Buchpremiere: Ingo Schulze über Uwe Timm »Ikarien«

Buchpremiere, Uwe Timm: Ikarien Gespräch: Mathias Greffrath Begrüßung: Ingo Schulze in der Berliner Akademie der Künste am 05.09.2017 Foto: © gezett - www.gezett.de

Begrüßungsrede von Ingo Schulze anlässlich der Buchpremiere von Uwe Timms Roman »Ikarien« in der Akademie der Künste, Berlin, 5. September 2017

Den Part der Begrüßung für Uwe Timm übernehmen zu dürfen, ist mir eine Ehre, besonders aber habe ich mich gefreut, dass er mir das selbst vorschlug und sogleich sagte: Du machst das für mich und ich mache es dann für Dich! Ich hoffe, Sie sehen darin keine alte oder neue Seilschaft, sondern den Beweis dafür, dass diese Akademie auch freundschaftliche Beziehungen befördert.

Buchpremiere, Uwe Timm: Ikarien
Gespräch: Mathias Greffrath
Begrüßung: Ingo Schulze
in der Berliner Akademie der Künste
am 05.09.2017
Foto: © gezett – www.gezett.de

Noch bevor ich mich dem eigentlichen Thema dieses Abends zuwende, möchte ich diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, und dem Kollegen Uwe Timm einen Dank abstatten, was ich nicht öffentlich tun würde, wenn es nur mich betreffen würde. Uwe Timm ist nicht nur ein aufmerksamer, vielbeschäftigter Leser von Kolleginnen und Kollegen, er setzt sich auch für die jungen oder besser gesagt jüngeren und auch schon nicht mehr ganz so jungen auf vielfältige Art und Weise und sehr uneigennützig ein, so dass, wenn es nach ihm ginge, die Akademien ziemlich jung aussähen. Um diesem Dank Nachdruck zu verleihen, wäre nun der Moment, dir einen Blumenstrauß zu überreichen …

Ich freue mich sehr, dass Mathias Greffrath die Moderation des heutigen Abends übernommen hat. Ich muss gestehen, dass ich Mathias Greffrath noch bevor ich etwas von ihm gelesen habe, als berühmten Namen kannte. Das erste, was ich dann von ihm tatsächlich las, war eine Email, die er mir nach der Veröffentlichung einer Rede schickte, wofür ich ihm heute noch dankbar bin, in der er mir Mut zusprach und mich zugleich vor zu großen Erwartungen warnte. Mathias Greffrath, Jahrgang 1945, ist einer der wenigen, der schreibend immer wieder gegen die Demokratieentleerung in unserem Land und in der Welt angeht, er ist im besten Sinne ein Verteidiger des Gemeinwohls. Sein Freiheits- und Demokratiebegriff beschränkt sich nicht auf den politischen Bereich, sondern schließt das Soziale und Ökonomische selbstredend mit ein. „Die Zukunft der Arbeit“ ist dabei eines seiner geistigen Gravitationszentren. Nach einem Studium der Soziologie, Geschichte und Psychologie arbeitete er als Lehrbeauftragter an der FU Berlin. Zu Beginn der Neunziger war er mehrere Jahre Chefredakteur der Wochenpost. Sie kennen ihn als Journalisten und Schriftsteller, der vor allem für die ZEIT, die Süddeutsche, die taz und Le Monde diplomatique schreibt oder durch Bücher wie: Vom Schaukeln der Dinge. Montaigne Versuche. Ein Lesebuch von 1984, das verschiedene Neuauflagen und Umarbeitungen erlebte. 1989 erschien ein Band Die Zerstörung der Zukunft, Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern. Er ist Mitglied von attac und engagiert sich publizistisch für die globalisierungskritische Organisation. Vor nicht all zu langer Zeit konnte man Mathias Grefrath ausführlich im Deutschlandfunk hören, Die Arbeit im Anthropozän. Eine knappe Weltgeschichte der Arbeit in praktischer Absicht. In diesem Jahr ist er als Herausgeber des Bandes. RE: Das Kapital: Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert hervorgetreten.

Als Begrüßender darf ich nun noch vor Mathias Greffrath ein paar Worte zu „Ikarien“ sagen, zu Uwe Timms neuen Roman, dem der heutige Abend gewidmet ist.

Zum Titel von meiner Seite nur so viel: Das Kommunistische Manifest hält Ikarien immerhin einer Erwähnung für wert: „Sie träumen noch immer die versuchweise Verwirklichung ihrer gesellschaftlichen Utopien, Stiftung einzelner Phalanstère, Gründung von Home-Kolonien, Errichtung eines kleinen Ikariens – Duodezausgabe des neuen Jerusalems –, und zum Aufbau aller dieser spanischen Schlösser müssen sie an die Philanthropie der bürgerlichen Herzen und Geldsäcke appellieren.“

Schon in der Ausgabe des Manifests von 1888 sieht sich Engels genötigt, mit einer Fußnote zu erklären, worum es sich handelt.

Buchpremiere, Uwe Timm: Ikarien
Gespräch: Mathias Greffrath
Begrüßung: Ingo Schulze
in der Berliner Akademie der Künste
am 05.09.2017
Foto: © gezett – www.gezett.de

Uwe Timm hat der Stoff dieses Buches um die historische Figur Alfred Ploetz schon mehrere Jahrzehnte beschäftigt. Könnte man immer schreiben, was man wollte, so hätte dieses Buch, wenn ich es richtig deute, nach Heißer Sommer von 1974 und Morenga von 1978 (einem meiner großen Favoriten unter den Romanen der letzten Jahrzehnte), der dritte Roman werden sollen.

Alfred Ploetz, der von 1860 bis 1940 lebte, war einer der Mitbegründer der Eugenik, auf ihn geht der Begriff der Rassenhygiene zurück, womit er auch zu einem Wegbereiter dessen wurde, was wir unter dem euphemistischen Namen „Euthanasie“ kennen, dem systematischen Mord an Menschen mit vermeintlichen oder tatsächlichen Beeinträchtigungen in der Zeit des Nationalsozialismus, in einzelnen Fällen sogar noch Wochen und Monate darüber hinaus.

Das Buch hätte damals auch thematisch an den Roman „Morenga“ angeschlossen, das zum Hintergrund den Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika an den Herreros und Namas hat – die wenigen Nachfahren leben heute noch zum Großteil aufgrund der Vertreibungen in menschenunwürdigen Verhältnissen, was zu ändern für die Bundesrepublik Deutschland durchaus möglich wäre und zudem auch eine tatsächliche Bekämpfung von Fluchtursachen darstellen würde.

Nun liegen 39 Jahre zwischen der Veröffentlichung beider Bücher, dennoch erscheint mir Ikarien wie ein Schwester- oder Bruderbuch zu Morenga.

Die Verwandtschaft liegt in der Beschreibung eines Denkens und Handelns, das Menschen als höher- bzw. minderwertig einstuft, was in der Konsequenz bedeutet, ihnen die Daseinsberechtigung zu entziehen. Der Roman zeigt nicht zuletzt, wie dieses Denken aus vertrauten Fortschrittsmustern hervorwächst und wie verbreitet es gewesen ist. Denn was unter dem Begriff Rassenhygiene praktiziert wurde, galt nicht nur unter dem Nationalsozialismus als die Anwendung moderner Wissenschaft.

Auf mich macht es den Eindruck, als habe es diese lange Zeit der Beschäftigung mit dem Stoff gebraucht, um eine Struktur zu entwickeln, die im Wechsel von Nähe und Distanz eine literarisch souveräne Bewegungsform ermöglicht. Literatur hat ja viel mit Gleichgewichtssinn zu tun, mit einer in der Schwebe gehaltenen Unruhe.

Uwe Timm hat einen befreundeten Widerpart zu jenem historischen Alfred Ploetz kreiert, der den Leser wie einst Vergil den Dante durch die Höllenkreise führt.

Die Durchdringung der Erzählebenen und die Wanderung der Motive entladen sich in einem staunenswerten Schlussbild, bei dem ich zwischen Lachen und Übelkeit verschiedenste Gefühlslagen erlebte und erlitt.

An diesem Buch lässt sich auch nachvollziehen, wie Literatur durch ein Gewebe von Erfahrungen und Erfindungen entsteht. In seinen Frankfurter Vorlesungen erzählt Uwe Timm vom Ende des Krieges in Coburg: „Der Fünfjährige erlebte die Erwachsenen, die dröhnenden, herumkommandierenden, die bedrohlichen, immer zur Strafe, zu Bestrafung bereiten Großen auf einmal leise. Sie waren buchstäblich von heute auf morgen wie verwandelt, die braunen Uniformen, die schwarzen, waren verschwunden. Nur der Kreisleiter Feigtmeier, ein gefürchteter Mann, stand in seiner braunen Uniform in der Gosse und musste sie fegen. Die GIs fuhren im Jeep vorbei und spritzten ihn, der jedes Mal auf den Bürgersteig springen musste, nass.“

Die Zeit des Romans endet mit dem Sommer 45 und es wird klar: So eindeutig bleiben die Verhältnisse nicht lange.

Uwe Timm hat immer darauf verwiesen, dass es die Rückkehr ehemaliger Nationalsozialisten in die Schulen, Ämter und Gerichte war (ein Mann namens Fränkel konnte sogar 1962 Generalbundesanwalt werden, bis Dokumente auftauchten, die ihm nachwiesen, dass er Freiheitsstrafen in Todesurteile umgewandelt habe, in einem Fall sogar gegen das Votum von Freisler), die ihn früh zu den Protestaktionen der Studenten 1967 und 68 geführt hat. Die Beschreibung dieser Protest-Jahre bildet in Romanen wie Heißer Sommer, Kerbels Flucht oder Rot das zweite große Kraftzentrum seines Werkes, wobei es interessant wäre, die engen Verbindungen und Bezüge zwischen allen seinen Büchern nachzuzeichnen.

Buchpremiere, Uwe Timm: Ikarien
Gespräch: Mathias Greffrath
Begrüßung: Ingo Schulze
in der Berliner Akademie der Künste
am 05.09.2017
Foto: © gezett – www.gezett.de

Ich frage mich oft, warum so vieles von jener vielgestaltigen Protestbewegung heute nur noch museal gedacht wird, warum einige der bekannten Protagonisten ihre damalige Haltung bestenfalls wie ein Accessoire betrachten, das nur noch zur Selbstironisierung oder Stilisierung taugt, wenn es nicht ganz verborgen und geleugnet wird. Uwe Timm zählt mit Sicherheit nicht dazu. Er hat sich als Schriftsteller und Bürger nie von diesen Ansprüchen verabschiedet.

Vor einigen Tagen hat Uwe Timm in einem Interview in der Süddeutschen über seine Erziehung gesprochen und dabei sehr freimütig bekannt, mit zwölf Jahren zum letzten Mal geweint zu haben. Ich möchte mich jetzt nicht als Dichter von Schlagertexten gerieren und Uwe Timms Bücher als seine nichtgeweinten Tränen bezeichnen. Aber ich glaube, seine Bücher sind auch deshalb so gut, weil sie zutiefst mit seinem Leben, seinen Erfahrungen verwoben sind, weshalb er selbst es nur bedingt beeinflussen kann, wann die Zeit reif ist, dass sie das Licht der Welt erblicken. Auch insofern bist du für mich ein Schriftsteller notwendiger Bücher.

(c) Ingo Schulze

 

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Gespräch: Mathias Greffrath
Begrüßung: Ingo Schulze
in der Berliner Akademie der Künste
am 05.09.2017
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