autorin ist Cora Stephan eine Alleskönnerin und hat mehrfach Karriere gemacht – unter ihrem eigenen Namen mit Büchern über Politik und Geschichte sowie unter Pseudonymen, z.B. als Anne Chaplet mit preisgekrönten Krimis. Nun beweist sie ihr literarisches Talent mit ihrem persönlichsten Buch: Ab heute heiße ich Margo in dem es um zwei Frauen, zwei Töchter, zwei Kriege, zwei Deutschlands – und ein gemeinsames Schicksal geht. Ein mitreißender Roman über Zeitgeschichte als Familiengeschichte.

Im Büchermenschen Exklusiv-Interview spricht Cora Stephan über ihr Schreiben und über die Arbeit an »Ab heute heiße ich Margo«. Artikel lesen ›

Berserker Brinkmann und der Buchmessebusen – Aus dem Verlegerleben#1

Unter den Autoren, die Dieter Wellershoff ins Programm gebracht hatte, war ein Berserker: Rolf Dieter Brinkmann. An guten Tagen verbreitete er Spott und Hohn, an schlechten Gift und Galle. Er schimpfte unermüdlich auf alles: auf die Stadt Köln und ihre Kulturpolitik (die gerade unter Kurt Hackenberg eine Blütezeit erlebte), auf das Feuilleton der Zeitungen und Rundfunkanstalten und mit besonderer Inbrunst auf seinen Verlag, seinen Lektor und auf mich, den neuen Bürgersohn da oben. »Vermufft« war sein Lieblingswort und fasste zusammen, wie er seine Umwelt sah. Er kam nicht gern allein, meist brachte er seine Gefolgschaft mit, an deren Spitze er sich in Wortschlachten stürzte. Er war an- und aufregend, er gab mir keine Chance, ihn zu mögen. Er hat nie jemanden im Verlag tätlich angegriffen, aber er verhielt sich so, dass man es ihm zugetraut hätte. Er war wie ein Jungstier, immer auf der Suche nach dem roten Tuch, auf das er losgehen konnte. Artikel lesen ›

Lektorin Viola Hefer über Kamel Daouds Roman »Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung«

Von Viola Hefer

Es gibt Bücher, die liest man, wie man Filme guckt, abends nach der Arbeit, die Füße hochgelegt, ein Getränk in Griffnähe. Man konsumiert fleißig drauf los, kann sich für ein paar Stunden vor der Welt verstecken und hat ein gutes Gefühl dabei.

Und dann gibt es die Bücher, die einen auf andere Weise nicht mehr loslassen, die einen anspringen, sich festkrallen, bis man die letzte Seite gelesen hat und die einem dann auch noch eine ganze Weile hinterherschleichen, weil man irgendwie immer noch nicht fertig ist mit ihnen. Artikel lesen ›