Meine Reise zu den Abschlüssen großer Reisen I

Von Olaf Petersenn

Die zweite Hälfte der letzten Woche wurde für mich zu einer »Sentimental Journey« der ganz besonderen Art. Am Mittwoch, den 30.11., machte ich mich auf den Weg nach Kiel, um die Verleihung der Ehrenprofessur an Feridun Zaimoglu mit diesem ausgezeichneten Autor gebührend zu feiern.

Es war gleichzeitig eine Rückkehr zu meinen eigenen Wurzeln, denn ich kam 1988 nach Kiel, um meinen Zivildienst zu leisten, und blieb bis 2001. Während meines Studiums an der Christian-Albrechts-Universität begegnete ich Feridun zum ersten Mal, es muss so um 1991 gewesen sein. In der Mensa II betrieb sein Kumpel Günter Senkel einen Büchertisch mit großer Auswahl und vielen neuwertigen Exemplaren. Einen großen Teil meiner Studienbibliothek erwarb ich dort, vor allem stw-Bände von Habermas, Rorty und Sennet, aber auch das Gesamtwerk Arthur Schnitzlers in Einzelbänden und vieles mehr.

An den meisten Tagen fand sich neben dem hünenhaften Händler auch eine zweite Figur ein, ein derwischartiger schmaler dunkler Typ mit schwarzen Haaren bis auf den Hintern – Feridun Zaimoglu, der als doppelter Studienabbrecher assistierte, große Mengen sogenannten Cafétenkaffees trank und eigentlich durchgängig rauchte, während man locker miteinander plauderte. Von diesem Stand aus begann dann wenige Jahre später sein kometenhafter Aufstieg als Kanaksprakler, er las in und um Kiel in jedem überdachten Raum, in den mehr als 50 Stühle passten, weitete seinen Aktionsradius bald bundesweit aus und ward in der Mensa II kaum mehr gesehen.

Zum Glück hatte ich da gerade mein Studium abgeschlossen, promovierte munter los und fand aber die Möglichkeit, im Nordkolleg Rendsburg Literaturveranstaltungen, Drehbuch- und Schreibwerkstätten sowie Tagungen und Autorenwochenenden zu veranstalten, viel spannender und lud auch Feridun dorthin ein. Noch bevor wir eine gemeinsame »Kanalrunde« machen konnten, war ich aber schon Lektor bei Kiepenheuer & Witsch geworden und konnte Feridun in den Verlag holen, wo er seither von „German Amok“ bis zu »Siebentürmeviertel« sieben Romane und zwei Erzählungsbände veröffentlicht hat.

Im Gegensatz zu mir ist er Kiel treu geblieben, wohnt immer noch in derselben Altbauwohnung am Südfriedhof, in der neben Büchern vor allem Gartenzwerge, Schreibmaschinen, Farben und Leinwände stehen, hängen, liegen. Und er ist umgeben von vielen vertrauten Menschen – aus dem Viertel, aus der Literatur-, Kunst- und Theaterszene, aber eben auch aus der Politik und Verwaltung -, die alle dabei waren, als der Ministerpräsident Thorsten Albig ihm die Ernennungsurkunde zum Professor überreichte und sich in seiner Rede als Kenner sowohl seines literarischen als auch des dramatischen Werks erwies und von einem Besuch in Feriduns Wohnung und dem dort stattgefundenen intensiven Gespräch schwärmte.

 

img_5714

 

Feridun dort zu erleben, wie er diese Urkunde für seine Verdienste um die deutsche Sprache entgegennahm und statt einer Dankesrede einen autobiographischen Text las, der von seiner mühevollen Aneignung dieser Sprache erzählte, ließ mir das Herz aufgehen. Denn hier kam eine ganz eigene Reise zu einem vorläufigen Schlusspunkt und fand gleichzeitig einen neuen Anfang. Denn meine mitgereiste Kollegin Susanne Beck, Veranstaltungsorganisatorin bei KiWi und Herrin über seinen Terminkalender, konnte bereits über 60 Veranstaltungstermine für das Jahr 2017 vorweisen, in dem mit »Evangelio« sein Lutherroman erscheint und Feridun erneut unermüdlich durch die Republik reisen, lesen und seine Zuhörer begeistern wird.

 

Olaf Petersenn ist seit 2001 Lektor für deutschsprachige Literatur im Verlag Kiepenheuer & Witsch, seit 2011 Lektoratsleiter für deutschsprachige Literatur.

3 Antworten auf “Meine Reise zu den Abschlüssen großer Reisen I”

  1. Frithjof Klepp am :

    Das ist eine sehr schöne, gute Geschichte. Fan von Zaimoglus Literatur seit Kanak Sprak, welches ich 1998 kurz vor meinem 4-wöchigen Kurs „Basiswissen Buchhandel“ in den Schulen des Börsenvereins in Ffm-Seckbach gelesen hatte und dem herausragenden Literatur-Dozenten Dörner empfahl, der mit uns Hesse zerriss und Handke schmähte. Bemerkenswert an welcher Stelle der Gesellschaft seine Literatur jetzt steht und wahrgenommen wird. Auch für mich eine kleine „Sentimental Journey“. Ich bin gespannt auf „Evangelio“!

    Antworten
  2. Ute B. Fröhlich am :

    Nur kurz an Herrn Petersenn: Ein Wort wie „hühnenhaft“ dürfte einem Lektor nicht unterlaufen! Hat mit Hühnern nichts zu tun.
    Mit Gruß
    Ute B. Fröhlich

    Antworten
    • kiwiredaktion am :

      Ach doch, das darf schon passieren, dafür gibt es ja Korrektoren. Und sogar die übersehen manchmal etwas, ist alles schon vorgekommen. Und dann kommen glücklicherweise Sie ins Spiel – die aufmerksame Leserin. Vielen Dank für den Hinweis!

      Antworten

Kommentar schreiben