Backlist der verlorenen Herzen #3 (Christian Neidhart über »Ansichten eines Clowns« von Heinrich Böll)

Was zunächst klingt wie ein trostspendendes Kuchenrezept, ist in Wahrheit das Rückgrat, das Profil eines Verlages, die Crème de la Crème aller Bucherscheinungen. Unter dem Begriff Backlist bezeichnen Verlage nämlich das Verzeichnis aller lieferbaren Bücher, die keine Neuerscheinungen sind.

Mit dieser neuen Rubrik möchten wir mit Ihnen einen Ritt durch die Backlist von KiWi unternehmen und eine Inventur der bleibenden Eindrücke machen. Zu diesem Anlass haben wir unsere Kollegen gebeten, ihr liebstes KiWi zu präsentieren, Schätze zu heben oder längst zu Klassikern gewordene Titel vorzustellen. Von Büchern zu erzählen, an die sie einst ihr Herz verloren.
Kurz: KiWis stellen KiWis vor.

»Ansichten eines ehemaligen Bonner Studenten« von Christian Neidhart 

Heinrich Böll – bei diesem Namen denke ich zuerst an Bonn. Und an meinen Opa, denn ich habe alle meine Böll-Bücher aus seinem Bücherregal geklaut. Danke, Opa! Eines dieser Bücher hatte ich auch im Gepäck, als ich gerade zum Studieren nach Bonn gezogen war und die erste Nacht in der neu gegründeten WG verbrachte. Mein Zimmer war bis auf eine Matratze und einen Schreibtisch fast noch leer und WLAN gab es auch noch nicht, aber für meine Abendunterhaltung hatte ich ein Buch eingepackt,  wiederum frisch aus Opas Regal entwendet. Ich habe es gerade vor mir liegen: Es ist in orangefarbenes Leinen gebunden, der Umschlag fehlt. Was darauf wohl zu sehen war? Ich könnte es googeln, das habe ich aber auch damals schon nicht getan. Der erste Eindruck war also einfach nur orange. Und alt. – »Cool, ein Buch von 1963!«

Das Buch heißt »Ansichten eines Clowns« und war für mich, der ich gerade die Stadt auskundschaftete, ein Phänomen. Denn bekanntlich dient Bonn auch dem Roman als Schauplatz, und zwar in verschiedenen Lebensphasen des Protagonisten Hans Schnier, die eines vereint: Sie waren für mich verdammt lang her. Und seitdem hatte sich einiges getan: Straßennamen hatten sich mehrfach geändert. Brücken waren nach amerikanischen Präsidenten benannt worden. Für mich machte das die Lektüre besonders spannend, da ich das Buch nun zusammen mit der Stadt, in der ich leben würde, erforschen konnte. Der Text gab mir eine historische Perspektive, gleichzeitig aber auch die Gewissheit, dass sich bestimmte Dinge – wie menschliche Gefühle – nie ändern, egal wie die Zeit die Gesellschaft oder eine Stadt verändert. Und sobald ich herausgefunden hatte, wie die Straßen heute hießen, auf denen Hans Schnier sich im Roman bewegt, konnte ich die Routen selbst nachlaufen. So lieferte mir die Live-Erkundung des Schauplatzes wiederum Bilder für das Gelesene, aber mit dem Bewusstsein: Das meiste sah früher ganz anders aus. Durch diese Visualisierung und den Bezug – aber auch den Kontrast – zum eigenen Leben wurde der Eindruck, den der Roman auf mich machte, verstärkt.

Die Gudenaugasse, in der Maries Vater sein Geschäft hat, ist heute die Brückenstraße. Die Kölner Straße, von der aus Hans seine Schwester in die Straßenbahn steigen, an die Front und in ihren Tod ziehen sieht, ist heute die Godesberger Allee. Meine Ecke war aber weniger Bad Godesberg, sondern eher das Bonner Zentrum, das genau so beschrieben wird, wie der frisch hergezogene Student es auch heute noch wahrnimmt: »Die Stadt ist wirklich hübsch: das Münster, die Dächer des ehemaligen kurfürstlichen Schlosses (also der Uni!), das Beethovendenkmal, der kleine Markt und der Hofgarten.« Und sogar das Bahnfahren zwischen Köln und Bonn, das ich von vier Semestern Pendelei gut kannte, hatte sich offenbar kaum verändert, seit Marie auf der Fahrt einschlief und nur aufschreckte, »wenn draußen der Schaffner die Stationsnamen aufrief: Sechtem, Walberberg, Brühl, Kalscheuren« – also eigentlich genau wie heute, auch wenn ich keine Ahnung habe, was »Walberberg« sein soll. Dafür gibt’s jetzt Roisdorf. Im Gegensatz zu Hans habe ich allerdings nie nach Ministerautos auf der Koblenzer Straße Aussicht gehalten, die ich hätte »schrammen« können. Doch ich war leicht zu begeistern. Wenn der Protagonist belanglose, alltägliche Dinge tat, wenn er etwa »durch den Hofgarten, unter der Universität her zum Markt« ging, dachte ich mir jedes Mal: genau wie ich fast jeden Tag!

»Hauptgebäude der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn«. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-78588-20131104-8

Die Wege der Protagonisten nachlaufen – das Gleiche würde ich natürlich auch gern mit anderen Büchern in New York oder Paris tun. Aber andererseits ist auch gerade Bonn interessant: So klein und unscheinbar, hängt an dieser Stadt so viel Geschichte, die nicht nur das Buch, sondern ganz Deutschland, aber eben auch das Leben im Rheinland nachhaltig beeinflusst hat – und ich bin schließlich »ene Kölsche Jung«, also ist Bonn für mich persönlich ja vielleicht sogar noch interessanter als New York. Naja … Zumindest kann ich hier ganz genau feststellen, was sich verändert hat und was nicht. Hochinteressant ist etwa der Hass des Protagonisten auf den Köln/Bonner Klüngel, der nur noch bedingt nachvollziehbar ist in einer Zeit, in der man selbst Wolfgang Niedecken wohl nicht mal mehr Kuchen anbieten müsste, damit er an Karneval im Rheinland bleibt. Für die Nicht-Kölner: Der Sänger der Band BAP hatte noch in den Achtzigern im Lied »Nit für Kooche« gesungen, dass er wegen heuchlerischem Klüngel und Vereinsmeierei an Karneval auch nicht in der Stadt bleiben würde, wenn man ihn mit Kuchen locken würde. Heute ist er »mit dem Karneval versöhnt« – ob Hans Schnier das wohl auch irgendwann gelungen wäre? Unter den Verkleideten fühlt sich der Clown zumindest wohl, denn »nirgendwo ist ein Professioneller besser versteckt als unter Amateuren«.

»Je weiter ein Stern weg ist, desto schöner und stärker leuchtet er.« MAXIM BILLER

Nicht verändert hat sich in der Zeit seit Erscheinen der »Ansichten eines Clowns« vor über fünfzig Jahren der Eindruck, den das Buch machen kann, auch auf junge Leser wie mich. Ich war von der ungebrochenen Lebendigkeit der Sprache begeistert – davon, wie schlichte und nüchterne Worte eine große Wirkung entfalten. Davon auch, wie ein Roman so altmodisch und so modern zugleich sein kann – nicht ganz zeitlos, aber doch irgendwie von der Zeit losgelöst. Kann es sein, dass bestimmte Aspekte der »Ansichten eines Clowns« heute sogar noch einen größeren Effekt haben als im Jahr 1963? Maxim Biller schwärmte zu Bölls 25. Todestag von »unserem Hemingway« passenderweise: »Je weiter ein Stern weg ist, desto schöner und stärker leuchtet er.« Feierlichere Worte finde ich auch in Heinrich Bölls 100. Geburtsjahr beim besten Willen nicht. Während ich das so schreibe, werde ich glatt ein bisschen nostalgisch. Ich glaube, ich fahre bald mal wieder nach Bonn und spaziere wie Hans Schnier »die Koblenzer Straße runter, in die Ebertallee, schwenke links zum Rhein ab« … Moment! Heute müsste es heißen: »Ich spaziere die Adenauerallee runter, von der Willy-Brandt-Allee in die Ebertallee und schwenke links zum Rhein ab«. Ganz schön kompliziert. Aber immerhin der Rhein heißt noch wie immer.

Christian Neidhart arbeitet als Lektoratsassistent im Deutschen Lektorat von Kiepenheuer & Witsch.

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