Vierundzwanzig Türen #19 (Jochen Kienbaum – Blog lustauflesen.de)

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Vor zwei Jahren haben wir unsere Autoren gefragt, ob sie für uns ihre Türen öffnen möchten. Bei Klaus Modick borgten wir uns für unseren Adventskalender den Titel seines Romans* »Vierundzwanzig Türen«. Klaus Modick war auch der erste unserer Autoren, der uns einen kleinen Einblick in sein Reich gewährte.
Dieses Jahr haben wir bei Buchbloggern und Buchhändlern angeklopft. Wir wollten wissen, »Wer bist Du, was sind Deine Orte«? Und wir fragten, welches Buch aus unserem Programm sie Ihnen, unseren Lesern, empfehlen möchten. Es hat uns sehr glücklich gemacht, so viele begeisterte Reaktionen und Beiträge zu erhalten. Wir hoffen, auch Sie freuen sich, bekannte Gesichter unter den Bloggern und Buchhändlern wiederzusehen oder bisher unbekannte kennenzulernen. Jedes empfohlene Buch wird natürlich verlost. Entweder Sie nehmen an unserer großen Weihnachtsverlosung teil oder Sie versuchen Ihr Glück täglich bei Facebook.
*Oh! Wäre William Blake nicht Selfpublisher, sondern KiWi-Autor gewesen, würde unser  Adventskalender vielleicht auch »Die Pforten der Wahrnehmung« heißen. Wie auch immer. Treten Sie ein, nehmen Sie wahr!

 

Tür 19: Jochen Kienbaum – lustauflesen.de

Ich bin Fernsehjournalist von Beruf und Literaturblogger aus Berufung. »lustauflesen.de« ist mein elektronisches Logbuch. Hier finden sich die vermischten Aufzeichnungen eines leidenschaftlichen Grenzgängers, der ohne Sicherung und Netz auf der Borderline zwischen bibliophil und biblioman balanciert. Die sogenannte »gehobene Literatur«, klassische wie zeitgenössische, deutsche wie fremdsprachige, hält mich gefangen. Aber gerne lasse ich mich (ab und an) auch vom Unterhaltsamen fesseln. Bücher lesen und Bücher sammeln gehen bei mir Hand in Hand, beinahe zwanghaft. Der kürzeste Witz über mich lautet daher: »Geht Jochen Kienbaum an einer Buchhandlung vorbei ….«

Hinter dieser Tür …

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… findet ihr einen Raum voller Bücher und wer mich kennenlernen möchte, sollte eintreten. Selbst in Abwesenheit verrät dieser Lieblingsort sehr viel, vielleicht sogar alles über mich. Wenn die Morgensonne die Regale entlangwandert und die Buchrücken erst in allen Farben des Spektrums aufleuchten und kurz darauf, wenn die große Lampe weiterzieht, wieder im Schatten versinken, dann bin ich glücklich. Die Bibliothek, so nennen die liebste Ehefrau der Welt und ich unsere bescheidene Sammlung. »Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele« hat Marius Tullius Cicero behauptet. Eine Büchersammlung ist ein Spiegel der Seele. Der Volksmund wiederum beharrt: »Zeige mir, was du liest und ich sage dir, wer du bist.« (Sage niemand, er prüfe in fremden Wohnungen nicht gerne die Bestände und verschaffe sich so ein Bild.) In diesem Sinne ist die Bibliothek nach aussen Visitenkarte und dient nach innen der Vergewisserung. Sie ist Abenteuerspielplatz und Basislager. In ihr formieren sich Blöcke der Vorlieben, werden kleine Schreine für Säulenheilige eingerichtet, verstecken sich äußerlich unscheinbare Zeugen vergangener Lieben, künden zerfledderte Buchruinen von einstigen Leiden und Leidenschaft. Private Kanones bilden sich aus, befruchten und durchdringen sich, stetig pulst und wächst der Bücherspeicher. Unsere Bibliothek ist Rückzug und Aufbruch in einem.

KiWi soll Euch »Pfaueninsel« von Thomas Hettche schenken

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Ist die Bibliothek mein Lieblingsort im Kleinen, so ist es die Pfaueninsel einer im Großen. Ach, viele Berliner soll es geben, die noch niemals dort waren. Die Pfaueninsel ist ein magisches Eiland, angefüllt mit Geschichte und Geschichten. Thomas Hettche hat ihren Zauber ganz einzigartig und unnachahmlich eingefangen. Er erzählt die Geschichte der (historisch verbürgten) kleinwüchsigen Marie Strakon, die ihr gesamtes Leben auf der Insel in der Havel verbracht hat, drei Viertel des 19. Jahrhunderts. Hettches Text wirkt wie sein Gegenstand selbst, die Pfaueninsel, merkwürdig aus der Zeit gefallen, voller Eigenheiten, Skurrilitäten und Anachronismen; So nah und doch entrückt. Es geht um exotische Menagerie, Palmenhäuser, arkadische Spielereien und Spinnereien preußischer Könige, die Zurichtung der Natur, eine lebenslange, aber unerfüllte Liebe und vor allem über verrinnende Zeit und beharrliche Schönheit. Pfaueninsel changiert bruchlos und nuancenreich zwischen historischem und modernem Erzählton, glänzt mit geistreichen Beobachtungen und philosophischen Einsprengseln, bleibt aber immer derart luftig und leicht, dass Text förmlich schwebt und der Leser mit ihm. Der Roman war auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2014, hat aber zu meinem unendlichen Bedauern damals das Siegertreppchen leider verpasst.

 

 

 

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