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Was scheren mich die Schafe

Was scheren mich die Schafe. Unter Neuseeländern. Eine Verwandlung.

Willkommen in Neuseeland – dem Land der Schafe, Hobbits und Verkleidungsfanatiker.

Als Auslandskorrespondentin am Ende der Welt gerät Anke Richter ständig in Situationen, die ihr eines ganz deutlich vor Augen führen: Zwischen Krauts und Kiwis liegen Welten.

Die Journalistin berichtet in »Was scheren mich die Schafe« mal charmant, mal erbarmungslos bissig wöchentlich im KiWi-Blog von ihrer Assimilation im Land der Maori, vom humoristischen Kampf gegen Goretex-Germanen und von unausrottbaren Klischees.

Anke Richter erzählt in den ersten Blogeinträgen von ihren Erfahrungen während und nach dem verheerenden Erdbeben in Christchurch:

Zeitkapsel mit MAD-Heft im Küchenkamin

Dass ich vor zwei Wochen ein Erdbeben – was denn: überlebt, erlebt, durchstanden, noch lange nicht verdaut? – habe, wird hier in Zukunft hoffentlich nicht wieder erwähnt. Hoch und heilig versprochen! Will keiner mehr hören. Dass ich zu viel rede und gereizt bin, dass ich niemandem länger als fünf Minuten zuhöre, der nicht bei einem Vulkanausbruch, Tsunami oder dem Einsturz des World Trade Centers dabei war, dass mein Gehirn seit den Nachbeben wie in Watte wabert: diese Spätfolgen meiner kleinen Katastrophe legen sich hoffentlich bald. Ist ja auch nicht zum Aushalten unter diesen Umständen, vor allem für andere. Meine Umgebung hat’s so schon schwer genug. Mitmenschen hängen in verschlammten Vierteln ohne Strom, Wasser und Dixie-Klo fest, oder an der Flasche. Beziehungen zerbrechen, selbst Videotheken sind geschlossen. Ab in die Ecke und dann beim Freischaufeln der Straßen helfen, Pseudo-Opfer!

Aber eines muss ich noch loswerden, und diesmal ist es auch kein Seelenstriptease, sondern etwas Surreales. Davon hat man ja in Krisenzeiten viel. Jeder schiebt gerade Panik, weil ein wichtigtuerischer Wahrsager anhand des Mondes, der Gezeiten und seines Kaffeesatzes oder schwarzen Raben ein neues schweres Beben für den 20. März angekündigt hat. Je weniger über den Scharlatan in den Medien berichtet wird, weil man Erdbeben nun mal nicht präzise vorhersagen kann, desto hartnäckiger pflanzt sich seine Prophezeiung selbst in rationalen Psychen fort. Aber will man die Einzige sein, die auf Übersinnliches pfeift, und dann dumm aus der Wäsche oder den Trümmern gucken? Unheimliche Parallelen zu den Geschehnissen, die es aus meiner zerstörten Stadt doch noch in die Weltnachrichten schaffen, spielen sich in meinem Hause ab. Ja, das mit dem eingestürzten, aus alten Backsteinziegeln gemauerten Küchenkamin. Der obere Teil setzte sich einst im Dachstuhl und dann als Schornstein fort. Das alles liegt jetzt als Schutthaufen im Vorgarten. Kann man sicher hübsch begrünen und irgendwann als Skateboard-Rampe umfunktionieren.

Als vorige Woche vor der eingestürzten Kathedrale von Christchurch die Aufräumarbeiten begannen, fand man unter der umgekippten Statue des Gründungsvaters John Robert Godley zwei Zeitkapseln: Eine halb zerbrochene Glasflasche mit einer Pergamentrolle darin, die andere aus Metall, verplombt, ca. 1867. Geöffnet werden kann sie erst, wenn auch das Labor des Museums wieder steht.
Tja, was soll ich sagen – ich habe ja versprochen, mich nicht mehr auf Kosten von Not und Elend wichtig zu machen: Aber oben in unserem zerborstenen Kamin steckte auch eine Zeitkapsel. Es ist eine orangefarbene Plastikdose, so eine für Schulbrote. Darin liegt ein Foto der Familie, die vor uns im Haus wohnte. Einer der Teenager hatte noch ein MAD-Heft, eine kleine Comic-Figur aus Plastik und eine Kassette mit Elektro-Mix-Musik dazugelegt. Heute ist er DJ, heißt Insomniac, übersetzt: Schlafloser. Was ja den Zustand nach Erdbeben gut trifft. Ist doch alles kein Zufall, oder?

Einmal Handy-Reporterin und nie wieder

Die Erdbeben-Woche, die mein Leben einmal durchrüttelte, ist vorbei. Schlimm war es eigentlich nicht am Dienstag um kurz vor ein Uhr mittags, als der schwere Ruck durch Christchurch ging. Da trieb mich das Adrenalin voran. Schlimmer war es erst Stunden später, als ich es endlich auf Umwegen nach Hause geschafft hatte und auf unsere halb eingestürzte Küche blickte. Wo der Kaminofen war, klafft jetzt eine große Lücke, die mir schon nicht mehr auffällt. So schnell ändern sich Perspektive und Prioritäten.

Aber der Tiefpunkt, im Nachhinein, war genau zwölf Stunden nach dem Beben. Da versuchte ich mich erstmals auch filmisch als Handy-Reporterin. Seit dem frühen Abend, als man auf der anderen Seite der Erde gerade erwachte und die Nachricht aus Neuseeland erfuhr, machte ich pausenlos per Telefon Liveschaltungen für deutsche Nachrichtensendungen – aus dem Auto vor unserem Haus, wo ich Radio hören und mein Handy aufladen konnte. In der Innenstadt, in all dem Chaos, wäre es nicht möglich gewesen, bessere Informationen zu bekommen. Soweit, so gut – bis ich nach Mitternacht dann einen übereifrigen Kollegen vom Privatfernsehen am anderen Ende hatte, der sich mit dem gesprochenen Wort allein nicht zufrieden geben wollte. Ob ich mich nicht kurz filmen könne, vor meinem Haus? Ich erklärte ihm, dass meine einzige Kamera mein Handy und es überall stockfinster sei, da kein Strom weit und breit. Ich trug nur eine Stirnlampe, es gab wirklich nichts zu sehen – was brachte das? Zumal niemand da war, der mich für einen solch laienhaften Aufsager hätte filmen können. Mein Mann war erschöpft hinter mir auf der umgeklappten Rückbank eingeschlafen.

Ich gab dem Drängeln und Insistieren nach – der Stress der letzten Stunden vernebelte das Hirn – und stellte mich raus ins Dunkel, hielt mir mit der einen Hand die Taschenlampe aufs Gesicht und zielte von der anderen Seite mit der Linse des Handys. So entstand der absurdeste, nichtsagendste, unterbelichtetste Beitrag, der je um die Welt gegangen ist und den diese auch nicht braucht. Besser, um die Welt gehen sollte, denn ich mühte mich die kommende Stunde vergeblich ab, das 20-Sekunden-Filmchen per MMS zu verschicken, dafür meinen Mann drei Mal zu wecken und Unsummen mit dem Kölner Sender zu vertelefonieren. Dass das Vodafone-Netz von Christchurch kurz darauf kollabierte, war wahrscheinlich meinem Datenschrott zu verdanken.

Dafür hatte ich dann am nächsten Tag einen deutschen Kollegen für die gleiche Nachrichtensendung vor der Tür stehen, der eine betroffene Deutsche filmen wollte. Nein, ich wollte ihm nicht vor der Kamera demonstrieren, wie wir den Garten als Toilette benutzen, und meine Familie sollte bitte auch nicht als ‚Opfer‘ ins Bild. Mein echtes Opfer war die Stunde, die ich damit verbrachte, als ‚Expertin‘ im Regen im bereits wieder nächtlichen Lyttelton zu stehen und vor der Kamera zu erklären, was dort geschehen war. Daraus wurden dann in den Mittagsnachrichten weniger als 20 Sekunden. Aber Hauptsache, authentisch und ‚live vor Ort‘.

Mein Wohnort Lyttelton, malerisch am Hafen gelegen, war das Epizentrum des verheerenden Bebens und ist schwer beschädigt. Aber die eigentliche Katastrophe spielt sich nach wie vor in der Innenstadt ab, wo unter den wie Kartenhäusern eingefallenen Hochhäusern noch über hundert Tote liegen. Das lässt sich im eigenen Viertel, durch einen Tunnel von dem Schauplatz des Infernos getrennt, schnell vergessen. In meiner Umgebung drehen sich die Sorgen vor allem darum, wer ein neues Zuhause braucht, wann die Kanalisation funktioniert und ob die Geschäfte, Schulen und Büros in absehbarer Zukunft aufmachen. Und dazwischen, zwischen Wischen, Wegräumen, Reparieren, Organisieren, erreichen uns die Berichte: Von der Freundin, die im Aufzug im 6. Stock steckte, ohne Handy, und nur Schreie hörte. Vom Besitzer des Szene-Cafés, der auf der Passstraße aus dem Auto sprang und es auf seinem Skateboard zwischen den herabfallenden Felsbrocken bis ins Tal schaffte. Vom Anästhesisten, der Stunde um Stunde neben verschütteten Opfern saß, die er nur noch bis zum Tode betäuben, aber nicht mehr befreien konnte. Einem Mann amputierte er mit der Säge beide Beine.

Was noch lange nicht vorbei ist, das sind die Nachbeben und die Langzeitfolgen.  Die ungewisse Zukunft, die trügerische Sicherheit. Wir spüren es nachts, wenn man wieder kurz aufwacht und nicht mehr einschläft, und an allen Fronten, logistisch, praktisch. Aber was anfangs so brutal einschneidend erschien, wird schnell zur Normalität. An kleinere Beben gewöhnt man sich und schaut auch nicht mehr sofort online nach, welche Stärke das nun gerade war – jeder hat im Moment andere Sorgen. Materielles lässt sich ersetzen oder abhaken. Jeder Tag ist eine graduelle Verbesserung: Strom wieder da, Wasser endlich auch, selbst der Kühlschrank ist voll, und im Baumarkt gibt es eine neue Ladung Schubkarren und Wasserkanister. Nur der Gleichgewichtssinn ist noch nicht im Lot. Die Psyche hoffentlich schon.

Das Beste sind die Menschen, die zusammenrücken, sich helfen, das Leben feiern. Da hilft die positive Mentalität der Kiwis, die ‚Wir packen das‘-Grundeinstellung, ungemein. Gestern war ich mit Söhnen und Mann (Nierenklempner, der zum Glück auch Wassertanks reparieren kann) den ganzen Tag auf einem spontanen Straßenfest mit Live-Musik, Picknick, Essen vom Marineschiff, unzähligen Gesprächen, Gelächter, Tränen, Euphorie – die perfekte Gruppentherapie nach all den Aufräumarbeiten und dem Schock. Ein Tag wie gestern macht Hoffnung, dass das Leben zumindest in Lyttelton weitergeht. Die schwarze Wolke aus Trümmern und Tragik, anfangs noch so verstörend und beängstigend, hat plötzlich einen silbernen Rand bekommen.

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