Oh Hi O- Ein kleiner Arbeitsbericht aus Bowling Green von Vea Kaiser

Aussicht#1 Reiter in Residenz oder: Was bitte machst Du in Amerika? 

Als ich meiner Familie eröffnet hab, dass ich die erste Jahreshälfte 2014 an einer amerikanischen Uni als ‚Writer in Residence‘ verbringen würde, fragte die Oma:

»Is Residenz auf der linken oder auf der rechten Seit vo Amerika, und seit wann tuast’n du reitn?«

Einer 74jährigen Niederösterreicherin zu erklären, dass es Stiftungen gibt, die den geistigen Austausch am Campus sowie die literarische Produktion eines Schrifstellers fördern wollen, indem sie Schrifstellern Wohnungen und Büros am Campus zur Verfügung stellen, ist für meine Oma genauso absurd wie die Tatsache, dass man mit G’schichtldrucken überhaupt Geld verdient. Mein Bruder fand aber eine Art meine Mission zu erklären:

»Ein Writer in Residence ist das schreibende Haustier der Uni. Der Schrifsteller sitzt in seinem Büro, schreibt an seinem Roman und die Studenten können vorbeikommen und mit ihm über ihre eigenen Texte reden. Wie ein Hamster, der im Rad läuft und den man streicheln kann.«

#2 Braumratten oder: Wo bitte ist Bowling Green?

Writer in Residence zu sein, klang für mich total paradiesisch, so paradiesisch, dass ich zuerst gar nicht nachfragte, wo man mich hinschickt, und erst relativ spät erfuhr: Bowling Green, Ohio – 30.000 Einwohner, anderthalb Stunden südlich von Detroit.

Bowling Green besteht im Prinzip aus zwei Straßen, einer Universität mit 20.000 Studenten, zweistöckigen Häuschen, mehr Eichhörnchen als Menschen und vielen vielen Sororities und Fraternities, die Donnerstags in geschlechtergetrennten Herden und aufeinander abgestimmten Outfits von Bar zu Bar mäandern, ihr Eintreffen immer mit tiefen (die Buben) bzw. schrillen (die Mädls) Urschreien ankündigen und sich dann bemühen, alles wegzutrinken, was man ihnen unter der Woche beigebracht hat.

Mit anderen Worten: wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt  wenig Orte, die so perfekt sind, um in Ruhe einen Roman zu schreiben wie Bowling Green. Denn: es gibt nicht nur kaum Dinge, die einen ablenken, sondern auch keine öffentlichen Verkehrsmittel, die einen wegbringen.

Das einzige, was verbesserungswürdig wäre, ist das Wetter: Schnee von Jänner bis Ende April bei Temperaturen um die -20 Grad. Und für alle, die nun denken: kaltes Wetter passt doch super zum Romanschreiben, ein kleiner Hinweis: ab -15 Grad frieren die Finger trotz Handschuhen ein, und brauchen ca. 20 Minuten, bis  sie wieder g’scheit einen Stift halten können.Frühlingswetter

#3 Assistant wanted oder: Und wie ist das Leben am Campus so? 

Nun, Campus-Leben macht Spaß, man fühlt sich gleich 10 Jahre jünger. In der Mensa sitzen erwachsene Menschen, die nur Kinderessen bestellen (Pommes und Chicken Wings, Salat mit Chips, Softdrinks in allen Farben, gigantische Cookies mit Smarties drin). Ab der Schneeschmelze werden Flip-Flops getragen und jeden Mittwoch gibt es ein Campus-weites Rollenspiel; Zombies vs. Humans.

Eine Zeit lang dachte ich, mich auf dem sportlichsten Campus der Welt zu befinden, weil ich fast nur Leute mit braun-orange Kapuzenpullis, T-Shirts und Jogging-Hosen sehe, auf denen ganz groß I love BGSU, Go Falcons, Falcon-Pride, BGSU forever, oder ganz simpel BGSU steht und die aussehen, als hätten sie vor, nach der Uni zum Sport zu gehen. Stimmt aber nicht, musste ich lernen, die BGSU-Shirts sind die inoffizielle Schuluniform. Der University Bookshop am Campus macht 5% seines Umsatzes mit Büchern, 10% mit Skripten, und 85% mit BGSU-Merchandise. Die dort arbeitende ‚Buchhändlerin’ meinte, als ich das dritte Mal nachgefragt hab, wo meine bestellten Bücher seien: »You know, in America, there is this Online-Bookshop, it is called Amazon.com. You should order there next time. They are cheaper and faster.«

Ein bisschen merkwürdig kommt mir nur vor, dass hier alle ‚Assistant to somebody‘ werden wollen; »I wanna be an assistant to a counselor«, oder »I wanna be an assistant to a pathologist«… Nur leider hab ich bisher noch keinen Studenten gefunden, der ‚Assistant to a writer‘ werden will, also muss ich mir meinen Kaffee weiterhin selber holen.

GermanStudies#4 Demonstrationen organisieren oder: Musst Du auch was unterrichten oder so? 

Mittwoch Abends darf ich immer einen Kurs namens ‚Writer & Work‘ unterrichten, und meine fünf Studenten, die alle ihre Master in Deutsch machen, sind ganz ganz großartig. Ihr Deutsch ist besser als mein Englisch, sie sind total aufgeschlossen, munter, interessiert. Im Kurs lesen wir die Romane österreichischer Autoren unter 40, die ich in den letzten Jahren lesen wollte, aber keine Zeit hatte, und diskutieren dann drüber bzw. erzähl ich ihnen Gossip.

Das großartige an der BGSU ist, dass die Sprachstudenten die Möglichkeit haben, ihr zweites Jahr in Ausland zu verbringen. Etwas befremdlich ist, dass die Universität ihnen von der Unterkunft bis zu gemeinsamen Ausflügen ALLES organisiert, weil die Meinung vorherrscht, dass der Gedanke, in Europa zu studieren, für Bowling Greens Studenten so beängstigend sei, dass sich keiner trauen würde, wenn man ihnen nicht den Kursstundenplan zusammenstellen und das Mittagessen kochen würde.

Kurz nachdem ich angekommen war, zeichnete sich ab, dass die Universität diese feinen Sprachenprogramme einstellen will, weil sie nur Geld kosten, jedoch kein Geld einbringen. Und hier wird’s – meiner Meinung nach – ekelig: Die BGSU versteht sich als ‚Geld-Einnehmer‘, die an ihren Studierenden verdienen will, und nicht als ‚Geld-Ausgeber‘, die eine Art Bildungsauftrag hat. Studien, die kein Geld bringen, werden eingestellt. Bildung als Ware. Universitäten als Dienstleister mit klaren Profitabsichten.

Was mich aber noch mehr schockierte als diese Entwicklung im amerikanischen Hochschulwesen ist die totale Akzeptanz von Seiten der Studierenden. Ich bin ein Kind der Hörsaalbesetzung, der Studentendemonstrationen 2008, doch als ich versuchte, die Studenten hier zu einer Demonstration zu bewegen, stieß ich auf totales Unverständnis. Ein Student so: »Well, the University has to raise money, so it’s obvious, that they’ll cut the program, if it costs more money than it raises.«

MyOffice#5 Strebertum de Luxe oder: Und was machst Du, wenn Du nicht unterrichtest? 

Ich glaube, ich hab in meinem Leben noch nie so viel geschrieben und gelesen wie in der Zeit in Bowling Green. Insgesamt entstanden 400 Seiten in vier Monaten, wobei ich zweihundert wieder löschte. Dazu ungefähr 100 Seiten am Tag gelesen, eine Seminararbeit geschrieben, ein Neugriechisch – Altgriechisch – Deutsch-Vokabelheft gelernt, und trotzdem irre viel Zeit auf Netflix verbracht, und neben allen Melina Mercouri-Filmen sämtliche Episoden von Weeds sowie drei Staffeln von Stark Trek Deep Space Nine geschaut und Lesungen in Bowling Green, Chicago, Cincinnati, Washington und Niagara on the Lake gehalten. Bin ein bisschen stolz, fühl mich aber auch wie der größte Streber zwischen Bowling Green und Wien.

#6 Wer braucht Planung oder: Und, wie läuft’s mit Deinem Roman?

Ich habe hier in BG eine ganz traurige Sache herausgefunden: ich hab überhaupt keine Ahnung vom Schreiben.

Als ich meinen ersten Roman Blasmusikpop schrieb, dachte ich in einem Fort, ich wüsste, was ich täte – je weiter das Manuskript jedoch gediehen ist, desto mehr haben mir die Figuren ‚in den Popo getreten‘ und gemacht, was sie wollten. Furchtbare Eigendynamik hatte das und ich dachte immer, das läge daran, weil ich zuerst geschrieben und dann nachgedacht hab. (War damals hauptberuflich Studentin und hab den Roman immer so zwischendurch geschrieben, einfach tippen ohne groß nachdenken).

Und nun glaubte ich, mit Nr. 2 würde das anders. Ich hab über diese Story immerhin 2 Jahre nachgedacht und bereits alles geplant und skizziert, bevor ich in die USA kam, um alles niederzuschreiben.

RechercheDoch die traurige Wahrheit: alles Planen, Nachdenken, Skizzieren, Recherchieren war für den Hugo. Die Figuren machen schon wieder, was sie wollen. Die Großmutter der Hauptfigur hat beschlossen, sie will die Heldin des Romans sein. Weswegen mein ursprünglicher Held jetzt nur mehr eine Nebenfigur ist. Eine andere Nebenfigur, die nur für ein paar blöde Witze da war, beschloss dann, die große Liebe der Großmutter zu werden, weswegen ich dann über den auch noch nachdenken musste, um ihm eine Karriere außerhalb des Vea’schen Slapsticks zu geben – und so weiter.

Und diese alles verändernden Erkenntnisse passierten natürlich nicht, als ich zu arbeiten anfing, nein, pünktlich zur Halbzeit meines USA-Aufenthalts. Ich ging eines Nachmittags in Chicago in Greektown spazieren und entdeckte ein himmlisches Brautmodengeschäft. Die unglücklich verliebte Vea ging daraufhin hinein, um sich ein bissl ihrem Herzschmerz hinzugeben, doch da drinnen kam die Erkenntnis, worum es in Roman Nr. 2 eigentlich geht (und das hat nichts mit Brautkleidern zu tun). Nunja, und damit konnte ich alles, was bisher fertig war, also ca. 200 Seiten, verschreddern. Aber wie heißt’s so schön? Umwege erhöhen die Ortskenntnisse.

Call911#7 Alles Autoren oder: Und, hast Du viele amerikanische Schriftsteller kennengelernt? 

Was mich wahrscheinlich am meisten fasziniert: Wenn man gefragt wird: »And, what do you do for a living«, und man antwortet »I am a writer«, dann sagt der freundliche Amerikaner: »Oh amazing« und dann »did you publish yet?«

Der Traum vom Schreiben ist hier mindestens so weit verbreitet wie im Land der Dichter und Denker, nur mit dem Unterschied, dass man ein Writer sein kann ohne zu schreiben. So ähnlich wie in gewissen Berliner Kiezen halt.

Ganz lustig waren die Gespräche mit den Creative Writing Studenten, die alle Schrifsteller werden wollen, obwohl die meisten noch nicht einmal eine Kurzgeschichte geschrieben haben.

Apropos Creative Writing. Ich weiß immer noch nicht, was ich darüber denke. Es ist ja schon super, dass es das gibt, dass Studenten aller Fächer diese Kurse belegen und an ihrer eigenen Ausdrucksfähigkeit arbeiten können. Und ja: es ist eine super Möglichkeit für Autoren neben dem Schreiben eine Einnahmequelle zu haben. Aber was mich geschreckt hat, war, als mir der Direktor des Creative Writing Programms hier erzählte, dass dem Hauptteil aller Bewerbungen, die er bekomme, der feste Job wichtiger sei als das eigene Schreiben. Dass die meisten einfach nur eine gute Anstellung an der Uni haben wollen, einen nicht allzu anstrengenden Teaching-Job, aber keine großen Pläne für DEN Roman hätten. Als ich darüber nachdachte, verstand ich jedoch, warum zwei der häufigsten Topoi der amerikanischen Literatur ‚Schriftsteller in Schreibkrise‘ und ‚Schrifsteller hat Affaire mit jungem Fan‘ sind, bzw. überhaupt dieses ganze schreckliche, furchtbar langweilige Genre der Campus-Novels.

#8 Random oder:  Jetzt, wo du bald nach Europa zurückkommst, wie ist dein Fazit? 

Vor meiner Abreise machte ich mir eine Liste mit Dingen, die ich in den USA schaffen wollte:

Pie

  1. Rohfassung von Roman Nr.2 fertig schreiben.
  2. Maximal 2 Kilo zunehmen
  3. Die Regeln von Baseball verstehen
  4. Lernen, ein Taxi mit Pfeifen aufzuhalten
  5. Einen Spezialisten für American Novels daten
  6. Ein Opossum sehen
  7. Einen richtig guten American Pie backen lernen.

Fazit: 1-5 hab ich nicht geschafft. Opossum hab ich eines gesehen – allerdings hinig am Pannenstreifen neben der Interstate. Aber dafür hab ich gelernt, wie man einen richtig guten Cherry Pie bäckt, typically Mid-Western.

 

2 Kommentare

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  1. michael g. schüll

    leicht+klasse
    viel erfolg
    mit+ohne lit-betrieb

  2. Michael Zimmermann

    Hallo Vea Kaiser,

    dieser Bericht aus den USA ist ebenso kurzweilig, vergnüglich und AUTHENTISCH wie
    die gestrige Lesung in Lich. Sie war ein herrlich, ♡liches ERLEBNIS, unvergesslich !
    Wir sehen uns spätestens im November wieder…

    DANKE für wunderbare Texte und das Geschenk eines GROSSEN Abends.

    Liebe Grüsse, eine schöne Zeit
    Michael, der mit der Bruder/französischer Verlag Frage

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