Berserker Brinkmann und der Buchmessebusen – Aus dem Verlegerleben#1

Unter den Autoren, die Dieter Wellershoff ins Programm gebracht hatte, war ein Berserker: Rolf Dieter Brinkmann. An guten Tagen verbreitete er Spott und Hohn, an schlechten Gift und Galle. Er schimpfte unermüdlich auf alles: auf die Stadt Köln und ihre Kulturpolitik (die gerade unter Kurt Hackenberg eine Blütezeit erlebte), auf das Feuilleton der Zeitungen und Rundfunkanstalten und mit besonderer Inbrunst auf seinen Verlag, seinen Lektor und auf mich, den neuen Bürgersohn da oben. »Vermufft« war sein Lieblingswort und fasste zusammen, wie er seine Umwelt sah. Er kam nicht gern allein, meist brachte er seine Gefolgschaft mit, an deren Spitze er sich in Wortschlachten stürzte. Er war an- und aufregend, er gab mir keine Chance, ihn zu mögen. Er hat nie jemanden im Verlag tätlich angegriffen, aber er verhielt sich so, dass man es ihm zugetraut hätte. Er war wie ein Jungstier, immer auf der Suche nach dem roten Tuch, auf das er losgehen konnte.

Rolf Dieter Brinkmann bei der Besetzung des Kölner Kunstmarkts am 17. 10.1968

Rolf Dieter Brinkmann bei der Besetzung des Kölner Kunstmarkts am 17. 10.1968

Typisch für Brinkmann war folgender Auftritt: Ich hatte den österreichischen Dramatiker Wolfgang Bauer gebeten, bei einem Verlagsfest aus »Magic Afternoon« zu lesen. Im Garten hatten wir ein Zelt aufgebaut und ca. hundert Jungbuchhändler eingeladen. Und Brinkmann, weil er Bauer kannte und wohl auch schätzte. Er baute sich im Hintergrund auf, fing an zu knurren und schrie dann los: »Mensch Bauer, weißt du überhaupt, wie lächerlich du dich hier machst? Du prostituierst dich vor diesen pickeligen Azubis!« So in diesem Stil. Mühsam nur haben wir ihn, immer noch zeternd, rausbugsiert. Damit war die Geschichte aber nicht zu Ende. Draußen wartete seine »Gang«. Sie stürmten unser Handlager, rafften die Bücher zusammen und schmissen sie in die Einfahrt. Was hatte Brinkmann so in Rage gebracht? Hatte ich versäumt, ihn um Rat zu fragen? War er eifersüchtig? Oder wollte er nur seinen Leuten imponieren? Ich habe es nie erfahren.

Zwischen 1965 und 1970 erschienen jedenfalls sieben Brinkmann-Bücher im Verlag, Erzählungs- und Gedichtbände, der Roman »Keiner weiß mehr« und ein von ihm zusammengestellter Band mit neuer amerikanischer Lyrik.

Auf der Frankfurter Buchmesse 1969, meiner ersten als Verleger, verzichtete ich auf den üblichen Verlagsempfang, mietete stattdessen den Keller einer abbruchreifen Fabrik und lud hundert ausgewählte Gäste zu einem Abend mit Lesungen, Kurzfilmen und Musik ein. Es kamen zweihundert, sie drängten sich in den unterirdischen Gewölben. Brinkmann las aus »Silver Screen« und zeigte zur Musik von »Velvet Underground« selbst gedrehte Streifen in der Manier von Andy Warhol. Dann kam der Auftritt von Renate Rasp. Sie legte ihr Manuskript aufs Pult, hängte ihr Jäckchen über die Stuhllehne und strich sich gelassen die Locken aus der Stirn. Sie las ein Kapitel aus ihrem Roman »Ein ungeratener Sohn«, blickte, als der Applaus einsetzte, ins Publikum, knöpfte ihre Bluse auf und zog sie aus. Ihr nackter Busen glänzte im Scheinwerferlicht, sie hatte ihn vor ihrem Auftritt mit Öl eingerieben. Sie stellte ihn für die Dauer von zehn Gedichten aus ihrem Band »Eine Rennstrecke« zur Schau.

Die wildesten Gerüchte über den weiteren Verlauf des Abends machten die Runde. Die Messe hatte eine Sensation. Die Leute glaubten, der Auftritt der Rasp sei eine Inszenierung des Verlags gewesen. Ich ließ sie in dem Glauben. Mit einem Mal war ich kein unbeschriebenes Blatt mehr. Selbst Brinkmann war, so schien es, vorübergehend mit seinem Verleger einverstanden. Friedlich saß er am Messestand und signierte Bücher, was er eigentlich »vermufft« und spießig fand.

Aus:

Erinnerungen an ein erfolgreiches Verlegerleben

Erinnerungen an ein erfolgreiches Verlegerleben

Reinhold Neven Du Mont »Mit Büchern und Autoren. Mein Leben als Verleger«

32 Jahre lang, von 1969 bis 2001, hat Reinhold Neven Du Mont mit großem Erfolg den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch geleitet und zu dem Haus gemacht, das man heute kennt. Reinhold Neven Du Monts Verleger-Erinnerungen sind voller spannender, dramatischer, manchmal auch trauriger oder komischer Geschichten. Einige davon können Sie hier nachlesen – ‪#‎KiWi-Leaks‬!

 

Interview zum Nachhören: Reinhold Neven Du Mont im Gespräch auf der Leipziger Buchmesse 2016. Zum Interview mit dem Deutschlandradio-Kultur

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