Lektorin Viola Hefer über Kamel Daouds Roman »Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung«

Von Viola Hefer

Es gibt Bücher, die liest man, wie man Filme guckt, abends nach der Arbeit, die Füße hochgelegt, ein Getränk in Griffnähe. Man konsumiert fleißig drauf los, kann sich für ein paar Stunden vor der Welt verstecken und hat ein gutes Gefühl dabei.

Und dann gibt es die Bücher, die einen auf andere Weise nicht mehr loslassen, die einen anspringen, sich festkrallen, bis man die letzte Seite gelesen hat und die einem dann auch noch eine ganze Weile hinterherschleichen, weil man irgendwie immer noch nicht fertig ist mit ihnen.

So ein Buch ist Kamel Daouds Roman »Der Fall Meursault – Eine Gegendarstellung«. Zum ersten Mal gelesen habe ich ihn im letzten Jahr, gleich nach dem Sommerurlaub. Da lag er auf meinem Schreibtisch, klein und gelb. Ein bisschen zögerlich habe ich ihn die Hand genommen, um „mal reinzulesen“. Hier arbeitet sich offenbar jemand an Camus Roman »Der Fremde« ab. Hhm, klingt zuerst, sagen wir mal, anstrengend. Aber dann, der erste Satz: M’ma lebt – immer noch. Wer in der Schule aufgepasst hat, weiß, dass das eine Variation des ersten Satzes bei Camus ist, für die, die das nicht mehr wissen, ist es immer noch ein toller Anfangssatz.

Und so geht es weiter, so liest sich der ganze Roman. Der Autor spielt ganz geschickt mit seinem Vorbild, verändert und verdreht es immer wieder, so lange, bis etwas ganz Anderes und ganz Eigenständiges dabei herauskommt. Natürlich hilft es, wenn man den »Fremden« irgendwann mal gelesen hat, zwingend notwendig, um diesen Roman zu lesen, zu mögen und zu verstehen ist es aber nicht. Und gerade das macht ihn so außergewöhnlich.

Was wird denn überhaupt erzählt? Erzählt wird die Geschichte von Haroun und seinem Bruder Moussa und von ihrer Mutter. Moussa ist schon lange tot, er wurde umgebracht, von einem Franzosen, am Strand. Erschossen. Später im Prozess hat der Franzose gesagt, die Sonne hätte ihn so geblendet – Klingelt da was? Genau – Camus. Kamel Daoud erzählt die Geschichte quasi von der anderen Seite her oder, so sagt es Haroun im Buch, wie im Arabischen – von rechts nach links.

Nach dem Mord an seinem Bruder bleibt Haroun allein mit seiner Mutter zurück. Der Vater hat die Familie schon vor langer Zeit verlassen. Umso härter trifft sie nun der Verlust des „Vaterersatzes“ und Ernährers. Vor allem die Mutter wird ihn nie verwinden, und Haroun wird die Lücke, die der Tod des Bruders reißt, nie ausfüllen können. Man folgt Haroun durch seine Kindheit, die von dieser Lücke geprägt wird. Die Mutter zelebriert ihre Trauer, als sei sie Witwe geworden, der jüngere Sohn ist dabei nur ein lästiges Anhängsel, weil er sie in seiner Unzulänglichkeit stets daran erinnert, was sie verloren hat. Aus dieser Falle kann Haroun sich nicht befreien.

Aber es gibt natürlich noch mehr in diesem Buch, es gibt einen historischen Hintergrund, vor dem es erzählt wird. Moussa, das weiß man von Camus, erfährt es aber hier auch noch einmal, stirbt 1942. Zu der Zeit ist Algerien immer noch französische Kolonie. Nach Kriegsende, in den Fünfzigerjahren beginnt der Befreiuungskampf Algeriens, die blutige Trennung vom Kolonialherren Frankreich. Auch davon berichtet Haroun, und auch hier gibt es wieder erstaunliche Parallelen zu Camus Roman, immer aber geschickt variiert und präsentiert durch die Brille des »Arabers«.

Und das ist die tolle Idee an diesem Buch. Da wird eine Geschichte, die fast jeder in irgendeiner Weise kennt, aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Und man merkt beim Lesen sofort, wie berechtigt dieser Blickwinkel ist und dass man ihn bisher aber noch nie so richtig wahrgenommen hat. Warum eigentlich? Sind wir alle immer noch so geprägt von ehemaligem kolonialen Großmachtsallüren und westlicher Überheblichkeit? Diese Fragen stellt Kamel Daoud in seinem Roman und kratzt mit einem ernst gemeinten Augenzwinkern (wenn es so etwas gibt) am Firnis unseres europäischen kulturellen Überlegenheitsgefühls.

Seit seinem Erscheinen vor etwas mehr als zwei Jahren hat »Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung« weltweit ziemliches Aufsehen erregt. Das Buch wird in 29 Ländern erscheinen. Da kann man glaube ich schon sagen, dass es wohl einen Nerv getroffen hat.

Und natürlich ist es auch ein politisches Buch, ein Buch, das auf geradezu beklemmende Weise tagtäglich an Aktualität gewinnt. Ein Buch, das Fragen aufwirft, das aber nicht mit einfachen Antworten aufwartet, sondern uns stattdessen auffordert, unsere eigene Perspektive zu hinterfragen und die Dinge mal »mit anderen Augen zu sehen«, den Blick offen zu halten für das »Andere« und ihm nicht einfach einen europäisch-kulturellen Schild entgegenzuhalten, in der Hoffnung, dass es einem dann nicht nahekommt. Das tut es nämlich, so oder so.

Ich freue mich sehr, dass wir diesen Roman von Kamel Daoud in unserem Programm haben.

Viola Daoud II

daoud der fall

 

2 Antworten auf “Lektorin Viola Hefer über Kamel Daouds Roman »Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung«”

  1. SigiLovesBooks am :

    Hier kann ich mich der Vorschreiberin nur anschließen: Dieses Buch wandert auf meinen Merkzettel, vielen Dank!

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