Der Parteitag. Joachim Lottmann recherchiert bei der AfD

»Ich begrüßte sie und ließ mich mit ihr photographieren. Nun wirkte die große Vorsitzende eher warmherzig, menschlich und kleinwüchsig.«

In Köln findet am Wochenende der Parteitag der Alternative für Deutschland statt. Unerschrocken hat Joachim Lottmann den letzten AfD-Parteitag 2016 in Stuttgart als akkreditierter Journalist besucht und dabei für seinen neuen Roman Alles Lüge recherchiert. Er hat die Vorsitzende Frau Petry sowie 2.500 Parteimitglieder aus der Nähe betrachtet. In Alles Lüge lässt er seinen Protagonisten Johannes Lohmer erzählen, was dieser zusammen mit seiner Frau Harriet bei der AfD so alles gesehen und gehört hat:

Wir besuchten den Parteitag der siegreichen Rechtspopulisten. Er fand in Stuttgart statt. Harriet war für ihre Zeitung da, und als sie mich am Telephon fragte: ›Schatz, gehen wir Nazis schauen?‹, begleitete ich sie.
Für mich war es eine schöne Gelegenheit, endlich wieder einmal meine attraktive Frau zu sehen. Bis Stuttgart war es ein weiter Weg, egal von wo aus. Wer fuhr schon freiwillig dorthin? Aber eine kleine Fluggesellschaft namens Eurowings bot der Harriet einen Direktflug von Wien aus an, und ich fuhr morgens knapp nach dem Sonnenaufgang, jedenfalls gefühlt, mit der Bahn ab Berlin.

Gebucht hatten wir ein Hotel direkt im abgesperrten Messe-Areal, wo der Parteitag sich eingemauert hatte, wie wir nun sahen. Wir kamen fast zeitgleich an und befanden uns in einem Niemandsland, im ruhigen Auge des Orkans. Das Messegelände war Teil des kleinen Flughafens, mehrere tausend Polizisten bewachten es, und es herrschte die übliche Ruhe jener abseits der Stadt gelegenen Provinzflughäfen. Allerdings demonstrierten Heerscharen von Antifa-Kämpfern, Linken, Spontis und Autonomen gegen die Veranstaltung, rannten gewaltsam gegen die vordersten Polizeiketten an, was wir aber weder hörten noch sahen. Es waren bereits siebenhundert Menschen festgenommen worden.

Die rechtspopulistische Partei nannte sich »Alternative für Deutschland« und hatte, wie alle Parteien, ein Kürzel, das hieß AfD. Wir tappten über ein langes Flugfeld auf die einsam wirkende Messehalle zu. Es war kalt, menschenleer, und die abgestellten hundert Mannschaftswagen der Polizei machten das Bild auch nicht freundlicher. Offenbar waren die Beamten von hier aus zu ihrem Einsatz aufgebrochen. Wir durchliefen mehrere weiträumig aufgestellte leichte Sperrgitter, wiesen uns als akkreditierte Journalisten und deutsche Staatsbürger aus, wurden bis auf die Unterhose durchsucht und betraten den Vorraum der schmucklosen Betonhalle. Sie wirkte wie eine neuzeitliche Kathedrale im Rohbau, mit kleinen, vereinzelten Menschen, die verloren herumstanden. Aber man hörte nun wenigstens aus der Ferne erste Töne, die wie ›Parteitag‹ klangen. Eine überschnappende Stimme, ein zustimmendes, dunkles Massengeblöke, höhnisches Lachen. Wir waren richtig, hier war die AfD. Wenige Kontrollen später sahen wir sie, die zweieinhalbtausend Mitglieder. Wie im Innern eines Kernkraftwerks – das ja von außen auch so trostlos aussah – wurde in diesem menschlichen Hochofen politische Energie produziert. Ich staunte nicht schlecht. Was für ein Auftrieb, was für eine freudige Erwartung!

Wir gingen zügig die lange gerade Strecke bis zum Podium vor, wohl 100 Meter, und auf dem Podium saß gut sichtbar und cool die Vorsitzende Frauke Petry. Wir setzten uns auf die reservierten Presseplätze, genau ihr gegenüber, und starrten sie an. Sie sah wie eine Riefenstahl-Phantasie aus, die Augen halb geschlossen, ins Unendliche gerichtet, das markante Kinn nach vorn gereckt und den Kopf nach hinten. Da hätte Mussolini noch etwas lernen können. Sie wirkte aber auch wehmütig, zwischendurch.

Dann zwang sie sich ruckartig wieder zur Riefenstahl-Haltung. Leider sah sie nicht nur in der Pose, sondern auch sonst blendend aus, im wahrsten Sinne des Wortes. Die armen, unglücklichen, älteren, von ihren Frauen und Familien verlassenen Männer im Saal – eben die typischen Rechtspopulisten – waren von ihr hingerissen. Auch ich sah geradezu gebannt zu ihr hinauf, obwohl doch Harriet neben mir war. In der Riefenstahl-Haltung wirkte Frauke Petry frisch und alterslos jung, die Sorgenfalten waren dann weg. Dabei wußten alle, daß sie gerade einen erbitterten Machtkampf bestehen mußte. So stand es nicht nur in den Zeitungen. Sie hatte nämlich gerade das getan, was den zu 90 Prozent männlichen Mitgliedern widerfah-ren war, nämlich ihren Mann und ihre vier Kinder verlassen, zugunsten eines Jüngeren. Und dann hatte sie diesen Liebhaber flugs in den Vorstand der Partei gehievt, gegen alle Satzungen. Ausgerechnet dieser Typ trat nun, kaum daß Harriet und ich uns gesetzt hatten, an das Mikrophon und las eine Grußadresse aus Österreich vor. Denn dort, in Österreich, hatte ein Rechtspopulist gerade den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen gewonnen, und zwar ›haushoch‹. Frauke Petrys Lover durfte die freudige Nachricht hier vortragen, das war geschickt. Die Menschenmasse tobte mächtig. Es klang, als würde sie auch dem Überbringer der Botschaft zujubeln, was gar nicht der Fall war. Aber der Punkt ging an Petry. Sie lachte ihm verliebt zu, dann nahm sie wieder ihre Haltung ein und blickte zur Decke.

Wo schaute sie eigentlich immer genau hin? Ihr Blick mußte die Lichtteppiche treffen, die 3 Meter unterhalb der hohen Saaldecke hingen. An diesem imaginären Punkt hing sie viertelstundenlang fest. Dann stand sie einmal auf und ging durch die vorderen Reihen des Publikums. Ich begrüßte sie und ließ mich mit ihr photographieren. Nun wirkte die große Vorsitzende eher warmherzig, menschlich und kleinwüchsig. Gerade als ich ihr die Hand gegeben hatte, verlor sie einen Schuh, und so sah man ihre geringe Körpergröße von nur 1,68 Metern. Sie war wohl ziemlich übernächtigt. Am Podium schien sie manchmal für Sekundenbruchteile eingeschlafen zu sein. Nun plauderte sie gemütlich mit Bekannten, ganz wie Mutti Merkel es auch tat. Bestimmt war sie eigentlich eine nette Person. Harriet verabredete sich mit ihr zum Interview.

Natürlich durfte ich Harriet gegenüber niemals sagen, daß ich Frau Petry ›nett‹ fand, oder, noch schlimmer, ›attraktiv‹, oder, am schlimmsten, ›politisch okay‹. Das wäre das Aus unserer ›harmonischen Ehe‹ gewesen. Aber ich mußte auch nicht das Gegenteil äußern, da es für Harriet ohnehin selbstverständlich war, die Nazis zu hassen. Denn das waren die AfD-Wähler für sie. Lupenreine Nationalsozialisten, direkte Enkel Adolf Hitlers.

Harriet wurde allerdings auch ständig sexuell belästigt, was mir ja nicht passierte. Sie klagte, ständig von so vielen Blicken getroffen zu werden wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie ging sogar auf die Toilette, um zu sehen, ob sie vielleicht irgendwo einen peinlichen riesigen Fleck auf dem gelben Minikleid hätte. Wirklich andauernd wurde sie »angequatscht«, von nahezu jedem dieser entsetzlichen deutschen Provinzmänner. Ich glaubte es ihr sofort. Man mußte sich diese armen Idioten nur ansehen.

Andererseits weckten sie in mir Mitleid. Den ganzen Tag harrten sie geduldig aus, um Basisdemokratie zu lernen, wie nachsitzende Schüler. Die Leute, obwohl zumeist in meinem Alter, waren wohl ihr ganzes Leben lang nicht politisch gewesen. Nun auf einmal holten sie gutmütig und fleißig alles nach, was ich in meiner Jugend fast traumatisierend kennengelernt und rasch abgestreift hatte: Geschäftsordnungsanträge, Eingaben, Änderungswünsche, Grundsatzpapiere, Enthaltungen, Wortmeldungen, Vorstandsbeschlüsse und so weiter. Mehrere tausend Anträge wurden auf diesem Parteitag mit Engelsgeduld diskutiert und zur Abstimmung gebracht. Unfaßbar. Und immer blieb kein Stuhl frei, war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt.

Trotzdem war das für mich eher enttäuschend. Ich spürte nichts von einer radikalen Partei. Wann immer es radikal wurde, trat ein Gegenredner an das Mikrophon und erzwang einen lauwarmen Kompromiß. Man konnte sich noch nicht einmal darauf einigen, ob der Islam nun zu Deutschland gehörte oder nicht. Das Ganze hatte die Anmutung einer Selbsthilfegruppe. Es war durchaus eine Bewegung, und gerade deswegen menschelte es überall, und die harten Positionen schmolzen ab wie letzter Schnee im Frühling.

Ich brauchte kurz frische Luft, und vor der Halle, auf dem leeren Flugfeld, saßen nun fünf Jugendliche, wahrscheinlich männlichen Geschlechts, die es wundersam durch die Polizeisperren geschafft hatten. Sie saßen auf dem Boden und bliesen Trübsal. Ich hatte eine große Lacktasche umgehängt, auf der die Deutschlandfahne glänzend und unübersehbar aufgedruckt war. Dazu trug ich den AfD-Presseausweis am Jackett. Ich ging nun extra zackig auf sie zu, blieb vor ihnen stehen und rasselte:
»Weitermachen!« Ich musterte die pubertären Antifakämpfer. Einer von hinten sagte schließlich:
»Wollen Sie mit uns reden?«
Ich mahlte mit den Zähnen.
»Habe leider keine Zeit, Kameraden!«
Sie sahen mich an und wirkten deprimiert. Drei künstlich dramatische Sekunden verstrichen. Dann sagte ich, in die Stille des leeren Flugfeldes hinein:
»Deutschland braucht euch!«
Dann ging ich weiter.

Das hatte ich wohl gebraucht. Der Parteitag begann nämlich bereits recht langweilig für mich zu werden. Vor allem stieg meine Abneigung gegen den Impuls, die Leute wahrzunehmen und diese Bewegung für mein Buchprojekt zu beschreiben. Das konnte nämlich nur die übliche abfällige Beschreibung werden.

Vom Alter her waren eigentlich alle Dekaden fast gleichmäßig vertreten, aber es wirkte nicht so. Selbst die Jungen trugen oft klassische Anzüge, allerdings solche, die anscheinend aus der Altkleidersammlung der Caritas stammten. Es fehlte offensichtlich an Geld. Niemand schien ein ordentliches Gehalt zu beziehen. Dennoch unterschieden sich die Leute in ihrem Dresscode von der Unterschicht. Statt teure Nike-Treter trugen sie 10-Euro-Schuhe von Deichmann. Die Haare waren selbstgeschnitten, der zeitlose trübe Faconschnitt, nicht jene kurzen und dennoch phantasievollen Kreationen, die von den Fußballstars herkamen. Manche Männer steckten in karierten, kurzärmeligen Baumfäller-Hemden und waren auf dem erotischen Markt chancenlos. Sie blamierten sich zwar nicht in abstoßenden Adidas-Trainingsanzügen wie Fidel Castro oder abgehängte Frührentner in Frankfurt an der Oder, aber wahnsinnig schlecht gekleidet sahen auch sie mit ihren Billigjeans und alten Zeltsakkos aus. Und, ganz wichtig, es fehlte ihnen vollkommen an dem für die Unterschicht typischen Muskel-Kult. Zehn Millionen Geringverdiener frequentierten inzwischen die muskelbildenden Fitneß-Center – nicht so die blaßen AfD-Mitglieder im Saal. Daher herrschte ein Abgrund zwischen ihnen und der coolen Sexyness auf dem Podium, die nicht nur von der jungen Vorsitzenden und Gottesanbeterin ausging. Auch andere Frauen aus dem Vorstand hatten Charisma und eine körperbetonte positive Ausstrahlung. Ergänzt wurden sie noch von einem extrem smarten jungen Mann, der gerade bei einer Landtagswahl 25 Prozent aller Stimmen bekommen hatte.

Unten also diese seltsam Zukurzgekommenen oder ohne eigenes Zutun in Not Geratenen, für die die Soziologie noch den richtigen Fachbegriff erfinden mußte und die sich selbst wohl erst einmal »Wir sind das Volk« nannten – ein Segment unterhalb des absteigenden Bürgertums und oberhalb der arbeitslosen Unterschicht. Oben auf der Bühne die Akademiker, die geschliffene Rhetorik, die perfekte Aussprache, die gesund ernährten und sportlich fitten Führungskräfte.

Dazwischen, als dritte Menschenart, konnte man noch die gut hundert Photojournalisten im Saal ausmachen, traditionell die häßlichsten Menschen seit den Neandertalern. Warum Pressephotographen und Kameramänner des Fernsehens immer wie alte Junkies im Endstadium ausse-hen mußten, war mir immer schon ein Rätsel gewesen. Wahrscheinlich, weil ihr Beruf so unbeschreiblich langweilig war.

Der einzig wirklich brisante Satz im AfD-Programm war die Forderung nach einer festen Untergrenze von zweihunderttausend Migranten im Jahr. Auch er wurde in der Diskussion zerfasert und schließlich gestrichen. Zwei lange Tage lang ging das so. Zum Glück verlor Harriet nicht ihre gute Laune. ›Nazis schauen‹ blieb ihr ein großes Vergnügen, eine nicht nachlassende Aufregung. Ich fand längst, einer Art evangelischem Kirchentag früherer Epochen beizuwohnen, einer rührenden Graswurzelbewegung, und fühlte mich fehl am Platz. Am Ende des ersten Tages riß mich wenigstens die Nachricht hoch – von Frauke Petry selbst verkündet –, die Jugendorganisation der Partei, nämlich die AJ, gebe eine tolle Party in der Stadt. Wir versuchten sofort, Mitglieder dieser AJ zu finden, um sie anzusprechen. Aber wir sahen nirgendwo einen jungen Menschen. Kein einziger Jüngling um die zwanzig oder fünfundzwanzig, und erst recht kein Mädchen. Es mußte sich um eine Party ohne Teilnehmer handeln. Harriet hatte auf einen Haufen Jungvolk mit Gitarre, kurzen Hosen und weißen Hemden gehofft, umsonst. Deswegen gab es wohl auch noch keine BDM-Neugründung.

Dafür kamen wir an der Hotelbar mit einem vermeintlichen Neo-Nazi ins Gespräch. Der Mann hatte, wie so viele dieser alleinstehenden älteren Herren, Harriet angebraten, als ich kurz nicht neben ihr stand. Natürlich drängte ich mich dann bald dazwischen, um sie zu ›retten‹. Ich merkte nun, daß Harriet, wenn es um ihre Reportage ging, durchaus ein wenig Kreide fressen konnte. So hielt sie meistens nur ihr hübsches Gesicht hin und ließ den Gesprächspartner reden. Er lief aus wie ein Camembert im Sommer. Ein 68er sei er früher gewesen, mit langen Haaren bis zur Schulter, ein echter Linker. Als er vor zwei Jahren die AfD für sich entdeckte, habe er Freunde verloren, die er vierzig Jahre lang gehabt habe. Tränen standen ihm in den hellblauen Augen. Ich mochte ihn.

Das Römische Reich sei ausgestorben, weil die Römer lendenlahm geworden seien, führte er aus, und heute sei es ebenso. Dieser Prozeß sei wie ein Wimpernschlag vor der vieltausendjährigen Geschichte der Menschheit. Die Männer eines Volkes würden lendenlahm, und dann …
Dann kamen die Flüchtlinge, ergänzte ich in Gedanken. Und die Weibchen folgten ihnen willig! Tja, da mußte man besser die Grenze schließen. Um ihn zum Weiterreden zu bewegen, sah ich ihn freudig an, was Harriet, die neben mir saß, nicht sehen konnte.
Wir fragten nach den Unruhen, von denen wir bis dahin nur gerüchteweise gehört hatten, und er packte aus.
»Die Merkel hat fünfzig Busse mit bezahlten Randalieren geschickt. Die kriegen Geld dafür. Vom Staat. Vom System. Ja. Vom Merkelstaat. Die haben ja auch sonst nichts zu tun. Das sind junge Leute und Faulenzer, Kinder eigentlich, und dann geht’s los, immer auf die Knochen der Polizeibeamten. Die hatten heute wirklich einen beinharten Job, die können einem leid tun. Siebenhundert haben sie festgenommen, an einem Tag, das ist echt harte Arbeit. In der Nacht lassen sie viele wieder frei, die sind dann gleich wieder da, das muß man jetzt abwarten, ob die bis zum Hotel kommen. Dann wird’s ungemütlich, auch für Sie …« Harriet sah ihn schmachtend an, beugte sich mit wogender Brust vor. Er erzählte uns alles, was er wußte.

Später beschwerte sich Harriet bei mir über ihn, den »alten Chauvi«. Er habe ihr auf den Busen geschaut. Überhaupt seien diese Tage für sie wie die Silvesternacht von Köln. Tausendfache Übergriffe. Eine sexuell extrem aufgeladene Atmosphäre, in der Vergewaltigungen quasi in der Luft lägen. Überall sähe sie »Brüderle«. So hieß ein gutmütiger, dicker alter Politiker, der einmal eine Journalistin in einen beispiellos skandalösen sexuellen Vorfall verwickelt hatte.

Es waren also etwa zweitausendfünfhundert Brüderles im Gebäude, als wir es am zweiten Tag betraten. Eine Armee von Lustgreisen, die meine gutgebaute Frau mit Blicken auszogen. Kein intimes Detail entging ihren Röntgenaugen. Voller Stolz schritt ich mit ihr die Reihen ab.

Aber eigentlich machte sich Harriet etwas vor. So schlimm und vor allem so alt waren diese ganz normalen, abgehängten Kleinstädter nicht. Egal. In zehn Jahren würden sie die Klientel der Linkspartei übernommen haben und eine reine Ostpartei sein. Philosophisch gesehen waren es nämlich zwei Generationen, denen die Erfahrungen der alten Bundesrepublik fehlten. Ihre Identität war künstlich und bezog sich auf ein deutsches Jahrhundert zwischen 1870 und 1967. Das war durchaus dem Vorgang ähnlich, den Muslime durchliefen, wenn sie das 7. Jahrhundert für ihre neue, künstliche Identität hernahmen.

Das Gewese im Saal nervte mich zusehends. Die Leutchen betrieben ihre neuentdeckte Basisdemokratie mit einem Fanatismus, der nicht mehr feierlich war. Ich hörte nur noch Antragschinesisch:
»Ich beantrage laut Antragsbuch 842 Punkt 9.3, Absatz G wie Gustav, Ziffer elf Zusatz d wie Dora, den Basispunkt ›Ende der Debatte‹ vor den Tagesordnungspunkt Neun – Adoptionsrecht – vorzuziehen, und beantrage dazu Gegenrede und Abstimmung …«

Weitere sechs Stunden später litt ich unter Depressionen. Im Hotel, in das ich mich zurückzog, wurde es auch nicht besser, da ja dieser ganze Messe-und-Flughafen-Kosmos am Rande Stuttgarts ein einziges Trauerspiel war. Von den vielen Tausend gewaltbereiten Demonstranten sahen wir leider wieder nichts. Was hätte ich jetzt darum gegeben, in die Auseinandersetzungen zwischen Staat und Rebellen geraten zu dürfen!

Abends, wieder zu Hause in Wien, in der goldenen Stadt der Kaiserin Sissi, suchten wir im Fernsehen nach den Demonstrationen. Erst bei »Russia Today« wurden wir fündig. Die Top-Meldung in den Nachrichten, Breaking News, mehrere Minuten, viele Ausschnitte und Statements, brennende Autos, brutal zuschlagende Polizisten, Wasserwerfer, Hilfeschreie, ein Interview dazu mit Frauke Petry.
In den deutschen Sendern nichts davon.

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