Die Welt danach – Panama Papers und die Folgen. Eine Zwischenbilanz von Bastian Obermayer und Frederik Obermaier

U1_978-3-462-05002-8Der Abend des 3. April 2016, kurz nach 19:30 Uhr. Wir haben noch etwa eine halbe Stunde, bis um 20 Uhr die Panama Papers bekannt werden – dann nämlich werden unsere Rechercheergebnisse auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Tatsächlich sind die Webseiten mit unseren Texten jetzt schon „live“, also online, allerdings inoffiziell. Unsere Digital-Kollegen haben eine aufwendige Seite programmiert, die unter realen Bedingungen getestet werden muss. Das gefällt uns natürlich nicht sonderlich, aber unsere Einwände lösen die Kollegen routiniert auf: In der halben Stunde bis zur offiziellen Sperrzeit seien unsere Panama-Texte nicht zu finden. Man müsse schon wissen, dass wir an diesem Projekt arbeiten und die genaue Adresse der Webseite eingeben. Sprich, man müsse gezielt danach suchen.
Wir testen also dies und das, gehen noch einmal die englischen Übersetzungen durch, bereiten erste Tweets vor, damit wir um Punkt 20 Uhr loslegen können.
Unsere Geschichten für den ersten Tag stehen längst. Alle juristischen Prüfungen sind durch, alle Korrekturen, alle Grafiken. Die ersten Zeitungen sind gedruckt und in Lastwägen verfrachtet auf dem Weg zum Leser.
Alles ist bereit. Noch 15 Minuten.
Unnötig zu sagen, dass wir alle nervös sind. Wir haben mehr als ein Jahr an dieser Sache gearbeitet, und keiner weiß, was nun passieren wird. Wie werden andere Medien es aufnehmen? Was werden die Menschen da draußen sagen? Oder wird es durch das Aufmerksamkeitsraster fallen, wird man es als „nur noch ein Leak“ abtun?
Plötzlich ruft ein Kollege: „Edward Snowden hat uns gerade getwittert!“
Wir schauen uns verblüfft an. Es ist 19:48 Uhr. Edward Snowden?
Wir gehen auf Twitter, und tatsächlich hat Edward Snowden seinen fast zwei Millionen Followern diese Nachricht geschickt:
„Das größte Leak in der Geschichte des Datenjournalismus ging gerade live, und es geht um Korruption.“
Dazu verlinkt Snowden auf die Homepage der Süddeutschen Zeitung, auf unseren englischen Text über Island und die Briefkastenfirmen von Premierminister Sigmundur Gunnlaugsson und zwei weiteren Kabinettsmitgliedern.
Wenn Snowden unsere Recherche verbreitet, ist das ein gutes Zeichen. Wenig später werden wir auch von Wikileaks retweetet. Und dann ist es 20 Uhr.
Der Wahnsinn bricht los.
Wenig später ist #panamapapers mit Hunderttausenden Tweets das Thema Nummer Eins bei Twitter. Weltweit. Am nächsten Tag werden die Panama Papers auf allen Kontinenten bekannt sein. In Thailand und Südkorea sind sie ebenso auf den Titelseiten wie in Kanada, Südamerika, Afrika und Australien, in Europa sowieso. In den USA beherrscht die Geschichte tagelang die Titelseiten von Washington Post, Wall Street Journal, Financial Times und New York Times – obwohl all diese Medien nicht teil der Kooperation waren. Alle großen Nachrichtensender berichten, überall sind die Panama Papers das große Thema dieser Tage.
Bob Woodward, der Enthüller des Watergate-Skandals – der Mann, der US-Präsident Richard Nixon gestürzt hat –, einer der wichtigsten Investigativjournalisten der Welt, nennt unser Projekt „einen Triumph für den Journalismus“. Die New York Times schreibt, es habe vielleicht den Journalismus an sich verändert.

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Bereits wenige Wochen nach der Enthüllung lässt sich festhalten: Nicht nur die Wahrnehmung ist um ein Vielfaches größer, als wir es erwartet haben. Auch die politischen Reaktionen.
Barack Obama nimmt zu den Panama Papers Stellung und erklärt die Steuervermeidung zu einem drängenden Problem, die G20-Länder reagieren mit einem neuen Maßnahmenkatalog, das EU-Parlament setzt sogar einen eigenen Untersuchungsausschuss ein.
Aber es gibt auch eine lange Reihe konkreter sofortiger Maßnahmen. In etlichen Ländern finden Razzien und Durchsuchungen statt, in der Schweiz etwa werden Räumlichkeiten der UEFA und ihrer Marketingagentur durchsucht, im Genfer Freihafen wird der „Homme assis (appuyé sur une canne)“ von Amedeo Modigliani beschlagnahmt. In El Salvador wird die Mossack-Fonseca-Niederlassung durchsucht, ebenso in Peru.
Und schließlich wird die Mossack-Fonseca-Zentrale in Panama Ziel einer Razzia. Dort bleiben die Ermittler sogar über Nacht. Ganze 27 Stunden gehen sie Stockwerk für Stockwerk durch und nehmen offenbar große Mengen an Daten mit. In einem anderen Mossfon-Gebäude in Panama-City finden die Ermittler später Unmengen geschredderter Dokumente.
In etlichen Ländern wird aufgrund der Panama Papers gegen Hunderte Personen ermittelt, gegen Betrüger, Drogenbosse und Privatleute, aber auch gegen die Mossfon-Eigentümer Jürgen Mossack und Ramón Fonseca. Die New Yorker Bankenaufsicht weist 13 Banken an – darunter die Deutsche Bank, ABN Amro und Société Générale –, sämtliche Informationen zu Geschäftsbeziehungen mit Mossack Fonseca herauszugeben. Gleichzeitig geraten etliche amtierende Regierungschefs unter Druck. In Island, Großbritannien, Argentinien, Malta und Pakistan.
Aber der Reihe nach.

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In Island war die Verwicklung des Premierministers Sigmundur Gunnlaugsson schon drei Wochen vor der Veröffentlichung der Panama Papers bekannt geworden. Vorausgegangen war ein denkwürdiges Interview, das schwedische Kollegen gemeinsam mit unserem isländischen Kollegen Jóhannes Kristjánsson mit Gunnlaugsson geführt hatten. Nach einigen unverfänglichen Fragen – über seine Meinung zu Briefkastenfirmen, der isländischen Bankenkrise, Moral und Ethik in der Offshore-Welt – kam die Überraschung für den Premier:
„Wie sieht es mit Ihnen aus, Herr Premierminister, haben oder hatten Sie selbst irgendeine Verbindungen zu einer Offshore-Firma?“
„Ich? Nein …“
Gunnlaugsson weiß offensichtlich nicht weiter, er gerät ins Stocken, stammelt.
Ja, er habe mit Firmen zusammengearbeitet, die wiederum Verbindungen zu Offshore-Firmen hätten. Aber er habe immer alles steuerlich geltend gemacht. Was sei das überhaupt für eine ungewöhnliche Frage?
„Ich kann versichern, dass ich niemals Teile meines Vermögens versteckt habe.“
Nachfrage: „Sie selbst haben also nie eine Verbindung zu einer Offshore-Firma gehabt?“
„Wie ich schon sagte: Mein Vermögen lag immer offen.“
Dann die entscheidende Frage: „Was können Sie mir über die Firma Wintris sagen?“
Stille. Premier Gunnlaugsson schluckt.
„Nun, das ist, wenn ich mich richtig erinnere, eine Firma, die mit einer Firma verbunden ist, in deren Aufsichtsrat ich war.“
Stille.
„Und da gab es ein Konto, das, wie ich schon sagte, steuerlich geltend gemacht wurde. Seit der Gründung.“
Jetzt wird Gunnlaugsson allmählich stutzig. In diesem Moment tritt unserer isländischer Kollege Jóhannes, der sich bislang im Hintergrund gehalten hat, nach vorne.
„Warum haben Sie Ihre Verbindungen zu Wintris nie offengelegt?“
Allmählich verliert Gunnlaugsson die Beherrschung.
„Wie ich schon sagte: Das steht in meiner Steuererklärung und zwar von Anfang an.“
Warum er die Firma dann nicht gegenüber dem Parlament offengelegt habe?
Weil es da um „besondere Angelegenheiten“ gehe.
„Gehört diese Firma Ihnen?“
„Meine Frau hat einen Teil der Firma ihrer Familie verkauft. Das wurde dann in die Obhut einer Bank gegeben, die damit einige Vereinbarungen getroffen hat, und das Ergebnis war diese Firma.“
„Welche Anteile hat die Firma?“
Jetzt steht Gunnlauggson auf. Er bricht das Interview ab und geht.
Noch bevor das Interview öffentlich wird, schreibt die Frau des Regierungschefs auf Facebook, die Firma Wintris habe einzig und allein ihr gehört, ihr Mann gibt derweil einer Zeitung und einem Radiosender Interviews. Es hilft ihm nichts.
Am 3. April strahlt unser Kollege Jóhannes Kristjánsson das Interview im Fernsehen aus, die Sendung hat einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent und wird innerhalb weniger Stunden tausendfach im Internet angeklickt. Ein Kommentator spricht vom „größten Vertrauensbruch in der Geschichte des isländischen Parlaments“. Noch am Abend der Ausstrahlung heißt es gerüchteweise, Gunnlaugsson werde zurücktreten, am nächsten Tag gibt es in Island Massendemonstrationen, Tausende Menschen füllen den Platz vor dem Althing, Islands Parlament. Sie drücken gegen die Absperrgitter, schlagen mit Fahrradhelmen und Topfdeckeln dagegen. Auf die Fassade des Parlaments fliegen Bananen, Dosen und Klopapierrollen.
Es waren wohl mehr als 20.000 Menschen auf den Straßen, um den Rücktritt des Premiers zu fordern. Für Island und seine 330.000 Einwohner eine ungeheure Zahl. Man stelle sich vor, sieben Millionen Deutsche würden gegen Angela Merkel demonstrieren.
Dann begann ein unwürdiges Schauspiel. Gunnlaugsson erklärte, er werde nicht zurücktreten, einen Tag darauf sagte er, er werde zurücktreten – nur um wenig später diesen Rücktritt zu widerrufen. Am Ende erklärte er, sein Amt auf Zeit abzugeben.
Damit war Sigmundur Gunnlaugsson der erste Regierungschef, der wegen der Daten, die unsere Quelle – inzwischen weltweit als „John Doe“ bekannt– vor über einem Jahr an uns weitergeleitet hatte, sein Amt aufgeben musste.

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Schon früh waren die britischen Kollegen bei ihren Recherchen auf die Blairmore Holdings gestoßen: einen Investmentfonds, den Ian Cameron, der Vater des amtierenden britischen Premiers, 1982 in Panama gegründet hatte. Für uns war es ein Fall von vielen. Natürlich war es pikant, dass ausgerechnet der Vater jenes Mannes, der sich gerne als Vorreiter im Kampf gegen Steueroasen geriert, undurchsichtige Firmenkonstrukte in ebensolchen Ländern gegründet hatte. Aber kann man einem Sohn die Taten seines Vaters vorwerfen? Wir fanden: eher nicht.
Womit wir allerdings nicht gerechnet haben, war, dass David Cameron von genau diesem Fonds profitiert haben könnte – und dass er sich obendrein für eine sehr unglückliche Kommunikationsstrategie entschied. Er ließ eine Sprecherin an Tag Eins der weltweiten Panama-Papers-Enthüllungen knapp erklären: „Das ist eine private Angelegenheit.“
An Tag Zwei äußerte er sich selbst – und zwar mit einem Satz, der an Eindeutigkeit scheinbar nicht zu überbieten war: „Ich habe keine Anteile, keine Briefkasten-Firmen, keine Offshore-Stiftungen, keine Offshore-Geldanlagen, nichts dergleichen. Und das ist, glaube ich, eine sehr klare Beschreibung.“ Am selben Tag veröffentlichte das Premierministeramt eine schriftliche Stellungnahme: „Um eindeutig zu sein: Weder der Premierminister noch seine Frau und ihre Kinder profitieren von irgendwelchen Offshore-Anlagen. Der Premierminister besitzt keine Aktien.“
An Tag Drei schließlich legten Camerons Pressespezialisten nach: „Es gibt keine Offshore-Anlagen/-Stiftungen, von denen der Premierminister, Frau Cameron oder ihre Kinder in der Zukunft profitieren werden.“
Der Premier hatte also zurückgewiesen, derzeit und zukünftig einen persönlichen Vorteil aus Offshore-Geschäften zu ziehen. Aber was war in der Vergangenheit?
Darauf lieferte Cameron erst im Fernsehinterview mit dem Privatsender ITV News die Antwort: „Wir haben 5000 Anteile am Blairmore Investment Trust gehalten, die wir im Januar 2010 verkauft haben.“ Der Premier räumte ein, vom Offshore-Fonds seines Vaters profitiert zu haben. Bei mehreren Demonstrationen forderten seither Tausende in London seinen Rücktritt.

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Fast zeitgleich demonstrierten in Malta mehrere Tausend Menschen vor dem Sitz des Regierungschefs und forderten den Rücktritt des sozialdemokratischen Premiers Joseph Muscat. „Barra!“, stand auf den Transparenten, Maltesisch für „raus“, „weg“. Schnell war die Rede von einem „zweiten Island“ – einem zweiten Inselstaat, dessen Regierung die Panama Papers in die Krise stürzen.
Zwei Vertraute von Premier Muscat – Energie- und Gesundheitsminister Konrad Mizzi und Stabschef Keith Schembri – hatten offenbar über ein Geflecht von Firmen in Panama und Trusts in Neuseeland Geld vor dem maltesischen Finanzamt versteckt. Beide bestätigten, dass sie die Firmen und Stiftungen besitzen. Sie beteuerten aber gleichzeitig, nicht gewusst zu haben, dass sie dies in Malta den Behörden hätten melden müssen.

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In Argentinien haben die Panama Papers den im November 2015 neu gewählten Präsidenten Mauricio Macri in die Bredouille gebracht. Er war unseren Dokumenten zufolge zeitweise Direktor der Briefkastenfirma Fleg Trading Ltd. Zudem wurde bekannt, dass er erst vor wenigen Wochen seinen Aktienanteil eines Wasserkraft-Unternehmens einer Offshore-Firma seines Vaters überschrieben hatte. Drei Monate nach seinem Amtsantritt.
Und damit nicht genug: Auch viele Macri-Vertraute tauchten in den Panama Papers auf. Da wäre etwa Néstor Grindetti, vormals Macris städtischer Finanzminister; die beiden reisten 2013 gemeinsam nach Panama, offiziell wegen eines Städtebaukredits. Außerdem: Daniel Angelici, der es mit Macris Beistand an die Spitze des Fußballvereins Boca Juniors geschafft hatte. Macris Menschenrechtsbeauftragter Claudio Avruj und sein Geheimdienstmann Gustavo Arribas. Mehrere Brüder Macris und sein Cousin Jorge, Bürgermeister der Gemeinde Vicente López am Rande der Hauptstadt Buenos Aires. Ihnen allen können Übersee-Firmen zugeordnet werden.
Die linksgerichtete Tageszeitung Pagina/12 druckte dazu auf der Titelseite ein Bild von Macri mit gesenktem Haupt – und die Überschrift: „Panamacri“. Mittlerweile ermittelt Argentiniens Staatsanwaltschaft, ein Oppositioneller hat Macri angezeigt. Auch die nationale Antikorruptionsbehörde will sich der Angelegenheit annehmen.

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In Pakistan geriet derweil der amtierende Premierminister Nawaz Sharif stark unter Beschuss, als die Briefkastenfirmen seiner Kinder öffentlich wurden – und dass sie Londoner Immobilien im Millionenwert hielten. Als Sharif Mitte April Pakistan verließ, um sich – das ist die offizielle Begründung – in London einer medizinischen Behandlung zu unterziehen, kamen sofort Gerüchte auf, er werde nicht zurückkehren, bis die Untersuchung der Angelegenheit beendet sei. Die Opposition hat zu Massendemonstrationen aufgerufen.

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In Spanien trat Industrieminister José Manuel Soria zurück, nachdem er tagelang versucht hatte, sich aus seiner Verstrickung in Offshore-Geschäfte herauszureden. Einer seiner Ausflüchte war tatsächlich, die in den Panama Papers genannte Person sei ein Namensvetter gewesen.
In Dänemark wurden die Verantwortlichen der drei größten Banken – Nordea, Danske Bank und Jyske Bank – im Parlament einer Befragung unterzogen; in Finnland lösten Parteien und die mächtigste Gewerkschaft ihre Konten bei Nordea auf; in Österreich und in Holland mussten ranghohe Banker zurücktreten; in Chile der Chef der nationalen Niederlassung von Transparency International. Er tauchte in den Panama Papers in Verbindung mit mindestens fünf Briefkastenfirmen auf.
Bei der FIFA reichte Juan Pedro Damiani, Gründungsmitglied der Ethik-Kommission, seinen Rücktritt ein, nachdem in den Panama Papers enthüllt worden war, dass er mit drei angeklagten FIFA-Funktionären Geschäfte gemacht hatte.

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Die Panama Papers hatten aber auch bedrückende Folgen.
In China wurde der Begriff „Panama Papers“ bereits wenige Stunden nach den ersten Veröffentlichungen zensiert. Ein Anwalt wurde festgenommen, weil er eine Karikatur verbreitet hatte. Die Fotomontage zeigte zwei ehemalige und den aktuellen Führer der Kommunistischen Partei Deng Xiaoping, Jiang Zemin und Xi Jinping beim Durchwaten des Panamakanals.
In Hongkong wurde Keung Kwok-yuen, der Vize-Chefredakteur der Zeitung Ming Pao nur wenige Stunden nach den Panama-Papers-Enthüllungen entlassen. Der offizielle Grund: Die Zeitung müsse sparen.
Unsere Zeitungskollegen in Panama mussten die ersten Ausgaben zu den Panama Papers an einem geheimen Ort produzieren. Zu groß war die Angst, dass sie jemand mit Gewalt an ihrer Arbeit hindern würde.
In Venezuela wurde eine unserer Kolleginnen von ihrer Zeitung, der regimefreundlichen Últimas Noticias, entlassen. Sie hatte ihrem Arbeitgeber verschwiegen, dass sie an dem Panama-Papers-Projekt mitarbeitet – aus Angst, die Zeitung könnte Betroffene vorwarnen.
Die Homepage unserer tunesischen Partner – das Webmagazin Inkyfada – wurde Ziel eines Hackerangriffs, nachdem es über die Offshore-Verbindungen eines früheren Präsidentenberaters berichtet hatte.
Und in Ecuador twitterte Präsident Rafael Correa die Namen der Journalisten, die an der Panama-Papers-Recherche beteiligt waren. Die Botschaft war klar: Er wollte sie unter Druck setzen. Wenige Tage später wurde bekannt, dass auch Correa in den Panama Papers auftauchte, in Zusammenhang mit einer Firma, deren Aktivitäten bis jetzt noch nicht final geklärt sind.

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Die Geschichte, vor deren Folgen wir wohl am meisten Sorgen hatten, waren die Enthüllungen über Putins besten Freund Sergej Roldugin. Aus Sicherheitsgründen haben wir hier am längsten damit gewartet, die Betroffenen zu konfrontieren. Denn einer von ihnen war in diesem Fall schließlich: Wladimir Putin. Und dessen Reaktion war nicht vorhersehbar. Unsere russischen Kollegen fürchteten um ihr Leben.
Es war tatsächlich ein seltsames Gefühl, als wir wenige Tage vor der Veröffentlichung Dutzende Fragen an Putins persönlichen Sprecher Dmitrij Peskow schickten – jenen Peskow übrigens, dessen Frau wir in den Daten selbst als zeitweilige Eigentümerin einer Briefkastenfirma gefunden hatten. Wir rechneten nicht mit einer Antwort.
Am Ostermontag trat Peskow vor die russische Presse. Er habe, so erzählte er, „in einer Verhörmanier verfasste Anfragen“ bekommen. Diese seien Teil einer „Informationsattacke“. Es werde versucht, die Familie des Präsidenten „informationsseitig zu treffen“. Von einer Menge Offshore-Firmen sei darin die Rede, von Unternehmern, die Putin nie persönlich gesehen habe. Peskow vermutete, nicht nur Journalisten würden hinter der „Attacke“ stecken, sondern auch „Vertreter von Spezialdiensten und anderen Organisationen“.
Dass der Sprecher von Russlands Präsidenten auf eine Anfrage von Journalisten öffentlich mit einem derartigen Wutanfall reagiert, kommt nicht alle Tage vor. Besser gesagt: Es war bis dahin noch nie vorgekommen.
Für zwei unserer russischen Kollegen waren die Folgen massiv: Ihre Fotos wurden im russischen Fernsehen gezeigt, die beiden als Agenten beschimpft, die Propaganda für Amerika machen würden. Der Chefredakteur von Nowaja Gaseta wurde gar erpresst, damit er die Geschichten nicht veröffentlicht. Er veröffentlichte trotzdem, nun droht ihm eine Steuerprüfung – eine typische Repressalie in Russland. Unser russischer Kollege Roman Anin schrieb uns ein paar Tage später: „Wir bereuen nichts und sind bereit, die Konsequenzen zu tragen.“
Knapp zwei Wochen nach den Enthüllungen war Putin zu Gast bei „Der heiße Draht“. Einmal im Jahr beantwortet der russische Präsident Wladimir Putin in der Fernsehsendung Fragen der Bevölkerung.
Er nutzte den Auftritt zum Angriff auf uns: „Von wem kommen diese Provokationen? Wir wissen, dass es dort Mitarbeiter offizieller amerikanischer Einrichtungen gibt. Wo ist der Artikel zuerst erschienen? Ich habe gestern Peskow gefragt, meinen Pressesekretär: in der Süddeutschen Zeitung. Die Süddeutsche Zeitung gehört zu einer Mediaholding, und diese Mediaholding gehört einer amerikanischen Finanzgruppe: Goldman Sachs.“
Doch diese Behauptung ist falsch. Die Süddeutsche Zeitung gehört weder direkt noch indirekt zu Goldman Sachs. Sie ist vielmehr eine 100-prozentige Tochtergesellschaft des Süddeutschen Verlags. Und der wiederum gehört zu 18,75 Prozent einer Münchner Verlegerfamilie, zu 81,25 Prozent der Südwestdeutschen Medienholding – auch diese gehört nicht zu der amerikanischen Investmentbank. Später entschuldigte sich der Kreml für die Falschdarstellung.
Eine wichtige Aussage ging in diesem Trubel fast unter: Nämlich dass Putin in der Sendung eingeräumt hatte, dass die Informationen in den Panama Papers der Wahrheit entsprechen. „Die Information ist wahrheitsgetreu“, sagte er. Eine Interviewanfrage der Süddeutschen Zeitung lehnte er wenige Tage später ab.

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Ganz offen gesagt haben wir uns von unseren Veröffentlichungen nicht sonderlich viel erwartet: Auf das Interesse unserer Leser haben wir gehofft, auf wohlfeile Forderungen von Politikern weltweit spekuliert. Aber echte Veränderungen, echte Fortschritte im Kampf gegen die Offshore-Welt? Das nicht.
„Panama ist der letzte große Verweigerer, der es weiterhin erlaubt, dass Offshore-Fonds vor Steuer- und Strafverfolgungsbehörden versteckt werden“, sagte der Chef der Industrieländerorganisation OECD, Angel Gurría, wenige Stunden nach dem Beginn unserer Veröffentlichungen.
Wenige Tage darauf verkündete Panamas Präsident Juan Carlos Varela, Bearer-Shares, Inhaberaktien, abzuschaffen. Außerdem werde sich Panama am weltweiten Austausch von Steuer- und Finanzdaten beteiligen. 97 Länder haben sich darauf bislang eingelassen, darunter die Britischen Jungferninseln, Luxemburg, die Schweiz und die Kanalinseln. Panama ist Land Nummer 98.
Der wirksamste Schritt im Kampf gegen Steueroasen wäre in unseren Augen jedoch ein weltweites Register, das die wahren Eigentümer von Briefkastenfirmen offenlegt. Das wäre, wie es der britische Schatzkanzler George Osborne ausdrückte: „ein Schlag mit dem Hammer gegen alle, die ihre Steuern in dunklen Ecken verstecken.“ Statt eines Hammers haben wir im Kampf gegen Steueroasen bislang jedoch nur Samthandschuhe im Einsatz gesehen.
Die Debatte, die die Panama Papers losgetreten haben – und die noch lange nicht zu Ende ist –, zeigt: Eine andere Welt ist möglich.
Man muss nur wollen.

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