Volker Weidermann über Irmgard Keun

Es gibt nur zwei Bilder von Irmgard Keun (1905 – 1982), denke ich immer. Es gibt natürlich viel mehr. Aber ich kenne nur die zwei, will nur die zwei kennen. Das eine mit den kurzen Locken, die ihr über die linke Stirnseite fallen, der weiße Schal, hinten hochgeschlagen, der um den Hals herumfließt, die Augen, die schauen, als hätte sie sich soeben in den Fotografen verliebt, oder in die Welt. Eine Trauer ist darin und eine Scheu und eine mädchenhafte Selbstsicherheit. So eine Ruhe vor allem. Der Mund lächelt nicht. Die Augen lächeln. Mit Sicherheit. Das Leben wird kommen. Ich weiß, es wird schön, es wird unendlich schön, weil ich schön bin und weil ich schreibe, für mich, für die Männer, für die ganze Welt. Da war sie einundzwanzig, als das Bild entstand, und von Köln längst nach Berlin geflohen. Oder sie war sechsundzwanzig. Man wusste das lange nicht so genau, sie hat ihr Geburtsjahr 1905 ihrer ersten Romanheldin Gilgi angepasst – 1910. Irmgard Keun hatte immer ein dichterisches Verhältnis zur Wahrheit und zu ihrem Leben.

Ja, und das zweite Bild, das entstand so gegen Ende ihrer Zeit. Vielleicht Ende der Siebzigerjahre, vielleicht wieder in Köln. Die Haare sind nur geliehen, glatt und falsch, als Damenhaube auf dem Kopf, der Schal ist bunt und locker um den Hals geworfen, der Mund versucht ein Lächeln, die Augen lächeln nicht.

Wie schnell kam der Ruhm ins Leben der Irmgard Keun. Gilgi – eine von uns erschien 1931 und war eine Sensation. Was für ein neuer Ton, was für ein selbstbewusstes, halbkorrektes, neues Deutsch, was für eine neue, moderne, selbstbewusste Frau. Und kaum ein halbes Jahr später – wer langsam schreibt, ist dumm – Das kunstseidene Mädchen. »Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein«, sagt Doris im Roman. Und so war auch das Buch, so wie das Leben, so wie Film, schnell und oberflächlich und genau, weltmitschreibend, sich selbst verschenkend an die Welt, spielend mit der Welt, Schritt für Schritt Berlin erobern, die Männer erobern, das Leben erobern. Nicht mit Arbeit. Mit einem Glanz, der von innen kommt, mit einem Magnetismus, der die Welt tanzen lässt, um das kunstseidene Mädchen herum. Das ist ganz leicht. Nichts ist leichter: »Ich habe den Feh an und wirke.«

Aber auch die Dunkelheit und die Sehnsucht und das Wissen. Mit Seufzergrammatik: »So sind die Männer. Und sie haben gar keine Ahnung, wie man sie mehr durchschaut als sich selber … Wo ist denn nur Liebe und etwas, was nicht immer gleich entzweigeht? … Ich wünsche mir sehr mal die Stimme von einem Mann, die wie eine dunkelblaue Glocke ist und in mir sagt: hör auf mich; was ich sage, ist richtig; und wünsche mir dann ein Blut in mein Herz, was ihm glaubt … Manchmal ist das Erotische nur dafür gut, daß man du zusammen sagen lernt – und mir fiel es in jeder Situation schwer … Nur wenn man unglücklich ist, kommt man weiter, darum bin ich froh, daß ich unglücklich bin … Ich ahnte im voraus, aber mein Gefühl hatte keine Lust zu wissen.«

Dann brannten die Bücher, auch ihre Bücher. Von den gehassten Frauen im neuen Land war sie die meistgehasste. Aber Keun blieb. Zunächst blieb sie. Ihr Mann, der 23 Jahre ältere Schriftsteller und Regisseur Johannes Tralow, war dem Regime willkommen. Und dann hat sie den lustigsten, verwegensten, tollkühnsten Schritt unternommen von all denen, deren Bücher brannten. Sie sah sich das alles eine Weile an. (Sah es sich ganz genau an, wie man in ihrem Roman über die ersten Nazi-Jahre, Nach Mitternacht (1936), lesen kann.) Am 29. Oktober 1935 meldete sie beim Landgericht Berlin Schadenersatzansprüche an: »Die Geheime Staatspolizei hat im Juli 1933 die gesamten Bestände meiner Bücher beschlagnahmt. Ein Gerichtsurteil, das diese Beschlagnahme rechtfertigt, ist bislang nicht erfolgt und auch nicht angestrebt worden.« Was für ein schöner, wahnsinniger Mut. Da sie ja nun nichts mehr verdiene, beantragt sie für den bevorstehenden Prozess beim Amtsgericht, ihr Armenrecht zu gewähren. – Nein, eine Antwort hat sie darauf nicht bekommen. Oder doch. Sie wurde verhaftet, verhört und wieder verhört, über ihre Verbindungen zu Freunden im Ausland. Adressen, Kontakte, Aktivitäten. Ihr Vater, der Unternehmer war, hat sie da rausgeholt. Hat sie später gesagt. 200000 Mark soll er gezahlt haben, habe ihre Mutter erzählt, erzählt Keun. Das könnten auch kleine Keun-Legenden sein. Jedenfalls kam sie frei. Und nicht nur aus der Untersuchungshaft, sondern auch aus dem Land. Sie entkam, ging nach Ostende und traf dort den Mann, den einzigen wohl in ihrem Leben, der ein bisschen diese Stimme hatte wie eine dunkelblaue Glocke, die in ihr sagte: Hör auf mich, was ich sage, ist richtig, und in ihr war ein Herz, das ihr sagte, du kannst ihm vertrauen. Es war Joseph Roth, den sie traf, mit dem sie zwei Jahre lang im Exil getrunken hat – auch Irmgard Keun trank, wie Roth, unmäßig und selbstzerstörerisch –, geschrieben, in Cafés, den ganzen Tag, die sich antrieben im Schreiben gegenseitig, in ihrem Hass auf Hitler, auf den Wahnsinn dieser Welt. Sie sind gereist zusammen, in die Teile der Welt, in die man noch reisen konnte. Als sie ihn zum ersten Mal sah, fielen ihr seine zarten Hände auf und dann sein dicker Bauch und die mageren Beine dazu. Er sah aus wie eine Kreuzspinne, meinte sie. Später hat sie geschrieben, sie hatte den Eindruck, einem Menschen zu begegnen, der im nächsten Augenblick vor Traurigkeit stirbt.

Schreiben und trinken. Und hassen. »Roth war damals nicht nur traurig, sondern auch noch der beste und lebendigste Hasser.« Und der schnellste Schreiber. »Roth und ich machen die reinste Schreibolympiade. Meistens hat er abends mehr Seiten als ich. Roth hetzt mich maßlos, aber er hat recht.«

Irgendwie sind sie wieder auseinandergeraten, Keun und Roth. Mit Roth, dem großen Hasser, war in seinen letzten Jahren nicht gut zusammen sein auf Dauer. Er war unendlich reizbar, zerstört und böse gegenüber den Menschen, die ihn retten wollten, und sei es nur für kurze Zeit. Später hat Irmgard Keun über ihn geschrieben: »Joseph Roth war der einzige Mann, der mich je gefesselt hat, so daß manches Wort von ihm in meiner Seele Wurzeln schlug.«

Sie ging nach Amerika, zu einem anderen Mann, kam wenig später nach Europa zurück, nach Frankreich, dann, 1940, kehrte sie mit gefälschten Papieren nach Köln zurück, zu ihren Eltern. Ihr Bruder fiel 1943 in Russland. Ihre Eltern hatten nur noch sie. Sie blieb bei ihnen.

Im Nachkriegsdeutschland hat man Irmgard Keun schnell und gründlich vergessen. Bis Jürgen Serke 1977 in seiner Serie im »Stern« an die verbrannten Dichter von damals erinnerte. Er hatte Irmgard Keun getroffen, in ihrer Wohnung in Köln, und schrieb ein unendlich trauriges Porträt über die vergessene, einsame Frau. »Sie schleppt ihr Leben verdrossen durch die Tage. Wozu, wofür, für wen noch Standfestigkeit zeigen?«

Endlich, mehr als dreißig Jahre nach Ende des Krieges, erinnert sich das Land an sie. Der Claassen Verlag bringt ihre Werke neu heraus. Die Menschen lasen sie und liebten sie. Ihr Lektor Klaus Antes erinnert sich an eine Lesung: »Damals, als sie in der Mainzer Universität aus Kind aller Länder las, war der Ansturm riesig. Die Studenten drängelten sich sogar auf den Fluren. Irmgard konnte hin- und mitreißend rezitieren. Es war bereits spät, als sie endete. Das Publikum applaudierte frenetisch. Sie war kurz vor dem Kollaps, legte aber trotzdem einige Passagen nach. Standing Ovations. Als sie am Arm des Professors entschwebte, hin zum gemütlichen Teil des Abends, grummelte sie: ›Mein Gott, ich bin doch nicht die Knef.‹«

Sie wollte dann noch ein Buch schreiben, ein letztes Buch, in dem alles zusammengefasst sein sollte, was ihr im Leben zugestoßen war. Was für ein Buch wäre das geworden!

Sie hat es nicht mehr geschrieben. Am 5. Mai 1982 ist sie in ihrer Kölner Wohnung gestorben.

Aus: Volker Weidermann, Das Buch der verbrannten Bücher, 2008.

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Ein Nachwort aus Keun_Kind aller Länder Irmgard Keuns »Kind aller Länder«
Erscheint am 18. Februar 2016

 

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