Meine Lesereise mit Imbolo Mbue (von Inge Kunzelmann)

Meine Lesereise mit Imbolo Mbue 

Von Inge Kunzelmann

Tag 1:

Montagvormittag kurz vor 11:00 Uhr: Ich stehe am Flughafen Hannover und warte auf unsere Autorin Imbolo Mbue, die ich nur vom Foto kenne. Sie wird einen headscarf und black framed glasses tragen, schrieb sie mir in einer Email vor ihrer Abreise. Ob ich sie erkenne? Die Flughafentür öffnet sich, vorsichtig kommt eine kleine, zierliche Frau heraus, mit buntem Kopftuch, Brille. Das könnte sie sein. »Imbolo?« »Yes, I’m so tired! I’m not a good traveller …« 

Imbolo Mbue ist gerade über Frankfurt aus New York in Hannover gelandet, um ihren Debütroman »Das geträumte Land« vorzustellen. Es ist ihre erste Lesereise dieser Art, und der lange Flug hat sie ermüdet. Also fahren wir erstmal ins Hotel. Auf der Fahrt gehen wir kurz den Terminplan für die nächsten fünf Tage durch: Imbolo hat Lesungen und Interviews in Hannover, Köln, Berlin, Zürich und München. Ein straffes Programm. Natürlich begleite ich sie überall hin, keine Sorge.

Nach einem kurzen Sich-frisch-machen im Hotel gehen wir eine Kleinigkeit beim Italiener ums Eck essen. Imbolo macht sich über das Ossobuco her. Ihr scheint es zu schmecken, das ist doch schon mal ein guter Anfang.

Danach bringe ich unsere neue Autorin zurück ins Hotel, wo sie sich endlich von der Reise erholen kann. Leider ist die Zeit bis zu ihrem ersten Interviewtermin nicht allzu lang. In der Zwischenzeit lese und beantworte ich meine Emails. Pünktlich zur verabredeten Zeit treffe ich Imbolo in der Hotellobby, gemeinsam fahren wir zum NDR, wo eine Schaltung zum Bayerischen Rundfunk vorbereitet ist. Während ich mit dem Techniker im Nebenraum sitze, beantwortet Imbolo gut gelaunt alle Fragen der Journalistin.


Danach geht es wieder zurück ins Hotel, umziehen, Haare richten. Das ist bei  Haaren, wie Imbolo sie hat (hier nachzulesen in einem Artikel, den sie für den Guardian geschrieben hat), so schön sie sind, etwas aufwendiger als bei meinen europäischen Haaren. Ach, und eine Kleinigkeit zu essen wäre gut. Und ein Stück Seife. Seife? Im Hotel gibt es nur flüssige, Imbolo ist aber feste Seife gewohnt. Kann ich verstehen, jeder hat seine Vorlieben. Ich laufe zum nächstgelegenen Supermarkt und besorge Imbolo etwas Brot, Käse und Seife.

Eine Stunde später holt uns die reizende Charlotte, Organisatorin des Literarischen Salons in Hannover, vom Hotel ab und fährt mit uns zum Veranstaltungsort. Dort freut sich Imbolo, als sie die Plakate sieht, die ihre Lesung ankündigen. Wir lernen die Moderatorin und die deutsche Schauspielerin kennen, die Imbolos Text lesen wird. Die Chemie zwischen den dreien stimmt, juhu, ich kann mich zurücklehnen.

Dann folgt Imbolos erster Auftritt in Deutschland. Und sie meistert ihn ganz wundervoll. Die Herzen fliegen ihr zu. Kein Wunder, so unprätentiös, natürlich und sympathisch wie sie ist. Nach circa 1,5 Stunden ist die Lesung vorbei, die Leute stehen Schlange, um sich Imbolos Debütroman signieren zu lassen. Ich sitze neben ihr, um gegebenenfalls zwischen ihr und den Lesern zu übersetzen oder Namen zu buchstabieren. Deutsche Vornamen – Sylvia oder Silvia? Dörte?? – sind schließlich nicht immer so leicht für ausländische Autoren. Imbolo nimmt sich für jeden Leser Zeit, ist sehr glücklich, aber auch erschöpft. Trotzdem ist der Abend noch nicht zu Ende. Charlotte hat noch ein Restaurant ausfindig machen können, das montags geöffnet hat. Also gehen wir noch etwas essen. Erst danach bekommt sie ihren wohlverdienten Schlaf.

 

Die Lesung in Hannover aus der Perspektive einer Pressedame

Tag 2:

8:30 Uhr. Wir treffen uns zum Frühstück. Die Nacht war zwar kurz, aber immerhin hat die Autorin gut geschlafen. Wir haben genügend Zeit für ein gemütliches Frühstück, bevor der vorab organisierte Fahrdienst uns abholt und nach Köln bringt. Dort ist unser Verlag zuhause, die Kollegen warten schon auf Imbolo, und angesichts des herzlichen Empfangs scheinen alle Müdigkeit und Anstrengung von ihr abzufallen. Nach einem leckeren Lunch und einem Foto vor dem Dom, geht es ins Hotel. Zum Ausruhen und Sich-in-Schale-werfen. Als Imbolo aus ihrem Hotelzimmer kommt, sind wir alle platt: Imbolo trägt ein buntes Kleid und sieht umwerfend aus! Stunning! Das finden auch die Fotografen, die am Veranstaltungsort warten und begierig Fotos von ihr machen. Doch viel Zeit ist leider nicht, es stehen noch eine Tonprobe an und das Kennenlernen von Imbolos deutscher Stimme für den Abend, der Schauspielerin Marie Bäumer. Ich muss also etwas drängeln, dass wir zum Ende kommen, vielleicht gibt es nach der Veranstaltung noch Gelegenheit für weitere Fotos …

Imbolo Mbue

Heute Abend liest Imbolo auf der Lit.Cologne, dem größten Literaturfestival Europas. Die Veranstaltung findet auf dem sogenannten Literaturschiff statt, das während der Lesung den Rhein rauf- und runterschippert. Nicht nur für Imbolo aufregend, sondern auch für mich. Das hat man schließlich nicht alle Tage.

Die Schlange zum Signieren danach nimmt kein Ende. Die Leute sind begeistert von dieser tollen Autorin und wollen sich mit ihr fotografieren lassen. Irgendwann kommt der Veranstalter zu mir: In 10 Minuten beginnt der Einlass für die Gäste der nächsten Lesung. Ups, hat Imbolo wirklich über eine Stunde signiert? Ich muss also wieder mal drängeln, und die Autorin von ihren Fans losreißen. Draußen wartet schon der Shuttle, der uns zum Festival-Café bringt, wo sich alle Autoren und Verlagsmenschen, die an diesem Abend eine Lesung hatten, treffen. Imbolo ist selig.

Irgendwann ist die Erschöpfung groß, und wir fahren ins Hotel. Morgen geht es ja schon um 7:00 Uhr weiter nach Berlin. Sleep well.

Auf der lit.Cologne

 

Tag 3:

7:00 Uhr Hotel Wasserturm. Imbolo wartet in der Lobby, ihr Koffer ist noch auf dem Zimmer. Das hübsche Hotel, von außen rund, ist innen recht vertrackt, mit vielen kleinen Treppen zwischen Zimmern und Lift. Ob ich ihr mit dem Gepäck helfen kann. Klar, der Koffer ist wirklich nicht leicht, aber gemeinsam schaffen wir es die Stufen hoch und runter bis zum Lift. Dann ab zum Bahnhof. Mittlerweile haben Imbolo und ich uns so eingegroovt, wir verstehen uns ohne viele Worte. Im Zug will sie schlafen, eingehüllt in ihren Schal, es ist doch immer noch frisch im März in Deutschland.

In Berlin stehen weitere Interviews an. Die absolviert Imbolo freundlich und einnehmend. Danach bleibt noch ausreichend Zeit, sich für den Abend vorzubereiten. Für den kurzen Weg zur Kulturbrauerei, wo die Lesung stattfindet, nehmen wir ein Taxi, denn in High Heels würde es zu lange dauern.

Das Treffen mit der Moderatorin Shelly Kupferberg und Anne Lebinsky, Imbolos deutscher Stimme  für diesen Abend, verläuft super, auch hier sind sich alle Beteiligten gleich sympathisch, einer erfolgreichen Lesung kann nichts im Wege stehen. Als es noch großem Applaus ans Signieren geht, kommen viele Leser auf Imbolo zu: Sie sind auch aus Kamerun, manche sogar aus Limbe, Imbolos Heimatort. »We’re so proud of you«, sagen sie, lassen sich das Buch signieren und mit Imbolo fotografieren. Sie ist sichtlich gerührt von so viel Zuspruch und Begeisterung. Sie selbst sieht sich doch „nur“ als einfache Cameroonian immigrant.

Es ist Imbolos und mein letzter Abend zusammen. Morgen fliegt sie nach Zürich, wo meine Kollegin Eva Betzwieser, die die Veranstaltungen organisiert hat, Imbolos Lektorin Mona Lang und ihre Übersetzerin Maria Hummitzsch übernehmen. Ich werde etwas wehmütig. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, immer verantwortlich dafür zu sein, dass alles gut läuft, wir überall pünktlich sind, ich mitfiebere, dass die Lesungen und Interviews gut laufen, so gehören für mich Lesereisen mit Autoren zu den Highlights meines Jobs. Die Möglichkeit, so nah an Autoren ranzukommen, so viel Zeit mit ihnen zu verbringen und sie kennenzulernen, hat man sonst leider nicht.

Zum Abschluss gehen wir nochmal schön essen, begleitet von zwei Freunden von Imbolo, und verbringen einen ausgelassenen und lustigen Abend zusammen.

Am nächsten Morgen bringe ich Imbolo zum Flughafen, wo wir Maria treffen, die mit ihr nach Zürich fliegt. Bye bye, Imbolo, take care, see you again soon.

v.l.n.r. Eva Betzwieser (Veranstaltungen), Inge Kunzelmann (Presse), Mona Lang (Lektorat)

 

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