Viva liebt dich oder Alte Schwärme revisited

                                                           Von Stefanie Jacobs

Es muss irgendwann 1993 oder 1994 gewesen sein, ich war zwölf oder dreizehn. Mein obligatorisches Nachmittagsprogramm nach der Schule lautete „Interaktiv“ auf Viva, wegen der Musikvideos, klar, aber vor allem wegen Nils. In den war ich damals nämlich verknallt, so verknallt, wie man es nur mit dreizehn sein kann, und in dem Alter drängt so was ja ziemlich stark nach außen. Also, bei mir jedenfalls.

Weil ich ihm unbedingt auch mal was schicken wollte, zerschnitt ich ein altes T-Shirt meiner Mutter, besorgte mir von einer Freundin einen Rest goldener (!) Häkelborte und aus dem Badezimmer einen ordentlichen Batzen Watte, und daraus nähte ich – was sonst? – ein dickes, rotes Herz. Mit Filzstift schrieb ich riesengroß Nils darauf, verzierte das Ganze sicherheitshalber noch mit ein paar Extraherzchen und schickte meine kissengewordenen Teenagergefühle an „Interaktiv“. Und siehe da, nach langem Warten wurde eines Nachmittags tatsächlich mein Herz in die Kamera gehalten!

            Und kurz darauf maulig wieder in den Karton geklatscht, und zwar … von Heike Makatsch. Sie wolle auch mal so was Schönes bekommen, nie schicke ihr jemand und mimimimimi. Gut gespielte Enttäuschung. Als wäre meine Enttäuschung darüber, dass es „nur“ Heike war, nicht schon groß genug gewesen, löschte ich kurz darauf auch noch versehentlich die Videokassette, auf der ich die Sendung mitgeschnitten hatte. Sehr, sehr bitter! Ende der Geschichte.

Dachte ich. Ein paar Monate später fiel ich fast vom Jugendzimmersofa, als ich die Bravo Girl aufschlug und mir daraus riesengroß mein Nils-Herz entgegenleuchtete. Viva hatte es für die Anzeigenkampagne „Viva liebt dich“ abfotografiert, und in den kommenden Wochen war es immer wieder in der einschlägigen Teeniepresse zu sehen. Ganzseitig. In Bravo, Bravo Girl und Popcorn. Das muss man mit dreizehn erst mal verdauen. Da im Viva-Videotext auf Seite 982 oder so wahrscheinlich stand, dass man mit dem Einsenden von egal was an „Interaktiv“ sämtliche Rechte daran abgibt und Viva damit alles machen darf, sogar eine Kissenschlacht oder eben Werbung, wurde ich natürlich weder gefragt noch irgendwie erwähnt. (Deshalb muss man mir diese Story auch einfach glauben! Beweise hab ich nämlich keine.) Ende der Geschichte.

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Dachte ich. Gut ein Jahr später dann die nächste Überraschung: Das rote Kissenherz prangte auf der nagelneuen Viva-liebt-Dich II Compilation. Der Nils-Schriftzug war zwar Photoshop zum Opfer gefallen, aber ansonsten war das eins zu eins mein wattegefülltes Wunderwerk, sogar auf der heraustrennbaren Postkarte im Booklet, die man seinem persönlichen Nils schicken konnte! Der bei mir inzwischen schon wieder anders hieß. Sorry, Nils, aber mit der Halbwertszeit von Teenagergefühlen, selbst kissengewordenen, ist das ja so eine Sache. Ende der Geschichte.

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Diesmal wirklich. Na ja, fast, zwanzig Jahre lang. Keine Ahnung, ob es mich noch wundert, dass ich heute, 2016, entdecke, dass das Leben uns beide bei KiWi angespült hat – Nils als Autor, mich als Übersetzerin. Nein, eigentlich wundert mich fast gar nichts mehr. Der wunderbaren Mona Lang ist es zu verdanken, dass Nils’ Reise an die Urlaubsorte seiner Kindheit ein Kiwi-Buch geworden ist,  Tristesse Rennesse. Und Mona ist heute auch meine Lektorin, worauf ich durchaus ein bisschen stolz bin. Und, hey, wenn ich Nils’ Buch heute so lese, finde ich, ich hab schon mit dreizehn ein Gespür für echt sympathische Menschen gehabt. Wäre damals bestimmt lustig gewesen, zusammen per Interrail die Bahnsitze vollzukrümeln …

 

img_3012Stefanie Jacobs wurde 1981 im Thüringischen Bad Salzungen geboren und studierte nach einer Ausbildung zur Bankkauffrau in Düsseldorf Literaturübersetzen für die Sprachen Englisch und Französisch. Sie ist seit 2005 freie Übersetzerin, u.a. von Miranda July und Nick Cave, und lebt heute mit ihrem Schatz und ihrem kleinen Sohn in Wuppertal.

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