»Wie schreiben Sie eigentlich… Verena Güntner?«

AF_Güntner_VerenaVerena Güntner, 1978 in Ulm geboren, studierte Schauspiel an der Universität Mozarteum in Salzburg. Vier Jahre lang war sie festes Ensemblemitglied am Bremer Theater, seit 2007 ist sie als freischaffende Schauspielerin regelmäßig auf den Bühnen des Staatstheaters Wiesbaden und des Theaters Bonn zu sehen.
2012 erreichte sei mit einem Auszug aus dem Roman »Es bringen« die Finalrunde beim OpenMike in Berlin, 2013 machte sie den dritten Platz beim MDR-Literaturpreis und im selben Jahr gewann sie im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs den renommierten Kelag-Preis. Verena Güntner lebt in Berlin, »Es bringen« ist ihr erster Roman.

In »Es bringen« bündelt Verena Güntner Bertrachtungen aus der Lebenswelt des 16jährigen Luis wie in einem Brennglas, schonunglos nah, erschütternd ehrlich und brutal gegenwärtig. Im Gespräch mit der Bloggerin Isabel Bogdan erklärt sie, wie Luis werden konnte, was er ist und wie ihr Beruf als Schauspielerin Eingang findet in ihre Texte.

Wer sich vorab schon mal einen Eindruck von der bezaubernden Autorin verschaffen möchte, dem sei ihr zehnSeiten.de-Lesungsvideo wärmstens empfohlen!

Du hast Schauspiel studiert und einige Jahre als Schauspielerin gearbeitet. Glaubst du, es ist dem Schreiben zuträglich, wenn man das Sprechen von Texten geübt ist? Inwiefern können Schauspielerei und Schreiben einander befruchten?

Ich weiß nicht, ob man das grundsätzlich sagen kann. In meinem Fall würde ich die Frage bejahen, denn ich empfinde den Umstand, dass ich Schauspielerin bin, als wesentlich für meine Texte. In Figuren, in Bildern denken, sich eine fremde Sprache aneignen und ein Gespür entwickeln für Spannungsbögen, das gehört zum Handwerk, und mir hat es beim Schreiben des Romans sehr geholfen. So wie sich beim Spielen Vorgänge irgendwann automatisieren, ich nicht mehr über jeden Schritt nachdenken muss, lasse ich es beim Schreiben auch gerne einfach „laufen“. Das Vertrauen, dass da schon was kommt, dass es sich lohnt, offen zu sein und Figuren ihre eigenen Wege gehen zu lassen, hab ich sicher den Jahren am Theater zu verdanken.

Ich kann nur leider nicht beides gleichzeitig tun. Wenn ich probe, kann ich nicht schreiben, und wenn ich schreibe, kann ich nicht proben. Die Theaterfiguren und meine eigenen kämen sich dann dauernd in die Quere. Nicht ratsam: alles Platzhirsche.

Sind Deine Figuren – oder die Hauptfigur – schon fertig, bevor Du anfängst? Weißt Du vorher komplett, wie sie ticken, wie sie sprechen, welche Macken sie haben? Oder ergibt sich das auch?

Die sind das Gegenteil von fertig. Ich nehme mir nichts vor, mache auch keine Pläne und wenn, dann hau ich die nach kurzer Zeit wieder zusammen, weil sie fast immer von der Geschichte wegführen, die sowieso schon da ist. Wie gesagt, lasse ich die Figuren meistens erstmal laufen, gerade am Anfang ist das wichtig. Mit der Zeit schälen sich dann die Punkte heraus, die ich weiterverfolgen kann, und das passiert dann schon sehr bewusst. Aber bis es so weit ist, versuche ich, nichts zu kontrollieren. Das ist manchmal nicht leicht und eine Phase großer Unsicherheit, auch, weil es dann oft Ausschläge in alle möglichen Richtungen gibt, was sich schnell wie reine Willkür anfühlen kann. Aber da müssen wir halt durch, die Figuren und ich.

Das heißt, Du hast einen Figurenanfang und einen Geschichtenanfang? Woher kam Luis, wie weit waren er und seine Geschichte, als du anfingst, und wie haben sie sich entwickelt?

Ich hab tatsächlich gar nichts, versuche mich ganz leer zu machen, bevor ich mich das erste Mal an den Schreibtisch setze und tippe dann schlicht drauf los. Begrenzungen, Festlegungen möchte ich einfach vermeiden. Luis war halt plötzlich da, ich hab da auch nicht weiter nachgefragt. Trotzdem würde ich nicht sagen, er kam aus dem Nichts. Bin mir sicher, er stand an Ecken rum, saß mir in der Bahn gegenüber oder hat mir mal im Park seinen Kaugummi vor die Füße gerotzt. Recherche im herkömmlichen Sinne gibt’s bei mir nicht, die passiert dauerhaft, im Alltag. Luis und seine Geschichte haben sich deshalb eher wie von selbst erzählt, das hatte eine große Eigendynamik. Später dann, als schon große Teile des Romans da waren, hab ich relativ viel umgebaut. Und das hat dann noch viel verändert. Aber wer Luis war und werden konnte und was nicht, das lag in Form seiner Stimme immer drunter und war der Kompass.

Löschst Du viel? Probierst Du Wege für Deine Figuren aus und stellst dann fest, dass die nicht stimmig sind, oder streichst Szenen, dir dir doch nicht so wichtig vorkommen? Es gibt ja Autoren, die schreiben tausend Seiten und streichen siebenhundert davon wieder.

Ich hänge generell nicht so an Sachen. Wenn was nicht stimmt und von der Figur, der Geschichte wegführt, fliegt es hochkant raus, auch wenn mir das Bild, die Idee gefällt. Aber Löschen im großen Stil sicher nicht. Beim Bringer sind alles in allem und im Laufe der Zeit nur ca. 30 Seiten weggefallen, das ist ja recht überschaubar. Hier und da gab es ein paar Ecken im Text, die nicht funktioniert haben, die ich aber trotzdem lange drin gelassen habe. Einige Dinge haben erst später Sinn ergeben, andere nicht, die mussten dann weg. Dass ich Geduld haben muss mit dem Text, dass ich ihn seine Runden drehen lassen muss manchmal, das war schon eine wichtige Erfahrung. Im Kleinen ändere ich hingegen wahnsinnig viel, feile an Sätzen, stelle wieder und wieder um, das ist dann oft lupenreine Pedanterie. Mir macht dieser Teil der Arbeit aber auch Spaß, da vergesse ich die Zeit und tauche ab.

„Es gibt beim Ficken Fakten, an denen kein Weg vorbeiführt. Erstens: Er muss knallhart sein, ein halbharter Schwanz kommt nicht infrage, dann stimmt was mit der Erregung nicht, die muss überprüft und zur Not muss abgebrochen werden. Zweitens: Stöße müssen immer mitgezählt werden, vom ersten bis zum letzten darf keiner durchrutschen, auch kurz vorm Kommen darf kein Stoß verlorengehen, das ist schwer, sauschwer, muss ich keinem von euch erklären, was kurz vorm Spritzen los ist in der Stube. Drittens: Der erste Stoß muss eine Marke setzen, eine, die zählt, die die Latte hoch hängt. Von der gehst du aus und noch wichtiger: nie wieder zurück!“ (S. 157)

Gilt das auch fürs Schreiben?

Gute Frage. Ja, ich vermute, das gilt auch für’s Schreiben. Ähm, Punkt. Wahrscheinlich gilt es (übertragen) für alles, was man mit Leidenschaft tut oder tun sollte.

Wie geht es weiter? Hörst Du schon eine neue Stimme, gibt es eine neue Figur, brodelt eine Geschichte? Oder spielst Du erst mal wieder?

Es gibt neue Figuren, ja. Die brodeln zwar noch nicht, sind eher so am Köcheln, und ich lasse sie deshalb wie immer: einfach mal laufen. Und Theater sicher auch wieder, obwohl im Moment alle Stücke abgespielt sind. Was bedeutet: Noch mehr Zeit für’s Schreiben!

Dann sind wir gespannt, was draus wird.

Vielen Dank!

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