Moritz Rinke: »50 : love«

© Joscha Jenneßen

50 : love

Ich weiß immer noch, wie die erste Freundin von Boris Becker hieß: Karen. Sie war 18, so alt wie Boris und ich. Benedicte, die Freundin danach, war die Tochter des Polizeipräsidenten von Monaco. Da hatte Becker schon zum zweiten Mal in Wimbledon gewonnen. Gegen Ivan Lendl, den Schrecklichen! Ich saß mit der Beckerfaust vorm Fernseher, ich hechtete sogar nach dem verwandelten Matchball in die Beckerrolle.
Ich erinnere mich auch noch an den ersten Dreitagesbart von Becker und mir. Ich ging damit in mein erstes theaterwissenschaftliches Seminar in Gießen, Becker spielte damit das Finale der Australien Open.
Wir waren längst Freunde. Boris kannte mich nicht, ich aber ihn. Ich wusste alles über seine Ehe mit der tollen Barbara. Über das Gedicht, das im Martin Walser schrieb. Über das Besenkammerkind mit der Russin. Samenraub! Das Wort gab’s vor Becker noch nicht.
Wirklich aufgeregt war ich 1999, am 2. Juli, beim Comeback in Wimbledon, Achtelfinale gegen Patrick Rafter. Wir waren beide 31. Ich sehe Beckers letzten Rückhand-Volley ins Aus fliegen. Niederlage, letzte Verbeugung vor der Königin.
Ich hatte damals meine ersten Bühnenerfolge, irgendwie ging es für mich los. Aber bei Becker endete es, er musste quasi mit 31 Jahren sein Leben abschließen. Und hechtete dann in verschiedenste Rollen. In die Geschäftsmannsrolle, in die Rolle der Werbeikone, in die des Jet-Set-Lovers und Yellow-Press-Zulieferers. Becker machte alles. Lächerlichste Shows, schlimme Werbespots, öffentliche Fehden.
Nun ist er angeblich pleite. Ein Londoner Konkursgericht erklärte Becker für zahlungsunfähig. Man liest von Millionen-Gläubigern, die früher Freunde waren, und nun in den Zeitungen auspacken. Man hört, dass Becker sogar sein Elternhaus in Leimen verkaufen wollte, in dem seine Mutter noch lebt. Man schlägt ihm öffentlich vor, es doch mal mit Samenspende zu versuchen. Häme? Ja, offenbar lieben die Menschen Häme.
Um die Jahrhundertwende, gerade als das Samenraub-Kind von Becker auf die Welt gekommen war, schrieb ich an meinen »Nibelungen«. Und als ich mich fragte, wie dieser Siegfried denn nun sei, dieser Held, der alle geschlagen und sogar die übermächtige Brünhild durch seine Tricks im Bett besiegt hatte und dann immer erfolgsverwöhnter und fetter wurde, da wusste ich es.
Ein Held wird mit einer Tat berühmt und vielleicht hätte er sogar das Zeug gehabt, nach seiner berühmten Tat die Gesellschaft noch in einer anderen Weise zu bewegen, aber er kann es nicht, im Gegenteil: er verliert seinen Glanz, er geht nicht in die Konzentration, wie früher zwischen den Ballwechseln. Er zerfällt im Außen.
Wieso gehen die »Helden« zugrunde, wenn sie nach ihren Taten weiterleiben müssen. Wie gehen wir mit ihnen um, solange sie erfolgreich sind? Ist unser Umgang mit ihnen der Grund, dass sie danach nicht weiterleben können? Vielleicht ist die Boris-Becker-Geschichte auch eine Geschichte über uns, über unsere Welt, unseren Hype und unsere gigantischen Vergrößerungen.
Getroffen habe ich ihn einmal. In Berlin, auf der Toilette bei der Fußball-WM 2006. Becker schaute sich im Spiegel an, so wie man sich auf Toiletten kurz und überprüfend anschaut, und ich spiegelte mich über seiner rechten Schulter. Ich dachte, ich müsste ihm auf die Schulter tippen und dann über unser gemeinsames Leben sprechen. Stattdessen nur ein kurzer Augenkontakt durch den Spiegel, dann drehte er sich mit nassen Händen um und ging.
Vielleicht schicke ich ihm zu unserem 50. Geburtstag einen herzlichen Gruß.

Der Text erschien erstmals am 30.07.17 im Sonntags-Magazin des Tagesspiegels.

Moritz Rinke, geboren 1967 in Worpswede, studierte »Drama, Theater, Medien« in Gießen. Seine Reportagen, Geschichten und Essays wurden mehrfach ausgezeichnet. Sein Stück Republik Vineta wurde 2001 zum besten deutschsprachigen Theaterstück gewählt und 2008 für das Kino verfilmt. Im Sommer 2002 kam bei den Festspielen in Worms Rinkes Neudichtung der Nibelungen zur Uraufführung, die in den Folgejahren auf der Bühne und im Fernsehen ein Millionenpublikum fand. Sein Stück Café Umberto wurde bereits an zahlreichen Theatern gespielt und ist Bestandteil einiger Lehrpläne.

2010 erschien sein Debütroman »Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel«, der zum Bestseller wurde. Moritz Rinke lebt und arbeitet in Berlin.

→ Alle Bücher von Moritz Rinke bei Kiepenheuer & Witsch

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