Wir Alkoholiker: Günter Wallraff über »Nüchtern« von Benjamin von Stuckrad-Barre

Wir Alkoholiker

Günter Wallraff  über »Nüchtern am Weltnichtrauchertag« von Benjamin von Stuckrad‐Barre und das eigene Verlangen nach Rausch

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Ich habe dieses Büchlein, kaum größer als ein Notizbuch, sicher schon zwanzigmal in meinem Bekanntenkreis verschenkt. »Nüchtern« von Benjamin von Stuckrad-Barre. Ich schenke es all den Gelegenheits– und Gewohnheitstrinkern, all den sonst wie Süchtigen. Zu denen auch ich gehöre. Das Übliche halt: Beim Essen trinken, in Gesellschaft trinken, drei- bis sechsmal die Woche, jeweils mehrere Glas Wein trinken, auch mal eine ganze Flasche trinken.
Benjamin von Stuckrad‐Barre ist ein Suchtmensch. Über seine Abstürze hat er grausam ehrlich geschrieben, außer in »Nüchtern« auch in seinem neusten Werk »Panikherz«, es ist so etwas wie seine Autobiographie, die Story eines vielfach Abhängigen. Als er mit 17 mit dem Schreiben begann, hat er auch seine Suchtkarriere begonnen, um seinen »Helden« nachzueifern: den schreibenden Alkoholikern von Truman Capote über Charles Bukowski, F. Scott Fitzgerald, Alan Ginsberg bis Jörg Fauser. 

Auch ich bin ein Suchtmensch: Ich halte mich nicht am Wasserglas, sondern am Weinglas fest. Der Alkohol wird mir zum letzten Halt inmitten des süffig-­geschwätzigen Wirrwarrs, der um mich herum wabernden Rederei. Es könnte indes auch pure Angst sein: Ich bekam einmal, nach einem langen Flug mit zu wenig Schlaf und zu viel Alkohol heftigste Herzrythmusstörungen, nah einem Herzinfarkt. Spätestens seit dieser Schreckerfahrung gehöre ich zu den in »Panikherz« gescholtenen kleinbürgerlichen Mittelmaß­Trinkern, zu den Warmduschern unter den Alkoholikern.

Unter den Alkoholikern? Ja, schon. Ein befreundeter Psychologe und Suchtberater ließ daran keinen Zweifel, als ich ihm stolz davon berichtete, ich hätte gerade sechs Monate keinen Tropfen angerührt. Das empfände ich jetzt als sehr angenehm, jetzt könne ich wieder ganz anders genießen. Er mochte mein stolzes Bekenntnis nicht loben, er qualifizierte mein »Genießenwollen« nur sehr trocken als typischen Alkoholikercode.

Abstinenzler von der Wiege bis zur Bahre gibt es allenfalls im Promillebereich. Die meisten werden schon früh animiert. Nicht wenige werden abhängig. Ich habe zum Beispiel der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun, die in ihren jüngeren Jahren »Das kunstseidenen Mädchen« schrieb, einmal einen Gefallen getan. Sie lag in einer Pflegeanstalt, die streng antialkoholisch ausgerichtet war. Weil sie es mir so resolut abverlangte, habe ich ihr Hochprozentiges hineingeschmuggelt. Sie kam, mit seltenen Unterbrechungen, ihr Leben lang nicht vom Alkohol los. Egon Erwin Kisch schrieb, sie habe eigentlich ihren zeitweiligen Lebensgefährten Joseph Roth, von dessen Trunksucht heilen wollen. Der wollte den Spieß umdrehen. »Ich glaube, im großen und ganzen passen die beiden gut zueinander«, konstatierte Kisch, »auch in ihrer Lebensweise. Die Keun versucht, Roth den Alkohol abzugewöhnen, Roth, ihn ihr anzugewöhnen. Ich befürchte, Roth wird siegen.«

Es gibt viele Gründe für den Sieg des Riesen Alkohol. Wir sind meist keine Davids. Das ist der eine Grund. An einen anderen führt uns das reale Leben von Berthold Brecht heran. Der Dichter erweckte gern den Eindruck, er sei dem Alkohol mehr als zugetan, im Baal zum Beispiel ist das nachzulesen oder in Gedichten wie dem »Über den Schnapsgenuss«. In Wahrheit rührte Brecht nur selten einen Tropfen an. Aber in den Künstlerkreisen der Weimarer Republik galt der Alkoholgenuss bis hin zum Exzess als in. Was also tut Brecht? Er unterwirft sich – wenn schon nicht mitsaufend dann halt dichtend den Konventionen der Bohème.

Trockener Alkoholiker, der er nun seit über zehn Jahren ist, schiebt sich Stuckrad­‐Barre heute ernüchtert durch den Alkoholdunst jeder beliebigen Zusammenkunft, egal ob Party, Empfang oder Restaurant, ob unter Freunden, Berufskollegen, Gleichgesinnten, Feinden oder Gleichgültigen: Gesellschaftliche Events ohne Alkohol sind undenkbar.
Was da abgeht, fängt der Autor so ein: »Die Gläser klingen, die Korken knallen, der Abend nimmt Fahrt auf, nur nimmt er mich nicht mit. Ich bin der Missklang, der Geisterfahrer, das Funkloch. Mein nüchterner Kopf entzoomt das Gewühl, zieht das Bild in eine Totale. Ich höre jeden Versprecher und muss mir alles angucken, was im Schneideraum der Erinnerung bei den anderen später gnädig – zur Not brutal per Filmriss – rausgeschnitten wird.«

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Stuckrad-­Barre beschimpft in seinem Brevier keinesfalls die Säuferinnen und Säufer. Er gibt uns nicht den missionarischen Prediger wider die Versuchung. Er ist nur der Spielverderber der alkoholisierten Konventionen, die vorschreiben, man habe sich stets locker- und frohzutrinken.

Das Buch ist die ehrliche Selbsterkenntnis eines trockenen Alkoholikers, aus der auch die Trauer um den Rauschverlust herrührt. Ich nehme ihm deshalb umso mehr seine sonstigen Erkenntnisse ab. Besonders seine Dekonstruktion des romantisierenden Blicks auf diese Droge, das Schreiben betreffend. Schreiben unter Alkohol ist ganz und gar unmöglich, hat auch Stuckrad-­Barre im Laufe seiner schriftstellerischen Tätigkeit erfahren müssen.
Okay, nein, nicht unmöglich, es geschieht ja und geschah ihm auch. Aber es gibt wohl nur wenige Literaten, die ihr promillegetränktes Geschreibsel am nächsten Tag nicht verworfen haben. Wer das in alkoholangetriebenem Höhenflug Hingekritzelte in nüchternem Zustand doch noch zu retten versucht, es auswringt und die Essenz betrachtet, dem ergeht es nicht besser, er hat nur noch mehr Zeit verloren. Alle seine Reportagen und Bücher hat Stuckrad-­‐Barre nüchtern geschrieben. Wie die anderen Säufer auch, denen er nachgeeifert hat. Stuckrad-­Barre ist trocken, wie gesagt. Und raucht seitdem wie ein Schlot, davon handelt der zweite Text des neuen Buches. Nicht das Rauchen, sondern die Inkonsequenz, mit der er die eine, die überwundene Sucht anprangert und in die andere flüchtet; die typische Suchtverlagerung, wie er selbstkritisch bekennt. Der Mann ist Süchtiger geblieben; seine neue, weniger schmackhafte und noch weniger berauschende Droge hindert ihn aber immerhin nicht mehr am Schreiben, wie es der Alkohol und die diversen anderen Stoffe getan haben. Weil der Autor gnadenlos bekennender Nochraucher ist, setzt er sich mit ähnlichen Schicksalsgenossen auseinander, und wir kommen deshalb in den Genuss einer der stärksten Abrechnungen mit dem prominentesten Demonstrativraucher Deutschlands: Helmut Schmidt:

»Da kommt einem natürlich der große China-­ und Wasnichtalles­‐Experte Schmidt in den Sinn, der mit Blick auf China ja die Menschenrechte gern als etwas Relatives darstellte, als westlichen Modegag; für Helmut Schmidt war das Rauchen wahrscheinlich das einzige weltweit verbindliche Menschenrecht, und so lange die Chinesen so unbehelligt rauchen dürfen, sollte man es mit anderen Einschränkungen dort nicht so eng sehen. Helmut Schmidts Rauchen habe ich immer als sehr unangenehm empfunden, alles daran. Die Rücksichtslosigkeit, die ausgestellte Undiszipliniertheit, Kettenrauchen in einer Art, die wörtlich übersetzt nichts anderes bedeutete als: Ihr könnt mich alle mal. Er war ein Maskottchen des Regelbruchs, ein Schutzheiliger aller einfältigen Raucher. Wurde er einmal mehr in seiner Eigenschaft als rauchend raunender allwissender Kotzbrocken befragt und gefeiert, waren die Menschen stets sehr angetan, weil er so unhöflich war und die ganze Zeit nur auf seine Zigarette starrte, während er uns volllaberte.«

Etwas weniger Gängelung des Rauchers dürfte es nach Ansicht von Stuckrad-­Barre allerdings schon sein, solange zumindest er selber dieser Sucht anhängt. Er findet sich in den diversen rauchunfreien Zonen wieder, muss sich nach draußen vor die Kneipe in die Kälte begeben oder steht angeekelt vor den Flughafenkäfigen für die qualmenden Süchtigen, diese »Kabuffs des Grauens«, die die »Behaglichkeit eines Gefangenentransportes in einem Unrechtsstaat verströmen«. Die Feldzüge gegen das Rauchen, denen sich Stuckrad-­‐Barre ausgesetzt sieht, geißelt er mit dem Zorn des um seine „kontemplativen Momente“ betrogenen, des „gedemütigten“ Rauchers. Nüchterne Sprachgewalt, fürwahr. Im Alkoholrausch wären uns diese Zeilen nicht geschenkt worden. Wobei: Rausch muss sein. Aber wenn er Alkohol und sonstige Drogen nicht mehr anrühren kann – was bleibt dann noch? Das Laufen zum Beispiel. Ich weiß wovon ich rede. Ich laufe um mein Leben und für mein Leben gern. Das habe ich mit Stuckrad-‐Barre gemeinsam. Ab zwöften bis fünfzehnten Kilometer schüttet der Körper bei mir so viele Endorphine oder meintewegen auch Endocannabinoide aus, dass es mindestens vorübergehend zur Selbstvergessenheit und zu einem Glückszustand führt. Ich habe wöchentlich zu meinen besseren Zeiten 70 bis 80 Kilometer zurückgelegt. Und war partiell high. »Als Nichtraucher wäre ich vielleicht noch viel schneller«, schreibt Stuckrad-­Barre. »Und es haut einem garantiert noch ein paar mehr hausgemachte Glückshormone ins Gehirn. Ich liebe das.« Im Ernst: Auch Laufen kann zur Sucht werden. Aber Läufer leben länger und gesünder, das ist erwiesen. Länger als Raucher und regelmäßige Trinker auf jeden Fall. Aber ist langes Leben alles?
Der WDR galt einst als die dichteste Ansammlung von Anonymen Alkoholikern. (Die AA mit ihren rituellen Heilungsrunden sind übrigens ein wahrer Segen, hier widerspreche ich Stuckrad‐Barre. Ich weiß nämlich, dass sich dank dieses freien Zwangsverbandes einige mir liebe Freunde vor dem totalen Absturz haben retten können.)

Und dennoch: Der WDR war so etwas wie ein anonymes Blaukreuz, als diese Anstalt noch glänzte: durch rabiate Enthüllungen, durch kritische, den alten Zeitgeist aufschreckende Beiträge und durch profunde Recherchen zum laufenden politischen Schwachsinn des deutschen Landes.
Rückblickend frage ich mich, ob der Alkohol am Ende für gewisse Höhenflüge mitverantwortlich war. Taugt er vielleicht doch – oder auch? – als rebellische und widerständige Droge, die zu mehr Unerschrockenheit verhilft? Oder suche ich noch immer nach einer Rechtfertigung fürs Gelegenheits‐, Verlegenheits‐ und Gewohnheitstrinken?

Ich würde das gerne mit jemandem zu Ende diskutieren. Vielleicht bei einem spritzigen Prosecco?

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af_wallraff_guenterGünter Wallraff, Jahrgang 1942, lebt und arbeitet in Köln. Veröffentlichungen u.a.: Wir brauchen dich. Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben (1966; 1970 unter dem Titel Industriereportagen ), 13 unerwünschte Reportagen (1969), Ihr da oben, wir da unten (mit Bernd Engelmann), Unser Faschismus nebenan (1975), die Dokumentation einer in Athen durchgeführten Protestaktion Wallraffs gegen das griechische Obristenregime. Besonderes Aufsehen erregte Wallraff 1977 mit seinen verdeckten Recherchen innerhalb der Redaktion der Bild-Zeitung ( Der Aufmacher und weitere Bücher zum Thema). Mit über 5 Mio. Exemplaren der deutschsprachigen Ausgabe und 38 Übersetzungen war Ganz unten (1985), die Reportage über den menschenverachtenden Handel mit Leiharbeitern, das erfolgreichste Sachbuch der Nachkriegszeit. Große Medien- und Leserresonanz fanden die Reportagen in dem Band Aus der schönen neuen Welt (2009, 2012).

 

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