»Wie übersetzt man eigentlich…Alison Bechdel?«

cleverprinting 2009Thomas Pletzinger wurde 1975 in Münster geboren und lebt als Autor und Übersetzer mit seiner Familie in Berlin. Bei Kiepenheuer & Witsch erschienen sein Roman Bestattung eines Hundes (2008) und sein Sachbuch Gentlemen, wir leben am Abgrund (2012).

Tobias Schnettler wurde 1976 in Hagen geboren, studierte in Hamburg Amerikanistik und arbeitet als freier Übersetzer in Frankfurt am Main. Zuletzt übersetzte er die Romane »Die amerikanische Nacht« von Marisha Pessl (2013) und »Geschichte für einen Augenblick« von Ruth Ozeki (2014).

Zusammen haben sie nun Alison Bechdels Graphic Novel »Wer ist hier die Mutter?« übersetzt, nach dem internationalen Bestseller »Fun Home«, in dem Alison Bechdel ihrem Vater auf die Pelle rückte nun die gewitzte, melancholische Abrechnung mit ihrer Mutter. Mit ihrer unnachahmlichen Gabe, Worte durch Bilder sprechen zu lassen, pflügt Alison Bechdel das oft beackerte Terrain der Mutter-Tochter-Beziehung ganz neu um und lässt uns die wichtigste Beziehung unseres Lebens noch einmal mit ganz anderen Augen betrachten. Doch wie übersetzt man ein Buch in Bildern? Isabel Bogdan, Übersetzerin, Bloggerin und Autorin, fragte nach!

Was ist das Besondere daran, eine Graphic Novel zu übersetzen, geht man da anders ran als an einen Roman?

Thomas Pletzinger: Am Anfang ist die Arbeit ähnlich: zunächst lese ich und mache mir meine Gedanken und Recherchenotizen, ganz wie bei einem Roman oder Sachbuch. Die weitere Arbeit ist dann aber bei einer Graphic Novel – oder einer Graphic Memoir wie „Wer ist hier die Mutter?“ – viel technischer und formal anspruchsvoller als bei einem Roman oder Sachbuch mit Fließtext. Es ist eine Platzfrage, die tausend kleine zusätzliche Entscheidungen nach sich zieht: in Sprechblasen und Textkästen und Bildern bekommt der Text einfach nur einen bestimmten Raum, es gibt eine festgelegte Zeichen- und Zeilenzahl, die man nicht überschreiten kann. Deutsch ist grundsätzlich länger als Englisch, also hat man ständig das Problem, dass die Übersetzung überschiesst: Die Sätze sind zu lang für die Sprechblasen, die Worte zu lang für die Zeilen. Man muss also ständig Zeichen zählen, kürzen und Wortalternativen finden. Das ist viel komplizierter als einen Fließtext zu übertragen. Ein ständiges, großes Kopfzerbrechen.

Tobias Schnettler: Eine offensichtliche Besonderheit von Graphic Novels ist ja, dass es hier zwei Bedeutungsebenen gibt: Bild und Text. Und der übersetzte Text muss immer in Beziehung zu den Bildern gedacht werden. Manche Freiheiten, die man beim Übersetzen von Romanen hat, fallen deshalb weg. Gleichzeitig werden dadurch aber auch Textkürzungen möglich: Zum Beispiel, wenn im Text etwas beschrieben wird, was auch im Bild zu sehen ist. Da kann man dann Text rauskürzen, weil man die Aussage auch sehen kann. Wenn zum Beispiel eine grimmig guckende Figur eigentlich sagt: „Ich bin sauer, dass du nicht angerufen hast, ich habe den ganzen Abend gewartet“, aber der Platz dafür nicht da ist, dann kann man den Part über das Sauersein weglassen. Man sieht es ja.

große Seite

Muss man dafür die Zeichen im Original zählen, oder bekommt ihr die mitgeliefert? Und wie sieht das dann technisch aus: schreibt ihr ins Dokument „Bild oben links, erste Sprechblase“?

Thomas Pletzinger: Wir haben das ganz systematisch gemacht: Wir haben jedes einzelne Textelement nummeriert. In „Wer ist hier die Mutter?“ gibt es nicht nur Sprechblasen, sondern auch Briefe, Faksimiles, abgezeichnete Buchseiten, Zeitungsartikel und diverse 3D-Objekte wie Kalenderblätter, Waschmittelpackungen, Werbemarkisen, beschriebene T-Shirts. Manches davon muss übersetzt werden, manches eben nicht – das Buch spielt ja in den USA. Danach haben wir das gesamte Buch samt Zeilenbrüchen transkribiert. Und dieses Skript haben wir dann übersetzt.

ZeitungsartikelTobias Schnettler: Das ist eine weitere Besonderheit beim Übersetzen einer Graphic Novel: Ein großer Teil der Arbeit findet schon vor dem eigentlichen Übersetzen statt. Wenn man sich an die Vorgabe des Skripts hält, muss man später nicht mehr viel kürzen.

Wonach habt Ihr entschieden, welche Beschriftungen usw. übersetzt werden, und welche nicht?

Thomas Pletzinger: Stellt man sich das Buch grundsätzlich wie einen Film vor, lassen sich unsere Entscheidungskriterien vielleicht am einfachsten erklären: Alles, was Schauplatz, Kulisse, Stage Prop ist, bleibt Englisch. Es gibt aber natürlich comic- und textspezifische Ausnahmen: Die Alison-Bechdel-Figur macht zum Beispiel einen Wortwitz mit einer Flasche Augentropfen – da haben wir dann ausnahmsweise übersetzt und ein deutsches Äquivalent gefunden. Gezeichnete Zeitungsartikel sind ebenfalls Ausnahmen gewesen. Bücher kommen nur dann auf Deutsch vor, wenn sie auch wirklich zu bekommen sind. Also „Pu der Bär“ statt „Winnie-the-Pooh“, aber „Dr. Seuss’s Sleep Book“. Streitpunkte waren Kalenderblätter – die Einträge sind jetzt paradoxerweise übersetzt, aber die Daten nicht. Wir haben lange drüber diskutiert, wie viele logische Unregelmäßigkeiten der Leser akzeptieren würde und wieviel Unterstützung er wünscht.

winnie-the-poohGab es da Meinungsverschiedenheiten? Kanntet Ihr Euch vorher und wusstet, dass Ihr gut zusammen arbeiten könnt? Manchmal ist so eine Zusammenarbeit ja gar keine Arbeitserleichterung, sondern eher eine Erschwernis.

Thomas Pletzinger: Wir sind in derselben Stadt aufgewachsen und kennen uns, seit wir zehn sind. Und wir haben zusammen Amerikanistik studiert. Es war also kein Zufall, dass wir das zusammen gemacht haben. Das war von vorneherein der Plan, wir wussten, dass das klappen würde.

Tobias Schnettler: Meinungsverschiedenheiten gibt es bei uns keine. Nie! Thomas ist zwar ein Trottel, aber wenn man ihm sagt, was er machen muss, macht er es. Ein guter Handlanger.

Thomas Pletzinger: Was man von Tobias leider überhaupt nicht sagen kann. Es war beim Übersetzen ein Problem, dass er kein Englisch spricht. Aber ist halt vermögend und kann sich Personal leisten.

Tobias Schnettler: Mal im Ernst: Es ist ja super, wenn man über einzelne Wörter und sogar Buchstaben diskutieren kann. Wir hatten dafür ein gute Grundlage, weil wir schon oft gemeinsame Sache gemacht haben. Nicht nur bei Übersetzungen.

Thomas Pletzinger: Ja, es ist eine Freude, wenn man sich fachlich richtig gepfeffert auseinandersetzen kann, weil man eine stabile persönliche Basis hat.

Wie habt Ihr die Zusammenarbeit organisiert – habt ihr das Buch in der Mitte geteilt, oder einer macht die Rohübersetzung, der andere kürzt es auf die richtige Länge, oder wie ging das?

Thomas Pletzinger: Wir haben das Buch in Pakete zu je 50 Seiten aufgeteilt und entsprechend übersetzt – ich Seiten 1-50, Tobias 51-100 usw. – und uns schon während der Übersetzung ständig über Regeln und Besonderheiten ausgetauscht. Fragen wie: „Wie verfahren wir mit Buchtiteln?“ und „Welche Stellen, Zitate, Formulierungen tauchen an anderer Stelle wieder auf?“ Dazu Schreibweisen und übersetzerische Grundsatzentscheidungen.

Tobias Schnettler: Und anschließend haben wir die Übersetzung des anderen überarbeitet und angepasst, um sicherzustellen, dass die Verwendung einzelner Begriffe oder der Ton einer Figur einheitlich ist. Parallel dazu haben wir sämtliche Zitate und Referenzen und Verweise recherchiert und zusammengetragen. Das Buch ist randvoll mit Freud, Donald Winnicott und Virginia Woolf. Diese Texte muss man natürlich recherchieren und in der deutschen Übersetzung auftreiben.

virginia wolfThomas Pletzinger: Wenn es denn eine gibt. Das ist teilweise wirkliche Detektivarbeit gewesen.

Tobias Schnettler: Die fachsprachlichen Begriffe müssen stimmen und einheitlich verwendet werden. Psychologie und Literaturgeschichte sind sehr präsent im Buch. Wir haben auch mit einer sehr hilfsbereiten Psychologieprofessorin und Winnicott-Fachfrau geredet, was sehr wichtig war.

Ich brauche ja gar nicht mehr zu fragen, Ihr antwortet ja schon von allein: Das mit den Zitaten hätte ich als nächstes gefragt. Wie habt Ihr das gemacht, habt Ihr die erwähnten Bücher komplett gelesen?

Tobias Schnettler: Ohne Volltextsuche in digitalisierten Büchern hätten wir wohl wesentlich länger gebraucht.

Thomas Pletzinger: Da ist das Netz natürlich hilfreich. Und wenn man etwas nicht findet, haben wir uns auch in die Bibliothek gesetzt und in Büchern geblättert – in der Hoffnung, das Zitat zu entdecken. Ich habe mir bei Tom Kraushaar von Klett Cotta die Winnicott-Bücher bestellt und sehr viel geblättert.

Eine Kollegin behauptet, Zitate würde man am besten mit einfachem Durchblättern finden. Da, wo man hängenbleibt, ist das gesuchte Zitat. Funktioniert verblüffend oft.

Thomas Pletzinger: Funktioniert oft, ja. Aber oft reicht auch ein Blick ins Inhaltsverzeichnis oder ins Stichwortverzeichnis, dann kann man die Suche eingrenzen.

Tobias Schnettler: Manchmal weiß man, in welchem Kapitel ein Zitat enthalten sein muss, und findet es trotzdem erst beim fünften Durchgehen – man kennt ja nur das englische Original und kann nur vermuten, wie die Übersetzung lauten könnte, nach der man sucht.

LiebeMit ein bisschen Glück kann einem ja auch die Originalautorin sagen, wo die Zitate genau zu finden sind. Hattet Ihr Kontakt zu Alison Bechdel?

Tobias Schnettler: Wir hatten tatsächlich Kontakt zu ihr, und sie hat all unsere Fragen sofort beantworten können. Dabei ging es um ein paar Stellen, die zwar als Zitat zu erkennen waren, deren Quellen sich aber nicht erschlossen. Außerdem mussten wir an einer Stelle nachfragen, ob mit „partner“ eine Partnerin oder ein Partner gemeint war. Sie konnte uns auch gleich den vollständigen Text zum Beispiel des Zeitungsartikels auf Seite 93 geben, was die Übersetzung sehr erleichtert hat, weil man so den nicht sichtbaren Teil des Textes nicht extra erfinden muss.

Thomas Pletzinger: Wir haben Fragen gestellt und gute Antworten bekommen, aber insgesamt ist der Text ein sehr übersetzungsgeeigneter Text, den konnte man mit etwas Fleiß und Akribie auch ohne großartige Überbeanspruchung von Alison Bechdel übertragen.

Gibt es im Buch Bezüge zum Vorgänger, „Fun Home“, die ihr weiterführen musstet?

Tobias Schnettler: Es ist ja weniger eine Fortsetzung, sondern ein Leben in zwei Büchern, ein autobiographisches Gesamtkunstwerk. Es gibt etliche Bezüge der Bücher untereinander: die Erzählerin, die Figuren, die Schauplätze. Ganz konkrete Geschichten wie zum Beispiel den Tod des Vaters, der immer wieder vorkommt.

Thomas Pletzinger: Auch Gegenstände: Der Unfallwagen, die Badehose, Fotos und Briefe. Und natürlich gibt es etliche formale Linien, die wir fortführen wollten. Sabine Küchler und Denis Scheck haben bei der Übersetzung von „Fun Home“ ein paar übersetzerische Entscheidungen getroffen, die wir aufgreifen wollten.

Vielen Dank!

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