Maxim Billers Roman »Biografie«: Balzac reloaded?

Der Schweizer Literaturkritiker Stefan Zweifel über Billers letztes Buch

Ich erinnere mich gut, wie ich nach 300 Seiten Lektüre von „Biografie“ ein Gespräch mit Maxim Biller in Zürich absagen wollte, weil ich die Kraftmeiereien seiner Figuren reflexartig auf den Autor zurückprojizierte. Mich nervte die „cool-uncoole“ Pose, und ich neigte wie viele Kritiker dazu, Anspielungen wie „der kamerageile Schriftsteller“ oder „du kleine, traurige, deutsche Woody-Allen-Kopie“ als eitle Selbstinszenierung Maxim Biller zuzuschreiben und mit seinen Kolumnen kurzzuschließen.

Doch aufgrund meiner Erfahrungen, was einem Kritiker blüht, wenn er wie Elke Heidenreich nichts oder nur 50 Seiten von Büchern wie Heideggers „Schwarzen Heften“ oder Christian Enzensbergers „Nicht Eins und Doch“ liest, setzte ich mich der Leseerfahrung aus. Bald erfasste mich Billers Lust an der Provokation, die man aus den Hasskolumnen kennt. Aus den Tempo-Jahren, deren Stil meine Jugend mit Sehnsucht geprägt hatte, da er für mich, im biederen Zürich sitzend, so unerreichbar war, worauf ich damals, aus narzisstischer Kränkung, immer mit kristallkalter Kritik reagierte, um meinen Abgott Woody Allen zu schützen, den Biller genauso demontierte wie den Sexappeal von Mickey Rourke, dem ich mich in masochistischer Selbstgeißelung des Zeitgeiststrebers hingab. Nun, im Rückblick, genoss ich diese Demontage meines damaligen Selbst. Und doch hatte ich mit dieser Lust am präpotenten Provo-Text den kühnen Wurf des Buches noch immer verkannt.

Balzac gegen Flaubert

Es gibt wenige Werke, bei denen man das Gefühl hat, der Protagonist sei nicht die Hauptfigur, sondern der Stil. Mit bösartiger Raffinesse lässt Biller einen Teil des Buches im „Café Balzac“ spielen, in das uns 2013 schon Tom Wolfe mit „Back to Blood“ lockte. Balzac gegen Flaubert.

Balzac: Der Autor, der immer weiß, wovon die gebogene Nase des geizigen Père Goriot oder die zusammengepressten Lippen der sadistisch lüsternen Helden zeugen, ob bei Tom Wolfe oder in „Fifty Shades of Grey“. Ein Autor, der auktorial die Geheimnisse seiner Figuren ausplappert. Das tut auch Biller. Sein Erzähler weiß, was in den Köpfen der anderen Figuren vorgeht, sogar bei Szenen, bei denen er nicht dabei war – Balzac reloaded?

Oder doch Flaubert? Alles, was tief ist, liebt laut Nietzsche die Oberfläche. Und in der Tiefe orientiert sich Biller an Flaubert, der in seinem Stilwillen für jedes Buch einen neuen Stil entwickelte, in „Madame Bovary“ weniger um die Geschichte der arztromanesken Landtante zu schildern, sondern „das Grau von Schimmelpilz“ zu erwecken. In der „Éducation sentimentale“ überlässt Flaubert dann die Figurenführung den Dingen und Möbeln in den Salons, die Figuren sind nur Faltenwürfe auf altem Brokat. Und zuletzt reproduzierte er die Enzyklopädie der Dummheit seiner Zeit in den Auftritten der zwei Biedermänner Bouvard und Pécuchet, die alle Denk- und Stilfiguren ihrer Epoche ad absurdum führen, der Flaubert „ein paar Kübel Kot über den Kopf kippen“ wollte.

Und genau diesen Kübel Scheiße warf auch Biller über uns aus. Dank seiner zwei Figuren, die wie Bouvard und Pécuchet, wie Don Quichotte und Sancho Pansa, die Moden ihrer Zeit an uns vorüberziehen lassen und sich in den Falten der Dries-van-Noten-Unterhosen verlieren; von fern an Clever & Smart erinnernd, die auf jeder Comicseite den Irrwitz ihrer Phantasien mit Explosionen an die Wand fahren wie Maxim Biller die Metaphern seiner hirnwütigen und sexsüchtigen Doppelgänger Noah und Soli.

Dabei entgleiten ihm nicht nur die einzelnen Sätze, sondern die entgleitenden Sätze zwingen ihn zu ganzen Szenen, die wiederum in Nebenstränge entgleiten, bis der Leser ahnt: Hier führt nicht der Autor seinen Stil, sondern der Autor beobachtet, wie er von seinem eigenen Stil an die Wand, an die Schall- und Lachmauer seiner Pointen gefahren wird. „Während ich, der alles wissende, nichts verstehende Solomon Karubiner, in Prag auf einem Balkon des Hotels U Dvou koček stand, auf dieses blasse frühkapitalistische Silvesterfeuerwerk über dem Hradschin guckte und überlegte, was der Unterschied zwischen Neoliberalismus und Kommunismus war – kommt darauf an, wer fragt –, rutschte Noah in Berlin fast aus bei dem Versuch, sich Gerry Harper zu nähern, in Brentwood und Umgebung wegen seiner sexuellen Möglichkeiten auch ,El Dick‘ genannt.“

Den Handlungsfäden, die dieser Satz gleich zu Beginn des Romans auslegt, hechelt der Autor nach und löscht sich aus, so wie sich seine Figuren in immer neuen Doppelungen und Überlagerungen auflösen. Ein Flickenteppich von Mustern, die späte Rache von Fiorucci.

Der Erzähler wird zum „wichsenden Heine“

Biller war immer schon ein Chamäleon des Stils. In Erzählungen aus „Land der Väter und Verräter“ klingt der Sound amerikanischer Autoren wie Saul Bellow, Philip Roth oder Joseph Heller nach, die er in „Der gebrauchte Jude“ feiert. Und in „Bernsteintage“ nimmt er sich ganz zurück: „Vor der Abreise nach Luzienbad sah David ein letztes Mal in seinen Rucksack.“ So beginnt eine Erzählung über einen Jungen, der in ein Sommerlager fährt und für seine Schwester eine kleine Erzählung in ein Heft aus seinem Rucksack schreiben sollte. In der Ferne vollzieht sich der Überfall der Russen auf Prag, die der kleine Junge eben nicht beschreibt. Ein Meisterstück der Auslassungen, die historische Leerstelle spiegelt sich in den Lücken der schlichten Sätze.

Ein Wendepunkt hin zum neuen Roman war sicher „Im Kopf von Bruno Schulz“. Da bohrt sich Biller tief in die phantasmagorisch-ungojsche Welt des verkannten Autors aus Polen, der 1938 einen verlorenen Brief an Thomas Mann schreibt, hoffend, der Nobelpreisträger werde seine Erzählung „Die Heimkehr“ in Deutschland einem Verleger empfehlen – völlig verkennend, dass sich Schulz’ Welt des sadomasochistischen Stilblütenzaubers so ziemlich am anderen Skala der Literatur ansiedelt als das Werk des großbürgerlichen Taschenspielers.

Thomas Mann ist auch im neuen Buch Gegner und Vorbild zugleich. So wie man Biller vorwarf, eine Sitcom geschrieben zu haben, könnte man Thomas Mann als Autor eines Sequels auf dem Zauberberg geißeln, weil er immer wieder die rothaarige, katzenäugige Chauchat auftreten lässt, die in jedem neuen Kapitel, in jeder neuen Folge sofort durch Adjektive identifiziert werden kann. Solche Adjektivreihen rasen auch durch Billers Buch. Doch es ist, wie man liest, ein „Thomas Mann auf LSD“.

Immer mehr Tabus müssen überschritten werden

Schon die ersten Sätze zeigen den Sog eines Tempo-Stils, der den Autor zum Puppenspieler der Effekte degradiert, die er aneinanderreiht und immer mehr aufgipfelt. Vom ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) über GSS (Getto-Spar-Syndrom) zum JSS (Jüdisches-Selbsthass-Syndrom). In der Sauna vor einem umwerfenden, deutschen Hintern an seinen „Dudek“ greifend, wird der Erzähler zum „wichsenden Heine“, und Roger Willemsen schlägt ihm für seine Erinnerungen einen Titel vor: „Es waren Saunas und keine Gaskammern“.

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u1_978-3-462-04898-8Auf der Flucht vor ihren kleinen Verbrechen und großen Lebenslügen landen der deutsch-jüdische Schriftsteller Soli Karubiner und sein bester Freund, der Millionärssohn Noah Forlani, in Buczacz – einem kleinen Ort in der Ukraine, aus dem ihre beiden Familien einst von den Nazis verjagt wurden. Bis sie dort ankommen, erleben sie das größte Abenteuer ihres Lebens, pikaresk, wild und komisch.

»Was für ein Buch! Ich bin voller Bewunderung für Maxim Billers Erzähltemperament. Das springt einen ja förmlich an. Ich gratuliere, ich kenne nichts Vergleichbares!« Elfriede Jelinek

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