Ausgezeichnet: Laudatio von Eva Menasse auf Katja Lange-Müller zum Günter-Grass-Preis

Günter-Grass-Preis an Katja Lange-Müller am 19. Februar 2017
©Eva Menasse

Dieser Preis ist etwas Besonderes. Wie die Aufzeichnungen unserer unfehlbaren Anna Mikula  ergeben, war es am 28. Januar 2010 , als wir, eine lose, sich immer wieder durch und um und bei Günter Grass zusammenfindende Autorengruppe beschlossen, einen Literaturpreis zu vergeben. Dieser leicht größenwahnsinnige Plan war Ausdruck eines Gefühls von Mangel. Denn es gibt zwar viele Literaturpreise in Deutschland, aber die wenigsten werden allein von Autoren vergeben. Dazu noch die Umstände: Entweder bewirbt man sich selbst – eines der hässlichsten und peinlichsten zu schreibenden Genres – zittert dann monatelang und meist vergeblich, oder man muss schau-lesen und schau-über-sich-diskutieren-lassen, oder es wird erwartet, dass man sogar das Schau-Verlieren in Kauf nimmt, prominent und in Großaufnahme. Andere Preise sind angenehmer, am angenehmsten die: man hat von ihnen noch nie gehört, aber plötzlich ruft einen jemand an und man hat einen Preis gewonnen, von dem man gar nicht wusste, dass es ihn gab.
Unser Lübecker Literaturpreis ist zum Glück nicht mehr ganz unbekannt. Dass er ab dieser, seiner vierten Ausgabe zu unserer großen Freude und Ehre nach Günter Grass, dem Begründer und Spiritus Rector des Lübecker Literaturtreffens heißen darf, verleiht ihm noch mehr Bedeutung und Ansehen. Unser Preis ist also nicht ganz unbekannt, aber er ist – und das ist auch in Hinblick auf unsere diesjährige Preisträgerin nicht unwichtig – ein auf schönste Weise kauziger, ein chaotisch-kreativer Preis. Ein echter Autorenpreis eben.

Jedes Mal aufs Neue wissen wir nicht genau, wieviel Geld wir eigentlich vergeben. Sobald der Preisträger oder die Preisträgerin gefunden ist, wissen wir auch nicht mehr, wer eigentlich wann die Jury war, wo und wie lange sie getagt, oder besser: genachtet hat. Unsere Sitzungen waren niemals anberaumt, aber meistens Stehpartys, abends nach getaner Werkstattarbeit auf dem Grass‘schen Dachboden, oder an der Hotelbar, oder bei Gosch am Hamburger Bahnhof. Und anders, als man das von anderswo hört, streiten wir nie, ist niemals auch nur ein herablassendes Wort über einen in Frage kommenden Kandidaten zu hören gewesen.
Denn bei uns geht es ja nicht um Literaturpolitik, sondern um Liebe. Um Liebe zur Sprache, zum Handwerk, das der großen Kunst zugrunde liegt, zu den Büchern, die uns viel bedeuten. Deshalb versuchen wir einander mit noch besseren, mit noch angebeteteren, von uns noch tiefer verehrten Schriftstellern zu überbieten. Und natürlich bilden wir Autoren uns allesamt ein, wir verstünden doch eigentlich am meisten von guter Literatur – das beweisen unsere bisherigen Preisträger – und sollten in viel größerer Zahl auch in den literaturpolitischen Jurys sitzen.

Mir fällt zu unserem Preis nur ein einziger kleiner Nachteil ein: Der Preisträgerin oder dem Preisträger könnte es eventuell ein wenig unangenehm sein, dass wir ewig klammen Kollegen tatsächlich jedes Mal eine Art Klingelbeutelsammlung durchführen, diesen und jenen anschnorren, in den eigenen löchrig-lachhaften Sparstrümpfen wühlen, aber einerseits haben uns das weder die bisherigen Preisträger noch die Presse so recht geglaubt, andererseits könnten sie, falls sie es denn doch endlich glauben würden, zu dem Schluss kommen: Dann müssen die es ja ernst meinen. Und genauso ist es.
Und damit jetzt endlich zum Wesentlichen, zur Preisträgerin. Obwohl: nein. Noch ein letzter Einschub. Vor kurzem beobachtete ich einen jungen Kollegen, der gerade mit einem nicht unbedeutenden Literaturpreis ausgezeichnet worden war. Er betrat die Bühne, setzte sich, rückte sich umständlich das Mikrofon zurecht und las dann einen Text vor. Der erste Satz lautete: „Textsorten, die ich nicht gern schreibe: Die Dankesrede“.

Als ich zu Hause saß, noch warm und glücklich gelacht von all den Lange-Müller-Büchern, die ich in den Tagen zuvor noch einmal aufgeschnupft, eingeatmet, mir einverleibt, fiel mir dieser Satz wieder ein. Ich sage Ihnen ehrlich: Je bewunderter der zu rühmende Autor, desto weniger gern – die Textsorte Laudatio.

Tonsetzer, Architekt und bildende Künstler mögen es sich gern gefallen lassen, wenn ihnen, sozusagen aus der anderen Sparte herüber, Wortgirlanden gewunden werden. Auch Schriftsteller werden ja durchaus gern gelobt, aber gleichzeitig fürchten sie doch immer ein wenig den falschen Ton, den zu oft benutzten Vergleich oder die Fehlinterpretation. Schriftsteller zu rühmen ist immer ein wenig wie – nein, lassen wir die armen Eulen aus dem Umland der griechischen Hauptstadt heute mal in Frieden – sagen wir, es ist, wie Schnapsflaschen in Weddinger und Moabiter Kneipen tragen. Was könnte ich Ihnen denn schon sagen, was Sie nicht viel schneller erkennen, wenn meine Kollegen Ihnen gleich anschließend aus Katja Lange-Müllers Literatur vorlesen?

Aber es hilft ja nichts. Ich werde also zu erklären versuchen, warum Katja Lange-Müller neben aller Liebe des Publikums, neben der Wertschätzung der Kritik auch seit langem ein writers‘ writer ist, also eine Schriftstellerin, über deren Texte sich andere Autoren beugen, in der bewundernden, gierigen, neidischen und möglicherweise kleptomanen Absicht, ihnen etwas abzuschauen. Von ihnen etwas zu lernen.
Zuerst einmal: In Katja Lange-Müllers Büchern ist alles echt – so echt es in Büchern überhaupt nur sein kann, denn in guten Büchern ist ja alles echter als draußen im faden Leben (einer der Merksätze der Literatur). In ihren Büchern hört, sieht, fühlt, riecht und schmeckt man alles, was geschieht, auch wenn das nicht immer angenehm ist.  Berliner Kohleheizungen, Mädchenschweiß im Perlonkleid, Getränkemischungen, wo einen schon beim Lesen die Leber schmerzt: besonders gern Pfälzer Rotwein, Bier und Baileys. Die Ekzeme eines sterbenden Aids-Kranken und die bereits verwesende Schnauze eines nur noch mit einem Faden am Leben hängenden Hundes. Aber ebenso die wogenden, vermutlich nach Duftmischung grüner Apfel riechenden Busen der echten Berlinerinnen, immer bedeckt von Pullovern, „kükenflauschige Herausforderungen für jeden Weichspüler“, „royal- oder himmelblau, gerne auch kanariengelb, pfefferminzgrün, pflaumenpink“.

An diesem winzigen Zitat schon, an Katja Lange-Müllers Wortschöpfungen für die Farben und dem unmittelbar sinnlichen Adjektiv „kükenflauschig“ sehen Sie, wie diese Autorin zu ihrer Direktheit und Anschaulichkeit kommt: Nämlich durch äußerste Genauigkeit und frische Sprache. Üblich ist das Gegenteil. Im täglichen Leben nimmt es keiner mehr genau, im Gegenteil, unter dem fröhlich trompeteten Motto „kein Thema“ narkotisiert man uns mit Hülsen und Schablonen, auf dass wir uns, wenn nicht alles schon im Vorfeld in trockenen Tüchern ist, trotzdem gut aufgestellt auf Augenhöhe befinden, damit wir genau dort, wo wir sind, nämlich vor Ort, abgeholt werden können und nicht, während wir noch über den Tellerrand zu schauen versuchen, per Quantensprung das Kind mit dem Bade ausschütten, obwohl zeitnah noch etwas Luft nach oben gewesen wäre. Und das macht am Ende des Tages etwas mit uns, zumindest gefühlt. Sag ich mal so.

Das war jetzt natürlich billig, oder, um noch mal zurück in den grauen Sack zu schlüpfen: wohlfeil. Denn was ein Schriftsteller sein will, sollte sich wohl auf gepflegte Sprache verstehen, ob die nun elegant oder schnoddrig, mit hohem oder fiesem Ton raus- oder daherkommt. Leider gelingt es den wenigsten so kunstvoll einfach wie Katja Lange-Müller. Jene, die weniger genial sind als sie, sich aber, besonders gern Männer, für Großdichterfürsten halten, haben oft einen fatalen Hang zu Schmock und Pathos, zu vor langer Zeit ausgemusterten Imperfektbildungen und zu Wendungen mindestens aus der Goethezeit. Wir wollen ja keine Namen nennen. Sagen wir daher nur – und wir werden den Beweis sofort erbringen – Katja Lange-Müllers Sprache bleibt immer in dichterischer Bodennähe, gemessen an der nach oben offenen Botho-Strauß-Skala.

Denn nichts ist ja schwerer als die anschauliche und stimmige Einfachheit. Formulierungen, die einen flehentlich wünschen lassen, man wäre selbst darauf gekommen. Schon x-mal geklaut habe ich persönlich bei Nabokov, der irgendwo von einem „kalbfleischweißen Arm“ schreibt. Oder bei Doderer, bei dem es einmal über Haare heißt, sie seien „gelb wie ein Trompetenstoß“. Dabei bin ich gar kein Farbenfreak, wie Sie jetzt vielleicht denken. Mindestens so gut, weil auch noch so herrlich dreidimensional, ist folgendes Lange-Müller-Bild. Stellen Sie sich einen Mann in einer Kneipe vor, der schon eine Weile wartet, natürlich auf eine Frau, natürlich kommt sie nicht. Immer wieder dreht er den Kopf, versucht, sich in der vollgequalmten Stube einen Überblick zu verschaffen. Schließlich „erhob er sich, wand sich suchend um die eigene Achse – wie eine Raupe, die das Ende des Grashalms erreicht hat und nicht mehr weiterweiß“.

Wenn ab heute, nachdem Katja Lange-Müller hier mit dem ersten Günter-Grass-Preis davongegangen ist, wenigstens jedes zweite „Ende der Fahnenstange“ in unseren Zeitungen und öffentlichen Reden durch „Ende des Grashalms“ ersetzt würde, wäre die Welt literarisch besser. Aber das bloß in Klammer.
Die Raupe also. Sie hat es zweifellos mit den Tieren, unsere Autorin. „Verfrühte Tierliebe“ hieß ein früherer Band, „Böse Schafe“ ihr schönster, ergreifendster Roman; und mein Lange-Müller-Lieblingsbuch trägt einen Titel, der in sich völlig logisch,  in dieser Logik aber gleichzeitig unerklärlich ist: „Die Enten, die Frauen und die Wahrheit“.  Einmal schreibt sie, jemand jammere „hemmungslos und schrill wie eine in ein Faß voll Maschinenöl gefallene Kanalratte“. Daran erkennen Sie auch den großzügig verschwendeten Reichtum dieser Autorin. Andere, falls sie einmal im Leben auf so ein Bild kämen, würden es zu einer ganzen Erzählung, zumindest aber zu einer seitenlangen Szene aufblasen, in der Hauptrolle: Die schreiende Kanalratte, strampelnd im Maschinenöl. Aber nein, Katja Lange-Müller schreibt und schreitet gelassen weiter, während ihr die Perlen einfach so aus den Taschen purzeln. Einmal beschreibt sie gewisse Rosenkäfer, die ich zwar noch nie gesehen habe, ab nun in der freien Natur aber jederzeit erkennen würde: denn Katja Lange-Müller zufolge ähneln sie „goldglänzenden, irgendwie vollgestopften Lackköfferchen“. Zweifellos hat sie, die für sich selbst einmal die schöne Formulierung fand, sie sei „zur Schriftstellerin herangealtert“, ein Faible für Tier- und Naturbeschreibungen wie kaum jemand sonst. Natürlich steckt da der ungewöhnliche Reichtum eines Spezialwissens dahinter. Doch ich glaube, Katja Lange-Müllers bevorzugter Griff zum Tierbild hat einen wirklich guten Grund, der über persönliche Vorlieben hinausgeht und den man sich zu Herzen nehmen sollte, wenn man, also wir, mal wieder in der Atomphysik oder der Meteorologie nach Vergleichen und Metaphern stöbern. Tierbilder setzen beim Leser erstens weniger voraus und sind damit demokratischer, zweitens sind sie sinnlicher und anschaulicher. Die Raupe, die sich erstaunt auf der Spitze des Grashalms um- und umdreht, haben wir alle schon gesehen. Aber selten lagen wir bäuchlings in Suppentellern, um über deren Rand zu schauen. Das Wort „kükenflauschig“ ist haptischer als Quantensprung, und die Kombination aus jammern, Faß, Maschinenöl und Kanalratte ist, wie so vieles andere in ihren Büchern, unvergesslich.

Es gibt zum Glück immer noch und weiterhin viele Menschen, die gut, elegant, geschliffen schreiben können. Trotzdem trennt etwas schwer zu Definierendes die Schreibbegabten von den Schriftstellern. Ich möchte es einmal so versuchen: Wer „nur“ gut schreibt, kann fast alles in Sprache einwickeln, verhüllen, verpacken, zudecken. Auch uns, die Leser. Sprache ist ja auch eine Art Maschinenöl des menschlichen Umgangs (Sie sehen, ich bin jetzt ein bisschen in das Wort Maschinenöl verliebt). Sie macht Dinge leichter, verständlich, verdaulich. Ich glaube aber, nur Schriftstellern wie Katja Lange-Müller gelingt es, mit dem Material Sprache nicht nur zu umgarnen, sondern tiefer zu gehen, sozusagen Sonden hineinzutreiben, durchaus auch in uns. Das Lesen von Büchern wie ihren macht das eigene Denken schärfer, schärft auch die eigene Beobachtungsgabe. Mir fiel dabei eine wiederkehrende Stilfigur auf, keine häufige, aber ein regelmäßige. Manche von Katja Lange-Müllers Sätzen oder Absätzen nehmen an ihrem Ende eine unverhoffte Wendung, die den Horizont verändert, aufreißt, die eine Etage höher hüpft, oder eine Schicht tiefer bohrt. Ich möchte zwei Beispiele nennen, die aber so herauspräpariert ihre magische Wirkung natürlich ein bisschen einbüßen.

Als erstes eine Stelle aus „Verfrühte Tierliebe“. Da geht es um eine einsame Schülerin, die Eltern sind verreist, die Großmutter liegt im Krankenhaus, und nach einem Tag voller Niederlagen kommt sie nach Hause: „Ich hockte mich aufs Sofa, wo ich apathisch aus dem Fenster starrend sitzenblieb, bis die Nacht kam, wenigstens die.“
Bis die Nacht kam, wenigstens die. Sonst kommt nämlich keiner mehr. Das ist insofern eine typische Stelle für Katja Lange-Müller, weil sie der Sprache immer ganz genau aufs Maul schaut. Das tut sie besonders in ihrem jüngsten Roman „Drehtür“, der damit beginnt, dass eine Frau, die Jahrzehnte im Ausland gearbeitet hat, bei der Heimkehr als erstes bemerkt, dass ihr die Muttersprache fremd geworden ist. Zwar beherrscht sie sie weiterhin, aber sie kommt ihr komisch vor. Sie rollt Begriffe wie „Muttersprache“, „Blitzgewitter“ oder „Kettenglied“ staunend und auch ein bisschen degoutiert im Kopf und im Mund herum. Aber kommen wir noch einmal zurück zu den Sätzen, die so unerwartet anders ausgehen.

Da gibt es in „Die Enten, die Frauen und die Wahrheit“ eine sowieso im Ganzen himmlische kleine Geschichte über das Erdferkel im Nachttierhaus des Berliner Zoos. Katja Lange-Müller beschreibt das Erdferkel auf ihre ebenso boshaft röntgenhafte wie zu Tränen rührend zärtliche Art, wie es da hinter Glas, in einer künstlichen Nacht, hin und herschnürt, mit der Schnauze Gräben zieht etc:
„Dabei sind seine schwarzen Augen seltsam blicklos, irgendwie unbeseelt; hinterließe sein gebogener, beweglicher Riechkolben nicht etwas Feuchtigkeit am Glas, Rotz oder Kondenswasser, ich hielte es für einen Erdferkelautomaten, einen organogenen Roboter“.

Seitenlang amüsiert man sich, bestaunt die plastische Beschreibungskunst, nimmt sich vor, bei nächster Gelegenheit beim Erdferkel vorbeizuschauen, aber dann kommt folgender, vollkommen überraschend endender Absatz:
„Oja, das Erdferkel dauert mich. All diese Kreaturen tun mir furchtbar leid, aber das Erdferkel ganz besonders. Und wenn ich ihm eine halbe Stunde zugesehen habe, beim Schnüren und beim Graben, und ebensolange zugehört, beim Schnaufen, Seufzen, Stöhnen, nicht erst dann wünsche ich mir, ich täte ihm auch ein bisschen leid. Aber ich bin Luft für das Erdferkel; nichts und niemanden scheint es wahrzunehmen, nicht einmal die respektlosen Springhasen oder sich selbst.“
Ja, und da wir haben gedacht, es ginge hier nur ums Erdferkel. Aber es geht wieder mal ums Ganze. Und damit haben wir einen zweiten Merksatz der guten Literatur: Auch wenn es noch so verhalten angedeutet ist, das Ganze nämlich, um das es geht – dasein muss es immer. Der Autor soll es mit uns ernst meinen, uns nicht nur einlullen in irgendeine gute Geschichte. An ein paar Stellen muss es doch durchblitzen, das Wissen um und das Fügen in Vergeblichkeit und Endlichkeit, muss die Literatur angeschlossen sein an das „Gewicht der Welt“.
„Echt“, habe ich zu Anfang über Katja Lange-Müllers Literatur gesagt, und jetzt noch „ernst“. Sie werden mir nun mit einigem Recht vorhalten, dass ich zu ihrem geradezu sprichwörtlichen Humor noch nicht viel gesagt habe. Aber erstens schwingt dieser Humor sowieso in jedem Wort mit, das ich bisher von Katja Lange-Müller zitiert habe, zweitens, und da bin ich jetzt mal so richtig radikal, ist ein Schriftsteller ohne Humor gar keiner. Womit umgekehrt fast in allen Fällen gilt, dass die besten Schriftsteller auch die mit dem besten Humor sind.
Aber damit ist es ja ohnehin so eine Sache. Wie beim Geld und bei den Wunderheilern ist leider eine Menge falscher im Umlauf. Ich muss das nicht vertiefen. Wie gewalttätig Witzeln sein kann, können Sie zur Zeit auf allen Kanälen erleben, nicht nur auf dem Twitter-Account des US-amerikanischen Präsidenten.

Ganz im Gegenteil funktioniert aber der gute Humor so, wie es der jüdische seit Jahrhunderten vormacht: Er beschäftigt sich obsessiv und gnadenlos so lange mit den eigenen Schwächen, Fehlern und Defiziten, bis er gar nicht mehr anders kann, als denen der anderen mit liebevollstem Großmut und Verständnis zu begegnen. Jedenfalls ist ihm die eigene Unzulänglichkeit jederzeit bewusst. Und das macht den Unterschied aus, wie man über andere schreibt, redet, urteilt.

Zum Humor, nicht nur in der Literatur, gehört unbedingt auch ein spielerisches Element. Und hier ist mir bei Katja Lange-Müller etwas aufgefallen, was ich in Variation bestimmt einmal klauen möchte, etwas, um dessen Erfindung oder Vervollkommung ich sie beneide. Ich nenne es vorläufig die Vertauschung des Tons. Katja Lange-Müller kann den Berliner Stil, in dem zumindest noch in den Weddinger und Moabiter Kneipen gesprochen wird, perfekt nachahmen, beziehungsweise ihn in eine literarische Kunstsprache überführen, die den Zigarettenqualm und die Bierpfützchen auf den Tischen geradezu atmet. Dafür gibt es viele Beispiele. Aber interessanterweise rutscht der saloppe Ton immer mal wieder in die Erzählerstimme, während die Figuren selbst ganz anders sprechen, geradezu gehoben. Dieser Widerspruch erzeugt große Komik. In der wunderbaren Erzählung „Sklavendreieck“ quält die Urlaubsvertretung eines Kneipenwirts zusammen mit drei gelangweilten Stammgästen einen armen Polen, der aus unerfindlichen Gründen die ganze Nacht draußen auf dem Bürgersteig sitzt. Erst spendieren sie ihm hinterlistig ein Bier nach dem anderen, dann aber verweigern sie ihm, da er strenggenommen kein Kneipengast ist, den Gang zur Toilette und rufen schließlich, als er sich draußen im Rinnstein erleichtert, die Polizei. Bis hierher hat man mitgelitten bei dem schrecklichen Schauspiel, wie Arme einen noch Ärmeren quälen. Aber dann –  der große Auftritt der Polizei. Und nicht nur, dass der Polizist in dieser Erzählung die klassische Rolle des Deus ex Machina erfüllt, der alles wieder gut macht, den Schuldigen bestraft, den Unschuldigen verschont, nein, er tun das eben noch in einer völlig unwahrscheinlichen Sprache, die diesem Finale erst sein Furioso verleiht:

„Wäre es eventuell möglich, ja sogar mehr als wahrscheinlich, dass dieser unbescholtene und offensichtlich in einer unverschuldet irregulären Situation befindliche, laut gültigem Personaldokument polnische Staatsbürger und Gast der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, nach langem Ausharren auf nächtlich kaltem Stein, die Toilette dieses Lokals aufsuchen wollte, in keiner anderen Absicht als der, sittlich korrekt seine Notdurft zu verrichten?“

Und auf eine ähnliche, skurril im Ton verdrehte Weise fällt eine Kettenraucherin – man darf hier einen gewissen autobiographischen Anteil annehmen – bei einem Transatlantik-Flug über die eiskalt blickenden Lufthansa-Stewardessen her. Gerade haben die Damen noch provokanterweise den Rollwagen voller Duty-Free-Zigarettenstangen durch die Reihen geschoben, aber jetzt interpellieren sie streng  einen älteren Mann, den die Erzählerin als ihren Bruder in der Sucht identifiziert hat, weil er so schrecklich nervös ein Bonbon nach dem anderen auspackt. Die Stewardessen bezichtigen ihn, in der Toilette geraucht zu haben und drohen schwere Strafen an:

„Ich schälte mich aus meinem Lappen, griff mir die gerade erworbene Stange Zigaretten, stieg über etliche Kniepaare und stapfte nach hinten zu den drei Fliegen. ‚Von irgendwelchen überall herumschnüffelnden Petzen auf einen bloßen Verdacht hin denunzierte Raucher kriminalisieren, aber Tabak verdealen ohne Ende. Ist das alles, was ihr könnt, ihr elenden, vorschriftsgeilen Dressurerfolge?!‘, kreischte ich, meine Marlboros schwingend, los.“

Eva Menasse © juergen-bauer.com
Eva Menasse
© juergen-bauer.com

Ja, so würde ich auch einmal gern kreischen, „Ihr elenden, vorschriftsgeilen Dressurerfolge“.
Wenn ich mir die Bücher in meinem Regal anschaue, dann denke ich mir die Buchrücken, egal wie breit oder schmal sie sind, als Türen oder Tore, durch die hindurch man jederzeit all diese Welten aufs Neue betreten könnte. Zu vielen Buchrücken steigen sofort bestimmte Gefühle oder Bilder auf: cinemascope-große, oder melancholische, ein Bild von sprachlicher Zirkusakrobatik, der Geschmack von Graubrot, das immer mehr wird im Mund, oder der Geruch von feuchter Erde im Frühling. Die Abteilung Katja-Lange-Müller in meinem Regal ist nachgemessene elfeinhalb Zentimeter breit; ich habe wohl nicht alles. Aber mein sehr subjektives Gefühl, wenn ich mir diese Buchrücken anschaue, kann ich doch beschreiben: Es ist der Griff einer warmen Hand. Sie riecht ein bisschen nach Nikotin. Aber an dieser Hand lässt sich sicher gehen. Man wird nicht verraten und nicht für dumm verkauft, und wenn man sich ihr getrost überlässt, wird man lachen und gerührt sein, und regelmäßig erlebt man kleine Sensationen, als hätte man Kohlensäure in die Nase bekommen, Sie wissen schon, wie wenn man lachen muss, während man Weißweinschorle trinkt. Das passiert immer dann, wenn die Erzählerinnenhand kurz und begütigend zugedrückt und uns, den Leser, mit einer ihrer unwiderlegbaren Lebensregeln ausgestattet hat:

„Wer in einen Hundearsch verliebt ist, der hält eben den für den Mond“.

©Eva Menasse

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