»Scharfes Geschütz« von Dorit Rabinyan

»Die israelische Schriftstellerin Dorit Rabinyan hat uns einen politischen Liebesroman beschert, der aufwühlt.« schreibt die Cosmopolitan. Welchen Eklat der Roman »Wir sehen uns am Meer« über die Liebesgeschichte zwischen einer Israelin und einem Palästinenser jedoch in Isreal auslösen würde, konnte die Autorin nicht erahnen. Dorit Rabinyan reflektiert die Anfeindungen und Zensurmaßnahmen, mit denen sie sich seither in ihrer Heimat konfrontiert sieht.

Dorit Rabinyan

Das Cover der hebräischen Originalausgabe des Verlags Am Oved.

Das Buch »Gader Chaja«, das vergangenes Jahr unter dem Titel »Wir sehen uns am Meer« bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist, hat einen neuralgischen Punkt im israelischen Nervensystem getroffen. In eine Wirklichkeit, in der die politischen Machthaber unermüdlich versuchen, den (palästinensischen) Anderen abzuwerten und ihn als Dämon oder als Karikatur darzustellen, bricht dieser Roman ein und erzählt von der Möglichkeit des Dialogs. Im fernen New York zwar, zwischen zwei jungen Menschen, einem Künstler und einer Studentin, doch diese beiden, Liat und Chilmi, entdecken, wie ähnlich sie sich sind, und erkennen, dass sie eine Region im Nahen Osten und ein Schicksal teilen. 

Der 31. Dezember 2015 war ein Donnerstag. Der Wetterbericht kündigte einen heraufziehenden Sturm an, das Jahr 2016 sollte um Mitternacht mit Donnerschlägen und einer extremen Kältewelle Einzug halten. Vom fiebrigen Ablauf der Ereignisse und dem Aufruhr der Gefühle, vom ganzen Wahnsinn, der an jenem Tag auf mich einstürzte, ist ein bestimmter Augenblick mir besonders deutlich in Erinnerung geblieben. Es war acht Uhr im Morgenstudio des Zweiten Fernsehkanals. Bis zu diesem Moment hatte ich mich trotz des Adrenalins, trotz des herunter gekippten Kaffees, trotz der bevorstehenden Live-Sendung schläfrig und träge gefühlt. Offenbar stand ich noch unter der Wirkung der Viertel Schlaftablette, die ich gegen zwei Uhr nachts eingenommen hatte, um die Gedanken abzustellen und mich für ein paar Stunden zu beruhigen.

Jemand begleitete mich aus dem Make-up-Raum ins Studio, und während der Tontechniker mir das Mikrofon ansteckte, fiel mein Blick auf den Tisch, auf die zwischen bunten Kaffeebechern aufgefächerten Titelseiten der drei großen israelischen Tageszeitungen. Jede zeigte mein Konterfei, daneben ein Portrait des streng blickenden Erziehungsministers. Die Hauptschlagzeilen verkündeten: »Das verbotene Buch – ein Bestseller«, »Erziehungsministerium verwirft Roman«.

Blitzartig erfasste ich das Ausmaß des Skandals, in dessen Mitte ich mich verwirrt und verwundernd blinzelnd wiederfand. Der träumerisch vage Zustand der Benommenheit schlug in hellwache Empfindlichkeit um, und dann verschloss sich in mir etwas, als würde die Seele auf einen Notstandsmodus umschalten, sich von sich selbst abspalten und das Steuer an ein Element abgeben, das unterschwellig immer vorhanden, jedoch nicht tagtäglich im Einsatz ist: ein extrem zielgerichtetes Potential, das sich uns nur in der Gefahr zur Verfügung stellt.

Zwölf Stunden später beim Anschauen der Acht-Uhr-Abendnachrichten erstickte mich das Gefühl, in einen Dschungel geraten zu sein, in dem Machtpolitiker Egokämpfe austragen und eiskalt von ihren Interessen diktierte Agenden durchsetzen wollen. Der amtierende Erziehungsminister, ein religiöser Demagoge aus der Siedlungsbewegung, verleumdete mich und mein Buch mit nachweislich falschen, den Text bis zur Unkenntlichkeit entstellenden Behauptungen. Nach dem ersten Schock konnte ich, erschöpft und ausgelaugt wie ich war, endlich weinen.

Es war der längste, seltsamste und verstörendste Tag meines Lebens gewesen. Vor einer Minute noch floss das Dasein geordnet dahin, drehte die Erde sich verlässlich um ihre Achse, und dann schlug von irgendwoher eine unsichtbare Faust zu. Alles zerbarst und zerstob und zerrte mich in einen schwindelerregenden Wirbel.

Aus einem Riesenverstärker dröhnte chaotischer Tumult; zahllose fremde Gesichter und feindliche Stimmen, bösartige Textnachrichten und Telefongespräche, WhatsApps, unbeantwortete Anrufe, Tags und Reminders, Postings, Sharings, Benachrichtigungen und Twitterbotschaften stürmten auf mich ein. In den sozialen Netzwerken, auf allen Online-Nachrichtenseiten, in den aktuellen Radio- und TV-Programmen schien einzig und allein von meinem Buch die Rede zu sein.

Nach der Aufnahme im Studio Herzliya versuchte ich, im Taxi die Zeitungsartikel zu lesen, begriff aber vor Aufregung nichts von dem, was dort stand. Es war alles so absurd und bizarr wie in einem größenwahnsinnigen Traum. Schriftsteller oder Künstler erscheinen auf den Nachrichtenseiten doch eigentlich nur, wenn sie gestorben sind. Was hat Belletristik in Skandalüberschriften zu suchen? Was hat die intime Erzählstimme, was hat geformte literarische Sprache mit dem lapidaren Idiom der Enthüllungen schmutziger Geschäfte gemein? Jetzt aber schrie mir der Titel meines Buches aus den Schlagzeilen entgegen, prangten mein Gesicht und mein Name auf Zeitungsseiten. Grobe Hände hatten sich über mein Buch hergemacht und es in Besitz genommen.

Bis zum Nachmittag hatte die Nachricht auch in Übersee Wellen geschlagen, europäische Medien und internationale Agenturen posaunten die Argumente für die Ablehnung meines Romans in alle Welt hinaus. Als ich um vierzehn Uhr zu Hause ankam, erwarteten mich Fernsehteams aus Japan, Algerien und den USA. Der grottenschlechte Drehbuchautor, der mit seinem Laptop im Café saß und sich diese politische Farce ausdachte, ging entschieden zu weit und schien die Herrschaft über die Handlung verloren zu haben.

Allerdings traf – soweit sie durch all das närrische Schellengeläut an mein Ohr zu dringen vermochte – auch Ermutigung ein. Das Gerücht von Warteschlangen in den Buchläden beispielsweise, vom Ausverkauf aller Exemplare, von einem landesweiten Verkaufsrekord. Mein Roman war zu einem politischen Objekt geworden, das die Bedrohung der Meinungsfreiheit in Israel symbolisierte. A. B. Jehoshua rief bei mir an und erklärte bewegt: »Hab keine Angst, Dorit, du bist in dieser Sache nicht allein. Grossman hat sich bereits geäußert, auch ich habe etwas gesagt und Amos schreibt etwas. Wir alle halten angesichts dieses Schwachsinns zu dir. Heute bist du dran, morgen kann es mich oder einen anderen treffen.«

Sollte ich in jenen Nachmittagsstunden einen Anflug von Euphorie verspürt haben, so verflüchtigte er sich viel zu rasch wieder. Denn in dieser lächerlichen Farce, in der mir die Hauptrolle aufgezwungen worden war, spielten noch drei weitere Figuren mit. Eine von ihnen verkörperte den Erziehungsminister, hinzu kamen zwei Nebenrollen. Da war zunächst einmal die Verfasserin der Ablehnung, die Vorsitzende des Pädagogischen Ausschusses im Erziehungsministerium, eine altgediente Beamtin und erprobte Pädagogin. Sie saß in irgendeinem Amtszimmer unter Neonröhren und hielt die Argumente gegen meinen Roman schriftlich fest. Diese Dame muss am Morgen danach über den Ausbruch des Tsunami, über die Wucht der sich öffentlich über sie und ihren Boss ergießenden Kritik fast genau entsetzt gewesen sein wie ich. Ein solcher Aufruhr wegen eines internen Papiers!

Von der Existenz der männlichen Nebenfigur, sie sei hier »strategischer Berater« genannt, erfuhr ich erst Wochen später. An jenem kalten Regentag, an dem ich mit kratzender Kehle von einem Mikrofon zum anderen hetzte und mein Buch verteidigte, herrschte auch im Büro des Erziehungsministers emsiges Treiben. Stündlich gingen kritische Verlautbarungen der Opposition und empörte Stimmen aus der Öffentlichkeit ein. Zu diesem Zeitpunkt wurde der »strategische Berater«, der sich bereits im Wahlkampf als zynischer Manipulator erwiesen hatte, dringend ins Büro des Ministers beordert. Er betrat die Bühne um sechzehn Uhr und blieb zwei Stunden. Um neunzehn Uhr ließ sich der Minister ins Studio des Zweiten Fernsehkanals fahren. Die Abendnachrichten des 31. Dezember 2016 begannen mit seiner ersten öffentlichen Stellungnahme.

Alles, was an jenem Nachmittag an Gift zusammengemischt worden war, die entstellten Zitate und die üblen Verleumdungen, all das deklamierte der Minister an jenem Abend zur Zeit der höchsten Einschaltquote vom Bildschirm. Er gab zwar zu, mein Buch nicht gelesen zu haben, erklärte aber: »In diesem Buch werden unsere Soldaten als sadistische Kriegsverbrecher beschrieben. In diesem Buch werden unsere Soldaten mit Hamas-Terroristen verglichen. Das Buch beschreibt eine Affäre zwischen einem palästinischen Sicherheitshäftling und einer israelischen Frau.«

»Eine Challa, Milch, Käse, Oliven.«

»Sag mal, bist du das?«

Beide starren mich an, der Verkäufer und die Frau, die vor mir in der Schlange steht. »Sag mal, wie konntest du unsere Soldaten so schlecht machen?« Die Kundin kneift vor Abscheu die Augen zu: »Ekelhaft!« Meine Stimme ist heiser bis zur Unkenntlichkeit als ich nachfrage: »Hast du das Buch gelesen, oder woher weißt du, was drin steht?«

»Das hat Naftali Bennet gestern Abend im Fernsehen gesagt, und das reicht mir!«

Die Kundin mustert mich im Vorbeigehen abfällig »Du Miststück, du bist die Sohlen unserer Soldaten nicht wert!« Dann spuckt sie mir ins Gesicht.

Das Jahr 2017 begann für mich mit einer Ladung Spucke. Weder der rufschädigende hässliche Fleck noch der Dreck, mit dem Naftali Bennet mich bei jeder Gelegenheit immer noch bewirft, lassen sich wieder entfernen, nicht aus den Suchmaschinen im Internet und nicht aus den Blicken fremder Menschen.

Sechs Jahre lang habe ich mit Sorgfalt und Inbrunst an meinem Roman „Wir sehen uns am Meer“ geschrieben. Hätte ich damals ahnen können, dass ich mit diesem Buch so viel Hass, Brutalität und giftige Angriffe auf mich ziehen würde, ich glaube, die Finger wären mir auf der Tastatur erstarrt. Hätte ich abschätzen können, wie viel Aufregung, Verfolgung und Einsamkeit mich erwarteten, dann hätte die Angst mich glatt gelähmt.

(Aus dem Hebräischen von Helene Seidler)

 

Rabinyan_hf
© Sharon Deri

Dorit Rabinyan wurde als Tochter einer iranisch-jüdischen Familie in Israel geboren. Ihre beiden Romane »Unsere Hochzeiten« und »Die Mandelbaumgasse« waren Bestseller und wurden mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. »Wir sehen uns am Meer« wurde ebenfalls in Israel ein Bestseller und erscheint in zahlreichen Ländern. Er wurde mit dem wichtigen Bernstein-Preis ausgezeichnet.

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