Autoren an der Wand

Keiner kommt an ihr vorbei. Jeder bleibt zumindest kurz mal vor ihr stehen. Schüchterne Menschen verlangsamen ihren Schritt und schauen neugierig im Vorbeigehen. Andere schlagen Wurzeln. Sie ist schon sehr alt, und sie wurde mit den Jahren immer größer. In den Anfangstagen – keiner hier bei KiWi scheint sich erinnern zu können, wann es eigentlich losging – war sie so etwas wie eine Ahnengalerie. Saul Bellow, J.D. Salinger, Heinrich Böll, Joseph Roth, Erich Maria Remarque – vermutlich waren es die ersten, die einen Platz an der KiWi-Autorenwand bekamen. Die meisten waren da schon tot. Und ganz nebenbei war der Begriff vom Aushängeschild geboren.

Autorenwand Treppenhaus 007

Die Autorenwand in der alten Verlagsvilla

Früher gab es eine Regel, die besagte: Mindestens drei Bücher sollte der Autor bei KiWi schon veröffentlich haben, bevor ihm ein Platz an der Wall of Fame von Kiepenheuer & Witsch zustand. Nun, das hat sich etwas geändert. Heute reichen zwei Bücher. Allerdings gibt es auch Ausnahmen, denn – man muss ehrlich sein an dieser Stelle – manchmal schmücken wir uns ganz gerne mit prominenten Menschen aus der Zeitgeschichte, selbst wenn sie nur ein Buch veröffentlicht haben, unsere Autorenwand hat einen VIP-Bereich. Da gelten besondere Regeln, ihr versteht.

Mit der Zeit also wandelten sich die Autoren an der Wand zu einem gewaltigen Stück Verlagsgeschichte bei gleichzeitig hohem Gegenwartsanspruch. Gewaltig, weil: Man kann sich ihr nicht entziehen. Sie  spricht zu uns. Und wir sprechen mit ihr. Und, ja, auch mit uns selbst.

Ich habe den Test gemacht. Man muss sich einfach nur in den Flur stellen und auf eine der vier im Haus verteilten Bilderwände starren. In der Regel dauert es nicht lange, bis ein Kollege vorbeikommt und stehenbleibt. Er sagt dann sowas wie: „Suchst du jemanden Bestimmtes?“ Und man antwortet: „Nö, ich guck nur.“

Und dann fängt der Kollege an zu erzählen: „Ach, Benjamin Lebert, der war  gerade mal 16 als er „Crazy“ schrieb“ oder „Was macht denn der da? Der hat doch erst ein einziges Buch bei uns gemacht.“

Und man sagt: „Ja, aber das ist der Sänger von Rrrrrammsteiiiiiiin.“

„Und wer ist das?“, fragt jetzt die Schülerpraktikantin, die sich inzwischen dazugesellt hat.

„Den kennst du nicht? DAS war ein Popliterat!«, sagt dann der alte Hase. »Und der da übrigens auch“, auf Benjamin von Stuckrad-Barre zeigend.

Und die Praktikantin bemerkt: »Ach, Musiker! Schreibende Musiker, ja, dafür ist KiWi ja bekannt. Der da (zeigt auf ein Eric Clapton-Poster) war ja vorhin auch im Haus.«

Der Kenner, ein bisschen hilflos jetzt: »Nein, das waren keine Musiker, das sagte man früher so, Popliteratur, wenn der Autor so einen Schreibstil hatte, der so irgendwie ganz anders … popkulturell … mit einem oberflächlichen … öhm … auch Markennamen … ERIC CLAPTON WAR DA?!«

„Ja, er trug ein Cord-Jackett, hatte so eine Lehrertasche in der Hand und lief in Richtung Verlegerbüro.“

Der alte Hase überlegt. Dann macht es Klick. Nein, es macht Rawums!

„Das war nicht Eric Clapton! Kind, hast Du denn noch nie den Verleger gesehen?“
(…)

An dieser Stelle kippt das, was eigentlich ganz nett angefangen hatte. Das Gespräch ist vorbei. Die Kollegen sind weitergelaufen. Man selbst bleibt noch ein wenig stehen und guckt, und dann macht man ein Foto.

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Eine der vier Autorenwände, heute.

#Autorenwand
Wir haben, weil diese Wand doch sehr viel zu erzählen hat, beschlossen, sie mit euch zu teilen. Ab jetzt wollen wir jede Woche ein Bild zeigen, zusammen mit kurzen Facts zur Autorin / zum Autor  und dem ersten Satz aus ihrem / seinem ersten KiWi-Buch. Bei Instagram, facebook und twitter werdet ihr die Bilder unter den Hashtags #Autorenwand, #ErsterSatz, vielleicht auch unter #200shadesofgrey finden.

Wir haben gerade mal nachgezählt, an unseren Wänden hängen ungefähr 200 Autorenbilder, bei eine wöchentlichen Postingfrequenz entspricht das 200 Wochen, was so circa 3,84 Jahre sind.

Wir haben also viel Zeit. Aber das hatte die Wand ja auch.

Den Anfang macht Helge Schneider. Und zwar hier!

 

Philipp Rusch

Eine Antwort auf “Autoren an der Wand”

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