Vorabdruck: Maxim Billers Roman »Biografie«

Die Braut, ihr Vater und Rabbi Balaban

Als Wowa und Balaban aus dem Riegerpark zurückkamen, sahen sie wie zwei Männer aus, die sich geprügelt hatten, obwohl beide keine Schrammen, keine blutunterlaufenen Augen oder angerissenen Hemdkragen hatten. Sie hatten noch in der Blanická angefangen zu streiten, dort, wo es an der Südseite das Parks so steil hinaufgeht, dass Balaban kurz Wowa am Ellbogen stützen musste, um ihn sofort wieder mit angeekeltem Gesicht loszulassen, und sie hörten erst auf, als sie eine Stunde später im ewig dunklen Vierzigerjahre-Hausflur in der Italská auf den Fahrstuhl warteten.

Der Spaziergang war Wowas Idee gewesen. Der alte Fuchs wartete seit Wochen auf den richtigen Moment, um mit Serafinas abscheulichem Lover abzurechnen. Dann hatte er vor zwei Tagen Balaban dabei beobachtet, wie er sich im matten Schimmer seines aufgeklappten Laptops einen runterholte, während Serafina gerade bei ihrer Therapie war. Auf dem Bildschirm sah Wowa eine thailändische oder japanische Lolita, halb nackt, mit zwei dicken Kleinmädchenzöpfen, die mit einem Teddybären spielte, und er selbst bekam davon ebenfalls einen relativ anständigen Steifen.

»Wenn der Rabbi kein Rabbi ist, sollte er auch sonst vorsichtig sein«, sagte Wowa, während sie die Polská überquerten und auf den noch steileren Parkweg kamen. Er stützte sich an einem Container mit Bauschutt, alten, schäbigen, zerbrochenen Möbeln, zerrissenen Zeitschriften und gewellten Büchern ab. Zwei Bücher stammten von ihm – Die Kinder der Arbeiter und Die Zukunft der Arbeiter, erschienen 1959 und 1962 –, aber der große Verdränger tat so, als hätte er nichts gesehen, und humpelte schnell weiter. Balaban hetzte hinterher, und die Schöße seines neuen Christian-Dior-Kaftans wehten im lauen Frühlingswind. »Wie meinen Sie das, Papa?«, rief er.

»Sag nicht Papa zu mir«, sagte Wowa. Er drehte sich um und versuchte, mit seinem Stock die Beine des Rabbis zu erwischen. »Ich werde nie dein Schwiegervater sein. Ich hab was gegen dich.«
»Keinen Menschen interessiert, ob ein Rabbinerschein echt ist oder nicht, Papa«, sagte Balaban und wich Wowas Schlag aus. »Darum ging es auch nicht vor dreißig Jahren, als Sie mich beim Hamburger Abendblatt verpfiffen haben. Jede Gemeinde will ihren Rebbe loswerden. Immer, sofort. So sind die Juden, das ist ihre widerspenstige Natur. Von wem wussten Sie das damals überhaupt?«
»Von deiner Frau, Balabantschik. Sie war auch so freundlich, mir die Briefe zu geben, in denen du den Gartensteins versprochen hast, dass du nie wieder mit deiner Wünschelrute in die Nähe ihrer beiden Töchter kommen wirst. Weißt du, was ich dort noch gelesen habe? Dass du der ganzen Mischpoche G. die Reise nach Amsterdam bezahlt hast – eine Woche Hilton an der Apollolaan, Doppelabtreibung in der Oosterparkkliniek und beliebig viele Stadtrundfahrten. Brief Nummer drei, 15. Dezember 1972. Schuld gehabt, Schuld zugegeben. Bedank dich bei deiner Exfrau für den Großen Hamburger Sexskandal.«
»Bitch.«
»Das war Englisch, oder?«, sagte Wowa. »Und du meintest hoffentlich nicht mich. Aber ich wollte über was anderes mit dir reden. Also, hör zu …« Und dann erzählte Wowa dem Rabbi, wie er ihn neulich beim Geheimwichsen beobachtet hatte. Dass er beweisen konnte, dass Balaban seit Jahren die Gemeinde um die Hälfte der Einkünfte betrog, die er mit dem telefonischen Seelsorgedienst »Hamburger Judenhilfe« machte, sagte er ihm auch. »Zeit, abzureisen, Schwiegersohn. Komm, da oben ist eine Bank frei. Der beste Hradschinblick von ganz Prag. Den will ich dir vorher noch zeigen.«
»Können Sie immer nur erpressen und drohen und schlagen, Papa? Wo haben Sie das bloß gelernt?«
»Nicht in einer Jeschiwa, mein lieber Maltschik, und auch nicht im wissenschaftlichen Kommunismus.«

Vom Hügel des Riegerparks sah die Burg immer lila aus, egal welches Licht vom Prager Himmel gerade herunterkam. Sie wirkte klein, kantig, ernst, sie schien weit weg zu sein und war doch so gut sichtbar, als betrachte man sie durch ein umgedrehtes Fernrohr, und jeder, der bei ihrem Anblick an Kafkas Schloss dachte, hatte recht und musste trotzdem zehn Kronen in die Kasse des Vereins wider den Missbrauch des Wortes ›kafkaesk‹ einzahlen. Zwischen hier und dort lag halb Prag – die staubigen, terrassenartig abfallenden Wiesen des Riegerparks, auf denen verwöhnte Prager Hunde herumrannten, der rote Klinkerbau des in den 70er Jahren umgebauten Haupt-bahnhofs, die Gleise nach Norden und Süden, die Stadtautobahn, die seit den Jahren der Normalisierung die Stadt zerschnitt, das Sparta-Stadion, das riesige, leere Letná-Feld davor.

Die beiden Männer saßen stumm nebeneinander, atmeten staunend den Duft von blühenden Kirschbäumen, Flieder und Linden ein und dachten nach.
Wowa kannte das alles, was sie von hier oben sahen, seit einem halben Jahrhundert, und er bekam einen Mein-Leben-in-60-Sekunden-Flash, wie ihn Sterbende angeblich haben. Aber er starb nicht. Als das Filmchen zu Ende war, dachte er, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, und er fragte sich, wer zuerst gehen sollte, er oder Mamascha, und er entschied sich schweren Herzens für sie. Aber wer würde sich danach um ihn kümmern? Ich war auf der Flucht und ohnehin ziemlich unsympathisch. Ich wollte nicht einmal wegen des großen NDR-Features über die schreibenden Karubiners wenigstens für ein paar Tage nach Prag kommen – also blieb nur Serafina. Allein da-rum durfte sie nicht mit dem falschen Rabbi durchbrennen, sein Plan musste funktionieren.
Balaban hatte an diesem Morgen auch einen Plan. Den ersten Teil hatte er schon letzte Woche erledigt, in der Pařížská, bei Cartier, die Sache hatte ihn fast 1000 Euro gekostet. Ist gewej’n gur nischt! Der Trinity-Ring für Serafina (Gold, Weißgold, Rotgold) und ihren süßen, fetten Finger musste nun mal in Extragröße in Paris gemacht werden, dafür war die Gravur – »Ich schlag dich, bevor du mich schlägst, Bubale« – inklusive.

Nachdem er den Ring abgeholt und zum Spaß selbst übergestreift hatte, hatte er sich in die Spanische Synagoge gesetzt, um im Kopf Notizen für die Fortsetzung seines Weltbestsellers zu machen, der Geld ist NICHT alles heißen sollte. Woher, dachte er, während er mit unermüdlichem Testosteronblick die halb leere Frauengalerie absuchte, wusste er eigentlich so viel über Männer und – vor allem – Frauen? Das fragte er sich ja schon seit Liechtenstein, seit er die ersten Seiten des Ratgebers, den es inzwischen in 38 Sprachen gab, aufs dünne Briefpapier der Klinik zu kritzeln begann, weil der Oberarzt zu ihm gemeint hatte: »Versuchen Sie es mit einem längeren Brief an Gott, Rabbi, geschriebene Worte finden immer ganz von selbst den Weg zum Schuldigen. Und schreiben Sie sicherheitshalber ›Mit ergebenem Gruß‹ darunter. Danach werden Sie nie mehr auf kleine Mädchen stehen – zumindest nicht, solange sie klein sind.«

Weil Balaban schon immer ein großer Unterhaltungskünstler mit Hang zu Empathie und dem Wahnsinn anderer war, ging ihm das Schreiben wie nichts von der Hand. Aber da war noch etwas anderes, das ihn inspiriert hatte. Es waren die vier Schwestern, mit denen er aufgewachsen war, im einzigen ultraorthodoxen Haushalt von Othmarschen, in den 50er und 60er Jahren des vergangenen, noch unfundamentalistischen Jahrhunderts, als sie alle beim Schabbatspaziergang am Elbufer von den netten, ängstlichen Hamburgern zwar überrascht, aber längst nicht so feindselig angestarrt wurden wie später die Vier-Jahreszeiten- und UKE-Scheichs mit ihren Pinguinharems.

Bei seinen Schwestern Golda, Tilda, Flora und Dora beobachtete Balaban früh das Tierhafte der menschlichen Natur. Immer nur in Grau und Weiß, die Haare fettig, die Röcke knielang, die Strümpfe so dick wie im 17. Jahrhundert, erkannten sie trotzdem gleich mit dem ersten Schamhaar, das ihnen wuchs, dass wir alle nur hier waren, um die nächste Generation zu zeugen, und von diesem göttlichen Steinzeit-Prinzip leitete sich alles andere ab: die Rechnung im Restaurant, die der Mann zu zahlen hatte, die Frau, die sich immer den Mann aussuchte, Balabans eigene untuntige Sehnsucht danach, selbst eine Frau und mächtig zu sein. Von dieser Kanzel seiner ganz persönlichen Empirie und halbschweren hormonellen Verwirrung herab hatte er in Geld ist alles in immer neuen, fabelhaft unkomplizierten Sätzen erklärt, was Frauen tun mussten, um die Män-ner zu bekommen, die sie wollten. Und was Männer tun mussten, um dennoch an eine Frau zu geraten, die Tussisex beherrschte und auch sonst im Alltag relativ unterwürfig war. So wurde er der strahlende Mittelpunkt des therapeuthischen Zeitalters, der konfessionsübergreifende Rabbi Sex. Aber als er am großen Cartier-Tag morgens um halb 10 in der Spanischen Synagoge saß, meditierend an Serafinas Verlobungsring drehte und das Geschnatter von zwei marranenartigen, spanischen Touristinnen im besten Entjungferungsalter auf der Frauenempore zu ignorieren versuchte, fiel ihm kein einziger neuer Beziehungs-Move ein, mit dem er in Geld ist NICHT alles, dem geplanten Sequel seines Eheratgebers, die Leser und Leserinnen überraschen konnte. Er dachte immer nur an Wladimir Mendelewitsch Karubiner, den großen Intriganten und Desinformanten, wegen dem er im Winter 1972 den angenehmen Hamburger Rabbinerjob gegen den nicht so angenehmen Aufenthalt in der Menachem-Schneerson-Psychoklinik in Liechtenstein eintauschen musste. So kam ihm die Idee für den zweiten Teil seines Serafina-Racheplans.
»Schön hier, nicht?«, sagte Wowa der Schreckliche. »Genieß deine letzten Prager Höhepunkte, Rabbi.«

Balaban antwortete nicht. Er guckte stumm auf den Hradschin und dachte, ja, ganz interessant – »kafkaesk« –, aber von der Innenstadt sahen die Kleinseite und die potenziellen Wohnmöglichkeiten links und rechts von der Nerudova für ihn und seine Zukünftige posher aus. Natürlich würde er lieber mit Finchen nach ihrer EMDR-Behandlung ganz aus Prag verschwinden, aber ihre Familienneurose machte ihn auch irgendwie heiß. Seine Lieblingsparascha war schon immer die knallige Sidra Wajera gewesen – Lot bietet den Sodomitern seine beiden Töchter an, damit die Meute nicht die zwei hübschen Engel fickt, auf die sie eigentlich scharf ist, und am Ende wird er selbst von seinen Töchtern in der mannlosen Einsamkeit der Wüste Juda vergewaltigt –, und er fragte sich oft, war er pervers geboren oder erst pervers geworden? Und: Wäre alles anders gekom-men, hätte er nicht jahrelang, solange sie noch unbehaart waren, Golda, Tilda, Flora und Dora durchs Badezimmerschlüsselloch beim Duschen zugeschaut? Oder hatte er nur das Pech, dass er nicht Abraham war und Serafina nicht Sara, deren Altersdifferenz laut Thora sechshundert Jahre betrug? In Gottes kalten Augen machte das alles null Unterschied. Dem gefiel es, seit Abel und Kain aus Opfern Täter zu machen, egal wie, und dann mit dem Beelzebub dagegen zu wetten, dass der Mensch jemals diesen sadistischen Teufelskreis durchbrach, und vielleicht war der Bestsellerautor in ihm hier dem Schlüsselthema von Geld ist NICHT alles auf der Spur.

Ja, richtig, dachte er plötzlich, Männer und Frauen müssen endlich lernen, einander nicht beherrschen zu wollen, mit oder ohne Gottes Hilfe, und Punkt.

Aus:

Maxim Billers Roman »Biografie« erscheint am 30. März 2016

Maxim Billers Roman »Biografie« erscheint am 30. März 2016

Maxim Biller »Biografie«

Maxim Biller hat den jüdischsten, amerikanischsten, komischsten Roman der deutschen Gegenwart geschrieben: Auf der Flucht vor ihren kleinen Verbrechen und großen Lebenslügen landen der deutsch-jüdische Schriftsteller Soli Karubiner und sein bester Freund, der Millionärssohn Noah Forlani, in Buczacz – einem kleinen Ort in der Ukraine, aus dem ihre beiden Familien einst von den Nazis verjagt wurden. Bis sie dort ankommen, erleben sie das größte Abenteuer ihres Lebens, pikaresk, wild und komisch.

»Was für ein Buch! Ich bin voller Bewunderung für Maxim Billers Erzähltemperament. Das springt einen ja förmlich an. Ich gratuliere, ich kenne nichts Vergleichbares!« Elfriede Jelinek

»Unglaublich klug, auf Weltrekord-Niveau komisch, verstörend ehrlich. Maxim Biller ist ein Schriftsteller, der niemanden kalt lässt.« Etgar Keret

»Maxim Biller kann schreiben. Mein Gott, und wie! ›Biografie‹ ist der große deutsche, jüdische Roman, auf den wir gewartet haben: wütend, traurig, episch, melancholisch und sehr witzig. Lesen Sie ›Biografie‹ – wirklich, lesen Sie das!« Daniel Kehlmann

5 Antworten auf “Vorabdruck: Maxim Billers Roman »Biografie«”

  1. Helmut Kircher am :

    Maxim Biller ist bekant dafür, dass er sich gegenüber schriftstellernden Kollegen knüppelhaft ehrlich und schonungslos herabsetzend zeigt. Ach wäre er es sich selbst gegenüber doch auch!
    Niedlich die Vorablobeshymnen film-, funk- und pressebekannter Autoren, deren absatzfördernde Vorausmeinung bei film-, funk- und presseorientierten Lesern sicher nicht ins Leere trifft.
    Mich konnte der „Vorabdruck“, in seiner polyphonen Verschlungenheit pubertärgeschmäcklerischer Unterleibssprache, seinem „kafkaesk“ verquasten, auf vergeblicher Humorsuche verirrenden Handlungsstrang wenig bis gar nicht überzeugen. Trotzdem bin ich gespannt auf die – vermutlich überschwengliche – Meinung skalpellerprobter Literaturoperateure , und dann das Buch – trotzdem nicht lesen.

    Oder vielleicht doch …?

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  2. Tom am :

    Danke für die Leseprobe. Klingt gut, werde ich mir holen. Verstehe nicht, warum das Buch so verrissen wurde. Tom.

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    • Birgit Egemann am :

      Hallo an alle Leser dieser KIWI Seite!

      Ist es nicht oft so, dass Bücher erst einmal verrissen werden bevor man bemerkt, eigentlich ist es ja ein ganz tolles Buch und der Autor hat es auf den Punkt gebracht.

      Sicher gibt es von Maxim Biller auch Bücher, bei denen man geteilter Meinung sein kann, aber ist es nicht genau das, was gute Literatur ausmacht, dass der LerserIn nicht etwas Alltägliches liest?

      Dieser Vorabdruck lädt auf jeden Fall zum Weiterlesen ein.

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