»Wer etwas Ehrgefühl hat sollte dieses Lügenblatt nicht kaufen« – 40 Jahre »Der Aufmacher«

Zum 40. Jubiläum von »Der Aufmacher« von Günter Wallraff

Am Montag, den 9. Oktober 2017 feiert Der Aufmacher – Der Mann, der bei BILD Hans Esser war 40-jähriges Jubiläum – ein Buch, das Presse- und Verlagsgeschichte schrieb. Günter Wallraffs Glanzstück des investigativen Journalismus, ein Bericht aus dem Innern der Bild-Zeitung, schlug wie eine Bombe ein. Wallraff beschreibt darin, was er als Bild-Reporter Hans Esser erlebte. Und der Springer-Konzern schlug zurück, setzte Spitzel und Detektive auf ihn an, verleumdete Wallraff als »Lügner«, »Psychopathen« und »Untergrundkommunisten« – und klagte in mehr als einem Dutzend Verfahren gegen den Aufmacher. Obwohl Bundesgerichtshof und Bundesverfassungsgericht Wallraff am Ende in entscheidenden Punkten recht gaben, blieben viele Passagen in dem Buch verboten. Erst 2012 erschien Der Aufmacher in unzensierter Form.

Erstausgabe von 1977

1979  legte Wallraff mit dem Band Zeugen der Anklage nach und enthüllte illegale Recherchiermethoden und unglaubliche Redaktionsbesprechungen bei BILD. 1981 folgte Bildstörung. Das Bild-Handbuch bis zum Bildausfall als eine Art juristischer Ratgeber für Geschädigte.

1980 erschien die erste Ausgabe von Killt, eine Zeitung im BILD-Zeitungsformat, die Kurzfassungen einzelner Berichte aus Wallraffs Büchern Der Aufmacher und Zeugen der Anklage enthielt. Neue Fälle und Gastautoren ergänzten diese Texte. Gestaltet wurde sie von Klaus Staeck.  Killt erschien in einer Startauflage von 300 000 Exemplaren, die kostenlos verteilt wurden.

»Dem Einzelkämpfer Wallraff gelang es, eine zweite Anti-Springer-Kampagne zu initiieren. In mehr als 100 Städten gründeten sich Gegen-Bild-Stellen. Sie vertrieben Bild? Nein Danke!-Aufkleber, produzierten Bild-Falsifikate, die Blöd, Blind oder Killt hießen und bei Nacht und Nebel in Zeitungskästen der Bild untergeschoben wurden. Anders als die Studentenbewegung hinterließ Wallraffs Kampagne ihre Spuren. Zum erstenmal war Bild in der Defensive. Eva Kohlrusch sagt: Wallraff war deshalb so schmerzvoll, weil er real existierende Schweinereien im Hause benannte.« ( Ein hartes Blatt, SPIEGEL, 1995)

»Bei genauem Hinsehen entpuppte sich das Lügenblatt (Abbildung) als eine fiktive Selbstanklage von BILD« (Killt gegen Bild, Der Spiegel, 19.03.1980)

Die Schlagzeile der Killt »Wer etwas Ehrgefühl hat sollte diese Lügenblatt nicht kaufen« ist ein Zitat aus dem Abschiedsbrief eines Mannes, der sich aufgrund einer »gefälschten Gruselgeschichte in BILD« (Killt) über den Freitod seiner Ehefrau ebenfalls das Leben nahm.

Der Artikel »Aus Angst vor Frühjahrsputz: Hausfrau erschlug sich mit Hammer« aus der BILD (30.4.1979):

Der vollständige Artikel »Denn sie wissen, was sie tun« aus der ersten Ausgabe der Killt:

Fortsetzung »Denn sie wissen, was sie tun« (zur vergrößerten Darstellung bitte auf die Abbildung klicken):

 

Drei Killt-Ausgaben

Günter Wallraff im Interview

Du bist selber als Journalismuskritiker berühmt geworden. Das ist ein paar Jahrzehnte her, mit „Der Aufmacher“ (Wallraff, 1977). Was ist heute von „Der Aufmacher“ übriggeblieben?

Der Aufmacher war der Auftakt, der BILD-Zeitung mit einer verdeckten Identität beizukommen, mit dem provokanten Entree: „Esser wie Messer“. Ich habe behauptet, ich hätte in der Werbung gearbeitet und sei Leutnant der psychologischen Kriegsführung gewesen, obwohl ich Kriegsdienstverweigerer bin. Das prädestinierte mich, da fuhr BILD voll drauf ab. Nachdem ich diesen Selbstversuch im Aufmacher veröffentlicht hatte, machten die darauf folgenden Prozesse das Buch erst richtig bekannt. Springer hat jahrelang gegen mich prozessiert, bis ich dann beim Bundesgerichtshof letztlich ein Grundsatzurteil erstritt: Wenn es um gravierende Missstände geht, hat die Öffentlichkeit das Recht, darüber informiert zu werden, auch wenn es unter Täuschung erlangte Informationen sind. Im Presserecht ist das als Lex Wallraff festgeschrieben. Die ebenso wichtigen Nachfolgebücher waren dann „Zeugen der Anklage“ (Wallraff, 1979) und „Bildstörung“ (Wallraff, 1981), denn ich hatte inzwischen tiefer gehende Hintergrundinformationen, Zeugen, Informanten, BILD-Opfer und sogar sich offenbarende einzelne ehemalige BILD-Journalisten. Es gab Menschen, die sich nach Verleumdungsgeschichten das Leben genommen haben. In seinem Abschiedsbrief schrieb ein biederer Handwerksmeister: „Diese Schande kann ich nicht überwinden, ich wollte zuerst diesen Verbrecher, der K. [der BILD-Reporter] heißt, umbringen. Aber ihr solltet keinen Mörder als Vater haben. Durch meinen Tod aber ist er zum Mörder geworden. Wer etwas Ehrgefühl und Verstand hat, der sollte dieses Lügenblatt nicht kaufen!“ („Zeugen der Anklage“, 1979) Ich spreche da vom Katharina-Blum-Effekt. Vorausgegangen war die damals übliche Methode der BILD-Reporter: Man hatte sich Zugang zur Wohnung erschlichen und behauptet, man sei von der Polizei. Der Handwerksmeister glaubte, es mit einem Ermittler der Polizei zu tun gehabt zu haben, und hat dem Reporter ganze Familienalben ausgebreitet. Aus einer tragischen Geschichte wurde die Fake-Schlagzeile fabriziert: „Aus Angst vor Frühjahrsputz: Hausfrau erschlug sich mit Hammer“. In Wirklichkeit hatte sich seine Ehefrau nach einer jahrelangen Depression erhängt. Die ganze Story war wie so häufig eine abstruse Erfindung. Der Ehemann wurde zum Gespött der Nachbarn und sah sich Vorwürfen von Verwandten ausgesetzt. Er hat sich kurz darauf in der Garage mit den Abgasen seine Wagens das Leben genommen. Ich habe diesen Abschiedsbrief damals zum Anlass genommen, in einer Plakat-Aktion in mehreren Städten zum Boykott der BILD-Zeitung aufzurufen. Über meinen Rechtshilfe-Fonds konnte ich den hinterbliebenen Söhnen zudem immerhin Schadenersatz von über 100 000 D-Mark erstreiten.

Irgendwie hat man das Gefühl, es gibt einen Imagewechsel, gerade im Boulevard und gerade auch bei BILD. Wo steht der Boulevardjournalismus heute für dich?

Nachdem ich in einem Fernsehinterview die BILD-Zeitung mit einem gemeingefährlichen Triebtäter verglichen hatte, rief mich deren Chefredakteur Kai Diekmann an und rechtfertigte sich, dass BILD nicht mehr so sei wie damals, als ich den Aufmacher veröffentlichte. Ich hatte den Eindruck, der will etwas ändern. Ich kaufe die BILD ja nicht, aber in Zügen oder Restaurants liegt sie manchmal rum. Da habe ich neulich zu meiner Überraschung den Artikel eines jungen Kollegen entdeckt. Der Autor bekennt sich als schwul und hat sich in den USA undercover in eine dieser obskuren Selbsthilfegruppen begeben, die Homosexualität „heilen“ wollen. Der hätte eine reißerische Kolportage daraus machen können, aber seine Reportage war einfühlsam und überzeugend, und er hat die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen respektiert, was ansonsten ja nicht gerade BILD-typisch ist. Diese Selbsterfahrung hätte genauso in der Zeit oder der Süddeutschen erscheinen können. Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel in der Berichterstattung über Griechenland systematische Hetze mit Schlagzeilen wie: „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen, und die Akropolis gleich mit!“

Dieses Interview erschien in der März-Ausgabe 2017 des NITRO-Magazins

GÜNTER WALLRAFF
Der Aufmacher
Der Mann, der bei Bild Hans Esser war

 

 

 

 

GÜNTER WALLRAFF
Zeugen der Anklage
Die BILD-Beschreibung wird fortgesetzt. Mit Zeitungs- und Bildreproduktionen

 

 

 

→ Alle lieferbaren Büchern von Günter Wallraff

 

 

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